Nicht jede Hochstraße wirkt verbindend und ist für Dachpark ausgelegt
- Industrieromantik und Natur im Hochbogenpark. Könnte so die Hochstraße aussehen?
- Foto: Stadt Rotterdam
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Ludwigshafen. Seit Jahren schwelt der Streit um den Abriss der Hochstraße Nord zwischen der Bürgerinitiative Lebenswertes Ludwigshafen und der Stadt. Wir befragen zu den Konfliktpunkten unabhängige Experten. Eine Bauingenieurin verrät uns: Nicht jede Hochstraße eignet sich für eine intensive Begrünung.
Von Julia Glöckner
Die Bürgerinitiative (BLL) will den Abriss der Hochstraße und den Bau der Kohl-Allee seit Jahren stoppen. Die Alternative, für die sie sich ausspricht: ein Dachpark nach dem Vorbild Rotterdam oder New York.
Es klingt wie ein Traum in einer Hitzenacht, wenn eine grüne Oase vor dem geistigen Auge erscheint: Die Stadt Rotterdam legt seit 2025 auf dem 2 Kilometer langen Eisenbahnviadukt, das vier Stadtteile durchzieht, einen intensiv begrünten Dachpark an. Er soll benachbarte Quartiere kühlen, Vogelgezwitscher in die Stadt bringen und Nachbarschaften verbinden. Denn wie die Hochstraße Nord trennte das Viadukt jahrzehntelang wie eine Schneise die Quartiere voneinander. Auf der begrünten Trasse entstehen Plätze für Spiel, Sport, Entspannung, Picknicks. Balkone ermöglichen auf Höhe der Baumkronen Ausblick auf Quartiere. In den nächsten Jahren werden Straßen um den Bahnhof Rotterdams entsiegelt und begrünt, sodass um das Viadukt ein vernetzter Grüngürtel entsteht.
- Ein Architekturstudent hielt für die BILL die visionäre Idee der begrünten Hochstraße Nord in einer Skizze fest.
- Foto: Bürgerinitiative Lebenswertes Ludwigshafen
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"Risiko für Bauteilverschleiß"
Ist das auf der Hochstraße Nord möglich? Die Brücke ist dafür nicht ausgelegt, erklärt ein Bauingenieur für Brückenbau, der bei der Errichtung der Hochstraße Nord bis 1981 in dem Ingenieurbüro arbeitete, das die Stadt damals beauftragte und der anonym bleiben will.
„Für eine intensive Begrünung mit Bäumen braucht es eine Schicht mit Substrat von einem Meter. Dieses muss Wasser für die Pflanzen speichern. Wo Begrünung ist, ist deshalb auch Wasser. Die alten Brücken, die in den 70ern und Anfang der 80er fertiggestellt wurden, haben oft nur eine ein Zentimeter dicke Betonschicht über dem Stahl. Heute weiß man, dass der Beton dort 5 Zentimeter dick sein muss, um den Stahl vor Wasser zu schützen. Dringt Wasser ein, bröckelt der Beton. Der Stahl rostet. Bei porösem Stahl nützt selbst das solideste Tragwerk nichts“, erklärt der Experte.
Auch die Abdichtungen, die aus Gummi bestehen, würden den Dachgarten zu einem Wagnisprojekt machen. „Zwar werden vor einer intensiven Begrünung mehrere Dämmschichten aufgetragen. Doch Wurzeln können sie beschädigen. Dreck setzt sich dann in Zwischenräumen fest und macht die Gummidichtungen porös. Werden sie beschädigt, dringt Feuchte ins Innere der Brücke, zum Beispiel in die Brückenkappen.“ Diese befestigen die Brückenränder und machen das Bauwerk erst sicher begehbar.
