Zuzugsperre verlängern? - Lob für ehrenamtliches Engagement
Großer Schulterschluss in Sachen "Integration"

Viele Asylsuchende kommen nach Pirmasens. Foto: Kling
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Pirmasens. Bürgermeister Markus Zwick hat gekämpft – und letztendlich die Zuzugssperre für anerkannte Flüchtlinge nach Pirmasens durchgesetzt. Die Maßnahme hat gegriffen, so seine Bilanz nach über 120 Tagen: „Waren es in 2017 noch 80 Personen pro Monat sind seit Inkrafttreten der Sperre keine Zuzüge mehr zu verzeichnen. Trotzdem ist die Belastung durch die Integration der aktuell 1.292 Asylsuchenden sowie der anerkannten Flüchtlinge nach wie vor hoch“. Es sei von Anfang an ein Thema gewesen, das die Menschen in der Stadt bewegt habe: „Wir haben aber von vielen Seiten eine hohe Unterstützung durch ehrenamtlich tätige Bürger erhalten“, lobt der Bürgermeister. Es ist ein „heißes“ Thema in der Stadt: Die große Zahl der Migranten, die nach Flucht, Übergangslagern und Verteilstationen in Pirmasens gelandet sind, die sich als anerkannte Asylbewerber hier niedergelassen haben oder die im Rahmen des Familiennachzuges hier ansässig werden. Einige Bürger begegnen den Fremden mit Vorsicht oder sogar Argwohn, andere wiederum sind hilfsbereit und nehmen sich der Fremden an. Große Probleme aber gab es, nachdem die Zahl der anerkannten Flüchtlinge dramatisch anstieg. Zwar erhält jede Kommune nach Schlüsselzuweisungen vom Land eine bestimmte Anzahl an Asylsuchende. Diese Quote liegt laut Zwick bei einem Prozent. Dagegen genießen die Menschen, die bereits anerkannt sind und Sozialhilfe beziehen, eine gewisse Freizügigkeit in Bezug auf ihren Wohnort. So kamen monatlich rund 80 Migranten nach Pirmasens. Als (mögliche) Gründe nennt der Bürgermeister die große Zahl an Leerständen, die günstigen Mietpreise aber auch die gute Infrastruktur. Ohnehin seien städtische Gebiete mehr gefragt, als dörfliche.
Mit dieser Entwicklung war Pirmasens aber vollkommen überfordert. Die Integrationsarbeit fast unmöglich geworden, trotz des Engagement der Bürger, sagt Markus Zwick. Ein wesentlicher Faktor dabei waren die hohen Sprachbarrieren. Eine kleine Statistik zeigt, dass die meisten Asylsuchenden aus Syrien (77 Prozent) kommen, gefolgt von Somalia und Afghanistan. In den letzten Wochen waren vom Land der Stadt wieder 30 Flüchtlinge zugewiesen worden, die in der Mehrzahl aus Nigeria kamen.
Dank der Zuzugsperre hat sich die Lage leicht entspannt, denn die Zahl der Menschen, die freiwillig Pirmasens verlassen, ist gering: „Das waren in diesem Jahr bislang 57 Fälle,“ erklärt Zwick. Noch greift die Verordnung, die allerdings auf ein Jahr begrenzt ist, stellt der Bürgermeister klar. Schon jetzt macht er klar, dass er sich massiv für eine Verlängerung einsetzen wird. Denn „die Belastung ist nach wie vor groß und es gibt viel zu tun.“
Hinter dem Wort „Integration“ verbirgt sich viel „Kleinarbeit“, die sowohl von der Koordinierungsstelle für Geflüchtete beim Sozialamt als auch vom Pakt für Pirmasens als Anlaufstelle für ehrenamtliches Engagement geleistet wird. „Wir müssen die Menschen gleich nach ihrer Ankunft hier an die Hand nehmen und mit Hilfe eines Dolmetschers anfangs überall hin begleiten“, schildert Gustav Rothhaar, Sachgebietsleiter im Sozialamt, die vielfältigen Aufgaben von Markus Landau. Er leitet die Koordinierungsstelle und muss sich auch bei Streitigkeiten in den Wohnblocks einbringen, „wenn es beispielsweise um die Mülltrennung geht“. Man sei stets bestrebt, die Menschen „in die richtigen Bahnen zu lenken“, wie es Rothhaar formuliert. Dazu gehöre auch, dass jedem - vom Kind bis zum Erwachsenen - ein sinnvolles Angebot gemacht werde.
Die größte Hürde, die Vermittlung der deutschen Sprache, kann oftmals erst nach einer langen Wartezeit genommen werden. Angesichts der großen Zahl an Asylsuchenden sind die Kurse des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) sehr schnell ausgebucht. Doch die Zeit bis zum nächst möglichen Termin muss überbrückt werden, oftmals durch Privatinitiativen. Hier kommt Sabine Kober vom Pakt ins Spiel, bei der sich ehrenamtliche Helfer melden können. Diese Bewerber müssen zunächst ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Ist das Dokument einwandfrei, werden sie geschult. Erst danach können sie vermittelt werden, erklärt Sabine Kober.
Unterstützung bei der Integration habe es von Anfang an von der Diakonie, der Caritas und den Kirchengemeinden gegeben. Insgesamt spricht die Pakt-Koordinatorin von einer großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Dank zahlreicher Spenden war es auch möglich 20.000 Euro für „Wertevermittlungskurse“ in Schulen aufzubringen. Mit im Boot sind unter anderem Lebenswegbegleiter oder auch pensionierte Pädagogen, die Flüchtlingskinder bei Hausaufgaben zur Seite stehen. Insgesamt 450 Jungen und Mädchen (zwischen 0 und 18 Jahren) werden laut Sabine Kober beim Pakt betreut.
Wie vielseitig die niederschwelligen Angebote sind, zeigt das Beispiel „Mama lernt deutsch“, geleitet von einer Lehrerin aus Kasachstan. Sie mache ihre Sache gut, findet Sabine Kober. 20 bis 25 Frauen würden sich regelmäßig am Vormittag treffen, um sich Sprachkenntnisse anzueignen. „Es ist kein zertifizierter Kurs, wie das BAMF sie anbietet, aber die Teilnehmerinnen lernen, sich im Alltag zurechtzufinden“.
Der „Schulterschluss in der Bevölkerung“ zeige, „dass wir aus unseren Netzwerken heraus Maßnahmen ergriffen haben, um der Problematik Herr zu werden. Unbürokratische Hilfe, weit über die Angebote der offiziellen Stellen hinaus“, zieht Bürgermeister Zwick ein erfreuliches Resümee. Er hoffe, dass nach Gesprächen mit der Landesregierung die Schulen, gerade auch in Hinblick auf die hohe Personalbelastung, noch besser ausgestattet werden, als dies bislang der Fall war. Die Stadt selbst habe einen Förderantrag für das Programm „Bildung integriert“ gestellt, dessen Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) stammen. Sinn und Zweck ist es, ein datenbasiertes Bildungsmanagement aufzubauen und weiterzuentwickeln. Davon könne laut Zwick die ganze Schullandschaft in Pirmasens profitieren, nicht nur Einrichtungen, die unter der hohen Zahl an Flüchtlingskindern leiden. (ak)

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