Markt für Radservice boomt auch in Ludwigshafen: Neues Mobilitätsverhalten spürbar
- Geschäftsführer Mumcu berät die Kunden. Reifen- und Schlauchwechsel wird häufig nachgefragt.
- Foto: Bike Pulatti
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Ludwigshafen/Rhein-Pfalz-Kreis. Der Fahrradmarkt zeigt sich nach dem Corona-Boom deutlich verändert. Während der Verkauf neuer Räder zuletzt schwächelte, wächst vor allem das Werkstätten-Segment. Das spürt auch Bike Pulatti in Ludwigshafen.
Von Julia Glöckner
Vor wenigen Wochen zog das Unternehmen mit Laden und Werkstatt in die ehemalige Zahnarztpraxis von Dr. Rossa um. Dort steht deutlich mehr Fläche zur Verfügung, um den Kundenandrang zu bewältigen. „Wir haben klein angefangen – mit einer Werkbank und dem Traum, etwas Eigenes aufzubauen. Heute kommen Kunden aus Ludwigshafen und der gesamten Rhein-Neckar-Region“, sagt Geschäftsführer Serkan Ömer Mumcu, der inzwischen Mechaniker beschäftigt.
Wachstum entsteht nun durch Innovationen
Deutschland zählt gemeinsam mit den Niederlanden und Belgien zu den Ländern mit dem höchsten E-Bike-Anteil in Europa. Inzwischen ist etwa jedes zweite bereits verkaufte Fahrrad motorisiert. Nach dem starken Corona-Boom geriet die Branche jedoch in eine Überproduktionskrise. Viele Menschen hatten bereits ein neues Rad gekauft, die Nachfrage ging zurück. Händler bauen seitdem ihre Lagerbestände mit Rabatten ab, wodurch Kunden aktuell von sinkenden Preisen profitieren.
Der Branchenumsatz sank 2025 um 7,7 Prozent und erreichte damit das schwächste Ergebnis seit der Pandemie. Dennoch liegt das Niveau weiterhin deutlich über den Verkaufszahlen vor der Pandemie mit damals rund vier Millionen Rädern jährlich.
Die Branche erwartet nun eine stabile Nachfrage. Neues Wachstum soll vor allem durch Innovationen, neue Nutzungskonzepte, neue Kundengruppen und Ersatzkäufe beflügelt. Besonders gefragt sind aktuell leichte E-Bikes für die Stadt. In den vergangenen Jahren standen vor allem hohe Reichweiten und starke Motoren im Fokus. Bei herkömmlichen, nicht-motorisierten Fahrrädern steigt die Nachfrage nach hochwertigen Rennrädern und Gravelbikes.
Sicherheit wird wichtiger
„Qualität, Komfort und Sicherheit spielen heute eine größere Rolle als früher“, sagt Mumcu. Hersteller setzen auf Zusatzfunktionen wie Diebstahlortung, elektronische Wegfahrsperren oder automatische Lichtsteuerung.
Boomendes Werkstattgeschäft
Besonders stark wächst derzeit das Werkstattgeschäft. Der Verbund Service und Fahrrad meldete für 2025 ein Umsatzplus von 13,5 Prozent im Werkstattsegment. Auch Bike Pulatti profitiert davon. „Viele Kunden kommen aus Mannheim, Speyer, Frankenthal und der gesamten Rhein-Neckar-Region“, sagt Mumcu.
- Beim Reparaturservice sind Schnelligkeit und Qualität gefragt.
- Foto: Bike Pulatti
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Veränderte Alltagsmobilität
Eine Tendenz hin zu neuem Mobilitätsverhalten macht sich dabei bemerkbar. „Die Spritpreise sind hoch und viele Menschen denken Mobilität neu. Das Fahrrad ist oft günstiger, flexibler und schneller“, erklärt Mumcu.
Ein wichtiger Wachstumstreiber bleibt daher das Dienstradleasing, das inzwischen rund 42 Prozent des Branchenumsatzes ausmacht. Mit den Zuschüssen von der Firma entscheiden sich viele Kunden für hochwertige Fahrräder und E-Bikes. Zwar ging die Zahl der neu geleasten Diensträder 2025 auf rund 720.000 zurück, dennoch bleibt das Modell ein wichtiger Faktor für die Branche. Auch E-Lastenräder und Klappräder gewinnen weiter an Bedeutung und zeigen, wie stark sich Alltagsmobilität verändert.
„Vor allem Dienstradleasing und E-Bikes machen den täglichen Arbeitsweg attraktiver. Das Leasing erleichtert vielen Menschen den Einstieg in hochwertige Fahrräder“, sagt Mumcu. „Das Rad wird immer mehr Teil des Alltags – nicht nur der Freizeit.“
Am hohen E-Bike Anteil zeigt sich: Viele Leute in der Region haben ein E-Bike, nutzen es aber immer noch sporadisch oder nur in der Freizeit. Die Emissionen im Verkehrssektor sanken in den vergangenen Jahren um 0,7 Prozent. Das 1,5 Grad Ziel und damit 86 Hitzetage über 30 Grad pro Jahr bis 2045 am Oberrhein und ein Temperaturansteig in Deutschland von 7 bis 8 Grad sei daher laut vieler Meteorologen nicht mehr erreichbar. Für viele Radfahrer bleibt unverständlich, warum Menschen weiterhin lange Staus auf der Kurt-Schumacher-Brücke in Kauf nehmen, obwohl attraktive Radwege durch die Felder und Wiesen bis in den Kreis vorhanden sind – und man durch die angespannte Verkehrslage in LUs City nicht länger braucht als mit dem Auto. Es steigen immer mehr Menschen auf Rad, Öffis und ÖPNV um, jedoch bislang weniger als erwartet.
Weitere Gründe für die ausgebremste Verkehrswende sind die Abwicklung des Güterverkehrs über Lkws, auch wenn die Wasserstraßen durch Trockenheit begrenzt Ladekapazität haben. Langfristig soll der Güterverkehr auf die Schiene ausweichen. Zudem ist die Umgestaltung der Straßen hin zur bewegten Mobilität und der ÖPNV-Ausbau schleppend, weil Ländern und Kommunen begrenzt Mittel bereitstehen und Planungsphasen lang sind. Einsparungen durch effizientere Motoren entfallen, weil immer mehr SUVs und schwere Autos gefahren werden. Die Autoindustrie war lange Rückgrat der deutschen Wirtschaft, weshalb der Umstieg aufs E-Auto stark gefördert wird.
Bike Pulatti will den eingeschlagenen Kurs fortsetzen. Die Werkstatt ist bereits gut ausgelastet. „Unser Ziel ist nicht schnelles Wachstum, sondern nachhaltige Entwicklung. Der Bedarf an Wartung und Reparaturen wird weiter steigen“, sagt Pulatti. Als Markenlogo hat Pulatti das Platanenblatt gewählt, als Zeichen der Indentifikation mit Ludwigshafen, er kommt außerdem aus einer türkischen Stadt mit dem Namen "Stadt der Platanen." jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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