Wenn die Restaurierung zum Kurator wird
Die Unendlichkeit des Digitalen

Foto: © Ursula Neugebauer © Foto: ZKM | Karlsruhe, Felix Grünschloß, VG Bild-Kunst Bonn 2025
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In der Karlsruher Hallenbau-Architektur, wo einst Munition produziert wurde, wird heute das Gedächtnis unserer technologischen Zivilisation verwaltet. Mit der neuen Sammlungspräsentation »The Story That Never Ends« wagt das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien einen Blick hinter die Kulissen, der weit über eine klassische Werkschau hinausgeht. Es ist eine Erzählung über die Symbiose von Mensch, Maschine und der unaufhaltsamen Vergänglichkeit des Digitalen.

Ein Archiv der globalen Moderne
Das ZKM beherbergt mit rund 12.000 Exponaten eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen für Medienkunst. Doch wie stellt man eine Geschichte aus, deren Materialität aus Elektronen, Softwarecodes und zerfallenden Magnetbändern besteht? Die Ausstellung beantwortet diese Frage mit einer Auswahl von rund 100 Arbeiten, die den Bogen von den ersten apparativen Experimenten der 1950er-Jahre bis hin zu aktueller Künstlicher Intelligenz spannen.

Dabei werden Meilensteine der Kunstgeschichte aktiviert, die Generationen von Künstler:innen geprägt haben. Bill Violas Video-Klanginstallation »Stations« (1994) trifft hier auf Jeffrey Shaws »Virtual Sculpture« (1981) – ein Werk, das bereits Jahrzehnte vor dem Massenphänomen „Augmented Reality“ die Grenzen zwischen physischem und virtuellem Raum auflöste. Auch monumentale Positionen wie Marie-Jo Lafontaines Videoskulptur »Les larmes d’acier« (1987) zeigen, wie früh die Kunst die Machtstrukturen zwischen Mensch und Maschine dekonstruiert hat.

Das Politische im Apparat
Die Schau macht deutlich: Medienkunst war nie reiner Selbstzweck oder technisches Spielzeug. Sie war von Beginn an ein Spiegel gesellschaftlicher Zerreißproben. In Karlsruhe werden diese Linien präzise nachgezeichnet:

Emanzipation: Die feministischen Interventionen von Pionierinnen wie Rebecca Horn, Lynn Hershman Leeson oder Friederike Pezold demonstrieren den Kampf um die Souveränität des Körpers im medialen Zeitalter.

Überwachung und Gewalt: Arbeiten von Paul Garrin oder David Rokeby reflektieren die dunkle Seite der Vernetzung – von militärischer Technologie bis zur digitalen Observation.

Massenmedien: Klassiker von Nam June Paik und Wolf Vostell erinnern an die subversive Kraft, mit der Künstler:innen das einstmals neue Leitmedium Fernsehen zerlegten.

Die radikale Wende: Der Restaurator als Kurator
Der wohl spektakulärste Aspekt von »The Story That Never Ends« ist jedoch die Entscheidung über die Auswahl der Exponate. Das ZKM hat diese Aufgabe seinen Restaurator:innen anvertraut.

In Museen für klassische Malerei agieren Restaurator:innen meist im Verborgenen. Bei der Medienkunst sind sie jedoch die „Lebenserhaltungssysteme“ der Werke. Veraltete Softwarestandards, zerfallende Datenträger und obsolete Hardware machen die Erhaltung zum Wettlauf gegen die Zeit. Die Ausstellung bringt nun Schätze ans Licht, die aufgrund ihrer technischen Komplexität seit Jahrzehnten im Depot verborgen blieben.

Indem die Technikgeschichte und die Konservierungsstrategien direkt in die Ausstellung integriert werden, thematisiert das ZKM die Fragilität unseres kulturellen Gedächtnisses. Es stellt die unbequeme Frage: Welche Fähigkeiten müssen wir als Gesellschaft entwickeln, um in einer schnelllebigen digitalen Welt überhaupt eine Vergangenheit besitzen zu dürfen?

Ein Fazit für die Zukunft
»The Story That Never Ends« suggeriert, dass Kunst ein ewiger Prozess ist. Doch die Ausstellung zeigt auch die Kehrseite: Ohne kontinuierliche Pflege, ohne das „Umschreiben“ von Codes und das Reparieren von Platinen, würde diese Geschichte ein abruptes Ende finden.

Für Besucher bietet die Schau eine faszinierende Reise durch die Ästhetik der Apparate und schärft gleichzeitig den Blick für die Gegenwart. Sie lehrt uns, dass wir die Zukunft nur dann gestalten können, wenn wir die Hardware unserer Vergangenheit verstehen und wertschätzen.

Ausstellungs-Check
Titel: The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM.

Ort: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Lorenzstraße 19, 76135 Karlsruhe.

Umfang: Ca. 100 Schlüsselwerke der Medienkunst (Video, Kinetik, Interaktion, KI).

Besonderheit: Fokus auf Medienkunstrestaurierung und Technikgeschichte.

Künstler:innen (Auswahl): Marina Abramović, Joseph Beuys, Nam June Paik, Rebecca Horn, Bill Viola, Jeffrey Shaw.

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Autor:

Uwe Marcus Rykov aus Wochenblatt Rhein-Neckar

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