So viel mehr als Laientheater: Wachsen, lachen, zweifeln, feiern
- Ob auf der Bühne oder im Alltag: Ehrenamtliches Engagement hält Gemeinschaften zusammen. Laientheater zeigen, wie freiwilliger Einsatz Kultur lebendig macht, Menschen verbindet und das Gemeinwohl vor Ort stärkt.
- Foto: Thorsten Kornmann, erstellt mit KI
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Karlsruhe/Ötigheim. Das Beispiel der Volksschauspiele Ötigheim – etwa 20 Kilometer südöstlich von Karlsruhe gelegen – zeigt es eindrucksvoll: Ehrenamtliches Engagement macht Großes möglich und stärkt das gesellschaftliche Leben.
Engagement stärkt Gemeinschaft
Ehrenamtliches Engagement beschränkt sich längst nicht auf den Kulturbereich. Ob im Sportverein, im sozialen Umfeld oder bei den Freiwilligen Feuerwehren – überall bringen sich Menschen mit Zeit, Energie und Verantwortung ein. Sie organisieren Trainings, löschen Brände, sitzen in Gemeinderäten oder helfen in der Nachbarschaft jenen, die Unterstützung im Alltag brauchen. Ohne diesen oft stillen Einsatz würde vieles vor Ort schlicht nicht funktionieren. Ehrenamt stärkt Gemeinschaft und hält das Gemeinwohl lebendig.
Gleichzeitig ist dieses Engagement keine Einbahnstraße. Wer sich ehrenamtlich einbringt, gewinnt auch persönlich. Das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun, stiftet Zufriedenheit. Gemeinsames Engagement schafft soziale Nähe, erhält bestehende Kontakte und eröffnet neue Begegnungen.
Ob auf der Theaterbühne, auf dem Fußballplatz oder im Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr: Ehrenamt fördert persönliche Fähigkeiten, stärkt Selbstvertrauen und erweitert den eigenen Horizont. In Vereinen, Verbänden oder der Kommunalpolitik ermöglicht es zudem, Entwicklungen aktiv mitzugestalten, statt sie nur zu beobachten.
Nicht zuletzt kann ehrenamtliche Arbeit einen wohltuenden Ausgleich zum Berufsalltag bieten – und bringt Anerkennung und Wertschätzung von anderen mit sich.
Zurück nach Ötigheim mit seinen 5000 Einwohnern, wo solch ehrenamtliches Leben große Kreise zieht: Dort haben sich in über 100 Jahren die beeindruckenden Volksschauspiele entwickelt, die jährlich bis zu 100.000 Zuschauer begeistern – getragen von einem gemeinnützigen Verein und fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geschultert.
Miteinander genießt tiefgehende Bedeutung
Solch ehrenamtliches Theater habe für eine Gesellschaft und für jeden einzelnen eine tiefgehende Bedeutung, verdeutlicht Professorin Dr. Anja Ohmer. Sie leitet das Zentrum für Kultur- und Wissensdialog an der Rheinland-Pfälzisch Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. „Ehrenamtliches Theater ist für mich ein unglaublich wichtiger Ort für Begegnung“, sagt Ohmer. „Hier kommen Menschen zusammen, die sich im Alltag vielleicht nie treffen würden, und arbeiten gemeinsam an etwas Kreativem.“ Gerade diese Offenheit mache Amateurtheater so wertvoll für die Gesellschaft, weil es Kultur nicht nur konsumierbar, sondern erlebbar mache.
- Ehrenamtliches Theater habe für eine Gesellschaft und für jeden einzelnen eine tiefgehende Bedeutung, verdeutlich Professorin Dr. Anja Ohmer. Sie leitet das Zentrum für Kultur- und Wissensdialog an der Rheinland-Pfälzisch Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.
- Foto: Anja Ohmer
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„Ich sehe vor allem, wie sehr junge Leute vom Theaterspielen profitieren“, betont Ohmer. „Sie finden dort einen Raum, in dem sie sich ausprobieren dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.“ Auf der Bühne können sie Ohmers Worten zufolge ihre Stimme entdecken, Selbstvertrauen entwickeln und lernen, Gefühle auszudrücken. Gleichzeitig erfahren sie, wie wichtig Verlässlichkeit und Teamarbeit sind, weil ein Stück nur funktioniert, wenn alle Verantwortung übernehmen.
Ein besonderer Aspekt sei das generationenübergreifende Arbeiten. „Wenn Jugendliche, Erwachsene und ältere Menschen gemeinsam proben, passiert etwas ganz Besonderes“, sagt Ohmer. „Die Jüngeren bringen Energie und neue Ideen mit, die Älteren Erfahrung und Gelassenheit. Davon profitieren am Ende alle.“ Vorurteile würden im gemeinsamen Spiel schnell unwichtig, weil es nicht um Alter oder Herkunft gehe, sondern um das gemeinsame Ziel.
Vielfalt bietet starke Erlebnisse
Auch die inklusive Ausrichtung vieler Theatergruppen liegt Ohmer am Herzen. „Theater zeigt, dass Vielfalt eine Stärke ist“, erklärt sie. „Unterschiedliche Fähigkeiten, Biografien und Sichtweisen machen ein Stück oft erst lebendig und glaubwürdig.“ Für viele Teilnehmende sei es ein starkes Erlebnis, gesehen zu werden und einen festen Platz in der Gruppe zu haben.
„Am Ende geht es um Gemeinschaft“, fasst Ohmer zusammen. „Ehrenamtliches Theater schafft einen Raum, in dem Menschen wachsen können, in dem gelacht, gezweifelt und gefeiert wird.“ Genau darin liege seine gesellschaftliche Bedeutung: Es verbinde Menschen, stärke den Zusammenhalt und gebe gerade jungen Leuten das Gefühl, mit ihrer Stimme und ihrer Kreativität etwas bewirken zu können.
- Ehrenamtliches Engagement hält das gesellschaftliche Leben in Deutschland in Bewegung. Ein eindrucksvolles Beispiel sind die Volksschauspiele Ötigheim. Das Foto zeigt eine Szene aus „Im weißen Rössl“, bei dem rund 300 Darsteller mit Leidenschaft mitwirken.
- Foto: Volksschauspiele Ötigheim/Lukas Tüg
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Ob auf der Freilichtbühne im badischen Dorf Ötigheim oder auf einer der vielen weiteren ehrenamtlichen Bühnen in ganz Deutschland: Wie beim Laientheater wäre das kulturelle, sportliche und soziale Leben ohne ehrenamtliches Engagement deutlich ärmer. Auf der Homepage des Bundesinnenministerium ist von rund 29 Millionen Menschen zu lesen, die sich in Deutschland „freiwillig und unentgeltlich für das Gemeinwohl“ engagieren. Das sind stolze 35 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, wo fast 84 Millionen Menschen zu Hause sind. [thk]
Autor:Thorsten Kornmann aus Karlsruhe |