ERNA – Ein ganzes Leben auf der Bühne
Dramödical begeistert Worms
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WENN EIN LEBEN ZUR BÜHNE WIRD„ERNA – Wer schreibt, der bleibt!“:
Dramödical Worms erzählt von einem Jahrhundert Leben, einer Stadt und der Kraft der Erinnerung
Am 18. September feierte „ERNA – Wer schreibt, der bleibt!“, das neue Stück von Dramödical Worms, beim SV Horchheim Premiere. Und es wurde einer dieser seltenen Theaterabende, die weit mehr hinterlassen als nur die Erinnerung an eine gelungene Aufführung.
Schon vor Beginn ist zu spüren, mit wie viel Herzblut hier gearbeitet wird.
Die vergleichsweise kleine Spielstätte ist bis auf den letzten Platz gefüllt, draußen empfangen liebevoll dekorierte Tische und herbstlicher Schmuck die Gäste. Die Begrüßung ist herzlich, die Atmosphäre warm und beinahe familiär.
Es gibt Theaterabende, die unterhalten. Es gibt welche, die berühren. Andere bringen uns zum Lachen oder lassen uns nachdenklich werden. Und dann gibt es diese außergewöhnlichen Abende, die all das miteinander vereinen.
„ERNA – Wer schreibt, der bleibt!“ war genau so ein Abend.
Geschichte und Gegenwart, Humor und Ernsthaftigkeit, ausgelassenes Lachen und jene stillen Momente, die einem tief unter die Haut gehen – all das fand ganz selbstverständlich zusammen. Dazu Schauspiel, Gesang, Tanz und Live-Musik, Wormser Mundart und eine Lebensgeschichte, die fast ein ganzes Jahrhundert umspannt.
Und vor allem war es eines:
grandios.
Denn Dramödical nimmt sein Publikum mit auf eine Reise durch fast hundert Jahre, durch die Geschichte einer Stadt und durch das außergewöhnliche Leben einer Frau.
Dabei hat Erna nie wirklich gelebt. Und doch wirkt ihr Leben erstaunlich wahr. In ihr findet sich so vieles wieder, was Menschen dieser Generation tatsächlich erlebt haben: Kindheit und Aufbruch, Krieg und Zerstörung, Wiederaufbau und gesellschaftlicher Wandel, Liebe und Verlust, Emanzipation, Freundschaft und die Kraft, immer wieder weiterzumachen.
Aus einem fiktiven Leben wird gelebte Zeitgeschichte.
Schon in den ersten Momenten entsteht jene besondere Verbindung zwischen Bühne und Publikum, die für einen gelungenen Theaterabend so wichtig ist. Die Nähe ist unmittelbar spürbar – aufmerksam, gespannt und voller Erwartung folgt der Saal dem Geschehen.
EIN ABSCHIED, MIT DEM ALLES BEGINNT
Die Handlung beginnt in der Gegenwart.Erna ist kurz vor ihrem 100. Geburtstag gestorben. Doch ihre langjährigen Freunde und Mitbewohner wollen diesen besonderen Tag nicht einfach verstreichen lassen. Alles ist vorbereitet, um das Leben dieser außergewöhnlichen Frau trotzdem zu feiern.
Nun warten sie auf Erna.
Genauer gesagt: auf ihre Urne.
Als sie gebracht wird, findet sie ihren Platz auf einem runden Tisch.
Erst jetzt beginnen die Menschen, die Erna nahestanden, zu erzählen. Von gemeinsamen Erlebnissen, ihren Eigenheiten, ihren Reisen, ihrer Lebenslust und all jenen kleinen Begebenheiten, die einen Menschen manchmal viel besser beschreiben als die großen Daten eines Lebens.
Und während sie erzählen, geschieht auf der Bühne etwas Wunderschönes:
Erna wird wieder lebendig.
Eine Erinnerung führt zur nächsten. Gegenwart und Vergangenheit verweben sich miteinander, einzelne Szenen führen durch Ernas Leben und zugleich durch fast ein Jahrhundert Wormser Zeitgeschichte.
CHARLIE CHAPLIN EROBERT DEN SAAL
Die Reise führt zunächst zurück in die goldenen Zwanziger – und gleich zu einem der Höhepunkte des Abends.Die Bambini erobern als kleine Charlie Chaplins die Bühne und innerhalb weniger Augenblicke die Herzen des Publikums. Mit ihren Kostümen, Bewegungen und ihrer Choreografie sind sie schlicht bezaubernd. Begeisterter Applaus, rhythmisches Mitklatschen – der Saal ist hingerissen.
Dann übernehmen die älteren Nachwuchstänzerinnen und -tänzer die Bühne. Immer wieder zeigt sich, wie selbstverständlich Dramödical Schauspiel, Tanz und Musik miteinander verbindet.
