BriMel unterwegs
Theater CARNIVORE Open Air in den Weinbergen
- Fünf Akteure mit top schauspielerischen Leistungen
- Foto: Johann-Peter Melder
- hochgeladen von Brigitte Melder
Neustadt/Weinstraße. Die Wanderbühne Carnivore ist auf Tournee und darin war auch Neustadt-Hambach am 12. Juni in der Andergasse 38 beim Weingut Müller-Kern enthalten. Also große Freude, dass man für diese tolle Schauspieltruppe nicht so weit bis nach Heidelberg und noch weiter fahren musste. Das Theater hatte auf dem großen Wohnmobil-Parkplatz (wurde zu diesem Zweck für „Womos“ gesperrt) seine Zelte aufgeschlagen oder besser seinen Anhänger. Vornedran als Requisiten eine recht kleine Bühne und darauf ein Tisch, ein simpler Tisch, der jedoch vielseitig verwendet wurde. Unglaublich, was man mit einem Tisch so alles anstellen kann. Gleich angrenzend die Weinberge und einen spektakulären Blick auf das Hambacher Schloss und der Sonnenuntergang nahte. Besser geht nicht!
Die Wanderbühne Theater „Carnivore“ wurde vor genau 10 Jahren gegründet. 2019 hat Florian Kaiser den ersten Antrag für ein Hölzerlips-Projekt geschrieben. Damals sollte es ein Stück ohne Sprache werden und Sprachgrenzen überwinden. Nun hat sich dieser Gedanke der Zugänglichkeit noch einmal gewandelt. Es sollte ein Text werden, der auch als reines Hörstück wirkt. Herausgekommen ist dabei so etwas wie eine Erzählung mit Rahmenhandlung, die in ihren Metaphern bebildert und gleichzeitig spielend bebildert wird.
Das Publikum hatte es sich auf Bänken gemütlich gemacht, sich vielleicht vorher noch im Weingut mit Getränken versorgt. Jacken und Pullover für später lagen bereit und nun konnte es losgehen.
Vier junge Schauspieler*innen traten vor, unter ihnen der Regisseur Florian Kaiser, der als Uraufführung das Stück „Hölzerlips“ heute hier präsentierte. Inklusive einer Pause dauerte das Stück 2 Stunden mit anschließendem Zusammensein.
Presseinhalt: Durch die Verkettung unglücklicher Umstände fällt Hölzerlips aus seinem bürgerlichen Leben. In seiner Not beginnt er ein Räuberleben, entdeckt die Kraft dessen, der nichts mehr zu verlieren hat und wird ein Odenwald-Desperado. Er erlebt Freiheit und verliert alles, auch sein Leben. Ein Schauspiel und ein Tanz auf einen dramatischen Text, der Erzählung und Bildbeschreibung ist. Mit der Frage, wie sich so ein Leben im frühen 19. Jahrhundert angefühlt haben mag. Und was können wir heute noch darüber sagen, was sehen wir und was nicht? Und wie gehen wir mit dem Nichtsehen um? Um sicher zu gehen, funktioniert der Text auch als integrative Audiodeskription für Menschen, die mehr hören als sehen. Und er macht erfahrbar, was ohnehin niemand sehen kann.
Mitglieder des höchst beeindruckenden Ensembles mit Performance und Spiel: Marlies Bestehorn, Florian Kaiser, Kerstin Kiefer, David Kwiek und Markus Schultz
Die Hauptrolle hatte der Haßlocher Schauspieler Markus Schultz, der mit Haut und Haaren in seine Rolle schlüpfte; er lebte diese Figur des Hölzerlips.
