Früher in der Vorstadt

Was hat sich nicht alles verändert in unserer Welt! Der technische Fortschritt rast von einer Superlative zur nächsten, und dies gereicht nicht immer zum Segen der Menschheit.

Ich möchte mal die kleinen Veränderungen betrachten, die sich in meiner Welt seit meiner Kindheit verändert haben. Ich denke da an den Teil der Talstraße in der ich aufgewachsen bin. Und am besten gelingt mir das wahrscheinlich, wenn ich mich an die „Ladenwelt“ dort zu erinnern versuche. Ich werde in der Klausengasse beginnen, und dies bis zur Seilerbahn durchführen. Es ist eine relativ kurze Strecke, und es ist überraschend, was es dort alles an „Geschäften fürs Alltägliche“ gegeben hatte.

Mir fällt zuerst die Bäckerei Schlieper ein, die sich in dem Haus Klausengasse 45 befand. Wenn ich als Kind alleine in den Laden ging hatte ich meist nur den einen Wunsch: „en Weck un e Ripp Schuklad!“ Die Schokolade drückte man dann in das Brötchen hinein, und es schmeckte. Damals waren die Kinder noch bescheiden… Nicht weit von der Bäckerei entfernt war ein Milchgeschäft in der Talstraße 25. Dazu fällt mir aber nichts ein, außer dass es dort irgendwann einen kleinen Skandal gab, der den Inhaber zum aufgeben Zwang. Ich weiß um was es dabei ging, möchte das aber hier nicht verbreiten.

Übrigens, zwischen der Bäckerei Schlieper und dem Milchgeschäft standen damals noch einige kleine Häuser, die die Klausengasse optisch von der Talstraße trennte. Ende der 1960iger Jahre wurden diese Häuschen abgerissen. „Schiff“ wurde diese Häuserensemble genannt, weil es eben eine ähnliche Form wie ein Schiff hatte.

Wenige Meter weiter verkaufte ein gewisser Gottlob Willem sein Mineralwasser namens „GOWINA“. Ich konnte es nicht trinken, es schmeckte mir zu salzig. Und im Eckhaus zur Arndtstraße befand sich ein kleiner Getränkeladen, von dem sich mein Großvater mit Wein, und wir Kinder mit Limonade versorgten.

Gegenüber der Arndtstraße befanden sich die Einfahrten zur „Spedition Nenninger“. Wir Kinder benutzten dieses Gelände immer als Abkürzung, wenn wir auf den Spielplatz wollten, den es damals noch am Speyerbach gab. Es war uns eigentlich Verboten durch die Spedition zu flitzen, und das aus gutem Grund: Wie sollte man vom großen LKW aus kleine Kinder erkennen? Für uns Kinder war das eher ein Nervenkitzel, weil immer die Gefahr des erwischt Werdens bestand. Die Spedition hatte auch noch ein Pferdegespann, an der ich mich noch sehr gut erinnere. Auch an dessen dramatisches Ende.

Ich wohnte in der damaligen Talstraße 46. Genau gegenüber diesem Haus befand sich eine kleine Schuhmacherei. Das war im Haus Talstraße 41, das heute noch steht aber aussieht, als würde es jeden Augenblick zusammenfallen. Damals, war dort wie gesagt, eine Schuhmacherei. Aber ich habe alles andere als gute Erinnerungen an den Schuhmacher und seiner Frau! Die Werkstatt war düster, ebenso wie der Schuhmacher und seine Frau. Ständig jagten sie uns vor dem Haus weg, notfalls auch durchaus schon mal mit einem Eimer voll Wasser.

In der Talstraße 51 war der Gemüseladen der „Tante Pichel“. „Wonn de klää luscht hot uffen Zunke Trauwe, soller sich enner wegnemme“, rief diese gutmütige Frau. Und wenn sie nichts zu tun hatte stand sie vor ihrer Ladentür, die Hände unter ihrer Schürze verschränkt, neben sich ihren Hund Nelly, einem Schnauzer, der immer nach der Hand zu schnappen versuchte, wenn ich ihn mal streicheln wollte.

