MGV Lyra-Liederkranz Wörth hat sein beliebtes Singsommerfest abgesagt
Warum es immer weniger Feste in der Südpfalz gibt

Vereinsfeste brauchen nicht nur Weintrinker, sondern auch Helfer die ausschenken, Kisten schleppen, Tische aufbauen und spülen.
  • Vereinsfeste brauchen nicht nur Weintrinker, sondern auch Helfer die ausschenken, Kisten schleppen, Tische aufbauen und spülen.
  • Foto: Jill Wellingten
  • hochgeladen von Julia Lutz

Wörth/Kreis Germersheim. Der MGV Lyra-Liederkranz Wörth hat sein großes Singsommerfest abgesagt. In einem offenen Brief schreibt Jochen Geißer an die Sänger und Mitglieder über die Gründe, die wohl viele Vereine inzwischen kennen. Es fehlen vor allem die Helfer. Mit diesem Problem ist der Verein nicht allein.

Viele Feste sind mehr als nur ein Fest. Sie sind eine Tradition für ganze Familien. Und sie stiften in ihrem jeweiligen Ort Identität. Wir alle lieben die zahlreichen Feste, die überall in der Pfalz stattfinden – angefangen vom Karfreitags-Fischessen über die 1. Mai-Feste bis hin zu den vielen Wein- und Dorffesten. Für die veranstaltenden Vereine sind die Organisation und Umsetzung jedoch immer ein Kraftakt, den nicht mehr jeder auch tatsächlich stemmen kann.
Der MGV Lyra-Liederkranz Wörth steht exemplarisch für viele Vereine. Sie bereichern das Dorfleben nicht nur bei Anlässen mit ihrem Beitrag, sie veranstalten selbst Feste. Umso trauriger ist es, dass das Singsommerfest auf dem Karl-Josef-Stöffler-Platz abgesagt ist. In seinem Brief schreibt Geißer, dass das Hauptproblem die fehlenden Helfer sei. Ohne Auf- und Abbau benötigt der Verein für das Fest 150 Helfer. Weil schon im letzten Jahr viele Helfer fehlten, wurde der Montag bereits letztes Jahr gestrichen. Dieses Jahr wären noch 90 Helfer nötig gewesen. Im Vorfeld hätten bereits zehn langjährige Helfer abgesagt. „Dies hat es unmöglich gemacht, den Helferplan für die Durchführung unserer Veranstaltung in bewährter Form so zu erstellen, dass ein reibungsloser Ablauf, der auch unsere Mitglieder nicht überfordert, gewährleistet wäre“, sagt Geißer. Ein großer Kritikpunkt, den er anfügt, ist die fehlende Überdachung für den Stöffler-Platz. Die Vereine müssten die Pergola jedes Mal wieder auf- und abbauen, was viel Zeit kosten würde und nicht ungefährlich sei. 

Hohe Auflagen, hohe Verantwortung

Ähnlich erging es im letzten Jahr dem Grumbeerfescht in Bellheim zur Kartoffelernte. Der Kulturvereinsvorsitzende gab gegenüber dem Wochenblatt auch die hohen Auflagen für den Brandschutz und die Helfer als Gründe für die Absage an. Einfach so ein Fest machen,das kann man heute nicht mehr. Es gibt Vorschriften für bestimmte Lagermöglichkeiten von Lebensmitteln, den Verkauf von alkoholischen Getränken, Musikanlagen und deren Lautstärke. Es gibt Einweisungspflichten für den Umgang mit Messern oder den Umgang mit Gasflaschen. Vorschriften, die es früher nicht gab. Bei großen Veranstaltungen werden Sicherheitskonzepte vom Veranstalter gefordert, die viel Geld kosten. Dann kommt auch noch die GEMA. Für Vereinsvorsitzende ist jedes Fest ein Risiko, denn sie halten nicht nur den Kopf hin, sie haften oft auch mit ihrem Privatvermögen. Etwas das auch Jochen Geißer beschreibt „als Verantwortliche hat man jedes Mal Angst, dass etwas passiert“. 

