Quereinsteiger sollen Lehrermangel mildern
Keine Lehrer zweiter Klasse

Fühlt sich wohl an der Tafel und mit ihren Schülern: Quereinsteigerin Gamze Tasovalis
  • Fühlt sich wohl an der Tafel und mit ihren Schülern: Quereinsteigerin Gamze Tasovalis
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  • hochgeladen von Cornelia Bauer

Speyer. Mehr als jeder zehnte Studierende strebt derzeit das Lehramt an. Und trotzdem suchen die Schulen händeringend nach Lehrern. Quereinsteiger wie Gamze Tasovalis sollen Lücken füllen. Beamtenstatus und reichlich Ferien lassen das Angebot verlockend klingen, doch nur weil Lehrermangel herrscht, wird den Quereinsteigern nichts geschenkt.

Während die meisten künftigen Lehrer Fächer wie Deutsch, Englisch, Sport oder Gemeinschaftskunde unterrichten wollen, ist der Markt in den sogenannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften leer gefegt. Genau in diese Lücke ist Gamze Tasovalis 2018 gesprungen. Die heute 30-Jährige ist Maschinenbau-Ingenieurin und unterrichtet seit zwei Jahren Mathematik und Metalltechnik an der Johann-Joachim-Becher Schule Speyer.

Damit befindet sie sich in guter Gesellschaft: Weil vor allem an Gymnasien und technisch orientierten Berufsschulen das Fachpersonal knapp wird, schätzt Deutschlands größte Lehrergewerkschaft, der Deutsche Philologenverband  in Berlin, dass bereits 20 Prozent des Unterrichts in Mathe und Naturwissenschaften von fachfremden Lehrern oder Quereinsteigern ohne Pädagogikstudium bestritten wird.

Erste Erfahrungen mit dem Unterrichten hat Gamze Tasovalis bereits während ihres Maschinenbaustudiums gesammelt: als Tutorin an der Mannheimer Hochschule sowie als Mathelehrerin bei der Schülerhilfe. Der Platz vorne an der Tafel ist ihr also nicht ganz fremd. Bei der BASF gewinnt die Ingenieurin während ihres Masterstudiums Einblicke in ein künftiges Berufsleben in der Industrie. Sie kommt zu dem Schluss, dass ihr das Unterrichten mehr Spaß macht - und bewirbt sich im Mai 2018 spontan für ein Referendariat.

Rheinland-Pfalz setzt Quereinsteiger grundsätzlich nicht in Grundschulen, aber für ältere Schüler in Mangelfächern, wie den MINT-Fächern, ein. Mal eben so Lehrer werden - das funktioniert aber auch in Zeiten von Lehrermangel nicht. 24 Monate dauert der "Vorbereitungsdienst", wie das Referendariat auch genannt wird, für Quereinsteiger in Rheinland-Pfalz - mit pädagogischem Studium sind es nur 18 Monate. Das Referendariat ist obligatorisch für angehende Lehrer, auch wenn sie als Quereinsteiger bereits einen Universitätsabschluss und erste Berufserfahrung mitbringen.

Quereinsteiger müssen sich darauf einstellen, quasi ins eiskalte Wasser geworfen zu werden, denn ab dem ersten Tag im Referendariat unterrichtet man eigenverantwortlich. Doch während Lehramts-Studenten vor ihrem Referendariat bereits in Schulklassen hospitiert haben, steht der Quereinsteiger am Anfang meist pädagogisch unvorbereitet vor seinen Schülern. 

Fachlich stark, aber pädagogisch zunächst unvorbereitet

"Ich fühlte mich fachlich stark, hatte aber Bauchschmerzen, was die Pädagogik anging", erinnert sich Gamze Tasovalis. Zum Glück kann sie sich von Anfang an auf ihre Kollegen an der berufsbildenden Schule verlassen. Die haben für all ihre Fragen ein offenes Ohr und sind sehr hilfsbereit, wenn es um die Gestaltung von Aufgabenblättern, die Kommunikation mit Schülern oder Formen der Wissensvermittlung geht, gehen auch mal mit in den Unterricht und geben anschließend wertvolles Feedback.

Die praktische Ausbildung an einer Schule verbunden mit pädagogischen Seminaren bleibt Quereinsteigern also nicht erspart, ist aber auch notwendig: Mit den pädagogischen Seminaren, die sie als Referendarin besuchen muss, und der Literatur, die dort empfohlen wird, kommt bei Gamze Tasovalis die Sicherheit beim Unterrichten.

Als "Lehrerin zweiter Klasse" fühlt sie sich nicht einen Moment lang. Im Gegenteil. Dass sie Ingenieurin ist, kommt bei ihren Schülern im Alter von 16 bis 30 Jahren durchweg gut an. Auch mit dem Werdegang von Gamze Tasovalis können sich viele ihrer Schüler identifizieren, denn ihr Weg führte nicht kerzengerade zum Ingenieurdiplom, sondern zunächst über den Besuch der Hauptschule und anschließende Mittlere Reife zu Abitur und Studium.

Als Referendar ist man Beamter auf Widerruf, nach dem Referendariat dann Beamter auf Probe. Erst nach einem bis drei Jahren folgt die Verbeamtung auf Lebenszeit. Während die Verbeamtung in den meisten Bundesländern nur bis zum 35. Geburtstag möglich ist, verbeamtet Rheinland-Pfalz bis 45.

Vergleichsweise lange Ferien, familienfreundliche Arbeitszeiten und – zumindest für Beamte – eine lebenslange Jobgarantie gehören zu den Pluspunkten des Lehrerberufs. Von der niedrigen Stundenzahl – im Bundesdurchschnitt unterrichtet ein Vollzeitlehrer rund 22 Stunden pro Woche – sollten sich Wechselwillige aber nicht blenden lassen. Das weiß Quereinsteigerin Gamze Tasovalis aus eigener Erfahrung. "Man ist zwar zeitlich flexibler, aber es gibt viel mehr zu tun als nur zu unterrichten." Vor allem Berufsanfänger brauchen meist viel Zeit, um ihren Unterricht vorzubereiten. Dazu kommen noch Konferenzen, Elterngespräche, Korrekturarbeiten, Ausflüge, Projekte und die Vergabe der Zeugnisnoten. Dennoch sieht Tasovalis keinen Grund zur Klage.

"Es war die richtige Entscheidung - das ist meine Berufung", sagt Gamze Tasovalis. Sie schätzt es sehr, junge Menschen ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten. Mögen die Schüler ihre Lehrerin? Ohne zu zögern antwortet Tasovalis mit "ja". Und auch sie mag ihre Schüler. Sehr. "Die Schüler haben Vertrauen zu mir", sagt sie stolz.

In den kommenden Jahren wird sich der Lehrermangel bundesweit vermutlich weiter verschärfen, denn die Lehrerschaft ist überaltert. Rheinland-Pfalz verfügt im Bundesschnitt allerdings über eines der jüngsten Lehrerkollegien:  Von rund 40.000 rheinland-pfälzischen Lehrern  waren im Schuljahr 2019/20 22 Prozent älter als 54 Jahre. Wie das Statistische Landesamt mitteilt, waren das in dieser Altersgruppe knapp 2.000 Lehrkräfte weniger als fünf Jahre zuvor. Im Schuljahr 2014/15 lag ihr Anteil noch bei 27 Prozent.

Autor:

Cornelia Bauer aus Speyer

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