Städte am Fluss: Stadtumbau am Wasser gilt als Initialzündung
- Vor allem rund ums Rheinufer, weiße Haus, Rheingalerie und Kornspeicher ist noch Raum für neue Nutzungen.
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Ludwigshafen/Frankfurt. Flüsse hatten schon immer eine prägende Bedeutung für Städte. In der Industrialisierung wurden die Ufer durch Häfen und Fabriken verbaut. Mit ihrem Wegzug seit den 90ern sollen sie vielerorts eine neue und große Rolle im Stadtbild bekommen, die Citys beleben, während der Einzelhandel abnimmt.
Von Julia Glöckner
Die meisten Städte wollen mit Orten zum Verweilen, Feiern, Sport ihre Flussufer zu Plätzen mit Magnetwirkung machen. In alten Hafenstädten wie Ludwigshafen und Duisburg haben Hafen- und Industrieanlagen längst ihre Funktion verloren, sind Hafenpromenaden und Uferbebauung gewichen. Städte wie Frankfurt und Stuttgart müssen ihre Ufer erst neu erschaffen, wo heute noch Straßen, Schienen, Gewerbegebiete liegen.
Vorreiter Siegen: Abriss der Siegplatte war wesentlich für weitere Entwicklung
Der Wandel zur Stadt am Fluss kann eine Initialzündung sein. In der Stadt Siegen zwang vor 13 Jahren noch die Siegplatte den Fluss in ein Betonkleid. Sie bot 200 Parkplätze, bevor die Stadt sie abreißen ließ und das Ufer durch Treppen erlebbar machte. Inzwischen kommen tagaus tagein hunderte Studenten und Gäste ans naturnah gestaltete Flussbett. Drumherum haben sich florierende Gastronomie, Handel, angesagte Büros entwickelt. Für Siegen war die Transformation des Flusses essentiell für die weitere Stadtentwicklung.
Gewinnerprojekt Neckarinsel: Die neuen Stadtmacher
Mit der Leipzig Charta 2020 definierte die EU neue Ziele für Stadtentwicklung. Eine bedeutende Neuausrichtung: Städte sollen direkte Formen der Zusammenarbeit mit Bürgern erproben. Bürger können so eigene Projekte anstoßen und umsetzen, sogenannte Stadtmacher werden. Die Verwaltungen helfen beim Ausloten rechtlicher Möglichkeiten sowie bei der Umsetzung.
Der Stuttgarter Verein Neckarinsel erarbeitete im engen Austausch mit der Stadt eine neue Nutzung für die Zwischenmole. Wer als Tourist oder Einheimischer die „Insel“ sonntags betreten will, kann zwischen Wassersportattraktionen und Museum wählen. Der Verein ließ Container auf die Insel verschiffen. Sie werden als Forschungsstation und Orte der Wissensvermittlung genutzt: Ausstellungen und Events schärfen den Blick von Besuchern für die Bedeutung der Binnenschifffahrt in der Klima- und Energiekrise, für den richtigen Umgang mit der knappen Ressource Wasser. Auch der Bau von Wehren und Dämmen beim Hochwasserschutz wird beleuchtet sowie fürs Speichern von Wasser in nassen Jahreszeiten, damit es in niederschlagsarmen Hitzesommern verfügbar ist. Gäste können die Flusslandschaft auch vom Kanu oder Stand-Up-Paddelboard aus erkunden. "Der Verein besteht aus 35 Ehrenamtlern, die die Insel für 6 Stunden an jedem dritten Sonntag öffnen. Er wird von der Stadt Stuttgart gefördert. Für unser Inselbüro arbeitet ein Team aus 7 Personen, davon 3 in Teilzeit und 4 Mini-Jobber", erklärt Vereinsmitglied Tim Schafforczik. "Der Verein hat das Ziel, die Zukunft einer lebenswerten Stadt am Fluss mitzugestalten. Auf der Insel können Gäste Teil des Wandels werden."
