Hatzenbühl damals & digital: Wie aus verblassten Erinnerungen ein kollektives Dorfgedächtnis wird
- Hubert Werling an seinem Arbeitsplatz
- Foto: Karin Werling/frei
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Hatzenbühl. Alte Super-8-Filme, VHS-Kassetten, Dias und Fotos werden im Heimatverein Hatzenbühl zu historischen Dokumenten. Das Projekt „Hatzenbühl damals & digital“ digitalisiert und sichert private und gemeindliche Aufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten, schneidet daraus kurze Filmbeiträge und veröffentlicht sie in der Hatzenbühler Dorf-App. Doch mit dem Digitalisieren allein ist die Arbeit nicht getan: Die Mitglieder müssen herausfinden, wer auf den Bildern zu sehen ist, wann und wo die Aufnahmen entstanden sind und welche Geschichten sich dahinter verbergen.
Dafür ist das Wissen der Hatzenbühler gefragt. In einer eigens eingerichteten WhatsApp-Gruppe werden alte Aufnahmen gemeinsam betrachtet und eingeordnet. Zeitzeugen erkennen Gesichter, Ortskundige identifizieren Gebäude und Plätze, andere erinnern sich an Veranstaltungen oder längst vergessene Begebenheiten. Nach der Veröffentlichung kommen häufig weitere Hinweise aus der Bevölkerung hinzu. So wächst aus einzelnen Filmrollen, Fotos und Erinnerungsstücken Schritt für Schritt ein digitales Archiv der Hatzenbühler Ortsgeschichte.
Perlen aus dem Archiv
Mehr als 60 Beiträge sind inzwischen entstanden. Unter dem Titel „Perlen aus dem Hatzenbühler Archiv“ werden sie der Dorfgemeinschaft zugänglich gemacht. Zu sehen sind unter anderem Aufnahmen von der Einweihung der Volksschule 1956, einem Heimatfilm des MGV Lyra aus dem Jahr 1959, Einschulungen, der 700-Jahr-Feier 1972 sowie zahlreichen Umzügen, Vereinsjubiläen und privaten Veranstaltungen.
Für dieses Engagement wurde der Heimatverein beim „Ideenwettbewerb Ehrenamt 4.0“ des Landes Rheinland-Pfalz 2025/2026 ausgezeichnet. Damit ist „Hatzenbühl damals & digital“ für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Hinter dem Projekt stehen Vereinsmitglieder wie Hubert Werling, der stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins, der sich seit der Gründung des Heimatvereins engagiert und seine persönliche Leidenschaft für Film und Technik in die historische Aufarbeitung einbringt.
- Der Heimatverein bei der Preisverleihung des Ideenwettbewerbs in Mainz
- Foto: Staatskanzlei RLP / Schäfer
- hochgeladen von Heike Schwitalla
Von der Super-8-Kamera zum digitalen Dorfgedächtnis
Werling kennt die Faszination alter Filmaufnahmen seit seiner Jugend. Seine persönliche Geschichte mit der Technik begann bereits mit 14 Jahren. „Seit der Gründung des Heimatvereins bin ich als 2. Vorstand aktiv und eng mit dem Verein und seinen Projekten verbunden. Meine Leidenschaft für Film und Technik begann bereits im Alter von 14 Jahren: Damals schenkte mir mein Bruder seine „alte“ Super-8-Kamera. Seit diesem Tag bin ich von der Filmerei und insbesondere von der Aufarbeitung alter Filme nicht mehr losgekommen. Was damals mit einer Super-8-Kamera begann, ist heute zu einer echten Leidenschaft geworden. Ich liebe es, alte Filmaufnahmen zu digitalisieren, technisch aufzubereiten und ihnen neues Leben einzuhauchen. Dabei reicht mein „Arbeitsmaterial“ mittlerweile von Super 8 und 8 mm bis hin zu VHS-Aufnahmen, Dias und Fotos.“
Heute ist Werling einer derjenigen, die sich intensiv um die technische Seite des Projekts kümmern. Filme werden digitalisiert, Material wird gesichtet, Sequenzen werden ausgewählt und zu kurzen Beiträgen zusammengestellt. Doch die Technik ist nur ein Teil der Aufgabe. Denn auf einem alten Film ist zwar zu sehen, was damals passiert ist. Nicht unbedingt aber, wer zu sehen ist oder warum etwas aufgenommen wurde.
Die eigentliche Schatzsuche beginnt nach dem Digitalisieren
Genau deshalb ist „Hatzenbühl damals & digital“ auf die Menschen im Ort angewiesen. Sie kennen die Gesichter und Geschichten, die in den Aufnahmen stecken. Die WhatsApp-Gruppe des Projekts ist dabei eine Art digitales Geschichtsbüro. Alte Aufnahmen werden eingestellt und gemeinsam untersucht. Wer erkennt eine Person? Welcher Verein ist dort zu sehen? Wann fand das Fest statt? Wie hieß das Gebäude? Und wie sah der Ort damals aus?
