BriMel unterwegs
Zur Lesung „Karlheinz“ von Billy Hutter in der Stadtbibliothek

Billy Hutter während der Lesung
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Ludwigshafen: Am 12. Juli fand im Rahmen des Ludwigshafener Kultursommers in einer Kooperation von der Rhein-Neckar-Industriekultur und Stadtbücherei eine Lesung statt. Im klimatisierten Foyer der renovierten und modern gestalteten Stadtbibliothek nahmen ca. 50 interessierte Zuschauer Platz; mit so vielen hatte man nicht gerechnet und war freudig überrascht. Um 19.45 Uhr betrat der 60-jährige Autor Billy Hutter mit modernem Headset ausgestattet die „Bühne“, um ein paar Kapitel aus seinem vor 3 Jahren erschienenen Buch „Karlheinz“ vorzulesen. Obwohl ….. vorlesen ist hierbei untertrieben, denn er lebte den Inhalt, den er mit voller Hingabe und erfrischendem Humor darbot. So ließ er wissen, dass Karlheinz in der Nähe von Altkanzler Helmut Kohl wohnte und auch das gleiche Alter hatte, nur mit dem Unterschied, dass beider Leben in unterschiedliche Richtung lief. Hutter erzählte, dass er vor 25 Jahren begonnen hat, alte Möbel in den Räumlichkeiten der Arbeitsloseninitiative zu restaurieren. Bei einer seiner ersten Entrümpelungen, die er damals vornahm, entdeckte er die akribisch geführten Tagebücher und Listen von Karlheinz sowie noch ein paar Habseligkeiten mitsamt einem alten Stuhl. Zum Wegwerfen zu schade und so machte er sich irgendwann daran über diese „Erbschaft“ ein Buch zu schreiben. Zu Beginn seines Vortrages stellte er auch die Karlheinz-Eieruhr auf eine Stunde ein, damit die Lesung im Rahmen bleibt. Würde er nur 55 Minuten reden, würden sich die Leute vielleicht beschweren, dass sie für ihr Eintrittsgeld auch volle 60 Minuten zu erwarten hätten. Er ließ Weisheiten raus, wie „Bei Entrümpelungen sind Geldstrümpfe so selten wie unentdeckte Grabkammern“. Er liest sehr lebhaft und sicher vor und reißt so das Publikum mit. Die Kapitel aus dem Buch sind gut gewählt, dieses Mal andere als sonst. Es gibt sehr lustige Begebenheiten, die das Publikum zum Lachen bringen. Eine tolle Idee ist auch der kleine handliche Plastikfernseher, mit dem man alte Schwarz-Weiß-Fotos von Karlheinz‘ Lebensstationen anschauen kann. Da es weniger Fernseher als Zuschauer gibt, werden sie paarweise verteilt und man sieht darin folgenden biografischen Ablauf von Karlheinz:
Bild 1: Meine erste Eisenbahn 1931
Bild 2: Bin ich ein Mädchen 1933
Bild 3: Papa Chemiker bei I.G. Farben
Bild 4: Student Chemie Heidelberg 1951
Bild 5: Papa fotografiert meine Eisenbahn 1953
Bild 6: Student in Darmstadt 1959
Bild 7: Ich sammle Hefte (zeigt eine Tüte vom Deutschen Fleischerhandwerk)
Bild 8: Weihnachten 1970
Bild 9: Weihnachten 1971
Bild 10: Interlaken 1972
Bild 11: Letzte Fahrt mit unserem Opelauto Pfälzerwald 1972
Karlheinz beendete sein Studium nie und wurde bei Böhringer in Mannheim Chemielaborant. Er fuhr mit seinem Opel nur in deutschsprachige Länder in Urlaub. Jede Fahrt und jeder Stopp wurde detailliert in seinem kleinen Notizbuch akribisch festgehalten. Aber alles hatte seine gewisse Ordnung, nur aufgrund dieser Ordnung ist Karlheinz im Chaos gelandet. Im Herbst des Jahres 1990 fand ihn eine Spaziergängerin am Rheinufer tot auf.
Im Nachlass wurde auch ein BASF-Fernsprechverzeichnis aus den 50er Jahren gefunden. Hutter hat sich viel mit Karlheinz und seinem Nachlass beschäftigt und wenn er etwas nicht fand, ging er in die Stadtbibliothek und stöberte in alten Büchern bis er fündig wurde. Die Vorsitzende des Vereins Rhein-Neckar-Industriekultur, Frau Barbara Ritter, gesellte sich in den Lesepausen zu ihm, um ihm ein paar Fragen zu stellen zu der Zeit des Krieges in der Ludwigshafener Industrie. Hutter erzählt im ernsteren Tonfall, dass er auch eine Gasmaske bei Karlheinz gefunden habe und sogar die Quittung hierfür. Einige Gegenstände seien mit Gefühlen und Emotionen „aufgeladen“. Er lässt einen Spazierstock durch die Zuschauerreihen wandern, denn auch dieser beherbergt eine traurige Geschichte. Karlheinz wurde mit diesem Stock im Keller seines Vaters gezüchtigt, immer und immer wieder.

Frau Ritter wollte wissen, was man denn mit all diesen alten Sachen machen soll? Den Menschen, die sie aufgehoben haben, waren sie ja wohl wichtig. Als Entrümpler müsse man schon etwas an Fachwissen drauf haben, um zu unterscheiden, was wertvoll sein könnte und was Sperrmüll ist. Herr Hutter verriet, dass man in der Anfangszeit der 80iger Jahr noch richtige Schnäppchen machen konnte, heute wäre es nur noch Zufall, eine echte Antiquität zu finden. Nach ein paar Fragen aus dem Publikum verabschiedete sich Billy Hutter, aber nicht ohne großen Applaus, einem Blumenstrauß und dankenden Worten der Gastgeber. Klar, dass ich mich nach dieser Vorlesung noch in die Reihe der Buchkäufer einreihte und mir es von ihm signieren ließ. (mel)

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