Stigma trifft Stigma
Kommentar: Über Sexualität und Behinderung

Trier, von den Römern unter dem Namen ‚Augusta Treverorum‘ gegründet; diente Konstantin dem Großen als Kaiserresidenz und ist eine Stadt mit Geschichte, die älteste Stadt Deutschlands. Gleichzeitig ist Trier die Prostitutionshochburg im Land (laut dem SWR; 1), was auch irgendwie passt, wenn man bedenkt, dass Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist.

Sexualität an sich ist selbst Jahrzehnte nach der 68er Bewegung nach wie vor ein stigmatisiertes Thema. Ich erinnere mich noch an die 1990er, als das Wort „schwul“ noch eine Beleidigung war, Homosexualität bestraft wurde und Menschen mittleren Alters beim Sehen von ein bisschen nackter Haut schon tiefrote Köpfe bekamen. Zwar hat sich die heutige Lage im Vergleich zu damals dramatisch gebessert, aber die Vorbehalte, darüber zu reden, sind immer noch stark. Wir reden hier noch von Sex ohne finanzielle Interessen, denn Prostitution ist noch stigmatisierter; gleichwohl ist sie das älteste Gewerbe der Welt und ein entsprechendes Angebot entsteht durch entsprechende Nachfrage, selbst unter solchen Tabuisierungen.

Das wohl stigmatisierteste Thema dürfte Sex zwischen Menschen mit Behinderungen darstellen, weil hier zwei Tabu-Themen aufeinandertreffen; Was seltsamerweise viele Leute, vor allem im privaten Umfeld, nicht davon abhält, mich, einen Menschen mit Schwerbehinderung, zu fragen, ob und wie ich Sex habe; fast so, als würde sich ein doppeltes Stigma aufheben, ganz im Sinne von Mathematik, wenn Minus und Minus Plus ergeben.

Am 04. Oktober war ich mit einem Freund bei einer Führung durch „Terminwohnungen Intim Trier“ dabei. Wir wurden durch das Gebäude und die Zimmer geführt und erhielten einen informativen Vortrag über die Sexarbeit, Prostitution und die derzeitigen Gesetze. So erfuhren wir, dass Zwangsprostitution beispielsweise höchstens 5-10% der gesamten Branche ausmacht. Als EUTB-Teilhabeberater lag mein Schwerpunkt dabei auf Barrierefreiheit und es freute mich, zu sehen, dass Terminwohnungen Intim Trier sehr vorbildlich ist. Es gibt Hilfen für Sehbehinderte, es gibt einen Fahrstuhl und alle Wohnungen sind Menschen mit Behinderungen zugänglich.

Im Anschluss an die Führung trafen wir Nicole Schulze, die sich für die Belange der Sexarbeiter einsetzt, durch mehrere Artikel des Trierer Volksfreunds bekannt, im Fernsehen aufgetreten und Vorstand im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) ist. Dabei konnten wir einige Vorurteile, die wir über Prostitution und Sexarbeiter unbewusst verinnerlicht hatten, abbauen. Ganz im Sinne von Frau Schulzes Arbeit, die in einem der vielen Artikel über das Thema den Wunsch äußerte, dass man Sexarbeitern eine Chance gebe (2).

Wegen Corona sind die Arbeitsbedingungen erschwert und es gibt Politiker, die vor allem während des Lock-Downs gegen die Prostitution gewettert und ein Sexkaufverbot vorgeschlagen haben. Beides ist bei näherer Faktenbetrachtung unsinnig und gehört in meinen Augen zurück in die 60er.
Rückblickend ist es ein faszinierender Kontrast. Die 68er Bewegung brachte den Stein der Selbstbestimmung und der Offenheit über Sex ins Rollen, was unter anderem die Krüppelbewegung der 1970er nach sich zog.
Wir leben in den 2020ern, über und knapp 50 Jahre nach der 68er Bewegung und der Krüppelbewegung. Ich plädiere, die begonnene Arbeit von beiden weiterzuführen für eine Welt ohne Stigmata gegenüber Sexualität und Menschen mit Behinderung.

Quellen:
1. https://www.ardmediathek.de/ard/video/landesschau-rheinland-pfalz/kampf-fuer-mehr-sicherheit-auf-dem-stra-enstrich-in-trier/swr-rheinland-pfalz/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExODkzNTM/ (abgerufen am 10.10.2020 um 8:50 Uhr)
ARD: SWR Rheinland-Pfalz
2. https://taz.de/Sexarbeit-und-Coronakrise/!5693491/ (abgerufen am 10.10.2020 um 9:00 Uhr)
3. https://www.swrfernsehen.de/marktcheck/sexarbeit-prostitution-in-der-coronakrise-100.html (abgerufen am 10.10.2020 um 9:15 Uhr)
4. https://www.sexworker.at/Sexarbeiterin_spricht_ueber_ihren_Job.pdf (abgerufen am 10.10.2020 um 9:20 Uhr)
5. https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/trierer-sexarbeiterin-zu-gast-bei-domian_aid-47085343 (abgerufen am 10.10.2020 um 9:24 Uhr)

Autor:

Stephan Riedl aus Rodalben

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