Die Choreografien begeistern, die Gesangseinlagen reißen mit, die Live-Band gibt dem Geschehen zusätzliche Energie.
Und dann sind da diese Schauspielerinnen und Schauspieler: teilweise zum Niederknien komisch. Mimik, Timing und Spielfreude sorgen dafür, dass manchmal schon ein Blick, ein Satz oder ein einziges Wort genügt, um den ganzen Saal zum Lachen zu bringen.
Dazu die Wormser „Muddersprooch“ – pointiert, warmherzig und wunderbar trocken:
„Die Arwadd is kän Frosch, die hupst net fort.“
Manche Sätze sollte man einfach nicht ins Hochdeutsche übersetzen.
ERNAS LEBEN – UND EIN JAHRHUNDERT WORMS
Wir begegnen Ernas Familie, erleben ihre behütete Kindheit und zugleich das Worms jener Zeit. Die Lederindustrie prägt die Stadt, Stenografie und Schreibmaschine stehen für eine sich verändernde Arbeitswelt.
Erna geht ihren eigenen Weg.
Sie macht Karriere und wird Chefsekretärin – für eine Frau ihrer Generation alles andere als selbstverständlich.
Selbstständig, neugierig und unangepasst ist sie ihrer Zeit in vielem voraus.
Ein Satz bringt diese Haltung auf den Punkt:
„Als Frau muss man taff sein.“
Erna war es.
Dann legt sich der Schatten der deutschen Geschichte über ihr Leben. Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, der Ton verändert sich, das Lachen verstummt.
Besonders eindringlich wird der 21. Februar 1945, als Worms durch einen verheerenden Luftangriff schwer zerstört wird. Historische Fotografien zeigen die Stadt vor dem Krieg und danach.
Hier entfaltet das Stück eine seiner größten Stärken: Die Vergangenheit bleibt nicht Vergangenheit.
Immer wieder entstehen Brücken in unsere Gegenwart.
Aus der Erinnerung an Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung wird die eindringliche Botschaft:
„Nie wieder ist jetzt.“
Auch der Blick über den Atlantik gehört dazu. Donald Trump wird in einem bissigen und zugleich eindringlichen Lied aufgegriffen. Dramödical verbindet Humor mit Haltung – und gerade diese Brückenschläge zwischen damals und heute gehören zu den stärksten Momenten des Abends.
ZWISCHEN LACHEN UND VERLUST
Nach dem Krieg geht das Leben weiter. Erna hilft beim Wiederaufbau – und besitzt ein besonderes Talent: Sie kann Geschichten erzählen.
Mit den Handpuppen „Äffschepäffsche“ und „Hosseschuss“ entstehen einige der urkomischsten Szenen des Abends.
Mit herrlich kindlich verfremdeten Stimmen bringen sie den Saal zum Lachen.
Und dann kommt die Liebe.
Lieder wie „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ und „Schöner fremder Mann“ begleiten Ernas Weg. Selbst Elvis Presleys „Love Me Tender“ findet seinen Weg in die Pfalz – natürlich pfälzisch vertont.
Doch Ernas Leben kennt auch tiefen Verlust. John kehrt aus dem Vietnamkrieg nicht zurück. Erna fällt in eine schwere Krise, aus der ihre Mutter sie ausgerechnet mithilfe jener Puppen herauszuholen versucht, mit denen Erna selbst anderen Freude bereitet hat.
Gerade noch wurde gelacht.
Jetzt wird es still.
Ein Leben hält sich nicht an Genres.
Und Dramödical versteht es meisterhaft, genau diese Gegensätze nebeneinander bestehen zu lassen.
ERNA SCHREIBT SICH INS LEBEN ZURÜCK
Erna findet zurück und entdeckt ein weiteres Talent: das Schreiben.
Unter dem Pseudonym Audrey Summer verfasst sie Liebesromane und wird Honorarschreiberin bei Bastei Lübbe. Dass irgendwann ihre bislang wohlgehüteten „Schmuddelromane“ ans Licht kommen, gehört wiederum zu den herrlich komischen Momenten des Stücks.
Doch dahinter steht eine bemerkenswerte Frau:
Sie schreibt, verdient ihr eigenes Geld, reist, engagiert sich und hilft mit den Erlösen ihrer Romane Kindern.
Als die Zeitreise schließlich in die Siebzigerjahre führt, dreht Dramödical noch einmal richtig auf.
Flower Power hält Einzug. „San Francisco“ erklingt, Janis Joplin lässt grüßen. Schlammbowle, Toast Hawaii und Haschkekse sorgen für Gelächter, „Atomkraft? Nein danke“ gehört ebenso zum Zeitkolorit wie das gepflegte Gammeln in der Hippiekommune.
