• 16. April 2018, 14:41 Uhr
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Leben für die Leidenschaft oder "Die Reise nach Barbizon"
Stille und Lärm im Auge der Kunst

Das Auge des "Cyclop" von Jean Tinguely. Foto: Kling
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Das Auge des "Cyclop" von Jean Tinguely. Foto: Kling

Pirmasens/Barbizon. Für die Kunst leben, sich nicht von den Erwartungen der (Pariser) Gesellschaft verbiegen lassen. Was gibt es schöneres, als der Großstadt den Rücken zu kehren und eins zu werden mit der unverfälschten Natur von Fontainebleau. Der Aussteiger hat endlich die Möglichkeit, sich seinen Leidenschaften zu widmen und Werke zu schaffen, die unvergänglich sind und die gleichzeitig auch visionäre Weitblicke schenken. Das Leben in seinen vielen Facetten, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft sind in einem bunten Mosaik, erleben die Mitglieder des Kunstvereins Pirmasens bei der „Reise nach Barbizon“.Die kleine Gemeinde mit der großen Vergangenheit liegt behäbig in der blassen Frühlingssonne. Von Alltagsstress keine Spur, im Atelier von Jean-Francois Millet (1814 bis 1875) scheint die Zeit stillzustehen. Er gehört zu den Malern der so genannten „Schule von Barbizon“, einem Freundeskreis von Künstlern. Mit im Bundes auch Theodore Rousseau, Charles-Francois Daubigny oder Max Liebermann. Ihnen steht eine gemütliche Pension, die „Auberge Ganne“ zur Verfügung, wo noch heute der gedeckte Tisch von der „hohen Kunst“ des stilvollen Tafelns zeugt. Überall Gemälde der Gäste, an Wänden und Schränken, die den eher schlichten Räumlichkeiten Lebendigkeit verleihen und von schönen Stunden im Kreise der Freunde erzählen.
Ihre Motive finden die Künstler rund um Barbizon, am und im Wald von Fontainebleau. Nicht nur die Landschaft, auch der reizvolle Wechsel der Jahreszeiten mit den unterschiedlichen Lichtreflexen, über ihre Faszination auf den beharrlichen Beobachter aus. Die Malerclique in Barbizon hat sich auf den Weg des Impressionismus gemacht. Dank einer Innovation, der Ölfarbe in der Tube, bietet sich die Möglichkeit „sur le motif“ zu arbeiten, vom Blick auf die Natur direkt auf die Leinwand.
Millet, bekannt für gesellschaftskritische Werke, die man oberflächlich mit dem Leitgedanken der Zeit „bete und arbeite“ umschreiben kann, hat sich 1849 auf den Weg von Paris nach Barbizon gemacht. Er will den Anforderungen der Gesellschaft, die ihn nur zu gerne in eine „Schublade“ stecken möchte, entkommen. Kunsthistorikerin Anne Touchet formuliert es so: „Er wollte für seine Kunst leben und dazu gehörte mehr als nur die Malerei“. In der dörflichen Abgeschiedenheit und dem harten Alltag der Bewohner führt er seine Studien durch und zeigt die andere Seite der Medaille. Arbeiterinnen, die ihren Lebensunterhalt mit Knochenjobs auf den Felder bestreiten. Es sind poetische Bilder von einer stillen Schönheit. Zu seinen Bewunderern gehört auch Max Liebermann, der ihn kurz vor seinem Tod 1874 besuchte.
Es ist eine reine Männergesellschaft in Barbizon, wo Malerinnen keinen Platz finden. Lediglich als Modelle sind Frauen in dieser Clique geduldet. Sie können damit ihren Lebensunterhalt etwas aufbessern. Aber im Gegenzug ist „ihr guter Ruf dahin“, so Anne Touchet. „Vielleicht“, so mutmaßt sie, „hätten die Maler auch weibliche Kolleginnen akzeptiert, aber das Sagen hatte die Pariser Gesellschaft, die rein maskulin geprägt war“. Dass sich die Künstler in einer freien Landschaft, in einer Dorfidylle, losgelöst von den Zwängen wohler fühlen, ist deshalb nur zu begreiflich. So findet Barbizon überall im Land Nachahmer.