Eisenbahntrassen sind solider
Bei den bisher bebauten Brücken in New York und Rotterdam handelt es sich um Eisenbahntrassen. „Der Hochbogenpark erstreckt sich über einem Viadukt, das nicht nur aus Stahlbeton, sondern aus solidem Mauerwerk aus festem Granitstein besteht. Das macht den wesentlichen Unterschied zur reinen Stahlbetonkonstruktion der Hochstraße Nord. So ein Gemäuer ähnelt der Außenwand einer alten Burg: Die soliden Außenwände stehen im Pfälzerwald bis heute. Die Innenwände sind dagegen längst zerfallen. Die Hochstraße Nord würde der Witterung ohne Ertüchtigung nicht so lange standhalten.“
- Der Hochbogenpark ist auf einem Mauerwerk aus Granitstein und Stahlbeton angelegt.
- Foto: Stadt Rotterdam
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Ein großes Risiko sei, dass die Brücke nach der Begrünung nicht mehr zu ertüchtigen und auf Schäden zu prüfen sei. „Der Dachgarten überdeckt alles“, sagt er. Teile der Brücke könnten herunterfallen, was die darunter verlaufenden Plätze und Straßen verkehrsunsicher machte
Die geringsten Sorgen bereiten dem Ingenieur das Tragwerk, denn die Hochstraße ist für 17-Tonner ausgelegt. Doch auch dieses könnte angesichts des Gewichts einer intensiven Begrünung nicht ausreichend tragen. Mit Bäumen bepflanzt, erreichen diese eine Gewicht bis zu 1200 Kilo pro Quadratmeter. Dabei geht man maximal von einem Meter Substrat aus, das aufgetragen wird, damit die Bäume wurzeln können. „Nach dem Entwurf müsste man mehrere Meter auftragen, was unüblich ist. Die Begrünung mit einem Meter Substrat hätte schon in etwa das Gewicht, das die Trasse belasten würde, wenn auf ihr dauerhaft 17,5-Tonner im Stau stehen." Das würde die Hochstraße nur mit Ertüchtigungen im Abstand von 20 bis 50 Jahren aushalten, die die Begrünung unmöglich mache.
Der High Line Park in New York steht auf gegen Witterung behandeltem Stahl. Wäre das eine Alternative? Die Stahlkonstruktion ist extensiv begrünt, mit Sträuchern und Gräsern. Extensive Begrünung wirkt Hitze deutlich weniger stark entgegen und dämmt vor allem Innenräume auf Gebäudedächern. Beton und Kappen der Hochstraße würden sich weiterhin aufheizen und zurückstrahlen. "Diese Begrünung birgt viele der genannten Gefahren ebenso. Extensive Begrünung wäre möglich", erklärt der Experte. Stahl kann man besser gegen Witterung schützen, wenn er komplett frei liegt. Der Stahl der Hochstraße liege in Beton. Ingenieurtechnisch sei heute fast alles möglich, das bedeute jedoch nicht gleichzeitig, dass solche Projekte angesichts der Voraussetzungen nicht zu risikoreich und wirtschaftlich seien, sagt er.
Die Stelzenstraße bindet das Rheinufer an die Blies an sowie an das Schulzentrum. Sie könnte nicht wirklich stadtteilverbindend wirken. Bereits heute trennt sie Hemshof und Innenstadt und sorgt mit ihrem Erscheinungsbild mancherorts für Unorte. Hinzu kommt, dass es im Sommer auf der Betontrasse bis zu 45 Grad heiß wird. Auf Brücken wird es besonders heiß. Mit dem zunehmenden Hitzesommern könnte dies zur Gefahr werden, zumal Rettungssanitäter nicht schnell auf die Brücke kämen.
- Der High Line Park wurde nur intensiv begrünt und sollte eine neue, attraktive Nutzung für die alte Trasse schaffen.
- Foto: Brad Pict/stock.adobe.com
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Ausgeträumt? Mit dem Quartier City West wächst der Friedenspark um 9 Hektar, und entlang der Kohl-Allee und in der neuen Klimastraße werden Bäume gepflanzt. Blau-grüne Infrastrukturen, wie etwa durch Entsiegelung, gelten vor allem im ebenerdigen Straßenraum als zukunftsträchtig.
Nimmt der Verkehr mit den Jahren ab, kann auf der ebenerdigen Kohl-Allee, der Ersatzstraße für die Hochstraße, eine neue Bahntrasse entstehen, und Seitenstraßen zu Alleen werden. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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