Zwischen Starkregen und Jahrhundertflut: Aktueller Hochwasserschutz
- Für Heidelberg erreichte das Hochwasser 2024 einen der höchsten Pegel seit eh und je. Der Neckar führte die Wassermassen aus Bayern und Schwaben weiter. Dort sprach man in vielen Ortschaften von einem Extremhochwasser, einer Jahrhundertflut. Ein Mensch erlebt ein Extremhochwasser mit einer Wahrscheinlichkeit von 8 Prozent.
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Ludwigshafen. Ahrtal, Kopenhagen, Dortmund, Nürnberg: Überflutungen durch Starkregen nehmen zu. Auch Ludwigshafen erlebte in den vergangenen Jahren immer wieder Wolkenbrüche, zuletzt im Sommer 2024, als in einigen Kellern das Wasser stand. Gleichzeitig bleibt ein mögliches Rheinhochwasser eine latente Gefahr.
Von Julia Glöckner
„Starkregen ist schlecht prognostizierbar und zufällig“, erklärte Umweltbereichsleiter Rainer Ritthaler beim Vortrag über Hochwasserschutz im Otto-Braun-Museum. „Die Stadt liegt umgeben von Rheinauen und ist latent gefährdet, wie sich an der Jahrhundertflut 1882 zeigte.“ Zudem führen Rehbach und Isenach bei Starkregen viel Wasser zu.
Das Rekordhochwasser mit 9,77 Metern 1882/83, das durch zwei Deichbrüche am Neckar und am Frankenthaler Kanal zustande kam, prägte den Hochwasserschutz in Ludwigshafen und Rheinland-Pfalz. „Mit der Rheinbegradigung hatte man Land gewonnen, aber auch Menschen ins Risiko geschickt, was mit der Katastrophe erst deutlich wurde.“ Käme es erneut zu einer Jahrhundertflut durch einen Deichbruch, würde das Wasser auch in Hemshof, Friesenheim und Oppau sowie in der gesamten Frankenthaler Terrasse stehen.
Nach 1882 passte man den Schutz an die Jahrhundertflut von 1882 an, was einem Rückhalt von rund 5000 Kubikmetern pro Sekunde entspricht. Ab 1955, als das Wasser erneut einen Pegel von 8,50 Metern erreichte, baute man die Deiche aus und erhöhte die Auflast nach hinten, um sich vor Unterspülung und Bruch zu wappnen. 1991 wurden sie in der Höhe angepasst, um eine Überspülung auszuschließen. Das Schutzniveau von 9,77 Metern soll durchgängig erreicht werden. „Die Areale um das Ostasieninstitut und die Rheinbrücke liegen am tiefsten und werden durch Dammbalken geschützt. Ab 7,20 Metern sind die im Einsatz“, erklärte Ritthaler.
- Pegel Worms im Juni 2024
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Weitere Pläne geschmiedet
Berechnungen aus dem Jahr 1977 ergaben, dass durch den Rheinausbau bei Iffezheim "2090 Millionen Kubikmeter Wasserrückhalteraum" verloren ging. Seitdem hat man die Zusammenarbeit beim Hochwasserschutz intensiviert. Gemeinsame Verträge zwischen den Ländern Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg und Frankreich sehen weitere Polder und Retentionsflächen vor. „Der Polder in Altrip ist noch im Verfahren. Man geht davon aus, dass er kommt, es bis zum Baubeginn aber noch einige Jahre dauern wird. Im Rechtssystem ist das so vorgesehen“, sagte Ritthaler.
Bislang sei kein 100-jähriges Ereignis mehr aufgetreten. Scheinbar liege man mit dem Hochwasserschutz richtig, denn entlang der BASF und des Rheins sichert er uns bislang, erklärte er. Beim Jahrhunderthochwasser wären Lebens- und Wohnbereiche von 400.000 Menschen betroffen. Am Rand der Frankenthaler Terrasse, in Siedlungen in der Senke und durch Grundwasseranstieg gibt es bei Extremereignissen dennoch Überflutungen in Kellern und Straßen. „Es ist für 100.000 Menschen wichtig, dass wir weiterhin am Hochwasserschutz arbeiten und versuchen, Sicherheit herzustellen.“ Man setze auf Deiche und Rückhalteräume am Oberlauf.
