Zarte Linien und große Gefühle
Puccinis „La Bohème“ am Staatstheater Karlsruhe

Foto: Felix Grünschloß / Badisches Staatstheater Karlsruhe
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Donnerstag 04. Dezember 2025 - „La Bohème“ gehört zu jenen Werken, die so sehr zum Grundbestand des Opernkanons zählen, dass sich die eigentliche Bewährungsprobe längst von der Frage nach der Werktreue hin zu jener nach der inneren Wahrhaftigkeit verschoben hat. An diesem Donnerstagabend in Karlsruhe war es vor allem der musikalische Atem, der den bekannten Bildern und Situationen neues Leben einhauchte und Puccinis Partitur nicht nur als rührselige Weihnachtsgeschichte, sondern als ernstzunehmendes Musikdrama erfahrbar machte.

Unter der musikalischen Leitung von Johannes Willig wurde die Badische Staatskapelle ordentlich angetrieben. Dieses Dirigat war von Anfang an dynamisch, ja fulminant, ohne in bloße Lautstärke zu kippen. Man hörte schön gezeichnete Bögen, weite Schwünge, eine ausgeprägte Expressivität, die sich mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit verband. Die Binnenbewegungen der Partitur, die feinen Übergänge in der Harmonik, das differenzierte Ausmusizieren der dynamischen Abstufungen – all das wurde ernst genommen und mit einem hohen Maß an Aufmerksamkeit umgesetzt. So erlebte man insgesamt ein emotional getragenes, wuchtiges, streckenweise geradezu erschütterndes Dirigat, das den großen melodischen Fluss Puccinis nicht sentimental weichzeichnete, sondern mit klarer Kontur modellierte. Umso auffälliger geriet ausgerechnet das Finale des zweiten Aktes, das merkwürdig wenig von dieser zuvor etablierten Spannung und Wucht in sich trug, als wäre die Energie für einen Moment in konventionellem Effekt verpufft. Doch im dritten und vierten Akt fand Willig zu jener Mischung aus Expressivität, Emotion und Leidenschaft zurück, die aus dem Graben emporsteigt und den Raum buchstäblich auflädt – und am Ende sitzt man da, wieder einmal mit Tränen in den Augen.

Die Regie von Ulrich Peters drängt sich dabei nicht plakativ in den Vordergrund, sondern bildet den szenischen Rahmen, innerhalb dessen sich das musikalisch Getragene entfalten kann. Gerade weil dieser Rahmen nicht mit aufgesetzten Ideen überladen wird, können die Figuren und ihre Beziehungen in ihrer emotionalen Direktheit wirken; man verfolgt ihr Lieben, Streiten und Scheitern ohne interpretatorische Verrenkungen, was dem Abend eine unmittelbare, ungekünstelte Wahrhaftigkeit verleiht.

In der Titelpartie des Rodolfo steht mit Jenish Ysmanov ein Tenor auf der Bühne, dessen Qualität man an einem Haus wie Karlsruhe nicht hoch genug schätzen kann. Diese Stimme ist, bei aller Projektion und Kraft, vor allem eines: unglaublich kultiviert geführt. Die Linien sind gegossen sanft, in sich geschlossen, das Legato von einer Selbstverständlichkeit, die man kaum noch erklären kann, weil sie einfach da ist. Die Übergänge in den verschiedenen Lagen vollziehen sich so organisch, dass man als Hörer mehr den musikalischen Gedanken wahrnimmt als die technische Bewältigung. Dass er in manchen Fortissimo-Momenten nicht immer vollständig gegen das Orchester ankommt, fällt zwar auf, ist aber letztlich zweitrangig. Er macht es mehr als wett mit einer Stimmführung und einem tiefen Verständnis für Klang, Text und Linie, das seinesgleichen sucht – nicht nur, aber gerade auch an einem Haus wie Karlsruhe.

Ina Schlingensiepen gestaltet eine Mimì, deren Stimme von einer dramatischen, dunklen Grundfärbung geprägt ist und die zugleich eine absolute Charakterdarstellerin bleibt. Man ist das von ihr gewohnt, und so liefert sie eine Mimì, die nicht im Zucker der Sentimentalität versinkt, sondern als glaubwürdige, ernstzunehmende Figur erscheint. Ihre Darstellung ist solide im besten Sinne, getragen von einer stimmlichen Präsenz, die den inneren Weg der Figur nachvollziehbar macht und dabei nie in bloßes Pathos kippt.

