Vor dem Aufbruch ins Feuer
Interview mit Xu Zhong zu Die Walküre in Shanghai

Foto: ©️ SHU Xiaoning

Shanghai, den 22. April 2026 - In der ersten Pause der Generalprobe, noch ehe sich die Luft des Saales ganz von Wagners elektrischer Spannung gelöst hat, ergibt sich im Shanghai Grand Theatre jene seltene Form der Stille, die kein Schweigen ist, sondern ein Innehalten unter Hochdruck. Hinter der Bühne arbeitet die Aufführung weiter, selbst wenn der Vorhang für wenige Minuten ruht: in Korridoren, in Blicken, in den konzentrierten Gesten eines Hauses, das weiß, dass es auf eine Premiere zugeht. Hier treffe ich den Dirigenten Xu Zhong, der diese neue, von Katharina Wagner inszenierte Shanghaier Walküre leitet. Im Graben steht das Suzhou Symphony Orchestra, ergänzt durch Gäste aus dem Bayreuther Festspielorchester. Was eben noch als orchestraler Strom durch den Raum ging, muss nun in Worte überführt werden, ohne dass es seine innere Glut verliert.

Xu Zhong spricht nicht wie jemand, der Musik kommentieren möchte, sondern wie einer, der sie von innen her denkt: vom Atem der Sänger aus, von der Last der Worte, von den Spannungen zwischen Linie und Architektur, zwischen Ausdruck und Stil. Gerade in einer Oper wie Die Walküre, deren Welt zugleich mythisch und menschlich, eruptiv und gebaut ist, wird rasch deutlich, dass er Wagner nicht als Monument behandelt, sondern als lebendige dramatische Substanz. Das folgende Gespräch fand in eben jenem Schwebezustand statt: zwischen Probe und Aufführung, zwischen Kontrolle und Risiko, zwischen dem, was bereits gelungen ist, und dem, was sich erst im Augenblick der Premiere vollendet.

Das Interview wurde in englischer Sprache geführt und für die vorliegende Veröffentlichung ins Deutsche übertragen.

Frage: Herr Xu, zunächst ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihre Flexibilität. Wie fühlen Sie sich heute, in dieser Generalprobe?

Xu Zhong: Es ist heute besser. Die Sänger sind sicherer geworden, und auch das Orchester spielt besser. Natürlich gibt es noch kleine Fehler, aber bei einem Werk wie diesem ist das kaum überraschend. Für ein chinesisches Orchester ist das ein außerordentlich anspruchsvolles Stück. Gerade deshalb freue ich mich sehr über das Niveau, das wir bereits erreicht haben, zumal mit der Unterstützung der Stimmführer aus Bayreuth und der großen Hingabe aller Beteiligten.

Frage: Sie sind in Ihrer Laufbahn zunächst als Pianist hervorgetreten. Was hat Ihnen das Klavier für das Dirigieren beigebracht?

Xu Zhong: Das Klavier und das Dirigieren sind für mich im Grunde zwei verschiedene Berufe. Das Klavier hat mir vor allem ein Gefühl für Zeit, für Tempo, für innere Proportionen gegeben. Zugleich hat es meine Sensibilität für Klangfarbe geschärft. Aber der entscheidende Unterschied ist natürlich: Am Klavier erzeugt man den Ton unmittelbar selbst, als Dirigent formt man ihn auf andere Weise, durch Vermittlung, durch Vorstellung, durch Kommunikation. Ich habe diese beiden Tätigkeiten immer getrennt gehalten, und doch sind sie innerlich miteinander verbunden. Gerade bei Wagner ist Konstruktion von enormer Bedeutung. Man muss diese Musik Schritt für Schritt bauen, fast wie ein großes architektonisches Gefüge.

Frage: Wenn wir auf Die Walküre selbst zu sprechen kommen: Was war Ihr erster Zugang zu diesem Werk? Die Partitur, das Drama, die Farben, die verborgenen Linien?

