DHBW Karlsruhe
Wissenschaftler erklärt, wie politische Ansichten entstehen
- Gleiche Nachrichten unterschiedliche Wahrnehmungen
- Foto: Bild: DHBW KA//RM KI generiert
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Zwei Menschen leben im selben Land und erleben dieselben politischen Entwicklungen. Trotzdem kann ihr Bild davon sehr unterschiedlich ausfallen. Schon die Informationen, die sie erreichen, sind nicht unbedingt dieselben: andere Medien, andere Netzwerke, andere Feeds. Und selbst wenn ihnen dieselbe Information begegnet, kann sie höchst unterschiedlich gewichtet und interpretiert werden.
Doch wie entstehen aus derselben Welt so unterschiedliche Wirklichkeiten? Ein Teil der Antwort liegt in grundlegenden Mechanismen der Informationsverarbeitung, die unabhängig von der politischen Richtung wirken können.
Was die Aufmerksamkeit erreicht
Die Aufmerksamkeitsfähigkeit des Menschen ist begrenzt. Aus der Fülle an Informationen kann das Gehirn deshalb nur einen Teil bevorzugt verarbeiten. Was relevant erscheint, rückt in den Vordergrund, anderes bleibt eher unbeachtet. Welche Informationen besonders auffallen, hängt auch von den Erwartungen und bisherigen Erfahrungen ab. Wer mit Sorge auf bestimmte Entwicklungen blickt, wird entsprechende Hinweise möglicherweise aufmerksamer registrieren als jemand, der die Lage positiver beurteilt. Beide können sich dabei auf reale Entwicklungen beziehen und dennoch zu einem unterschiedlichen Bild der Situation gelangen.
Gerade negative und bedrohliche Informationen binden häufig besonders viel Aufmerksamkeit. Diese Sensibilität für mögliche Gefahren war evolutionsbedingt überlebenswichtig und wird unter anderem mit dem „Negativity Bias“ beschrieben. Heute trifft dieser Mechanismus auf einen nahezu permanenten Nachrichtenstrom. „Unser Gehirn bildet die Welt nicht eins zu eins ab. Es wählt aus, gewichtet und fügt Informationen zu einer für uns plausiblen Wirklichkeit zusammen.“, sagt Jan Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der DHBW Karlsruhe.
Neue Informationen treffen auf bestehende Überzeugungen
Was unsere Aufmerksamkeit erreicht, wird nicht neutral weiterverarbeitet. Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen beeinflussen, was uns plausibel erscheint. Informationen, die zum eigenen Weltbild passen, werden häufig leichter akzeptiert. Widersprechendes prüfen wir eher kritischer, manchmal wird es sogar ignoriert. Dieser „Confirmation Bias“, der Bestätigungsfehler, trägt dazu bei, dass dieselbe Information unterschiedlich beurteilt werden kann. Auch das ist zunächst keine Fehlfunktion. Das Gehirn nutzt Vorwissen, um neue Informationen schnell einzuordnen. Problematisch wird es, wenn Gegenbeispiele kaum noch ernsthaft geprüft werden. „Fakten sind unverzichtbar. Aber sie treffen nie auf ein neutrales Gehirn. Neue Informationen ordnen wir vor dem Hintergrund dessen ein, was wir bereits wissen, erwarten und glauben“, sagt Rasimus.
Emotionen geben Informationen Bedeutung
Auch die Vorstellung, politische Entscheidungen seien entweder rational oder emotional, greift zu kurz. Emotionen sind Teil des Bewertungsprozesses. Sie helfen einzuschätzen, was wichtig ist, was bedrohlich erscheint und worauf reagiert werden sollte. Dabei können unterschiedliche Emotionen unterschiedlich wirken. Angst und Unsicherheit können die Wachsamkeit erhöhen. Wut kann mobilisieren und den Blick stärker auf vermeintliche Ursachen und Verantwortliche richten. Politische Botschaften, die starke Emotionen auslösen, können deshalb besondere Wirkung entfalten.
Wenn aus Meinung Identität wird
Schwieriger wird Verständigung, wenn politische Überzeugungen Teil der eigenen Identität werden. Ein Teil dieser Identität entsteht über soziale Zugehörigkeit. Gruppen geben Orientierung, schaffen aber auch leicht ein „Wir“ und ein „Die anderen“, also eine Unterscheidung zwischen „In-Group“ und „Out-Group“. Dann zählt nicht mehr nur, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt. Was bei der eigenen politischen Seite als nachvollziehbare Erklärung gilt, erscheint beim Gegner schnell als Ausrede. Informationen und Argumente werden damit auch danach bewertet, welcher Gruppe ihr Absender zugerechnet wird. Wächst die emotionale Distanz zwischen politischen Lagern und wird die Gegenseite zunehmend negativ gesehen, spricht die Forschung von „affektiver Polarisierung“.
Demokratie braucht gemeinsame Bezugspunkte
Unterschiedliche politische Bewertungen gehören zur Demokratie. Dass Menschen Wirklichkeit verschieden interpretieren, bedeutet allerdings nicht, dass jede Deutung sachlich gleichermaßen richtig ist. Die beschriebenen psychologischen Mechanismen sind dabei nur ein Teil der Erklärung. Auch politische Erfahrungen, soziale Lebenslagen und reale Interessenkonflikte prägen, wie Menschen gesellschaftliche Entwicklungen beurteilen. Problematisch wird es jedoch, wenn Informationen vor allem danach beurteilt werden, ob sie zum eigenen Weltbild oder zur eigenen Gruppe passen.
„Dass Menschen dieselbe Welt unterschiedlich wahrnehmen, ist nicht ungewöhnlich. Schwierig wird es, wenn unsere Wirklichkeitsbilder so weit auseinanderdriften, dass selbst eine gemeinsame Faktenbasis und gemeinsame Bezugspunkte verloren gehen“, sagt Rasimus. Dagegen lässt sich etwas tun: Quellen vergleichen, Gegenargumente ernsthaft prüfen und sich fragen, ob man dieselbe Aussage genauso bewerten würde, wenn sie von der politischen Gegenseite käme. Auch starke emotionale Reaktionen können ein Anlass sein, noch einmal genauer hinzusehen. Demokratie braucht keine einheitlichen Meinungen. Sie braucht aber gemeinsame, überprüfbare Fakten und die Bereitschaft, auch die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Wer versteht, wie seine Wirklichkeit entsteht, kann andere Perspektiven besser einordnen, ohne deshalb die eigenen Werte oder Überzeugungen aufgeben zu müssen.
https://www.karlsruhe.dhbw.de/hochschule/aktuelles/news/detail/warum-menschen-dieselben-ereignisse-unterschiedlich-wahrnehmen-1246.html
Autor:Susanne Diringer aus Karlsruhe |
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