Unser aktueller Buch-Tipp
Der Tod als Herausforderung für die Lebenden

Man kann es drehen und wenden wie man will: Der Tod ist uns nun mal von Anbeginn in die Wiege gelegt. Doch wo die Menschen der westlichen Hemisphäre in früheren Zeiten beständig daran erinnert wurden, dümpelt das Wissen um die angeborene Vergänglichkeit heutzutage lediglich zwischen wohlig inszeniertem Schauder und dem fatalen „Mit-mir-nicht“-Gefühl.
„Wir haben in unserer vergnügungssüchtigen Gesellschaft die Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, verlernt. Der Tod wird vollkommen verdrängt“, schreibt der Journalist Bartholomäus Grill. Und er weiß wovon er spricht. Sein Buch „Um uns die Toten. Meine Begegnungen mit dem Sterben“ birgt fraglos die am meisten aufwühlenden Texte um das „momento mori“, die in der letzten Zeit in deutscher Sprache gedruckt worden sind.
Aufgewachsen in einem erzkatholischen bayrischen Bergbauerndorf wurde Grill im zarten Jugendalter zeitig konfrontiert mit religiöser Sterbekultur, mit traditioneller Reliquienverehrung und den unvermeidlichen katholischen Bräuchen seiner Heimatregion. Mit der Sensibilität des begnadeten Journalisten nimmt er den Leser mit in seine eigene Biographie, in seine eigene Familie, beschreibt die vagen Erinnerungen an den Tod seines Großvaters, die Endzeit-Szenen seines Vaters und seiner Mutter wie auch den selbstgewählten Freitod seines an einem unheilbaren Leiden erkrankten Bruders.
Als Auslandskorrespondent der „Zeit“ und derzeit für den „Spiegel“ in Afrika hatte Grill in seiner Laufbahn unzählige weitere Begegnungen mit dem Sterben: „Der Tod hat tausend Gesichter, und ich habe in viele geschaut“. Ob im vom Bürgerkrieg gebeutelten Rumänien während der letzten Zuckungen des Ceaucescu-Regimes, ob angesichts des Völkermordes in Ruanda, ob in Somalia, Mali oder Südafrika – Grills Weg in der Ferne war oftmals vom Tod gepflastert. Wer nun allerdings einen oberflächlichen Thriller erwartet – der wird bass enttäuscht. Der Journalist aus Bayern mit Wohnsitz in Kapstadt verfasst seiner Beobachtungen extrem tiefgründig und würzt das Thema „Tod“ mit äußerst philosophischen und auch kunsthistorischen Exkursen. Der Leser wird im besten Sinne des Wortes gefesselt von Grills unverwechselbarem Duktus, dessen Thematik biographische und journalistische, politische und philosophische Gedanken zwischen zwei Buchdeckel zu vereinen vermag.
Was „Um uns die Toten“ von Bartholomäus Grill außer der heutzutage offenbar verkannten aber dennoch brisanten Thematik absolut lesenswert macht – das ist der Schreibstil des schriftstellernden Journalisten am südafrikanischen „Western-Cape“. Grill zieht den Leser in den Text hinein, und es ist fast unmöglich, eine Pause einzulegen. Sprachgewaltig, verlässlich expressiv und wortschöpfend, behandelt er den neuzeitlich zum Tabuthema avancierten Tod als Herausforderung für die Lebenden, als Denkanstoss. Stilistisch herausragend dabei ist zweifellos jenes Kapitel, in dem Grill seine eigene Todesangst nach dem Verzehr eines Stechapfeltees zu Papier bringt. Die Expressionisten würden Grill feiern…!
Somit ist das Herausragende an Grills Buch die packende Behandlung des Themas Tod und Sterben, ein Thema das heute vehement verdrängt und ignoriert wird – auch dann, wenn der Schnitter unbarmherzig in immer näheren Nähen zu Besuch kommt…! Ein Oscar für die Spaßkultur! Denn offenbar trifft‘s immer nur die anderen. Nach der Lektüre von Grills Buch sollten zumindest Zweifel sich regen…!
uba

Bartholomäus Grill
„Um uns die Toten“
Meine Begegnungen mit dem Sterben
224 Seiten, gebunden
Siedler-Verlag, München
ISBN 978-3-8275-0029-8

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