Oft führen kleine Hinweise zu weiteren Informationen. Ein Gesicht wird erkannt, ein Name genannt oder eine Erinnerung ergänzt. Nach der Veröffentlichung eines Beitrags melden sich wiederum Menschen und liefern zusätzliche Details.
Damit verändert sich auch die Rolle der Zuschauer. Sie konsumieren die alten Aufnahmen nicht einfach, sondern werden selbst zu Rechercheuren ihrer eigenen Ortsgeschichte.
Was macht die Arbeit für Hubert Werling so besonders?
„Besonders spannend finde ich die Verbindung von moderner Technik und den Geschichten, die in alten Aufnahmen stecken. Aus einem alten Film oder einer vergessenen VHS-Kassette wird plötzlich wieder ein Stück lebendige Dorfgeschichte", sagt Hubert Werling. Ein gutes Beispiel dafür sind die zahlreichen historischen Aufnahmen, die der Heimatverein inzwischen aufgearbeitet hat. Darunter befinden sich Bilder aus dem Hatzenbühler Dorfleben der 1950er- bis 1980er-Jahre, von Einschulungen, Vereinsveranstaltungen und Umzügen ebenso wie von kirchlichen Festen oder privaten Feiern. Jede Aufnahme kann dabei eine neue Spur eröffnen.
Wenn plötzlich die eigenen Eltern oder Großeltern auftauchen
Die emotionale Wirkung des Projekts entsteht oft genau in dem Moment, in dem ein Gesicht auf dem Bildschirm plötzlich einen Namen bekommt. Aber was ist die größte Motivation, diese Arbeit zu machen?
„Meine größte Motivation kommt dabei aus der Begeisterung der Menschen in Hatzenbühl. Wenn jemand auf einer alten Aufnahme plötzlich die eigenen Eltern, Großeltern oder sich selbst erkennt oder längst vergessene Geschichten wieder auftauchen, ist das für mich der schönste Lohn für die Arbeit“, sagt Werling. Und das erklärt auch, warum die Digitalisierung im Projekt kein Selbstzweck ist. Ein technisch perfekter Film allein erzählt noch keine Ortsgeschichte. Erst die Informationen der Menschen machen aus den Bildern historische Dokumente. Dabei geht es um Wissen, das mit jeder Generation schwieriger zu bekommen ist. Wer sich heute noch daran erinnert, welcher Verein 1964 auf einem Foto zu sehen ist oder wer bei einer bestimmten Veranstaltung dabei war, kann diese Information weitergeben. Später könnte dieses Wissen verloren sein.
Der Heimatverein versucht deshalb, Erinnerungen zu sichern, solange es die Menschen gibt, die sie erzählen können.
Heimatverein engagiert sich seit 1999 - vielfältige Projekte
„Hatzenbühl damals & digital“ steht zugleich in einer langen Tradition. Den Heimatverein Hatzenbühl gibt es seit 1999. Gründungsvater war Franz Wünstel, der in den Anfangsjahren zahlreiche Projekte anstieß. Dazu gehörten unter anderem Themen wie Tabakanbau, Getreideernte, eine historische Hochzeit oder die „Strääselmache“. Bei der Gründungsversammlung wurde Norbert Werling zum ersten Vorsitzenden gewählt. Seit 2002 steht Helmut Metz an der Spitze des Vereins. Heute hat der Heimatverein mehr als 100 Mitglieder und beschäftigt sich auf vielfältige Weise mit der Geschichte und dem kulturellen Leben des Ortes.
Eine Handwerkergruppe restauriert beispielsweise historische Gerätschaften und Maschinen. Der Singkreis bewahrt alte Lieder und bringt sie bei Auftritten wieder zu Gehör. Bei den „Babbelowende“ werden alte Fotos und Filme gemeinsam betrachtet und Erinnerungen ausgetauscht.
- Geballtes Engagement - die aktuelle Vorstandschaft des Hatzenbühler Heimatvereins, mit Helmut Metz als Vorstand.
- Foto: August Werling/frei
- hochgeladen von Heike Schwitalla
Auch der Hatzenbühler Dialekt ist inzwischen Gegenstand der Vereinsarbeit. Die neue Dialektwerkstatt möchte Sprachbeispiele, Kinderreime, Sprüche, Lieder und Geschichten sammeln. Geplant ist unter anderem eine Audiothek, in der der Dialekt für spätere Generationen festgehalten wird. Die Projekte haben unterschiedliche Schwerpunkte, folgen aber demselben Grundgedanken: Was zur Geschichte Hatzenbühls gehört, soll nicht verloren gehen.