Erna blieb ledig und hatte keine eigenen Kinder. Doch sie hatte ihre Mutter und ihre Freunde, die für sie längst zur Familie geworden waren. Aus langjährigen Freundschaften entstand schließlich eine Wohngemeinschaft – ganz im Geist jener Jahre, in denen traditionelle Lebensentwürfe zunehmend infrage gestellt und neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden.
Und einmal mehr wird deutlich: Erna war ihrer Zeit in vielem voraus – und vermutlich die coolste Hippiebraut von Worms.
WAS VON EINEM LEBEN BLEIBT
Immer wieder kehrt das Stück in die Gegenwart zurück: zur Urne, zu Ernas Freunden und zu ihrer Wahlenkelin.Sie erzählen von Ernas Reisen, vom Heimkommen, von einem „Schlicksche Erdbeerwoi“, von Freundschaft und von Familie, die nicht immer etwas mit Verwandtschaft zu tun haben muss.Und von einer wunderbar einfachen Erkenntnis:
„Dehäm ist Dehäm.“
In diesen wenigen Worten steckt plötzlich ein ganzes Leben.
Und nun bekommt auch der runde Tisch, auf dem Ernas Urne steht, eine besondere Bedeutung. Neben ihr liegt ihr letztes Buch – ihr Lebenswerk, die Geschichte ihres eigenen Lebens, die sie gegen Ende ihres Lebens niedergeschrieben hat. Rund 100.000 Exemplare werden davon verkauft.
Aus der geplanten Geburtstagsfeier ist längst eine Liebeserklärung an Erna geworden. Doch mit ihrem Tod endet ihre Geschichte nicht.
Denn die 'Enkeltochter', für die Erna immer auch ihre geliebte „Lese-Oma“ war, übernimmt das Erbe ihrer Wahlgroßmutter.
Sie schreibt weiter.
Vielleicht steckt genau darin das Geheimnis des Titels:
Wer schreibt, der bleibt.
Wer erzählt, wird nicht vergessen. Wer Erinnerungen weitergibt, hinterlässt Spuren.
UND DANN STEHT DER GANZE SAAL
Zum Schluss steht das gesamte Ensemble auf der Bühne.Nach fast hundert Jahren Erna. Nach Charlie Chaplin, Krieg und Wiederaufbau, Liebe und Verlust, Karriere und Liebesromanen, Elvis, Flower Power, Schlammbowle und Erdbeerwein.
Und dann erklingt
„Liebe siegt“– jene Mutmachhymne, die Dramödical seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine begleitet.
Nach allem, was dieser Abend erzählt hat, bekommt dieses Lied eine besondere Kraft.
Liebe siegt.
Dann hält es das Publikum nicht mehr auf den Stühlen.
Stehende Ovationen. Tosender Applaus.
Doch die Begeisterung begann nicht erst beim Schlussapplaus. Sie war den ganzen Abend zu spüren – beim Szenenapplaus, beim rhythmischen Mitklatschen, beim herzhaften Lachen und in jenen Momenten, in denen es im Saal plötzlich ganz still wurde.
Was die beiden Autorinnen Mechthild Vogel und Sandra Hoh mit Dramödical Worms geschaffen haben, ist weit mehr als eine gelungene Premiere.
„ERNA – Wer schreibt, der bleibt!“ erzählt eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt und dabei nie den Menschen aus dem Blick verliert. Mit viel Feingefühl verbinden die beiden Autorinnen Wormser Zeitgeschichte mit einer berührenden Lebensgeschichte – und schlagen immer wieder die Brücke in unsere Gegenwart.
Dazu ein Ensemble voller Spielfreude und Leidenschaft: großartige Tanzgruppen, bezaubernde Bambini, mitreißender tänzerischer Nachwuchs, Gesang, Live-Band, starke Texte und die Wormser Mundart.
Über allem steht das spürbare Herzblut eines ganzen Ensembles.
Man war berührt und nachdenklich, manches ging sehr nahe. Vor allem aber beeindruckte, wie selbstverständlich all die unterschiedlichen Facetten dieses Abends zu einem großen Ganzen zusammenfanden.
Vielleicht ist genau das seine schönste Botschaft:
Ein Leben kann schwer sein. Es kann uns etwas nehmen und uns zu Boden werfen. Aber es darf trotzdem gelacht, geliebt, getanzt, geschrieben und weitergemacht werden.
Dass die Begeisterung für Dramödical längst vor der Premiere riesig war, zeigt schon der Vorverkauf: Rund 1.500 Tickets für die neue Produktion waren innerhalb von gerade einmal 23 Minuten vergriffen.
Und die Geschichte geht weiter: Im September 2027 zieht Dramödical Worms für zwei Aufführungen in die „guud Stubb“ der Stadt – ins Wormser Theater.
Kultur braucht vielleicht nicht immer die größte Bühne, aber manchmal hat sie eine verdient. Und dieses Ensemble wird sie zum Leuchten bringen.
Autor:M. S. aus Frankenthal |
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