Spaltung der Hörercharts in Deutschland
Exklusiv-Interview mit German Listener Charts Gründer

Mit den German Listener Charts ist ein neues Hörercharts Format in Deutschland entstanden. Nach den Kontroversen rund um die Band N2E ("In meinem Kopf") ging es in der Indie Musik Szene richtig rund.  | Foto: Luis Brehm
  • Mit den German Listener Charts ist ein neues Hörercharts Format in Deutschland entstanden. Nach den Kontroversen rund um die Band N2E ("In meinem Kopf") ging es in der Indie Musik Szene richtig rund.
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Eine riesen Kontroverse rund um die Band N2E ("In meinem Kopf") und möglichen Bot-Votings hat nicht nur für Diskussionen in der Musikszene gesorgt, sondern inzwischen auch konkrete Konsequenzen. Nachdem zahlreiche Künstlerinnen und Künstler ihren Unmut über die vergangene Wertung geäußert hatten, das alte Voting boykottierten, ist mit der neuen Hörercharts-Wertung "German Listener Charts" ein Konkurrenzformat entstanden.

Der Haupt-Initiator ist der bekannte Ibiza Deejay Luis Brehm. Er war selbst Hörer der bisherigen Hörercharts und hat die Entwicklungen der vergangenen Wochen mitverfolgt. Im Gespräch erklärt er, warum ihn die Vorgänge so stark aufgebracht haben, was er Chris Kelle vorwirft und wie er sich eine neue, aus seiner Sicht glaubwürdigere Plattform für Musikerinnen und Musiker vorstellt.

MF: Luis, hättest du dir vor wenigen Wochen gedacht, dass du einmal eine eigene Charts-Wertung ins Leben rufen würdest?

Luis Brehm: Ganz ehrlich? Das stand sicher nicht ganz oben auf meiner To-do- oder Bucket-Liste. 😄 Aber ich war einfach ehrlich empört darüber, wie eine aus meiner Sicht semi-professionelle Band wirklich guten Acts mit offensichtlich auffälligen Votingzahlen Nummer-1-Platzierungen wegnimmt.

Für viele Künstlerinnen und Künstler ist so eine Platzierung nicht einfach nur eine Zahl. Sie können damit etwas anfangen, sie können sie für ihre Vita nutzen und vielleicht sogar einen kleinen Schub für ihre Karriere bekommen. Und dann kommt eine Band daher, die aus meiner Sicht kaum eine entsprechende Fanbase hat und plötzlich fast 30.000 Votes erreicht. Das hat mich unglaublich empört und tut es ehrlich gesagt immer noch.

MF: Chris Kelle sieht die Angelegenheit im Interview mit MeinBezirk deutlich entspannter. Er sagt, dass er ohnehin reagiert und Maßnahmen gegen Bots und andere Manipulationsversuche ergriffen habe. Die neue Filterung scheint Wirkung zu zeigen, schließlich ist N2E inzwischen aus der Wertung verschwunden. Was sagst du dazu?

Luis Brehm: Zunächst möchte ich eines ganz klarstellen: Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen Chris Kelle. Im Gegenteil: Hut ab, dass er sich diesen Zirkus schon so lange antut. Ich habe großen Respekt vor seinem Lebenswerk. Gerade im Bereich Digitalradio hat Chris viel geleistet.

Trotzdem gibt es zwei Punkte, die ich ihm persönlich vorwerfe:

Erstens macht er es sich meiner Meinung nach zu einfach. Bei einer solchen Situation hätte es ein deutlich stärkeres Zeichen gebraucht und nicht den Eindruck, dass eigentlich alles in Ordnung sei. Andere Chartwertungen haben hier aus meiner Sicht klare Kante gezeigt, die Band offiziell gesperrt und Ergebnisse annulliert. Gerade die Annullierung von Ergebnissen, bei denen es erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit gibt, wäre meiner Meinung nach überfällig gewesen.

Der zweite Punkt ist die Kommunikation. Wenn das Interview auf MeinBezirk jetzt nicht stattfgefunden hätte, hätte faktisch kaum eine öffentliche Kommunikation stattgefunden. Chris hat die Angelegenheit beispielsweise auch in der Sendung nicht klar benannt, was aus meiner Sicht das Mindeste gewesen wäre. Meiner Meinung nach hätte ihm ein Kommunikationsberater in dieser Situation gutgetan. Denn genau diese fehlende Kommunikation hat bei vielen Künstlerinnen und Künstlern erst für zusätzlichen Frust und damit dieser Entladung gesorgt.

