Neuer Ball-Almanach folgt den Spuren von Dada
„Anti-Kunst“ liefert agitatorische Munition

Literarische Vielfalt: Im Vordergrund ein Teil der bisher erschienen Almanach-Folgen, bearbeitet von Dr. Eckhard Faul (rechts im Bild mit der neuen Ausgabe). Links OB Dr. Bernhard Matheis. Foto: Kling
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  • Literarische Vielfalt: Im Vordergrund ein Teil der bisher erschienen Almanach-Folgen, bearbeitet von Dr. Eckhard Faul (rechts im Bild mit der neuen Ausgabe). Links OB Dr. Bernhard Matheis. Foto: Kling
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Pirmasens. Lesestoff der besonderen Art bietet die neue Folge 9 des Hugo-Ball-Almanach, die schon ein wenig Vorfreude weckt auf „Nummer 10“. Die sei schon in Bearbeitung verrät Dr. Eckhard Faul, der die Redaktion verantwortet. Lob spendet Oberbürgermeister Dr. Bernhard Matheis für die Kontinuität, jedes Jahr ein neues Werk über den gebürtigen Pirmasenser herauszubringen, das auch für „Ball-Nichtkenner“ interessante Beiträge bietet. In der aktuellen Ausgabe mit dem originellen Titelbild, das eine Performance von Werner Koch zeigt, gibt es so spannende Themen wie „Dadas Platz in der Musikgeschichte“ oder „Zauberei, Magie und okkultes Gedankengut“. Nachzuschlagen sind auch die Reden anlässlich der Verleihung des 10. Hugo-Ball-Preises an Ann Cotten und Philipp Felsch. „Zu diesem Anlass fanden viele Publizisten den Weg nach Pirmasens. Dazu gehören auch die beiden Laudatoren, die auf hohem Niveau arbeiten und dafür ausgezeichnet wurden“, so Dr. Faul. So wurde Marion Poschmann, die die Rede auf Ann Cotten hielt, 2017 mit dem Düsseldorfer und dieses Jahr mit dem Berliner Literaturpreis geehrt. Für Eckhard Faul sind solche Kunstschaffenden „Multiplikatoren“.
Neugierig machen Almanach-Beiträge wie „Die beste Lilienmilchseife der Welt oder das ungelöste Rätsel des Begriffes Dada“ von Karl Piberhofer, von dem der Film „Dada - Hugo Ball - Der Buchstabenkönig“ stammt, der letztes Jahr zu Balls 90. Geburtstag im Walhalla-Kino gezeigt wurde. Was im Cabaret Voltaire in Zürich los ist, schildert Adrian Notz, der auch einige Performancekünstler hier begrüßen konnte.
Blicken wir zurück ins Jahr 2016, als (fast) die ganze Welt den 100. Geburtstag der „Dada“-Bewegung feierte. Diesem Ereignis trägt Dr. Faust mit einigen Artikeln Rechnung. So folgt Oliver Ruf den „Dekonstruierenden Spuren“ des Dada in der Musikgeschichte. Die „Anti-Kunst“ lieferte so manchem Songschreiber „gedankliche, künstlerische und agitatorische Munition“, meint der Autor. Was „Verse ohne Worte“ oder Lautgedichte für Ball bedeuteten, beschreibt Hans Burkhard Schlichting in seinem Artikel und zitiert den Schriftsteller: „Man soll nicht zu viel Worte aufkommen lassen. Ein Vers ist die Gelegenheit, allen Schmutz abzutun. Ich wollte die Sprache hier selber fallen lassen…“