Xu Zhong: Ich glaube, mein Zugang war zunächst ein musikalisch-theatralischer. Ich bin Wagner nicht fremd, ich habe bereits Der fliegende Holländer dirigiert, und daher fühlte ich mich dieser Sprache nicht unvorbereitet gegenüber. Was mich an Walküre besonders fasziniert, ist die Magie der Leitmotive, dieser thematischen Welt, in der Liebe, Fluch, Macht, Schmerz und Schicksal in musikalischen Zeichen Gestalt annehmen. Aber Wagner ist nicht nur Orchester. Wagner ist Theater im tiefsten Sinn. Man muss sehr genau wissen, was man will, wo die Grenzen liegen, wie weit man gehen kann. Und vor allem: die Stimme, das Wort, die deutsche Sprache sind von größter Bedeutung. Jedes Wort trägt Gewicht, Richtung, Intention. Man muss ihm seinen Druck, seine Farbe und seinen Moment geben.

Frage: Gibt es einen Moment in dieser Oper, der Ihnen persönlich besonders nahegeht?

Xu Zhong: Ja, durchaus. Besonders bewegt mich der dritte Aufzug, und dort vor allem Wotan in seinem Leiden. Nicht nur das eigentliche Ende, sondern diese ganze Zone, in der er so viel Schmerz in sich trägt, aus Liebe, aus Verlust, aus innerem Widerspruch. Das ist musikalisch wie menschlich von großer Schönheit. Und dann gibt es auch am Ende des ersten Aufzugs diesen Moment des Aufbruchs, des Lichts, des inneren Öffnens. Das zieht mich sehr an. Überhaupt sind die langen Wagner’schen Rezitative von immenser Bedeutung. Sie sind schwierig, gerade weil sie so organisch sein müssen. Für Sänger, die nicht mit dieser Sprachkultur aufgewachsen sind, ist das eine besondere Herausforderung. Mir ist wichtig, dass die Worte klar bleiben, aber nie mechanisch wirken. Alles muss fließen, organisch, atmend.

Frage: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Wagner? War das früh in Ihrem Leben?

Xu Zhong: Ja, ziemlich früh. Meine erste Begegnung mit Wagner war das Siegfried-Idyll. Das war für mich ein sehr besonderer Zugang, weil dieses Werk in konzentrierter Form bereits so viel von Wagners Klangwelt, seiner Innigkeit und seiner orchestralen Vorstellungskraft in sich trägt. Später bin ich dann auf andere Werke zugegangen, auf Der fliegende Holländer etwa, der in gewisser Weise unmittelbarer zugänglich ist. Aber auch Ausschnitte aus den Meistersingern und andere Wagner-Partien haben mich immer wieder beschäftigt. Diese Musik besitzt eine solche Kraft, dass sie, wenn sie gut vorbereitet ist, von selbst spricht. Manche in Europa mögen denken, Wagner sei für chinesische Musiker oder für ein chinesisches Publikum schwer zugänglich. Aber meine Erfahrung ist: Wenn man ernsthaft an ihr arbeitet, entfaltet die Musik selbst ihre Überzeugungskraft.

Frage: Denken Sie manchmal, dass das chinesische Publikum für Wagner vielleicht noch nicht ganz bereit sei?

Xu Zhong: Ob es bereit ist oder nicht, ist letztlich nicht meine erste Frage. Meine Aufgabe ist die Musik. Wenn wir sie überzeugend darbieten, wenn wir sie ernst nehmen und auf hohem Niveau vorbereiten, dann entsteht auch Verbindung. Kunst darf nicht erst auf Erlaubnis warten. Sie muss mit Wahrhaftigkeit kommen, dann findet sie ihren Weg.

Frage: Wir erleben nun mit „Bayreuth in Shanghai“ drei große Produktionen. Wünschen Sie sich, dass daraus noch mehr entsteht?

Xu Zhong: Natürlich wünsche ich mir das. Aber zunächst leben wir in diesem Moment, in dieser konkreten künstlerischen Situation. Alles Weitere wird sich zeigen. Ich glaube, Katharina Wagner hat ein echtes Interesse an der chinesischen Kultur, besonders auch an der Peking-Oper. Gerade daraus könnten sich in Zukunft neue Ideen entwickeln. Solche Begegnungen sind künstlerisch sehr fruchtbar.

