Fast 5000 Vögel gerettet: Dieser Kaiserslauterer kämpft seit 38 Jahren um jedes Tier
- Die fünf jungen Hausspatzen haben kaum Gefieder, aber einen Riesenhunger
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Wiesenthalerhof. Fast 5000 Vögel dürfte Kurt Wilhelm vom Kaiserslauterer Stadtteil Wiesenthalerhof mittlerweile gerettet haben. Seit 1988 ist der Vogelfreund die Pflegestelle Nummer eins, wenn es um kranke, verletzte oder aus dem Nest gefallene Wildvögel geht.
Von Monika Klein
Der Garten von Kurt Wilhelm gleicht einer grünen Oase. Deutlich sichtbar wurde beim Gestalten die Liebe zur Natur berücksichtigt. Viel Grün, hier ein Feuchtbiotop, dort ein Nistkasten und an die Garagenwand hat der ehemals selbstständige Malermeister mit feinen Strichen einen Greifvogel aufgemalt.
Ein Zuhause für gefiederte Schützlinge
Im hinteren Außenbereich hat er seine Auffangstation für die Wildvögel gebaut, Kurzzeit- und Dauergäste. Ende Mai waren alle fünf Voliere besetzt und im Keller ruhen fünf junge Haussperlinge unter einer Wärmelampe. Kaum aus dem Ei geschlüpft sind sie aus dem Nest gefallen.
- Kurt Wilhelm füttert die Piepmätze mit Würmern
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Im Zwei-Stunden-Takt sperren sie ihre Schnäbel weit auf, damit keiner der Würmer herunterfällt, die Wilhelm ihnen mit einer Pinzette vorsichtig in den Schlund steckt. Doch das ist längst nicht alles. Von 9 bis 22 Uhr nimmt ihn diese Aufgabe täglich ein. Zeit für etwas anderes bleibt da kaum, vielleicht Tischtennis spielen und mit der Seniorenmannschaft der TSG an der Europameisterschaft teilnehmen.
Was ist mit Urlaub? "Wie schreibt man das?", fragt er, "vor 35 Jahren war ich zum letzten Mal weg." Schließlich wollen ein Mäusebussard, ein Habicht, vier erwachsene und ein junger Turmfalke, ein Uhu, eine Amsel und die beiden Kohlmeisen täglich versorgt sein – und man weiß ja nicht, was gerade jetzt in der Brutzeit ansteht.
Viele kleine Hilfen machen Großes möglich
Wäre da nicht seine Tochter Sonja, die unmittelbar neben ihm wohnt, hätte der 77-Jährige wohl schon aufgegeben. Zwar ist sie berufstätig, hilft aber mit, so gut es eben geht. "Ohne sie wäre das nicht mehr möglich", ist er dankbar für diese Unterstützung. Auch dafür, dass die Stadt Kaiserslautern und die hiesige Ortsgruppe des Naturschutzbundes ihn mit einem Obolus unterstützen und vom Zoo in Siegelbach erhält er Eintagsküken.
Einen besonderen Moment erlebte er erst kürzlich. Da kam eine Frau auf ihn zu, die sich für seine Auffangstation interessierte. Nachdem er sie durch den Garten geführt hatte, überreichte sie ihm einen Briefumschlag mit einer großzügigen Spende. "Da war ich zu Tränen gerührt", erzählt er.
Wie ein Dompfaff alles ins Rollen brachte
Wie alles anfing? Der Vogelfreund blickt auf 1988 zurück: "Mitten auf der Kurpfalzstraße saß ein junger Dompfaff. Ich bin aus dem Auto gestiegen, habe ihn mitgenommen und zuhause in der Wohnung aufgepäppelt." Das führte dazu, dass aus dem Piepmatz ein Gesangstalent wurde, das die 5. Sinfonie von Beethoven und den Radetzky-Marsch pfeifen konnte.
Nicht lange danach wurde er gerufen, weil sich ein Fischadler in Not befand. Er hatte sich in dem Netz einer Fischzuchtanlage im Kreis Kaiserslautern verfangen und konnte nach wenigen Tagen in die Freiheit entlassen werden.