Essens- und Getränkewünsche werden ausgefallener

Ein Fest mit weniger Aufwand, darüber habe man in Wörth beim MGV nachgedacht. Aber die Gäste seien nicht zufrieden, wenn das Speisen- und Getränkeangebot zusammengestrichen werde. Im Gegenteil. Geißer bemängelt, dass die Gäste heute nur schwer zufriedenzustellen sind. „Die Zeiten sind nicht mehr so, dass eine Bratwurst im Weck als einziges Speiseangebot ausreicht. Bratwurst, Currywurst, Mittagstisch, etwas Kaltes, etwas Vegetarisches, Pommes, usw. werden erwartet“, heißt es in dem Schreiben.
Das bestätigt auch ein der Vorsitzende eines Vereins in Lustadt, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will: „Das fängt bei Hugo an, geht über Aperol bis hinzu seltenen Whiskey-Sorten. Jeder Festbesucher will, dass wir seine persönlichen Vorlieben erfüllen. Das geht weder bei den Getränken noch beim Essensangebot“. Auf dem Handkeesfescht gebe es ein großes Angebot an Speisen und Getränken. „Aber auch das reicht nicht“, sagt er. Es gebe dennoch Beschwerden von Gästen, die ein bestimmtes Getränk vermissen oder lieber ein anderes Essensangebot hätten. Recht machen kann man es vermutlich sowieso nie allen Festbesuchern. Wie im privaten Rahmen bei Essenseinladungen haben Vereine mit den Unverträglichkeiten ihrer Gäste und den persönlichen Vorlieben zu kämpfen. Es soll ein vegetarisches Angebot geben, idealerweise auch noch ein veganes Angebot. Schweinefleisch grenzt muslimische Bürger aus. Dabei versuchen viele Veranstalter bereits, auf alle Eventualitäten Rücksicht zu nehmen.
Das Kinderfest in Germersheim wird immer so gelegt, dass der Ramadan vorbei ist oder noch nicht begonnen hat. Als der langjährige Organisator des Festes für das Fest 2019 krankheitsbedingt ausfiel, stand das Kinderfest in Germersheim auf der Kippe. Es fand sich unter den Gewerbetreibenden keiner, der das Fest organisieren wollte. Viele anderen Bürger, die meisten von ihnen sind ehrenamtlich bereits eingespannt, winkten ebenfalls dankend ab.

Warum gibt es keine Helfer mehr?

Die Gründe für die fehlenden Helfer sind vielschichtig. Menschen, die im Verein engagiert sind, sind oft in mehreren Vereinen. Sie haben eine große Belastung und können nicht überall helfen. Wenn fast kein Wochenende im Sommer mehr ohne Vereinsfest ist, wird es auch dem größten Vereinsmenschen einmal zu viel. Er tritt teilweise kürzer. Manche müssen aufhören, weil es die Gesundheit im Alter nicht mehr zulässt. Der Nachwuchs fehlt.  Aufgrund des Alters der Aktiven und wenig neuen Mitgliedern wird es immer schwieriger, ein Fest durchzuführen. So sei eine gute Nachwuchsarbeit äußerst wichtig, auch die frühzeitige Einbindung der Neumitglieder, um die Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. 
Das andere Extrem sind Menschen, die gar nicht in Vereinen sind. Auch sie haben ihre Gründe. Wer lange pendelt, hat abends keine Zeit für Vereine und ist am Wochenende froh, sich erholen zu können. Termine und Verpflichtungen will man in der wenig freien Zeit nicht mehr eingehen. Die Zeit lieber mit Freunden und Familie verbringen. Andere Gründe sind auch die Entwurzelung der Gesellschaft. Heute wohnen Menschen in der Südpfalz, morgen in der Hauptstadt und übermorgen im Ausland.  Das macht das Engagement in Vereinen schwierig. Die Gründe sind vielfältig, oft auch verständlich. Aber sie führen dazu, dass immer weniger Feste stattfinden können.

Für den MGV geht es trotzdem weiter. Im Februar 2020 findet eine Ersatzveranstaltung statt. Sie wird kleiner ausfallen, aber sie soll vor allem den Chor präsentieren. Das sei ein Punkt, der beim Singsommerfest immer zu kurz gekommen ist. Näheres will der Verein nach der Sommerpause bekanntgeben. Wer den Chor verstärken will, ist immer dienstags um 19 Uhr im ehemaligen Schützenhaus beim Bayrischen Hof in Wörth willkommen. jlz

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