MF: Chris sieht euer neues Format ziemlich entspannt. Er sagt, es sei genug Platz für alle und auch zwei ähnliche Sendungen müssten sich nicht zwangsläufig gegenseitig Konkurrenz machen. Wie sehen das die Künstlerinnen und Künstler?

Luis Brehm: Das musst du natürlich auch die Künstler selbst fragen. Ich glaube aber, dass es beim ursprünglichen Format einen ziemlich großen Aderlass geben wird. Und der geht nicht von uns aus. Ich mein schau dir an, 17 der Top 20 von der Vorwoche sind verschwunden. Das ist eine krasse Zahl und das kommt nicht von ungefähr, das ist ein sehr auffälliger Protest. Aber wir haben überhaupt kein Problem damit, wenn beispielsweise Klimmstengel klar sagen: Wir machen bei beiden Formaten mit. Es ist für uns ausdrücklich kein Entweder-oder.

Ich glaube allerdings, dass viele Künstlerinnen und Künstler mit dem bisherigen Format abgeschlossen haben und vielleicht nur teilweise zurückkehren werden. Das finde ich persönlich schade, denn ich erkenne die Leistungen von Chris Kelle ausdrücklich an. Für die konkrete Situation kann er per se auch nichts. Aber manchmal muss man eben Kante zeigen und man muss kommunizieren.

Ich wünsche mir ehrlich, dass sein Format weiterbesteht, dass er viel Spaß damit hat und damit erfolgreich ist. Wir wollen unser Format allerdings so aufziehen, dass die Künstlerinnen und Künstler tatsächlich etwas davon haben. Und dazu gehört für mich auch Glaubwürdigkeit, gerade wenn es bei einer Wertung zu solchen Auffälligkeiten kommt.

MF: Bei euch beiden prallen wirklich Gegensätze aufeinander. Chris wirkt ausgesprochen entspannt, während du die Sache recht emotional angehst.

Luis Brehm: Das hast du wahrscheinlich ganz gut erkannt. 😄 „Empört“ ist tatsächlich der richtige Ausdruck. Aber nicht empört über Herrn Kelle. Meine Empörung richtet sich gegen das, was meiner Meinung nach bei N2E passiert ist, und dreht sich um die Enttäuschung vieler anderer Künstlerinnen und Künstler, die ich in den vergangenen Tagen in zahlreichen Gesprächen hautnah mitbekommen habe.

Ich verdiene mittlerweile mit Auftritten regelmäßig mittlere bis hohe vierstellige Beträge. Aber ich weiß noch genau, wie ich angefangen habe und mich mit Auftritten für wenige hundert Euro über Wasser halten musste. Deshalb kann ich mich in manche Künstler einfach hineinversetzen.

Nimm zum Beispiel Skumbollar, eine ABBA-Coverband aus Schweden. Das ist eine supercoole Gruppe und unglaublich sympathische Mädchen. Die leben von ihrer Musik. Wenn eine Gruppe wie diese durch ein aus meiner Sicht fragwürdiges Voting eine mögliche Nummer-1-Platzierung verliert, kann ich verstehen, dass sie das als großen Rückschlag empfindet. Gerade für den deutschen Markt hätte sich eine solche Platzierung gut in der Vita gemacht.

Die Band lebt unter anderem von kleineren Auftritten bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen und tritt damit auch in Deutschland auf. Eine Nummer 1 hätte ihnen meiner Meinung nach durchaus helfen können, weitere Türen zu öffnen. Deshalb verstehe ich, wenn bei solchen Künstlern der Eindruck entsteht, dass ihnen durch die Vorgänge etwas gestohlen wurde.

MF: Du hast gerade deine eigene Entwicklung angesprochen. Mittlerweile hast du selbst schon mit ziemlich großen Namen gearbeitet. Du bist sogar gemeinsam mit der kürzlich verstorbenen Bonnie Tyler aufgetreten.

Luis Brehm: Ach ja Bonnie Tyler, möge sie in Frieden ruhen, sie war eine tolle Frau, auch persönlich unglaublich herzlich!