Die schönsten Momente sind die Rückkehr in die Freiheit
Genau das ist es, was Wilhelm so gut gefällt. "Es ist so schön, einen Vogel groß zu ziehen oder ihn zu pflegen und dann zu sehen, dass er dank mir wieder herumfliegen kann", fasst er in knappen Worten zusammen, was ihn berührt.
Anekdoten hat er in den knapp 40 Jahren etliche erlebt. Ein Beispiel: Nach acht Tagen Fürsorge war ein Greif wieder in der Lage, sich selbst zu versorgen. "Bei Erfenbach habe ich ihn frei gelassen. Er hat sich 50 Meter hoch geschwungen, dann hat er die Flügel ausgebreitet und sich gleiten lassen – und hat mir auf den Kopf geschissen", muss der Vogelretter in Erinnerung daran laut lachen und schiebt hinterher, "ich habe dann Lotto gespielt, hatte aber noch nicht mal einen Dreier."
Eine gefragte Anlaufstelle für Mensch und Tier
Wilhelm ist als Vogelexperte stadtbekannt. Polizei und Feuerwehr, aber auch Privatleute wenden sich an ihn, um ein verletztes oder krankes Tier zu bringen oder zumindest seinen Rat einzuholen. Entsprechend viel Erfahrung hat er in all den Jahren gesammelt. "Einen Flügel- oder Beinbruch kann ich selbst versorgen", sagt er. Zum Tierarzt müsse er nur wegen Medikamenten, zum Röntgen oder bei großen Verletzungen.
- Dieser stolze Uhu ist nach einem Zusammenstoß mit einem Zug auf einem Auge blind
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So kommt es auch, dass er Dauergäste in seinen Volieren hat: zwei blinde Turmfalken und zwei mit einem Flügelbruch, ein Habicht mit Flügelbruch und ein Mäusebussard mit einem Schnabelbruch. "In Freiheit hätten sie alle keine Überlebenschance", weiß er. Für sein großes Engagement wurde Wilhelm 2014 mit dem Tierschutzpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. 2025 war er für den Ehrensache-Preis des SWR vorgeschlagen.
- Einer der Dauergäste: Wegen eines Schnabelbruchs würde dieser Mäusebussard in Freiheit nicht überleben
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Mit Herzblut für die nächste Generation Wildvögel
Dass er es nicht geschafft hat, macht ihm nichts aus. Vielmehr denkt er jetzt an die Brutsaison, die in vollem Gange ist – und an die erste Hitzewelle, die Gefahren mit sich bringt. Denn die Spatzennestlinge versuchen, ihrem Nest unter der Dachrinne oder den Ziegeln zu entfliehen oder ein Mauersegler begehrt diese Unterkunft. Dann plumpsen sie teils noch nackt auf den Boden.
Wertvolle Tipps für Vogelfreunde und Hausbesitzer
Für Hausbesitzer und Vogelfreunde fallen ihm gleich mehrere Tipps ein: "Wer einen Nistkasten hat, sollte ihn gleich nach der ersten Brut säubern. Einfach mit der Spachtel rein und das Nest rausschmeißen", rät er. Denn bauen die Vogeleltern auf das erste Nest, seien Eier oder Jungvögel leichte Beute für Specht oder Eichhörnchen.
Wegen einer möglichen Salmonelleninfektion empfiehlt er, zwei Vogeltränken im Wechsel zu verwenden. Nach dem täglichen Säubern sollte die eine in der Sonne trocknen und erst am Folgetag wieder zum Einsatz kommen.
Noch etwas liegt ihm am Herzen. "Bitte das ganze Jahr durchfüttern, auch über Sommer und auch bei einer Regenperiode, denn dann fliegen keine Insekten." Er empfiehlt geschälte Sonnenblumenkerne und Erdnussbruch. "Der Merksatz ist ganz einfach: Viel Futter, viele Vögel."
Autor:Monika Klein aus Kaiserslautern |
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