Bruchsaler Projekt "Es ist UNSERE Geschichte" erhält Landesförderung
"Geschichtsarbeit von unten" als Basis für die Theaterarbeit

Das vom Krieg zerstörte Schloss Bruchsal
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  • Das vom Krieg zerstörte Schloss Bruchsal
  • Foto: Carl Ohler
  • hochgeladen von Heike Schwitalla

Bruchsal/Stuttgart. Mit mehr als 160 Anträgen aus ganz Baden-Württemberg haben sich Kunst- und Kultureinrichtungen um eine Förderung im Innovationsfonds Kunst beworben. Davon werden nun 31 Projekte aus Blaubeuren, Bruchsal, Esslingen, Freiburg, Häg-Ehrsberg, Herrlingen, Isny, Karlsruhe, Ludwigsburg, Mannheim, Offenburg, Pforzheim, Ravensburg, Rottweil, St. Georgen, Stuttgart und Tübingen mit rund 1,1 Millionen Euro gefördert.
„Der Innovationsfonds Kunst Baden-Württemberg steht für die Schaffung kreativer Freiräume für mutige künstlerische Vorhaben. Die ausgewählten Projekte stellen genau das erneut unter Beweis. Das Publikum hat dadurch die Chance, neue Perspektiven einzunehmen und neuartige künstlerische Erfahrungen zu machen“, betonte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski in Stuttgart anlässlich der Bekanntgabe der Programmentscheidung.
Auch die badische Landesbühne Bruchsal ist mit Fördermitteln bedacht worden. 48.000 Euro fließen in das Projekt "Es ist UNSERE Geschichte" - das die Landesbühne nun in den kommenden zwei Spielzeiten beschäftigen wird. 

Aus der Begründung der Jury:

Bruchsal ist eine Stadt, die ihre NS-Geschichte lange verdrängt hat. Sinnbildlich dafür steht das Feuerwehrhaus. Es wurde 1953 auf demselben Grundstück errichtet, wo 15 Jahre zuvor dieSynagoge niedergebrannt wurde. Die Diskussion darum, was nach dem geplanten Umzug der
Feuerwehr 2019 mit dem Grundstück geschehen soll, zeigt, wie stark das Bedürfnis und
Interesse der Stadtgesellschaft ist, sich mit der neuesten Geschichte Bruchsals
auseinanderzusetzen. Das Theater will den Bürgern ein Forum zur
Beschäftigung mit der Stadtgeschichte bieten und die Ergebnisse in theatraler Form  präsentieren.

Der Schaffensprozess

In einem ersten Schritt wird es dafür einen Recherche-Prozess geben, den das Theater begleitet, der allen interessierten Bürgern der Stadt Bruchsal offen steht. In regelmäßigen Treffen und Workshop-Wochenenden sollen Quellen und Dokumente gesammelt, ausgewertet und diskutiert, Berichte von Zeitzeugen erfasst und zugänglich gemacht werden.
"In einer Geschichtsarbeit `von unten` sollen Dokumente gesammelt, ausgewertet und diskutiert, Zeitzeugen befragt und ihre Berichte zugänglich gemacht werden", sagt Intendant Carsten Ramm.  "Aus den zusammengetragenen Materialien werden Bühnentexte erstellt. Oder das Material – ich denke zum Beispiel an Fotografien – kann anderweitig als Ausgangspunkt für theatrale Herangehensweisen dienen. Die Ergebnisse wollen wir in den nächsten beiden Spielzeiten präsentieren, zunächst in der Bürgertheater-Inszenierung in der Spielzeit 2019/2020", so Ramm weiter.

Seinen vorläufigen Abschluss soll das Projekt in einer Aktionswoche zur Stadtgeschichte im März 2021 finden. Hier werden das BLB-Ensemble und die Ensembles der Bürgertheater verschiedenste Orte in der Stadt bespielen. Themenbezogene Stadtrundgänge und Gespräche mit Experten sollen das Programm ergänzen. Denkbar wäre aber auch eine Dokumentation der Ergebnisse über die Inszenierungen hinaus, zum Beispiel auf einer Website.

Theater und Geschichte – wie geht das eigentlich zusammen?

"Geschichte war schon immer Gegenstand von Theater und Stoff für Theaterliteratur – denken Sie nur an die Königsdramen Shakespeares! Uns geht es allerdings darum, der weniger prominenten lokalen Geschichte zu einer Öffentlichkeit zu verhelfen. Zwar liegen Publikationen zur Stadtgeschichte vor, vieles ist aber noch zu entdecken: in Quellen, Dokumenten, Archiven und durch Gespräche mit Zeitzeugen. Wir wollen uns umschauen, auf die Suche machen und das Gefundene mit den Mitteln des Theaters präsentieren. Theater kann Dinge anschaulicher erzählen als jedes Buch und verschafft einen unmittelbaren, sinnlichen Zugang. Wir wollen der Stadtgeschichte zu Präsenz und Öffentlichkeit verhelfen – ihr schlichtweg „eine Bühne geben“ – und sie zur Debatte und Diskussion stellen. Ein Nachdenken über Geschichte ist immer auch ein Nachdenken über Gegenwart und Zukunft", erklärt Intendant Ramm die Vorgehensweise der Badischen Landesbühne.

Das Projekt soll Raum für generationenübergreifende Begegnungen bieten, aber auch für Begegnungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. Menschen, die vielleicht noch nichts über die Geschichte der Stadt Bruchsal, vielleicht auch wenig über die deutsche Geschichte wissen, dafür aber ganz andere Erfahrungen mitbringen, sind natürlich ebenso herzlich willkommen. Sie begegnen der Stadtgeschichte mit einem unvoreingenommenen, frischen Blick. "Wir wollen die Geschichtswerkstatt, die wir letzte Spielzeit ins Leben gerufen haben, hier fortführen. Und natürlich wollen wir mit denjenigen  Zusammenarbeiten, die sich schon länger mit der Stadtgeschichte befassen: zum Beispiel der Initiative Bruchsaler Stolpersteine, dem Verein zu Erhaltung Historischer Bauwerke in Bruchsal, dem Stadtarchiv und der sich in der Gründung befindenden Historischen Kommission", so Carsten Ramm.

Die zusätzliche Förderung ermöglicht es nun, weitere kulturelle Akzente zu setzen, innovativen künstlerischen Fragestellungen Raum zu geben sowie aktuellen Herausforderungen und zentralen gesellschaftlichen Themen mit den Mitteln von Kunst und Kultur zu begegnen.

Das vom Krieg zerstörte Schloss Bruchsal
Die Diskussion um die alte Synagoge (Bild) und die Neugestaltung des Feuerwehrareals trugen zur Projektidee "Es ist UNSERE Geschichte" bei

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