Ein Vorschlag des Bruchsaler Fördervereins Haus der Geschichte der Juden Badens e.V.
Paul-Schrag-Haus oder Haus der jüdischen Kultur und Geschichte in Baden

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  • Foto: Ludwig, Brigitte, Johanna, Hans und Elisabeth Marum. Foto: privat
  • hochgeladen von Rolf Schmitt

Die derzeitige Lage lässt es nicht zu, dass der "Förderverein Haus der Geschichte der Juden Badens" mit Informationsständen oder Vorträgen zum Thema "Haus der jüdischen Kultur und Geschichte in Baden" oder "Paul-Schrag-Haus" informiert und sich entsprechend den Bruchsalerinnen und Bruchsalern zur Diskussion stellt. Daher nachstehend der Text des neuen Flyers, der in diesen Tagen über Einzelhandel, Dienstleister sowie in der Fußgängerzone verteilt werden sollte.

Das Paul-Schrag-Haus*

HAUS DER GESCHICHTE der Juden Badens
oder
HAUS DER JÜDISCHEN KULTUR in Baden

EIN LEUCHTTURMPROJEKT IN BRUCHSAL

„Das ist ja eine ganz großartige Idee, ein Haus der Geschichte badischer Juden in Bruchsal. Die Initiative ist sehr gut, weil sie das Ziel hat, dass mit dem Grundstück der ehemaligen Synagoge in Bruchsal höchst verantwortungsbewusst umgegangen wird.“  Dr. Joachim Hahn, Alemannia Judaica

„Irgendwann muss doch mal Schluss sein“ oder „Die Steine können weg!“

„Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“. So Ex-Bundespräsident Roman Herzog zur immer wieder geführten Schlussstrich-Diskussion.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte 2020 in seiner Rede in Yad Vashem die deutsche Verantwortung im Kampf gegen den Antisemitismus: “Fünfundsiebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld. Unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht, ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen. Es darf keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben”.

Ideen-Findungsprozess und -Wettbewerb

Bruchsal zieht sich glücklicherweise nicht mit einem lapidaren „irgendwann muss doch mal Schluss sein“ aus der Verantwortung. Der Bruchsaler Gemeinderat hat entschieden, die Bevölkerung auf den Weg zur Entscheidung über einen verantwortlichen Umgang mit dem Synagogengelände mit zunehmen. Das ist deutschlandweit vorbildlich. Die Ergebnisse aus dem Ideenfindungsprozess wurden in einen professionellen Ideen-Wettbewerb überführt, denn dieses Grundstück hat, so die Oberbürgermeisterin, eine ganz besondere Bedeutung: „Es gibt keinen anderen Ort in Bruchsal, an dem es so wichtig ist, die Vergangenheit und die Zukunft in Einklang zu bringen“.

Es ist schwer, aus den Entwürfen den einen einzig richtigen zu finden, sind diese doch sehr unterschiedlich. Es war aber keine Überraschung, dass nahezu alle Entwürfe für den Erhalt der Synagogenfundamente plädierten. Die Mehrzahl der Wettbewerbsteilnehmer stellte museale Einrichtungen wie beispielsweise das vom Förderverein vorgeschlagene Paul-Schrag-Haus in den Mittelpunkt, wohl wissend, dass dieses mit zur Zukunftsfähigkeit und Prosperität unserer Stadt beitragen kann. Der Erhalt der Synagogenfundamente sowie die Realisierung von kulturellen Einrichtungen wie diesem Geschichts- bzw. Kulturhaus, sind kluge Ansätze für die weiteren Diskussionen in Stadtverwaltung und Gemeinderat. Letzterer ist jetzt gefordert eine Entscheidung zu treffen, die für die kommenden Jahrzehnte zu einer positiven Stadtentwicklung beiträgt.