Wir sahen verbotene Dinge, die geheimen Dinge und alle trugen Schwarz. Der 1,87 Meter große Regisseur Florian Kaiser saß müden Blickes auf seinem Stuhl und erwartet das Urteil. Dieser Mann ist der Autor und das Ergebnis eines Experimentes, denn bis heute sollte es eigentlich ein Stummfilm werden. Es wurde also eine Sprache und wir befanden uns im Kopf von Hölzerlips. Da Stück wurde von William Blake im Jahre 1803 in seinen „Auguries of Innocence“ geschrieben, 9 Jahre bevor Hölzerlips in Heidelberg enthauptet wurde. Grob zusammengefasst: Manche haben Glück, andere überhaupt nicht! Übernächstes Jahr würde Georg Philipp Lang, genannt Hölzerlips, 250 Jahre alt werden. Er war ein Räuber, der mit seinen Gefährten durch die Region um den Odenwald streifte. Der Name Hölzerlips setzt sich zusammen aus „Hölzer“ für seinen Handel mit Holzwaren und Lips als Kurzform von Philipp. Der Name Hölzerlips findet sich heute auch bei Buchhandlungen, Wirtshäusern und alkoholischen Getränken entlang der Bergstraße und im Odenwald wieder. Mit ihm verbindet man Freiheit und Räuberromantik. Er lebte sein ganzes Leben in Armut und schon von klein auf erlebte er diese mit seinen vagabundierenden Eltern. Er wurde Räuber und versuchte, seine Frau und Kinder zu ernähren. 1811 überfiel er zusammen mit seinen Gefährten an der Bergstraße zwischen Hemsbach und Laudenbach eine Postkutsche. Sie raubten zwei reisende Kaufleute aus, wobei einer der beiden sein Leben verlor. Darauf folgten Flucht, Gefangenschaft und schließlich seine Enthauptung 1812 in Heidelberg.
Unglaublich wie viel Text die Protagonisten lernen mussten und zweifellos steckte in ihnen eine schauspielerische Basis, die man heute hier bestens erkennen konnte.
Florian Kaiser gründete 2015 die Wanderbühne Carnivore. Seine Ausbildung zum Schauspieler erhält er in Besancon (Frankreich) und in Berlin. In dem heutigen Stück hatte er aber nur eine kleine Rolle.
Der Tänzer Mr. Quick aka Davied Kwiek zeigte zwischendurch seine grandiose Beweglichkeit in Popping und Locking, wofür er sogar den Weltmeistertitel errang und zahlreiche urbane Tanzbattles. Als Tänzer arbeitete er für das Nationaltheater und das Kurpfälzische Kammerorchester in Mannheim.
Marlies Bestehorn studierte an der Akademie für Schauspielkunst Stuttgart und der Theaterakademie Stuttgart. In Rottweil spielte sie am Zimmertheater.
Kerstin Kiefer absolvierte ihre Ausbildung an der Theaterakademie Mannheim. Sie spielte u. a. am Heidelberger Stadttheater, am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen, am Theater Felina-Areal Mannheim, am Theaterhaus G7 Mannheim und am Theater Chawwerusch.
Markus Schultz war noch während der Schauspielausbildung an der Theaterakademie Mannheim als Gast am dortigen Nationaltheater sowie am Theater Heidelberg engagiert, Seit 2011 arbeitet er als Sprecher und Synchronsprecher für Hörspiele.
Marcela Snáselová hat Modedesign, Szenografie und Medienkunst studiert. Am Nationaltheater Mannheim entwarf sie die Kostüme für mehrere Stücke.
Nora Abdel Rahman schreibt als freie Journalistin über Theater, Tanz und Performance-Kunst und ist als Dozentin für Literatur in der Erwachsenenbildung tätig.
Das Leben des „Hölzerlip“ wurde äußerst lebhaft, mit viel Mimik und Gestik dargestellt. Markus Schultz musste zudem akrobatisch agieren, unter dem Tisch, über dem Tisch, entlang des Tisches, manchmal sah man nur ein Gewirr von Beinen und Armen. Sein Kopf kam ihm vor wie ein Klotz. Minimalistisches Equipment und große Schauspielkunst wurden geboten! Großer Applaus für das Ensemble, das die Gäste sozusagen zum gemeinsamen Abendmahl einlud mit Brot und Wein, alternativ Saft.
Bitte schauen Sie sich die vielen Fotos an, mit denen man das Schauspiel Revue passieren lassen kann.
Tourdaten und weitere Infos unter www.wanderbuehne.com (mel)
Autor:Brigitte Melder aus Böhl-Iggelheim |
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