Vor 150 Jahren: Reichsgründung 1871
Blut und Eisen

Bild von Anton von Werner: Krönung des Deutschen Kaisers im Spiegelsaal Versailles war für die Franzosen eine ungeheure Provokation
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Reichsgründung. Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Reich gegründet. Spätestens seit der Französischen Revolution hatten viele Deutsche – grade auch in der Pfalz - einen deutschen Nationalstaat herbeigesehnt. 1832 feierte man hier das Hambacher Fest und forderte einen deutschen Staat, mit Verfassung und Bürgerrechten. Wie es oft mit Träumen ist: wenn sie Realität werden, ist diese in der Regel nicht so schön, wie man sie sich erträumt hat. Geträumt hatte man von einem Reich als Demokratie und Rechtsstaat mit Österreich, der sogenannten großdeutschen Lösung. Der neue Staat war aber nur die sogenannte kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung ohne Österreich und die Rechte für Bürger und Parlament waren im Deutschen Kaiserreich sehr begrenzt. Und wie es der preußische Ministerpräsident und spätere Deutsche Kanzler Otto von Bismarck bereits 1862 angekündigt hatte, führten nicht Reden und Debatten zur Reichsgründung, sondern Handeln mit „Blut und Eisen“.

Einigungskriege führen zur Reichsgründung

Und so führten, wie von Bismarck prophezeit, drei Kriege, die sogenannten Einigungskriege, zur Reichgründung am 1. Januar 1871: 1864 kämpfte im Deutsch-Dänischen Krieg Preußen mit Österreich gegen Dänemark, was eine erste patriotische Stimmung im späteren Deutschen Kaiserreich entfachte. Im Deutschen Krieg kämpften 1866 Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Mit der Schlacht von Königgrätz gewann Preußen den Krieg und die Vorherrschaft über die deutschen Staaten. Der Deutsch-Französische Krieg schließlich führte zur Reichsgründung 1871 – unter Preußischer Führung und nach den Plänen des Eisernen Kanzlers Bismarck. Über 500 Denkmäler, häufig sogenannte Bismarck-Türme wurden im Reich zur Erinnerung an den Kanzler der Einheit errichtet. Immer hatte Bismarck die Situationen und die Stimmungen geschickt genutzt, um die Kriege anzuzetteln und schließlich das Deutsches Kaiserreich unter Führung Preußens zu erreichen.
Der Deutsch-Französische Krieg begann im Sommer 1870 in der Pfalz. Die Armeen der deutschen Allianz aus Preußen und den süddeutschen Staaten sammelten sich hier nach der Kriegserklärung Frankreichs. Und am 2. August griffen deutsche Truppen von Schweigen und Rechtenbach aus Weißenburg an und nahmen es ein. Zwei Tage später gewannen die Deutschen auch die Schlacht bei Wörth im Elsass. Beide Schlachten waren aus militärischer Sicht eigentlich nicht notwendig und führten zu hohen Verlusten. Alleine in der Schlacht bei Wörth starben über 10.000 deutsche Soldaten, auf französischer Seite waren es 8.000 Soldaten. Das waren mehr Soldaten als im gesamten Deutschen Krieg gefallen waren. Propagandistisch waren diese Siege jedoch wertvoll auf dem Weg zur Gründung des Kaiserreichs. Der Oberkommandierende der Dritten deutschen Armee, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, sprach von einem „großen, aber blutigen Sieg“. Einen Monat später wurde nach der Schlacht von Sedan am 2. September der französische Kaiser Napoleon III. festgenommen - bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war der Sedantag ein Feiertag im Kaiserreich und in jeder Stadt im Reich erinnerte eine Sedanstraße an diesen Sieg. Doch bedeutete der Sieg von Sedan noch nicht das Ende des Krieges, wie die deutsche Seite dachte, sondern das Parlament in Paris setzte ihn kurzerhand ab. Die dritte Republik wurde ausgerufen und weiter gekämpft bis Ende Februar 1871.