Armin Kolarczyk als Marcello schließlich ist eine jener Bühnenpersönlichkeiten, bei denen man kaum noch weiß, wo man mit dem Lob beginnen soll. Wenn er zu Beginn der Oper einsetzt, füllt seine Stimme den Saal – nicht nur in decibel, sondern in Präsenz. In den vielen Jahren Erfahrung, die er gesammelt hat, ist er zu einem absoluten Charakterdarsteller gereift, dessen stimmliche Mittel genau dieser Fähigkeit dienen. Seine Stimmführung ist intensiv und fein gearbeitet, die Linie bleibt konzentriert, und doch verfügt er über jene Kraft und, wo nötig, über jene Gewalt, die den großen Ausbrüchen ihre existenzielle Dringlichkeit verleiht. Es ist wirklich ergreifend, was da passiert, wenn er singt.

Uliana Alexyuk zeigt an diesem Abend eine Musetta, die sich wohltuend von der gängigen Vorstellung der auftrumpfenden Kokotte unterscheidet. Sie ist erstaunlich zart, sanftmütig, fast verhalten – und doch funktioniert das erstaunlich gut. In manchen Momenten ertappt man sich dabei, dass man sie heute lieber als Mimì gehört hätte, so sanft und unschuldig nuanciert sie die Zwischentöne, die leisen, verletzlichen Momente. Gerade deswegen aber ist es spannend, eine Musetta zu erleben, die nicht bloß strahlt und provoziert, sondern eine zerbrechliche, menschlichere Seite zeigt.

Shaunard (Oğulcan Yılmaz) und Colline (Don Lee) tragen mit solider, kräftiger, schön geführter Stimme zur Geschlossenheit des Ensembles bei; sie fügen sich stimmig in das Gefüge ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und geben den Bohèmiens jenen klanglichen Boden, den das Werk verlangt.

Lobend hervorzuheben sind schließlich der Badische Staatsopernchor und der Kinderchor Cantus Juvenum, die mit großer Hingabe und hoher Qualität singen und diese Vorstellung zu einem wirklichen Highlight machen – und das einfach so, irgendwo mitten in Deutschland, an einem ganz normalen Donnerstagabend.

Und dann doch jene Pointe, die den Abend auf eine Weise über sich hinaus katapultiert, die zugleich erschüttert und unfreiwillig komisch ist: Natürlich klatscht das Publikum nach jedem Akt, sobald der Vorhang sich schließt, mechanisch, reflexhaft, als gehörte der Applaus genauso zur Partitur wie die Holzbläser und die Harfe. Am beklemmendsten aber gerät der Moment, in dem Mimì stirbt, im Grunde im Angesicht einer existenziellen Verlassenheit, während die Musik einen letzten, kaum noch erträglichen emotionalen Höhepunkt formt, diese letzten, hauchzarten Takte, in denen Puccini alles auf eine einzige, fast schon körperlich spürbare Linie des Abschieds konzentriert. Genau dort hinein platzt der Jubel, bricht der Applaus los, als sei nicht gerade eine Figur an der eigenen Zerbrechlichkeit zugrunde gegangen, sondern als hätte man soeben eine besonders effektvolle Zirkusnummer erlebt – und die Rührung, die Trauer, diese stille Erschütterung werden übertönt von einem Geräusch, das eher an einen Duty-free-Shop kurz vor Abflug erinnert als an einen Moment des Innehaltens. Ich sitze da mit Tränen in den Augen, meine Sitznachbarn ebenso irritiert, und frage mich ernsthaft, was hier gerade geschieht, in welchem kulturellen Kurzschluss wir da eigentlich kollektiv stecken, wenn selbst der Tod – wenigstens auf der Bühne – nicht mehr den Luxus von drei Sekunden Stille erhält. Vielleicht ist das am Ende die radikalste Lesart dieses Abends: dass Puccinis „La Bohème“ uns nicht nur zeigt, wie Menschen an Armut, Krankheit und Liebe scheitern, sondern auch, wie ein Publikum an seiner eigenen Applausgier; und man ertappt sich dabei, trotz aller Erschütterung leise zu lachen, weil die Absurdität dieses Moments so groß ist, dass sie fast schon wieder wie eine Regieidee wirkt – nur leider stand sie nicht im Drehbuch.

Autor:

Marko Cirkovic aus Durlach

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