Frage: Wer ist Ihr persönlicher Wagner-Held? Ein Dirigent, ein Sänger, vielleicht eine Figur?

Xu Zhong: Ich würde das gar nicht auf eine einzelne Person zuspitzen wollen. Als Operndirigent muss man in gewisser Weise in alle Richtungen hören, gewissermaßen dreihundertsechzig Grad. Man muss den Menschen um sich herum Raum geben, Möglichkeiten eröffnen, sie gleichzeitig führen und inspirieren. Das Heldische liegt für mich in der gemeinsamen Leistung. Nicht einer allein trägt diese Welt, sondern alle zusammen.

Frage: Also ist das Heroische hier das Ganze?

Xu Zhong: Ja, unbedingt. Jeder bringt sich auf höchstem Niveau ein. Gerade das macht Oper aus.

Frage: Was hat sich zwischen Ihrem ersten Wagner-Bild, vielleicht noch zur Zeit des Fliegenden Holländers, und Ihrem heutigen Verständnis verändert?

Xu Zhong: Sehr vieles, weil ich weitergelernt habe. Ich versuche bis heute, tiefer in diese Welt einzudringen, besonders über die Sprache. Ich arbeite ständig weiter an den Worten, am Verständnis der deutschen Diktion, auch mit Hilfe eines Deutschlehrers. Je mehr man von der Sprache versteht, desto tiefer wird auch das musikalische Erfassen.

Frage: Was ist für Sie das eigentlich Einzigartige an Der Walküre?

Xu Zhong: Für mich sind es vor allem die Beziehungen zwischen den Figuren. Ich meine damit nicht etwas Oberflächliches, sondern die Weise, wie Menschen einander prägen, verletzen, binden, verändern. Diese Beziehungen wandeln sich im Verlauf der Zeit, und mit ihnen wandeln sich die Farben, die Ausdruckswerte, die musikalischen Gesichter. Darin liegt sehr viel Wahrheit. Wagner komponiert nicht nur Handlung, sondern Beziehungszustände.

Frage: Als ich Sie gestern und heute in der Probe hörte, fiel mir auf, wie stark Sie auf Vitalität und zugleich auf Kontraste setzen, auf Spannungen, auf Dehnungen, auf starke innere Bewegungen. Wie sehen Sie das selbst?

Xu Zhong: Die Kontraste stehen bereits in der Partitur. Sie sind nicht etwas, das man künstlich hinzufügen müsste. Entscheidend ist, dass man ihnen im Rahmen des Stils gerecht wird. Natürlich muss man zugleich auf die Stimme achten, auf das Atmen der Sänger, auf die Balance. Aber mein Ausgangspunkt bleibt immer der Respekt vor der Musik, vor dem, was tatsächlich geschrieben ist.

Frage: Sie haben es in der Pressekonferenz schon angedeutet, aber ich möchte es noch einmal zuspitzen: Wenn Wagner heute im Saal säße, was würde er Ihrer Meinung nach über diese Aufführung sagen?

Xu Zhong: Vielleicht würde er manches kritisieren, wer weiß. Aber ich hoffe, am Ende würde er sagen: Es ist gut geworden.

Frage: Herr Xu, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch. Ich bin sehr froh, dass wir es in dieser kurzen Pause noch führen konnten.

Xu Zhong: Es war mir eine Freude. Vielen Dank.

Während Xu Zhong in den Bühnenbetrieb zurückkehrt, endet auch dieses kurze Gespräch in jenem Schwebezustand, den nur eine Generalprobe kennt: noch ist nichts endgültig, und doch ist bereits alles auf Entscheidung gestellt. Gleich wird Wagners Musik den Raum wieder in Besitz nehmen, mit ihrer Wucht, ihrer Präzision, ihrer inneren Glut. Dass Die Walküre in Shanghai nicht als fernes Monument erscheint, sondern als gegenwärtiges, ernsthaft erarbeitetes Musiktheater, ist auch einem Dirigenten zu verdanken, der diese Partitur nicht verwaltet, sondern atmen lässt. Die Premiere wird zeigen, wie weit diese Spannung trägt.

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Autor:

Marko Cirkovic aus Durlach

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