Noch heute ist im Atelier von Jean-Francois Millet die Stille und die heitere Gelassenheit spürbar, die dem umtriebigen Menschen von heute mit seiner Abhängigkeit von Facebook und Co. völlig abgeht. Vor den Fenstern spielt sich das beschauliche Leben an. Auf der anderen Seite ein kleiner Garten mit Obstbäumen, der einst Gemüse hervorgebracht hat.
In den Straßen von Barbizon locken in den eher winzigen Läden Fromage, Baguette, kleine Pasteten mit Meeresfrüchten, geräucherte Würste, daneben eine uralte Waage mit Skala und einem großen Zeiger, die noch heute ihre Dienste verrichtet.
Es geht weiter in den Wald von Milly-la-Foret. Inmitten von Bäumen ein riesiges Auge, das unablässig die Umgebung beobachtet. Es ist der „Cyclop“ von Jean Tinguely (1925 bis 1991), ein Kunstwerk, das er in jahrelanger Arbeit gemeinsam mit seiner Frau Niki de Saint Phalle erschuf. Die gigantische Plastik mit einer Höhe von 22 Metern, bestehend aus 350 Tonnen Stahl, wurde 1994 eingeweiht. Es ist ein Ungetüm, dessen Körper mit seinen unzähligen Spiegeln Eindrücke vermittelt, die das gebrochene Verhältnis des Menschen zur Natur dokumentiert. Im Innern steht die Welt auf dem Kopf, erklingt die Melodie des eigenen Lebens und geht es hoch hinauf, dann erwacht der Koloss zum Leben. Das Ungetüm fängt an zu rattern. Es rumst, es stöhnt, es verbreitet Lärm, der sich teilweise ins Unerträgliche steigert. Und plötzlich kehrt Ruhe ein unter den zart grün belaubten Bäumen.
Nun ist es Zeit, aus der Tiefe des Waldes, wo mittlerweile Regen das Auge des Cyclop wie Tränen verschleiert, die Reise fortzusetzen.
Nächste Station ist ein winzig kleines Gotteshaus, gefüllt mit einer heiteren Atmosphäre, wo eine Katze entlang der Mauer huscht, als suche sie Trost unter dem Schutz von Arnika, Eisenkraut und Minze. Die Gemälde in der Kapelle Saint-Blaise-des-Simples stammen von Jean Cocteau, der hier neben einer Reliquie des Heiligen Blasius auch seine letzte Ruhe gefunden hat.
Von den Malern aus Barbizon zu einem Schriftsteller, dessen Gedichte als Hauptwerk des Symbolismus gelten und der sich durch seine Freundschaft mit Edouard Manet mit dem Impressionismus auseinandersetzt. Der Besuch im Haus von Stéphane Mallarmé (1842 bis 1898) in Vulaines sur Seine ist wie ein Nach Hausekommen. Blühende Bäume, der Fluss, der vorbeiplätschert, eine gemütliche Liege, das karierte Schultertuch, der Tisch mit den vielen Beinen, der von fröhlichen Runde bei Wein und Zigaretten erzählt, das Schlafzimmer der schönen Tochter – es sind Zeugnisse eines erfüllten Lebens, das auch durch den frühen Tod der Schwester sowie des Sohnes geprägt war. Im Flur hinter Glas ein eher primitives Kunstwerk von Gaugin, ein Geschenk als Dank für gute Werbung. Es ist eine Frau mit mehreren Gesichtern, von Mallarme liebevoll „meine Holzscheite“ gab betitelt.
Die Reise nach Barbizon, die mit der Besichtigung des Château de Fontainebleu begonnen hat, geht in Vulaines sur Seine zu Ende. Kleine Kostbarkeiten haben sich zu einer Erinnerungskette zusammengefügt, geschickt eingefädelt von Sigrun Lehr, der zweiten Vorsitzenden des Kunstvereins Pirmasens. Dank ihres „Talentes“ hat nun jeder der 29 Teilnehmer ein kostbares Souvenir erhalten. (ak)

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