Die Grundmauern der ehemaligen Synagoge

Diese sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Bruchsaler Erinnerungskultur. Daher sind sie unbedingt zu erhalten und zu präsentieren, zeugen sie doch von dem deutschlandweit einmaligen Vorgang, dass auf den Grundmauern einer Synagoge, deren Brand in der Reichspogromnacht 1938 von der Feuerwehr nicht gelöscht wurde, 15 Jahre später ein Feuerwehrhaus gebaut wurde.
In Marburg wurde auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge ein Garten des Gedenkens eingerichtet, weil es sich um „historisch wichtige Fragmente, besonders angesichts der deutschen Geschichte und der aktuellen Situation“ handelt. Auf dem Platz der Alten Synagoge in Freiburg erinnert ein Wasserspiegel an die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen und ruft dazu auf, „gegen Antisemitismus und Rassismus sowie für Frieden und Freiheit einzustehen und diese Werte entschlossen zu verteidigen.“ 

Die Idee: Haus der Geschichte der Juden Badens oder Haus der jüdischen Kultur in Baden - Das Paul-Schrag-Haus
Dieser Lernort ist kein Erinnerungsmuseum an die Shoah (Holocaust).

Vor der Shoah, mit der Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen, lagen 1.200 Jahre lebendige jüdische Kultur in Baden, an die es zu erinnern gilt. Die badischen Juden waren eine lange hier ansässige Gruppe, die trotz Verfolgung und Vertreibung seit dem 9. Jahrhundert ununterbrochen hier lebte.

Diese 1.200-jährige Geschichte wird leider meist nur vom Ende her gelesen. In der Schule wird zwar wieder über den Holocaust gesprochen, aber kaum über die Beiträge der jüdischen Frauen und Männer, die unsere badische Heimat mit aufgebaut, gestaltet und somit für deren Wohlstand gesorgt haben.

Das Ziel der Nationalsozialisten wurde somit fast erreicht: Dies vergessen zu machen. Spontan fallen uns vom Dritten Reich produzierte Bilder ein, wenn wir heute jüdisch oder Juden hören. Juden auf dem Weg in die Konzentrationslager, in übervollen Viehwaggons, hinter Stacheldraht, ausgemergelte, geschundene Menschen, Berge von Leichen.

Wir sehen nicht die Menschen, die in unserer Mitte lebten, die in Deutschland, in Baden, aber auch hier in Bruchsal, viel für unser Land geleistet haben. Zum Beispiel der Brusler Otto Oppenheimer, Eugen Bruchsaler aus Sulzburg, Prof. Dr. Fritz Hirsch, der Bruchsals Schloss und Peterskirche umfangreich sanierte, Bankier Julius Bär aus Heidelsheim, der Gelehrte Ludwig Basnizki, Politiker wie Dr. Ludwig Marum, die Maler Gustav Wolf und Leo Kahn, die Schriftstellerin Anna Ettlinger oder der Nobelpreisträger Richard Willstätter aus Karlsruhe. Dies sind nur wenige aus einer langen Liste von Menschen jüdischer Religion, die durch ihre Beiträge zu Kultur, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft viel zu unserer badischen Identität und Prosperität beigetragen haben.

Es gibt ähnliche Projekte wie das hier angeregte Paul-Schrag-Haus mit Vorbildcharakter: Das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt sammelt, bewahrt und vermittelt die neunhundertjährige jüdische Geschichte und Kultur der Stadt. Im Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden, POLIN, befinden sich Räume für wechselnde Ausstellungen und eine ständige Ausstellung über die Geschichte der polnischen Juden vom Mittelalter bis heute. Daneben bietet das Bildungszentrum Tagungs- und Konferenzräume.

Warum gerade in Bruchsal?

Kein Ort in Baden wäre besser geeignet. Immer häufiger besuchen die Kinder und Kindeskinder badischer Juden die Heimat ihrer Vorfahren. Für diese ist das Haus der Geschichte der Juden bzw. der jüdischen Kultur die erste Adresse, um Einblick in das Leben ihrer Ahnen zu erhalten. Durch seine exzellente Verkehrsanbindung, die Lage zwischen den beiden wichtigsten badischen Städte mit großer jüdischen Population, Karlsruhe und Mannheim, das geschichtsträchtige Grundstück und die erstklassige innerstädtische Lage bietet sich Bruchsal als Standort idealtypisch an. Am Bruchsaler Bahnhof halten Schnellzüge, Regionalbahnen sind bis tief in die badische Region aber auch in die Pfalz vernetzt. Bruchsal hat einen eigenen Autobahnanschluss. Zwei Bundesstraßen führen direkt in die Stadtmitte. Baden-Airpark und Frankfurt Airport sind unweit von Bruchsal.