In der Talstraße 51 (?) befand sich eine kleine Metzgerei, die meine Mutter aber nie betreten wollte, weil sie den kleinen Laden für zu schmutzig hielt. Ob das wirklich der Fall war, weiß ich nicht.

Im Haus Nummer 53, also gleich neben „Donde Pischl“ (kann übrigens auch Pichler oder so ähnlich geheißen haben), befand sich die Unfallpraxis Dr. Maurer. Wir Kinder nannten ihn Dr. Gipser, weil aus diesem Haus immer Leute heraustraten, die einen Gipsarm hatten. Ich selbst allerdings auch einmal, nachdem ich mir in den Rücken meiner linken Hand gesägt hatte, und sie Dr. Maurer deswegen nähen musste.

An der Ecke Talstraße/ Ludwigstraße, gab es den Kolonialwarenladen Czerny. Man kann den Namen dort heute noch sehen. Dort bekam man einfach alles: von Schnittkäse, die Herr Czerny mit einer altertümlichen,handbedienten Schneidemaschine vom Käselaib abschnitt, Schinken, mit der gleichen Schneidemaschine geschnitten, Zucker, Waschpulver usw., bis zu Mückenfänger, die damals in fast jeder Küche hingen. Die Ladentheke war wuchtig und groß. Dahinter, an der Wand waren Regale und Schubladen für alles Mögliche. Herr Czerny und seine Frau waren zu Kindern immer sehr nett: „ noch e Gutsel zum lutsche fer de Hämwesch?“

Gegenüber vom Czerny befand sich im Eckhaus zur Gipsergasse, eine Wirtschaft, die damals von den Eltern eines Klassenkameraden von mir betrieben wurde. Leider habe ich keine spezielle Erinnerung an diese Wirtschaft. Aber eine sehr gute Erinnerung habe ich an die Bäckerei gegenüber in der Talstraße 55. Dort war früher der Bäcker Krämer. „Isch will fer zeh Penning Himbeergutsle hawwe!“ Und die wurden dann aus einer der Glasgefäße herausgefischt und in kleine Papiertütchen verpackt. Ich liebte Himbeerbonbons!

Da, wo sich die Ludwigstraße mit der Talstraße verbindet, gab es die „Talapotheke“. Sie wurde glaube ich, von Herr und Frau von Schem (oder so ähnlich) geführt. Ich erinnere mich nur genau daran, dass die Inhaber „von“ waren und Herr „von“ immer in der Apotheke Zigarren rauchte.

Neben dem Bäcker Krämer befand sich nochmal ein Obst und Gemüseladen. Das war in der Talstraße 61. Und weiter hinten in Talrichtung noch das Gasthaus „zur Talpost“, wo mein Opa immer „Leberknödel mit Kraut“ gegessen hatte.

Alle diese Lädchen, die Spedition, die Talpost gibt es nicht mehr. Nur da, wo das unrühmliche Milchgeschäft war, befindet sich heute ein Dönerladen. Was in der Wirtschaft an der Ecke zur Gipsergasse heute ist,weiß ich nicht genau. Und neben der Bäckerei Schlieper gab es noch die „Metzgerei Schmitt“, „e stiggel Flääschwoscht fer de Klä?“, und schräg gegenüber die „Metzgerei Hinkel“: „noch was dann bitte?“, fragte Frau Hinkel nach jedem Kundenwunsch. Und Richtung Kohlplatz gab es noch eine Milchladen, wo wir Kinder uns immer für wenig Geld einen Becher frische, kalte Milch holen konnten, wenn wir vom Toben auf dem Spielplatz erhitzt und erschöpft waren. „ awwer trinkts net so schnell schunscht gibt’s Bauchweh!“, der Inhaber war fürsorglich. Und auf den Sitzbänken des Spielplatzes saßen unsere Mütter, hatten ein Auge auf ihre Kinder und „ratschten“!

Jürgen Hammann

Autor:

Jürgen Hammann aus Neustadt/Weinstraße

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