Die BASF legte nach 1882 die Produktionsanlagen über den möglichen Spiegel bei Extremhochwasser, um den Austritt von Gefahrgut ins Wasser zu verhindern.
Aktuell wird die Lücke im Dammbalkensystem vom Hafen bis zur Drehbrücke verlängert, wo es bereits Hochwasserschutzmauern gibt. Auch die Deichkrone im Hafenbereich wird erhöht. Das Schutzniveau von 9,77 Metern soll durchgängig erreicht werden.
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Renaturierungen um Binnengewässer
2003 gab es Niederschläge von bis zu 500 Litern pro Quadratmeter. Die Frankenthaler Terrasse zwischen Edigheim und Notwende reagierte sehr empfindlich, unter anderem mit Grundwasseranstieg.
In Ruchheim sowie auf der Parkinsel kann bei Hochwässern Druckwasser ein großes Thema sein, wenn die Wassermassen das Grundwasser nach oben in die Keller drücken. In den Sammelschächten für Druckwasser werden seit 2001 Pumpen installiert, die dafür sorgen, dass das Grundwasser auf einem gewissen Niveau bleibt. „Überschüssiges“ Wasser aus diesem Entwässerungsgebiet um Ruchheim und Teilen des Kreises wird anhand von Rohren übergeleitet in den Rehbach, über die sogenannte Südspange. 2027 sollen die Rohre verlegt sein. Aus dem Rehbach-Polder kann ein Pumpwerk am Kieferschwer-Weiher-Ufer wiederum 12 Kubikmeter pro Sekunde in den Rhein pumpen, damit die Senke durch zusätzlich zugeführtes Wasser nicht überflutet wird.
Allein in der Rheinniederung, also der Aue zwischen Edigheim und Notwende, sind Rückhalteräume für 100.000 Kubikmeter Wasser bereits geplant. Denn hier kommt Wasser aus der Stadtkanalisation an. „Die Renaturierungen entlang der Binnengewässer laufen bereits seit den 1980er-Jahren. Wir stehen erst am Anfang des dritten Bauabschnitts“, sagte Ritthaler. Grund sei vor allem, dass betroffene Grundstücke in Privatbesitz sind. Die Polder für den Rehbach sind von der B9 aus zu sehen, die auch Rheingönheim bei Hochwasser vor Überflutung schützen. Reicht der Polder nicht aus, könnte man im Notfall Wasser in den Katastrophenpolder Hanhofen pumpen. Der Norddeich wird nun erneuert und erhöht.
In Rheingönheim gab es mehrere Überflutungen auf der Fußgönheimer und der Mutterstädter Straße. Ein barrierefreier Neubau war zuletzt betroffen. Das Wasser konnte auch durch Lichtschächte und Fenster dringen. Für Kanalgrößen gibt es Bemessungsregeln. Für außergewöhnliche Starkregenereignisse, die etwa alle 20 Jahre auftreten, kann man die Kanalisation nicht auslegen. „Das bräuchte also Eigenvorsorge der Bürger“, sagte Ritthaler. Der WBL berät dazu kostenlos. Auch in anderen Stadtteilen können häufiger werdende extreme Regenereignisse Straßen überfluten. jg
- Hochwasser auf dem Parkplatz eines Supermarkts in Waldsee im Herbst 2025.
- Foto: Brigitte Melder
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Weitere Informationen:
Die Ausstellung „Von der Jahrhundertflut zum aktuellen Hochwasserschutz“ im Otto-Braun-Museum läuft noch bis zum 29. März.
Sonntag, 1. März, 15 Uhr: Vortrag „Katastrophenschutz ist unsere Arbeit – das THW“;
Samstag, 21. März, 14 Uhr: Entdeckungstour über die Parkinsel Ludwigshafen; Anmeldung an 3Auwald@gmail.com
oder telefonisch unter 06233 3004109;
Sonntag, 29. März: 15 Uhr: Kinderworkshop zum Rheingold & Führung; 16 Uhr: Finissage.
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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