Kaiserproklamation in Versailles macht Reichsgründung perfekt

Aber Bismarck nutzte jetzt die nationalistische Stimmung, um die Reichgründung vorzubereiten. Im Dezember beschlossen Reichstag und Bundestag die Verfassung für das Kaiserreich. Formal bestand das Deutsche Reich mit dem Inkrafttreten der Verfassung am 1. Januar 1871. Es war eigentlich eine Erweiterung des Norddeutschen Bundes um die Süddeutschen Staaten unter preußischer Führung. Dabei wurden den süddeutschen Staaten einige wenig bedeutende Privilegien zugestanden. Am 16. April 1871 wurde eine so geänderte Verfassung, die sogenannte "Bismarcksche Reichsverfassung" verabschiedet, die dann am 4. Mai 1871 rückwirkend zum 1. Januar in Kraft trat und die Reichsgründung perfekt machte. Die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles war ein weiterer Schritt zur Gründung des Kaiserreichs, rechtlich eigentlich irrelevant, aber eine ungeheure Provokation für Frankreich.
Bezeichnender Weise war auch nur Militär und Adel bei der Proklamation des Preußischen Königs zum Deutschen Kaiser anwesend und kein einziger Abgeordneter des Parlaments. Die Kaiserproklamation als symbolischer Akt zur Reichsgründung 1871 war eine recht kurze und unprosaische Veranstaltung. Nach einem kurzen Gottesdienst hatte der Großherzog von Baden ein Hoch auf „Seine Majestät, Kaiser Wilhelm“ ausgerufen, um den verfassungsgemäßen Titel „Deutscher Kaiser“ zu vermeiden. Die süddeutschen Staaten, allen voran Bayern, waren um ihre Eigenständigkeit und Legitimität in dem neuen Reich bedacht. Der preußische König war wenig begeistert. Denn zum einen fühlte Wilhelm sich Preußen sehr viel näher als dem neu gegründeten Deutschen Reich. Zum anderen wäre dem preußischen König der Titel "Kaiser von Deutschland" lieber gewesen, aber Bismarck hatte "Deutscher Kaiser" hinter seinem Rücken durchgesetzt.

Folgen der Reichsgründung

Auch die Annexion Elsass-Lothringens durch das Deutsche Kaiserreich verziehen uns unsere französischen Nachbarn nicht. Beides sollte im Fortgang der Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen. Denn es führte nach dem Ersten Weltkrieg zu der unnachgiebigen Haltung Frankreichs gegenüber dem Deutschen Reich und den harten Bedingungen des Versailler Vertrags, der in eben jenem Spiegelsaal unterzeichnet wurde, in dem gut 50 Jahre zuvor mit der Proklamation des Deutschen Kaisers das Deutsche Kaiserreich gegründet worden war.
Nach der Deutschen Revolution 1848 hatte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone, die ihm die Abgeordneten des Paulskirchenparlaments angeboten hatte, wirsch zurückgewiesen und die Konterrevolution eingeleitet. Bei der Reichgründung 1871 wurde sie ihm von den deutschen Fürsten angedient. Da konnte er sie nicht zurückweisen. Dies symbolisiert den Charakter des neu gegründeten Kaiserreichs. Es war eine Reichsgründung der Fürsten und der Staat ein preußischer Obrigkeitsstaat. Auch wenn sich der Reichstag im Laufe der Jahre eine größere Bedeutung im politischen System des Deutschen Reichs erarbeitet hatte, blieb das Deutsche Kaiserreich doch weit von dem entfernt, was wir heute parlamentarische Demokratie nennen. Und dieser Charakter des Staates sollte die Geschichte des Reiches über den Ersten Weltkrieg hinaus bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland beeinflussen. rk

Autor:

Dehäm Magazin aus Ludwigshafen

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