Ein Café, das zur Welt wird
La Bohème am Staatstheater Karlsruhe trotzt Streik, Umbesetzung und Raumzwang
- Eine Skizze des einmaligen Bühnenbildes an diesem Abend
- Foto: Marko Cirkovic
- hochgeladen von Marko Cirkovic
Einige Abende erklären das Theater, die Oper von selbst. Dieser La-Bohème-Abend am Badischen Staatstheater gehört dazu: Ein Warnstreik von Verdi zwingt die Regie von Ulrich Peters, sämtliche Schauplätze auf das Café Momus des zweiten Bildes zu konzentrieren; außerdem fällt die ursprünglich angekündigte Mimì aus und wird kurzfristig ersetzt. Unter genau diesen Vorzeichen entsteht eine Aufführung, die zeigt, was Oper im Kern sein kann: Risiko, Verdichtung – und jene fragile Magie, die sich einstellt, wenn scheinbar alles gegen sie spricht.
Wenn alles im Café stattfinden muss, verschiebt sich La Bohème von der Folge realer Orte zu einer einzigen großen Idee: Das Café wird zur Welt, zur Linse, durch die wir Liebe, Armut, Kunst und Tod betrachten. Die Bohèmiens verlassen diesen Raum nicht mehr; sie drehen ihre Kreise in einem Kosmos aus Tischen und Stimmen. Dachkammer, Stadttor, Sterbezimmer – all das kondensiert zu einem übercodierten Ort. Privates wird unentrinnbar öffentlich: die vermeintlich freien Künstler stehen permanent im Blick der anderen, Liebe wird zur Szene, Eifersucht zur Nummer, Armut zum leisen Hintergrundrauschen der Wohlhabenden. Es entsteht eine Tragödie der Öffentlichkeit: Die Gesellschaft schaut zu, und die Figuren spielen – aus Lust, aus Not.
Gleichzeitig erscheint das Café als große Illusion: Wärme auf Kredit. Hier findet sich alles, wonach Puccinis Musik so verführerisch strebt – Licht, Essen, Bewegung, Klang. Wenn nun aber auch Krankheit, Trennung und Tod in diesem selben Raum stattfinden müssen, frisst die glänzende Oberfläche die dunkle Wahrheit. Das Glück war von Anfang an geliehen: ein Tisch für ein paar Stunden, ein Kerzenlicht für einen Abend, ein Rausch, der nur hält, bis die Rechnung kommt. Dass der Absturz nicht „anderswo“ geschieht, sondern im selben Licht, nur ohne Glanz, gibt dieser Lesart ihre bittere Schönheit.
Hinzu tritt die Deutung des Cafés als Erinnerungsraum: Man kann diesen Abend sehen, als durchlaufe Rodolfo – oder Mimì – in diesem einen Raum noch einmal die Stationen ihrer Beziehung. Der zweite Akt, sonst der „Ausflug“, wird zum hellsten Punkt der Erinnerung, von dem aus alles andere als Schatten abfällt. Der dritte Akt verändert nicht den Ort, sondern die Temperatur – dieselbe Welt, nur mit Kälte hinter Glas; der vierte wirkt wie „Betriebsschluss“: Der Raum bleibt, seine Versprechen sind erloschen. Liebe erscheint als Kreisen um einen einzigen Ort, der alles versprach und nichts halten konnte.
Fast schon politisch, ohne platt zu werden, ist die Lesart des Cafés als Maschine des Konsums. Hier wird alles zur Ware – Witz, Charme, Jugend, Körper, sogar Leid. Musetta funktioniert in dieser Welt, weil sie deren Gesetze intuitiv beherrscht: Präsenz, Aufmerksamkeit, Effekt. Mimì hingegen, leiser, innerlicher, gerät in der Logik des Spektakels leicht ins Abseits. Wenn auch die intimsten Szenen der Oper in diesem Café stattfinden, sagt die Inszenierung: Die Bohème lebt nicht neben der Welt, sondern längst in ihr verkauft.
Ästhetisch besticht dieses Konzept, weil der eine Raum wie ein Prisma wirkt: dieselbe Musik fällt hinein, bricht sich aber in jeder Phase anders. Das Café glimmt im ersten Akt wie ein fernes Versprechen, strahlt im zweiten als Fest, wird im dritten zur kalten Glaswand und bleibt im vierten als bloße Hülle zurück. Puccinis Vorliebe für Kippmomente – zärtliche Linien, die plötzlich ins Messer drehen, Wärme, die in einem Akkord kippt – wird in dieser räumlichen Konzentration hörbar ausgestellt: Nichts wird mehr durch Kulissenwechsel erklärt, alles vollzieht sich im Klang, in der Agogik.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die musikalische Leitung von Francesco Angelico, die an diesem Abend als phänomenal zu bezeichnen ist – nicht, weil alles technisch makellos wäre, im zweiten Akt kommt es etwa zu Unstimmigkeiten zwischen Chor und Orchester –, sondern weil sie den langen Bogen der Partitur so zwingend nachzeichnet. Im ersten Akt liegt eine fast unerhörte Verklärung: extreme Sanftheit, weit geschwungene Phrasenbögen, eine atmende Agogik, die doch nie die rhythmischen Ekstasen und kurzen Ausbrüche unterschlägt. Immer wieder lässt Angelico diese sanften, weit ausgespannten Bögen entstehen, in denen die Musik gleichsam auf einem langen Atem ruht; kaum aber hat sich diese Weite entfaltet, spannt er den Bogen durch prägnante, expressive Rhythmik und kleine, sorgsam gesetzte Klang-Expressionen erneut an, sodass der Fluss nie in bloßer Schönheit versandet, sondern permanent von innerer Spannung durchzogen bleibt. Mit Musettas Auftritt verdichtet Angelico die Dramatik, lässt die Klangflächen anschwellen, schärft Konturen. Ab dem dritten Akt verdunkelt sich das Klangbild; die Farben werden herber, die Dynamik kantiger, die emotionale Expression dringt tiefer, ohne ins Unerträgliche zu kippen. Im letzten Akt steigert sich diese Spannung noch einmal – zu jener Tiefe, die wirklich weh tut. Der Moment fast absoluter Stille vor dem Schluss, der dann in einen letzten Blechaufbruch mündet und sanft verglüht, hinterlässt das Publikum im Schmerz – und im Bewusstsein, einem bewusst gezeichneten Bogen beigewohnt zu haben.