Ein geschenktes VHS-Gerät hält das Projekt am Laufen
Für die Digitalisierung braucht es nicht nur Zeit, sondern auch entsprechende Geräte. Dass diese Arbeit überhaupt möglich ist, hängt deshalb teilweise auch von der Unterstützung aus der Bevölkerung ab. Werling hat das kürzlich selbst erlebt. „Die passende Technik findet sich manchmal auf ganz besondere Weise: Vor kurzem hat mir ein Bekannter sein altes VHS-Gerät geschenkt – mit den Worten, damit ich wieder „arbeitsfähig“ bin. Genau solche Gesten zeigen mir, dass unser Projekt von vielen Menschen mitgetragen wird.“ Das Beispiel passt zu einem Projekt, das selbst auf Mithilfe angewiesen ist. Der Heimatverein sammelt historische Filme, Fotos, Dokumente und persönliche Erinnerungsstücke. Gerade private Aufnahmen können dabei besonders wertvoll sein, weil sie den Alltag zeigen, der in offiziellen Archiven häufig fehlt.
20 bis 30 Stunden Ehrenamt in der Woche
Hinter den wenigen Minuten Film, die später in der Dorf-App zu sehen sind, steckt teilweise ein erheblicher Zeitaufwand. Hubert Werling sagt: „Der zeitliche Aufwand für mein Ehrenamt ist sehr unterschiedlich und hängt stark von den jeweiligen Projekten ab. Gerade in den Wintermonaten kann es durchaus vorkommen, dass ich 20 bis 30 Stunden pro Woche mit Digitalisierung, Filmschnitt, Recherche und Aufarbeitung verbringe. Auch die Unterstützung und der Teamgeist innerhalb unseres Heimatvereins treiben mich immer wieder an. Gemeinsam bewahren wir Erinnerungen, die sonst vielleicht verloren gingen.“
Die Arbeit umfasst dabei weit mehr als das Überspielen alter Kassetten. Material muss gesichtet, sortiert und technisch bearbeitet werden. Anschließend folgt die historische Recherche. Namen und Orte müssen geklärt werden, bevor aus den einzelnen Sequenzen ein veröffentlichungsfähiger Beitrag entsteht. Und manchmal beginnt die Recherche nach der Veröffentlichung wieder von vorne.
Ehrenamt zwischen Technik, Geschichte und Heimat
Für Hubert Werling ist die Arbeit deshalb längst zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden. Auf die Frage, was ihm das Iehrenamtliche Engagement persönlich bedeute, antwortet er mit tiefster Überzeugung: „Für mich ist das Ehrenamt längst mehr als ein Hobby: Es ist die Verbindung von Technik, Geschichte, Heimat und den Menschen, die Hatzenbühl zu dem machen, was es ist.“
Genau diese Verbindung macht „Hatzenbühl damals & digital“ aus. Das Projekt bewahrt nicht nur altes Filmmaterial vor dem Verfall. Es bringt Menschen miteinander ins Gespräch, macht Geschichte für jüngere Generationen zugänglich und gibt älteren Menschen die Möglichkeit, ihr Wissen weiterzugeben. Aus einer Super-8-Aufnahme wird ein Film. Aus einem Film wird eine Erinnerung. Aus einer Erinnerung wird eine Geschichte. Und aus vielen Geschichten entsteht ein digitales Gedächtnis des Dorfes.
Jetzt geht es um den Deutschen Engagementpreis
Mit dem Gewinn des rheinland-pfälzischen Ideenwettbewerbs hat der Heimatverein den nächsten Schritt geschafft. „Hatzenbühl damals & digital“ ist für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Die öffentliche Abstimmung soll nach Angaben des Heimatvereins voraussichtlich Mitte bis Ende September beginnen.
Für den Heimatverein wäre eine gute Platzierung mehr als eine Auszeichnung. Sie wäre auch eine Anerkennung für die vielen Menschen, die ihre alten Filme und Fotos zur Verfügung stellen, Namen nennen, Geschichten erzählen, recherchieren, digitalisieren und archivieren. Denn das digitale Dorfgedächtnis gehört am Ende nicht einem Einzelnen. Es entsteht aus den Erinnerungen vieler Hatzenbühler.
Und vielleicht liegt irgendwo noch eine alte Filmrolle oder VHS-Kassette, deren Geschichte bislang niemand kennt. Ein Stück Hatzenbühl, das nur darauf wartet, wieder entdeckt zu werden.
- Das gezeichnete Logo des Projektes "Hatzenbühl damals und digital"
- Foto: Norbert Werling/frei
- hochgeladen von Heike Schwitalla
Engagement macht stark
„Das geht uns alle an!“ ist eine Initiative des Bundesverbandes kostenloser Wochenzeitungen. Das Ehrenamt ist eine wichtige Stütze unserer Gesellschaft. Deshalb präsentiert der Bundesverband kostenloser Wochenzeitungen (BVDA) seit Jahren bundesweit die „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ - in diesem Jahr von 11. bis 20. September.
Die Wochenblätter, die Stadtanzeiger und der Trifelskurier der SÜWE sind jährlich mit Artikeln aus den Lokalredaktionen beteiligt, um das Ehrenamt an der Basis zu unterstützen.
Autor:Heike Schwitalla aus Germersheim |
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