Zwei Autorinnen, Thekla Dörler und Ann-Marie Riesner, haben sich in ihren jeweiligen Texten mit der „Geburt des Dadaismus aus dem Geiste des Okkultismus“ und „Zinnoberzack, Zeter und Mordio“ mit den mystischen Aspekten im Werk Hugo Balls beschäftigt. Man denke nur an den Auftritt des gebürtigen Pirmasensers als „magischer Bischof“ im Cabaret Voltiare in Zürich am 23. Juni 1916. Womit wir wieder beim Titelbild sind, das diese Szene zeigt. Die Performance in einer Größe von 1,80/1,00 Meter, hat der Künstler Werner Koch der Ball-Gesellschaft geschenkt. Derzeit schlummert das Werk (Digitaldruck, Ölstift auf Fotoleinen) aus dem Jahr 2015 noch im Archiv. Doch OB Matheis will sich dafür einsetzen, es bei größeren Events unter bestimmten Schutz- und Sicherungsvorkehrungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Zitat, mit dem das Coverbild im Almanach überschrieben ist, stammt von Hugo Ball, der beim Besuch der neunjährigen Tochter Annemarie von Emmi Hennings im Cabaret Voltaire gesagt hat: „Wir begrüßen das Kind in der Kunst und im Leben“, erläutert Eckhard Faul.
Hugo Ball, der Katholik, der mit seinem „Henker“ die Kirchenoberen erzürnte, die ihm letztendlich aber verziehen und Oskar Panizza, der protestantische „Kampf-Schriftsteller“, der es sich mit Klerus und Kaiserreich durch seine Polemik verdarb und zum Schluss in einer Münchner Heilanstalt starb, stellt Hans Dieter Zimmermann in seinem Beitrag gegenüber: „Zwei unterschiedliche Charaktere und doch auch wieder mit Ähnlichkeiten in ihren Bestrebungen“. Für den Autor, Vorsitzender der Ball-Gesellschaft, steht fest: Ball und Panizza, die zwar zwei verschiedenen Generationen angehören, einte eine Gemeinsamkeit: „Sie blieben einsame Rufer“.
Nicht nur Panizza kommt im neuen Almanach zu Wort. Bernhard Rusch hat sich Franz Jung ausgewählt, dessen Bedeutung nach Meinung von Dr. Faul für die Dada-Bewegung unterschätzt wird. 1888 in Oberschlesien geboren, verfasste er als Aufständischer inhaftiert „revolutionäre“ Dramen und Erzählungen. Jung betrieb in Russland eine Zündholzfabrik, war Spion, Kriegsberichterstatter, Versicherungsmakler in Budapest, arbeitete im Schweizer Bankensektor und verdiente sein Geld als Kuchenbäcker. Dramatisch seine Lebensgeschichte, die von seinem politischen Engagement für die kommunistische Partei, seiner Alkoholsucht und seiner Art, jeden vor den Kopf zu stoßen – einschließlich seiner eigenen Frau, geprägt war. Sein Sohn Peter sagte einmal über ihn: „Ich glaube meine Mutter wusste, dass mein Vater ein Zerstörer war“. Trotz KZ, Lagerhaft nach dem Krieg und Antriebsschwäche fand er den Willen zum Überleben und wanderte in die USA aus. Jung starb 1962 in Stuttgart.
Ein Referat über „Dada – die beste Lilienmilchseife der Welt“ und eine lebendige Schilderung einschließlich schwarz/weiß-Bilder aus dem Cabaret Voltaire sowie Rezensionen machen den Almanach zu einem „Lesebuch der fantastischen Art“. Herausgegeben in einer Auflage von 500 Stück im Verlag „edition text+kritik“, München, ISBN 978-3-869 16-672-8, kostet die Broschüre 19 Euro. Sie ist 192 Seiten stark, etwas dünner als die Vorgänger, weil kurz vor Redaktionsschluss drei Absagen bei Dr. Eckhard Faul eintrudelten. (ak)

Literarische Vielfalt: Im Vordergrund ein Teil der bisher erschienen Almanach-Folgen, bearbeitet von Dr. Eckhard Faul (rechts im Bild mit der neuen Ausgabe). Links OB Dr. Bernhard Matheis. Foto: Kling
Preisträgerin 2017 wurde Ann Cotten, die von OB Matheis die Urkunde überreicht bekam. Foto: Kling

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