Pfälzer wandern in die Neue Welt aus
Flucht vor Kälte und Krieg

Von den 3.000 Flüchtlingen auf den schiffen nach New York überleben 800 die Überfahrt nicht
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  • hochgeladen von Roland Kohls

Südpfalz. Über 10.000 Flüchtlinge vor allem aus der Pfalz stranden zunächst in London. Auf die zehn Schiffe nach New York gelangen 3.000 Auswanderer, von denen 800 die Überfahrt nicht überleben.

Johann Valentin Pressler aus Hochstadt war froh, endlich in England zu sein, trotz der elenden Verhältnisse. Es herrschte eine „Willkommenskultur“ beim englischen Adel und bei den Bürgern von London. Die Königin hatte deutschsprachige Bibeln verteilen lassen. In der Kirche war die Kollekte für die Flüchtlinge bestimmt und es war hier nicht so kalt. Doch es kamen immer mehr Flüchtlinge aus Deutschland, wie Pressler vor allem aus der Pfalz. In Hampshire wurde ein Flüchtlingslager mit Hütten errichtet, aber es wurden immer mehr Flüchtlinge: insgesamt wohl 13.000 hatten sich auf den Weg den Rhein hinunter nach Rotterdam gemacht, um über London in die Neue Welt auszuwandern.

Elend ohne Ende

Zuhause hatte das Elend kein Ende nehmen wollen. Nach dem entbehrungsreichen Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg, wurde durch den Pfälzischen Erbfolgekrieg zwischen 1688 und 1697 die Pfalz erneut verheert. Und ab 1701 folgte der Spanische Erbfolgekrieg. Truppen zogen durch die Südpfalz, verlangten Abgaben und beschlagnahmten, was die Soldaten brauchten. Die Kleine Eiszeit sorgte immer wieder für Kälteperioden und Wetterkapriolen: 1707 machte Hagelschlag die Ernte zunichte und der Winter 1708/09 war der kälteste Winter des gesamten Jahrtausends. Wintersaat, Weinstöcke und Obstbäume erfroren. Hungersnot und Teuerung waren die Folge. Als dann die Flugschrift des Pfarrers Josua Harrsch aus Eschelbronn im Kraichgau die Runde machte – er warb für das gelobte Land: in der neuen Welt sollten die Protestanten ihren Glauben frei leben können, jeder bekommt 200 Morgen Land, die Überfahrt sei frei und die ersten zehn Jahren steuerfrei – verließen viele wie der Hochstädter Johann Valentin Pressler ihre pfälzische Heimat.
Im Frühjahr 1710 schaffte es Pressler wahrscheinlich auf eines der zehn Schiffe nach New York. Gut 3.000 Flüchtlinge traten die Reise an, aber nur 2.200 überlebten die Überfahrt. Und plötzlich sollten die Siedler auch für die Überfahrt bezahlen und dafür in den Pinienwäldern am Hudson-River Pech und Masten für den Schiffsbau herstellen. Doch wie sollte das funktionieren ohne Werkzeug? Wieder hungerten die Flüchtlinge, da sie nicht versorgt und ihnen die Gewehre für die Jagd abgenommen wurden. Erst nach zwei Jahren konnten die Siedler das erste Mal ernten.

In Pennsylvania eine neue Heimat gefunden

Deshalb schloss sich Pressler wohl dem Schwaben Johann Konrad Weiser an. Etwa 100 Familien zogen im Winter 1712 auf Einladung der Mohawk-Indianern an den Fluss Schoharie, nördlich der Siedlung am Hudson. Endlich konnten sie sich etwas aufbauen. Die Siedlungen an den Flüssen Schoharie und Mohawk florierten, andere Siedler folgten. Doch englische und niederländische Großgrundbesitzer gefällt die Entwicklung nicht: sie wollen keine selbständigen Bauern, sondern sich das Land selbst aneignen und dann verpachten. Erfolgreich fochten die Großgrundbesitzer die Besitztitel der Deutschen Siedler an. Und wieder hießt es für Pressler mit Weiser und 32 weiteren Familien weiterzuziehen. In Berks County in der Kolonie Pennsylvania, wo bereits einige Pfälzer Siedler eine neue Heimat gefunden hatten, endete die lange Reise endlich. Hier gründet Pressler die Siedlung Hochstadt. Jener Johann Valentin Pressler ist sehr wahrscheinlich ein Vorfahre von Elvis Presley. Belegt ist allerdings nur, dass Pressler um 1709 über London nach Nordamerika auswandert und später die Siedlung Hochstadt in Pennsylvania gründet. Viele weitere Auswandererwellen folgten. Das Vorbild für die Romanfigur „Lederstrumpf“ ist vermutlich Johann Adam Hartmann aus Edenkoben, der um 1760 mit 16 Jahren nach Amerika auswanderte. Und die Familie des in Landau geborenen Karikaturisten Thomas Nast zog 1846 in die mittlerweile unabhängigen Vereinigten Staaten von Amerika. rk 

Palatines

Da ein großer Anteil der Einwanderer nach Nordamerika aus der Pfalz stammte, nannte man alle deutschsprachigen Immigranten „Palatines“, den englischen Begriff für Pfälzer. Allein bis zur Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 schätzt man die Zahl der Deutschen Einwanderer auf 100.000. Bei der ersten Volkszählung 1790 stammten 8,6 Prozent aus Deutschland. Besonders beliebt war der Bundesstaat Pennsylvania, wo ein Drittel der Bevölkerung deutschstämmig war. Noch heute gibt es Bevölkerungsgruppen, die ein Deutsch mit pfälzischem Dialekt sprechen. Darüber haben die Pfälzer Filmemacher Benjamin Wagener und Christian Schega den Film „Hiwwe wie Driwwe“ gedreht. Informationen unter www.hiwwewiedriwwe.com. (rk)

Pfälzer in den Staaten
Autor:

Dehäm Magazin aus Ludwigshafen

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