Handel nimmt ab: Ufer mit Aufenthaltsqualität sollen locken
Die „Neckarinsel“ gehört zu den Gewinnerprojekten der Stadtimpulse, einem Wettbewerb des Bundesbauministeriums. Dabei entwickeln Stadtentwickler, Planer und Bürger Neunutzungen für Orte in Citynähe, die das Potenzial haben, von anderen Städten kopiert zu werden. Statistiken zeigen: Zwar ist der Einzelhandel nach wie vor wichtigster Grund für den Stadtzentrumsbesuch. Doch der Leerstand nimmt überall zu. Bedeutung gewinnen dagegen Gastronomie, Sport und Freizeitstätten. Zentren brauchen also weitere Angebote, damit Menschen sich dort treffen und sie nicht veröden. "Flüsse spielen eine entscheidende Rolle in der Zukunft von lebenswerten Städten, denn sie bieten Abkühlung und Naherholungsqualität", sagt Schafforczik.
Die Neckarinsel ist ein winziges Puzzleteil des städtebaulichen Masterplans „Erlebnisraum Neckar“, mit dem ganze Areale und Quartiere von der City bis Bad Cannstadt umgebaut werden. Jahrzehntelang wuchs Gewerbe am Fluss, der in Stuttgart immer noch als Standortfaktor gilt. Ganze Quartiere sollen sich nun von Gewerbegebieten zu Mischgebieten mit Wohnen wandeln, mit attraktiven kurzen Wegen für Radler und Fußgänger. So wird etwa das Quartier gegenüber dem Inselbad umgebaut zu neuen Wohnformen, die sogenannten private und semi-private Räume schaffen: Multihalle, Handel und Gastronomie im EG sowie Kultur sorgen dafür, dass die Nachbarschaft zusammenwächst. Das gesamte Neckartal soll als zusammengedachte Flusslandschaft eine Aufwertung erfahren. Das noch prosperierende Gewerbe wird gestapelt. Ausgediente Hallen und Industriebauten bleiben als Bestand erhalten und werden umgenutzt, damit sie zusammen mit Industriedenkmälern für eine raue Industrieromantik am Fluss sorgen.
Mainkai in Frankfurt wird zum Experimentierfeld
Das Stadtentwicklungskonzept für die Innenstadt zielt auf mehr Aufenthaltsqualität durch Freizeitangebote. Trotz Widerstand von Autofahrern und FDP machte die Stadt den breiten Mainkai zur verkehrsberuhigten Zone, gab ihn Fußgängern und Radlern zurück. Jahr für Jahr in den Sommerferien erproben Vereine, Organisationen, Initiativen als Stadtmacher neue Nutzungen auf Plätzen des Kais. Projektideen wie Basketball oder Partyevents lassen sich oft erst nach mehreren Testläufen verbessern und etablieren. Das Experimentierfeld verschafft Klarheit, was zum Selbstläufer werden könnte. Mit der geplanten städtebaulichen Umplanung des Kais wird Platz dafür frei.
„Der Landschaftsraum am Fluss trägt mitten in der Stadt spürbar zur Lebensqualität bei, lädt zum Entspannen ein und macht Frankfurt lebenswerter und nachhaltiger. Ohne brummenden Autoverkehr könnte sich der Mainkai langfristig in eine grüne Oase mit deutlich höherer Aufenthaltsqualität verwandeln – einen Vorgeschmack darauf haben wir in den letzten Sommern erlebt“, betont Tina Zapf-Rodríguez, Stadträtin für Klima, Umwelt und Frauen der Stadt Frankfurt am Main.
In vielen Städten gibt es bei Neunutzung noch Luft nach oben. Bleibt die Umnutzung bei Stadtmachern, haben Städte einen zuverlässigen Partner an der Hand und gehen sicher, dass sie nicht veröden. Wer für seine Stadt eine zündende Idee hat, kann Stadtmacher auch in Ludwigshafen werden. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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