Dass diese musikalische Konsequenz ausgerechnet an einem Abend gelingt, an dem die Hauptpartie kurzfristig umbesetzt werden muss, grenzt an ein kleines Wunder. Selene Zanetti gestaltet eine Mimì, die für diese Rolle kaum passender denkbar ist. Ihr Sopran trägt eine dramatische Klage in sich, meist strahlend geführt, aber jederzeit fähig, in ein leichtes Dunkel zu schattieren. Die Stimme besitzt Kraft und Energie, ohne je in bloße Lautstärke zu verfallen, kann sich in die Intimität zurücknehmen und im nächsten Moment den Raum füllen. Vor allem aber nimmt Zanetti Mimì als psychologisches Drama ernst; in jeder Phrase spürt man, dass hier eine Existenz auf dem Spiel steht. Die Stimmführung bleibt ideal – getragen, geschmeidig, fein phrasierend. Dass eine derart durchdrungene Interpretation so kurzfristig einspringt, ist ein Glücksfall.
An ihrer Seite steht mit Jenish Ysmanov ein Rodolfo, der diesen Anspruch mühelos einlöst und vokal auf Augenhöhe agiert. Sein Tenor schließt in der Stimmgewalt zu Zanetti auf, so dass tatsächlich ein Paar entsteht, das sich gegenseitig trägt und spiegelt. Die Ambivalenz der Figur – zwischen jugendlicher Verliebtheit, verletztem Stolz und jener Überforderung, die in der Trennungsszene schmerzhaft zutage tritt – spielt Ysmanov mit Sensibilität. Die emotionalen Ausbrüche gelingen, ohne grob zu werden, technisch ist alles fokussiert und sauber gestützt. Für das Ensemble dürfte dieser Rodolfo ein Glücksgriff ersten Ranges sein.
Marcello ist bei Ks. Armin Kolarczyk in besten Händen. Wenn er zu Beginn einsetzt, stellt sich sofort jenes Gefühl ein, „am richtigen Ort“ zu sein: keinerlei Unsicherheit, keine vokale Schwäche, sondern pure Expression, leidenschaftliche Präsenz und eine vorbildlich geführte Linie. Kolarczyk füllt die Figur mit jener Mischung aus Erdung und Verletzlichkeit, die Marcello braucht, um mehr zu sein als bloßer Sidekick des Dichters.
Uliana Alexyuk zeichnet eine Musetta, die eine glaubhafte Wandlung durchläuft. Zunächst kostet sie die große Geste, den dramatischen Auftritt, die schillernde Oberfläche aus; später vollzieht sie die Verinnerlichung der Figur überzeugend nach. Die Stimme folgt dieser Entwicklung mit sicherer Führung, die Verdunkelung der Umgebung wird in ihren Momenten nicht nur behauptet, sondern wirklich eingefangen.
Mit Oğulcan Yılmaz (Schaunard) und Ks. Konstantin Gorny (Colline) verfügt das Haus über wahre Luxusbesetzungen in den Nebenpartien. Gerade Gorny krönt den Abend mit einer Mantelarie, in der Verzicht und Würde untrennbar ineinandergreifen. Überhaupt singen die vier Bohèmiens in einer Homogenität und Schönheit des Ensembles, die man ohne Übertreibung traumhaft nennen darf.
Was vom Dirigat her gedacht ist – die Wandlungen und gelegentlichen Überzeichnungen der Stimmung der einzelnen Akte – überträgt sich an diesem Abend stringent auf alle Beteiligten. Gerade weil so vieles widrig war: das spontane Einspringen, die besondere Situation der musikalischen Leitung im Kontext des Generalmusikdirektor-Verfahrens, der Verdi-Streik, der die Inszenierung faktisch auseinanderreißt, entsteht jene Zuspitzung, in der Theater seine eigentliche Wahrheit zeigt. Dieser Abend gehört zu den großen Highlights des Jahres am Badischen Staatstheater. Er erinnert daran, was Oper im besten Sinn sein kann: ein riskantes, lebendiges Zusammenspiel von Kunst, Institution und gelebter Gegenwart. Das funktioniert – und wie.
Autor:Marko Cirkovic aus Durlach |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.