Wie Polder den Rhein bändigen: Warum Hochwasserschutz jetzt wichtiger wird
- Hochwasserscheitel 2024: Hochwasserschutz wird in Rheinanrainerstädten auch durch Dammbalken gesichert.
- Foto: Anouar Touir
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Ludwigshafen. In den 90er-Jahren stand das Wasser in Ludwigshafens Rheinallee. Die Parkinsel versank mehrfach im Hochwasser. Heute sollen riesige Polderanlagen entlang des Rheins solche Szenarien abfedern. Millionen Kubikmeter Wasser können sie im Ernstfall aufnehmen – und werden durch den Klimawandel immer wichtiger.
Von Julia Glöckner
Seit den 80er-Jahren haben die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusammen mit Frankreich mit dem Bau von Poldern begonnen. Dies sind Überschwemmungsflächen, die große Wassermassen zurückhalten können. Damit senken sie den Hochwasserscheitel.
Wie Polder Hochwasser bremsen
Die 14 fertiggestellten Polder sind teils ungesteuert: Bei hohen Pegeln und nach Öffnung des Siels flutet Wasser in die Poldersenke. Meist wird dafür ein Stück Rheinhauptdeich abgetragen. Zudem säumen gesteuerte Polder den Rhein, die sich durch Einlass- und Auslassbauwerke regulieren lassen. Müssen große Wassermassen zurückgehalten werden, öffnen sich die Fischbauchklappen und das Wasser flutet den abgesenkten Polder.
- 14 Polder sind fertiggestellt, 4 im Bau und 8 geplant.
- Foto: Stadt Ludwigshafen/Rainer Ritthaler
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Der Polder Wörth, den das Museum „Leben am Strom“ dokumentiert, kombiniert ungesteuerten und gesteuerten Polder. 2,5 Kilometer Trenndeich trennen die beiden Rückhalteräume. „Der ungesteuerte Bereich fasst vier Millionen Kubikmeter, der gesteuerte 14 Millionen. Die Steuerung der Polder entlang des Rheins obliegt der SGD Süd, die den gesteuerten Polder in Wörth noch nie öffnen musste. Der ungesteuerte war seit 2013 mehrmals offen.“ Würden bei Extremhochwassern nach Öffnung des gesteuerten Polders die Rheinpegel wieder sinken, würde das Wasser aus den Poldern zurückgeschöpft. „Das Schöpfwerk hat zudem Einfluss auf den Grundwasserstand und damit auf den Schutz der Häuser“, erklärt der ehemalige Bürgermeister von Neuportz, Emil Heid.
Mit dem integrierten Hochwasserschutzkonzept kombiniert das Land Rheinland-Pfalz seit den 90er-Jahren Polder und natürliche Rückhalteräume. In natürlichen Überschwemmungsgebieten, etwa bei Rastatt, tritt das Wasser über die Ufer. Auch das senkt die Pegel.
287 Millionen Kubikmeter Rückhaltevolumen
Entlang des Rheins gab es ursprünglich 1400 Quadratkilometer solcher natürlicher Überschwemmungsflächen. Der Großteil ging durch die Rheinbegradigung und den Ausbau verloren. Ihre Wiederherstellung gelingt durch die Wiederanbindung von Altrheinarmen, Deichrückverlegungen und die Renaturierung von Seitenarmen. Der geschützte Lebensraum der Aue kehrt zurück. Allein die Polder können 287 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten, was mit Blick auf das Klima immer wichtiger wird.
- Siel in Karlsruhe. Öffnet sich das Siel, werden die Rheinauen als natürlicher Rückhalt in Karlsruhe geflutet.
- Foto: Julia Glöckner
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Klimawandel macht Hochwasser wahrscheinlicher
Starkregenereignisse und folglich Hochwasser werden durch die Klimaerwärmung häufiger. Jahrhundertfluten werden künftig im Abstand von etwa 20 Jahren vorhergesagt. Mit jedem Grad mehr prognostizieren Forscher 100.000 Kubikkilometer zusätzliches Wasser pro Jahr, das auf der Erdoberfläche und über die Bäume verdunstet. Starkregenereignisse im Allgemeinen, ohne dass sie mit Rheinhochwasser einhergehen, werden voraussichtlich ab 2050 in Europa alle paar Jahre auftreten.
Warum die Rheinbegradigung neue Risiken schuf
Die Ausstellung, die das Land finanzierte, wägt auch Nutzen und Verluste der Rheinbegradigung ab. Insgesamt verlagerten sich die Hochwasserrisiken, sie nahmen jedoch nicht ab. Das Risiko für Jahrhundertfluten stieg sogar. Auch das Problem der Fahrrinne musste durch Ingenieurskunst nachjustiert werden, weil Sedimente durch die schnellere Fließgeschwindigkeit bis heute weitergetragen werden und sich an Engstellen und in Kurven sammeln. Derzeit forscht das KIT daran, die Rinne zu vertiefen. Durch den Rheinausbau sanken zudem die Grundwasserpegel, was wertvolle Lebensräume in der Rheinaue austrocknen ließ. Heute könnten die Wetlands, die damit verloren gingen, ganze Stadtteile nach dem Schwammstadtprinzip kühlen – in Städten, die an der Aue liegen.
Wer sich auf eine Reise durch die letzten beiden Jahrhunderte Rheinromantik, Schifffahrt, Hochwasserschutz, Rheinbegradigung, Wasserkraftbau sowie Lebensraum Aue machen will, kann das Museum in Neuportz besuchen. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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