70 Jahre Jahrhundertflut: Hochwasserschutz in Rhein-Anrainerstädten
- Pegelstand in Ludwigshafen am Rhein am 3. Juni 2024: 813 cm; Das Junihochwasser war kein Extremhochwasser in Ludwigshafen, sondern wurde als mittleres Hochwasser an der Grenze zum Extremereignis eingestuft.
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Ludwigshafen/Vorderpfalz. Das Jahrhunderthochwasser in Ludwigshafen von 1955 prägt bis heute den Hochwasserschutz in der Stadt. Polder und Deiche sollen künftig Millionen Menschen am Oberrhein schützen.
Im Januar 1955 stiegen die Rheinpegel in Ludwigshafen rasch stark an. Das Wasser stand in der Ludwigsstraße. Keller in der Innenstadt und im Hemshof liefen voll. Auch das BASF-Gelände in Oppau war großflächig überflutet.
Überspülungen der Hochwasserbarrieren blieben seitdem aus, kamen nur noch vereinzelt in Städten am Mittelrhein wie Köln 1995 vor. Der Rückgang der Rekordhochwasser am Rhein zeigen, was Polder leisten, Flächen, auf die Wasser bei Extrempegeln abgeleitet und zurückgehalten werden kann. Beim Junihochwasser 2024 standen die verantwortlichen Wasserwirtschaftsbehörden in beiden Ländern, SGD Süd in RLP und die Regierungspräsiden in BW kurz davor, einzelne Polder zu öffnen, was jedoch nicht erfolgen musste.
- Retentionsfläche in Karlsruhe: Bei hohen Rheinpegeln wird die Schleuse geöffnet , die dahinter liegenden Auen geflutet.
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Ludwigshafen ist besonders stark gefährdet
RLP gehört zu den Ländern, wo das Risiko von Hochwassern und Starkregen am größten ist. Es ist durchzogen von dicht besiedelten Flusslandschaften, die viele Nebenflüsse haben. Viele davon führen Wasser aus Mittel- und Hochgebirgen zu: Gefährliche Hochwasser im Rhein wurden bisher durch Alpenschneeschmelze oder starke Niederschläge im Voralpenraum ausgelöst. Anhaltende Regenfälle im Schwarzwald, Bayerischem Voralpenland und den Vogesen können Hochwasser künftig noch verschärfen.
Bislang zeichnete sich vor allem bei mittleren Hochwassern ein klarer, steigender Trend ab. Ob auch die Extremhochwasser zunehmen, ist laut Informationszentrum Hochwasservorsage nicht eindeutig vorherzusagen. Nach einer Statistik des Umweltbundesamts erwarten 62 Prozent der Kommunen bis 2050 mehr Hochwasser, 90 Prozent mehr Starkregenereignisse. Modellrechnungen zeigen: Extreme Regenmassen, die sonst nur alle 100 Jahre fielen, sind nun im Schnitt alle 20 Jahre möglich.
Laut dem Recherchenetzwerk Correctiv ist das Risiko in Ludwigshafen durch die dichte Bebauung entlang des Rheins besonders groß: Falls der Rhein über die Ufer tritt, sind von der Überflutung rund 120.00 Einwohner betroffen und 71 Prozent aller Gebäude. „Sollte im Rhein tatsächlich ein Extremhochwasser auftreten, würde fast das gesamte Stadtgebiet überflutet, aber auch große Teile von Frankenthal und Bobenheim-Roxheim“, heißt es in der Infobroschüre zur Hochwasserpartnerschaft Vorderpfalz.
- Wie hoch der Hochwasserscheitel im Juni 2024 wird, konnte niemand genau voraussagen. Dammbalken schützen die Innenstadt auch vor künftigen Hochwassern. Bei erwarteter Überspülung rückt die Feuerwehr mit Sandsäcken aus, um weiter entlegene Gebäude zu schützen.
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Gemeinsame Schutzkonzepte
Nach Extremhochwassern haben viele Anrainerstädte gemeinsame Schutzkonzepte erarbeitet, wie auch Ludwigshafen, Frankenthal und Bobenheim. Sie legten den Einsatz von Dammbalken fest, ergänzend zu den bestehenden Deichen, sowie eine koordinierte Strategie für alle beteiligten Einsatzkräfte. Im Juli 2025 wurde ein Hochwasserschutzkonzept fertiggestellt, das Prioritäten beim Ausbau weiterer Deiche, Polder sowie der Straßenentwässerung setzt.
Nach einem Abkommen zum Hochwasserschutz zwischen RLP, BW, Hessen, Deutschland und Frankreich beteiligen sich alle drei Bundesländer am Polderbau. Mit den Retentionsräumen sollen insgesamt 287 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten werden, 63 Millionen allein in RLP, 168 Millionen in BW und 58 Millionen in Frankreich.
Die Polder zielen auf den Schutz von 700.000 Menschen allein am Oberrhein, die am Fluss leben und arbeiten sowie Gebäude im Wert von 72 Milliarden Euro. Auch Städte wie Mainz, Koblenz, Köln, Düsseldorf, Duisburg bewahren sie vor Katastrophen.
Mancherorts regte sich in der Vergangenheit Widerstand gegen die eingedeichten Retentionsflächen, wie etwa im hessischen Trebur bei Groß Gerau. Denn die Dämme um die Retentionsräume können durch Druckwasser unterspült werden und brechen. Das Risiko des Nachgebens der großen Deiche am Fluss wird dagegen gesenkt. Seit dem Streit, bei dem Politik und Bürger erfolgreich gegen das Projekt Sturm liefen, plant Hessen keine weiteren Polder mehr, beteiligt sich aber an den Kosten für deren Bau in anderen Ländern.
Auch Bürger und Lokalpolitiker in Altrip wehren sich seit 20 Jahren gehen den geplanten Polder. Derzeit läuft eine erneute Planfeststellung, die auf mehr Umweltverträglichkeit des Polders zielt. Die Überplanung soll Verfahrensfehler ausbügeln, die der EU-Gerichtshof feststellte und die bei Nichtbehebung dazu führen, dass der Klage einzelner Bewohner gegen den Polder stattgegeben wird. Lassen sich die Fehler beheben, muss sich zeigen, wie das Verwaltungsgericht RLP entscheiden wird.
Knapp 200 Millionen Euro investierte das Land RLP in den vergangen Jahren in den Hochwasserschutz, 70 Millionen alleine in den Schutz des Stadtgebiets Ludwigshafen. In Hördt, bei Mainz-Bingen und Guntersblum sind weitere Polder geplant. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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