Ich mache sehr viel Tontechnik, das verbindet sich bei mir mit meinem Hauptberuf als DJ. Dadurch habe ich bereits mit vielen bekannten Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet. Außerdem war ich bei großen Veranstaltungen wie dem Tomorrowland oder dem Eurovision Song Contest in unterschiedlichen Funktionen dabei. Das hilft natürlich auch dabei, eine andere Perspektive auf die Musikbranche zu bekommen.

MF: Von der ursprünglichen Kontroverse einmal abgesehen: Was möchtest du mit eurem neuen Format konkret anders machen?

Luis Brehm: Wir wollen vor allem klare und nachvollziehbare Regeln. Wer beim Voting betrügt, soll unmittelbar aus dem Voting ausgeschlossen werden. Gleichzeitig wollen wir die Teilnahme auf User unserer Facebook-Gruppe beschränken. Fake-Accounts können bereits vor einer Aufnahme herausgefiltert werden.

Pro Interpret sollen zwei Songs gleichzeitig im Voting möglich sein. Gleichzeitig soll es keine aus unserer Sicht unnötigen Sperren von vier Wochen für neue Songs geben, nur weil zuvor bereits ein anderer Titel desselben Künstlers in den Charts war. Pro Monat sollen einfach nicht mehr als zwei Titel eines Interpreten gleichzeitig im Voting sein.

Auch beim Voting selbst wollen wir einen anderen Weg gehen. Ein Minus-Punkte-System, mit dem man Konkurrenz gezielt aus den Charts voten kann, wird es bei uns nicht geben. Für die Gewinner soll außerdem die Möglichkeit bestehen, gegen einen Kostenbeitrag einen Pokal zu erhalten.

Darüber hinaus wollen wir das Ganze deutlich stärker mit der Musikszene vernetzen. Wir planen eine eigene Radioshow und sind bereits mit verschiedenen Sendern im Gespräch. Auch ein eigenes Radio oder eine Beteiligung an einem bestehenden Projekt ist denkbar. Wenn wir eine Radiosendung machen, soll es dabei in erster Linie um Musik gehen. Kein endloses Gequatsche über irgendwelche Banalitäten, sondern eine echte Musiksendung.

Ganz wichtig ist uns außerdem eine klare Kommunikation mit den Teilnehmern. Niemand soll das Gefühl haben, dass bei Problemen einfach abgetaucht wird. Wir wollen Kooperationen mit Menschen aus der Musikszene, mit Radiostationen und mit Musikgruppen und Musikplattformen im Internet aufbauen. Auch über Social Media wollen wir Künstlerinnen und Künstlern eine echte Plattform bieten.

Und ein Punkt ist mir persönlich besonders wichtig: Wir wollen kein permanentes KI-Bashing. Teilweise ging es bei den bisherigen Diskussionen sogar so weit, dass bei Songs, die nachweislich komplett ohne KI entstanden sind, trotzdem darüber spekuliert wurde, ob der Interpret möglicherweise KI verwendet hat. Für uns gilt deshalb: KI ist grundsätzlich erlaubt, solange ein menschlicher Anteil an der Entstehung des Songs vorhanden ist. Komplett durch KI erstellte Songs sollen dagegen nicht am Voting teilnehmen können.

MF: Das klingt nach einem ziemlich ambitionierten Projekt. Wer steht denn bereits hinter euch? Ist das momentan noch eine One-Man-Show oder hast du schon Mitstreiter?

Luis Brehm: Nein, das ist definitiv keine One-Man-Show. Bereits seit vergangenem Dienstag entwickle ich das Konzept gemeinsam mit Ulla Hensler weiter, der ehemaligen Chefredakteurin von German Voice Radio. (Anmerkung der Redaktion: Der Sender ist mittlerweile eingestellt, könnte aber jetzt ein Comeback erleben)

Dazu kommen viele Künstlerinnen und Künstler, die großes Interesse an dem Projekt haben und uns gerne unterstützen möchten. Wir haben außerdem bereits eine Kooperation mit einer Medienplattform, die mehr als 40.000 User erreicht. Dazu stehen wir mit Plattenlabels und Radiosendern in Kontakt.

Es ist also einiges in Bewegung. Was daraus letztlich entsteht, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Aber ich glaube, dass es spannend wird.

Autor:

Marianne Foregger aus Wochenblatt Kaiserslautern

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