Ludwig Marum – mehr als nur ein Bruchsaler
Einer der bedeutendsten deutschen Politiker der Vorkriegszeit stammt aus unserer Stadt.

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, fordert, den aus einer jüdischen Familie stammenden und in Bruchsal aufgewachsenen badischen Demokraten Ludwig Marum und dessen Ehefrau Johanna als landesgeschichtliche Identifikationsfiguren zu stärken und zu würdigen: „Es ist nun höchste Zeit, diesen badisch-jüdischen Demokraten und NS-Opfern einen landesgeschichtlich verdienten Platz ... als Mitbegründer und Verteidiger der Demokratie unseres Landes ... einzuräumen“. Im Paul-Schrag-Haus kann an Ludwig und Johanna Marum würdevoll und einzigartig gedacht werden.

Die Zukunft Bruchsals als Mittelzentrum

KIT-Professor Markus Neppl beschrieb in einem Interview in den BNN die bevorstehenden schwierigen Zeiten für unsere Städte, insbesondere die noch deutlich massiver werdenden Probleme für Handel und Gastronomie. Er befürchtet massive Schrumpfungen und fordert, unsere Innenstädte auf andere Weise interessant zu machen: „Dazu gehören Kultur und öffentliches Zusammenleben. Man versteht langsam, dass das Wohnumfeld und das gemeinschaftliche Nutzen von Fläche auch in kleineren Städten einen enormen Wert hat.“

Die Innenbezirke oder Fußgängerzonen kleinerer Mittelstädte werden es in Zukunft schwer haben, den Besuchern ein attraktives Einzelhandelssortiment anzubieten. Der Onlinehandel wird dem stationären Handel weiterhin schwer zu schaffen machen.

Bruchsal als Mittelzentrum wird gestärkt

Daher muss die Bruchsaler Innenstadt gestärkt werden. Es sind jetzt neue Ideen und Konzepte gefragt, wie auch von Professor Neppl angeregt, zumal mit dem Ende der Umbauarbeiten in Karlsruhe Kaufkraftverlust für Bruchsal zu erwarten ist.

Bruchsal kann mehr als Barockschloss und Spargel

Mit dem Paul-Schrag-Haus, ein in gleicher oder ähnlicher Weise noch nirgends in Baden-Württemberg umgesetztes Leuchtturmprojekt, kann sich Bruchsal zusätzlich zu Schloss und Musikautomatenmuseum ein einzigartiges touristisches Standbein verschaffen. Über die Schlossachse sind diese Bruchsaler Attraktionen miteinander verbunden.

Das alles und noch viel mehr?

Über die Idee eines Geschichts- bzw. Kulturhauses hinaus werden in Bruchsal zur weiteren Aufwertung unserer Stadt zusätzliche Möglichkeiten diskutiert: Verlagerung des Städtischen Museums auf das Synagogengelände, dazu noch ein Badisches Strafvollzugsmuseum und ein Badischer Lernort Demokratie, der über den oftmals steinigen Weg zur Freiheit und unserer freiheitlichen Demokratie informiert. Diese Ideen sind gut und richtig, tragen sie doch positiv zur Entwicklung unserer Stadt bei. Sie steigern die Anziehungskraft von Bruchsal und die Attraktivität der Innenstadt.

* Der jüdische Rechtsanwalt Paul J. Schrag wurde 1909 in Karlsruhe geboren und verstarb 1992 in New York. In seinem Buch "Heimatkunde" schildert er die Geschichte der Familie Kusel, wobei er vile Episoden aus seiner Bruchsaler Familie verarbeitet hat. Die Familie Schrag stammte zunächst aus Obergrombach und übersiedelte später nach Bruchsal. Paul Schrags Bruder Otto betrieb in Bruchsal die gleichnamige Malzfabrik in der Kaiserstraße. 1974 verfasste Schrag das Bühnenstück "Die Geschichte vom Herrn Rat", in dem er viele Elemente und Ereignisse seiner Bruchsaler Familie verwendete.

© Förderverein Haus der Geschichte der Juden Badens e.V.

Autor:

Rolf Schmitt aus Bruchsal

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