EINE FANTASIEGESCHICHTE, DIE IN FRANKREICH SPIELT
Die Mechanikerin der Schatten (Episode 3)
- Foto: Foto: Hinweis: Das Titelbild wurde mit einer KI (Perplexity AI) erstellt und ist nicht aus einem urheberrechtlich geschützten Werk abgeleitet. Es zeigt ein frei nutzbares Bild passend zu meiner Geschichte.
- hochgeladen von Michael (Gecko) Mahler
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Was bisher geschah
Auf ihrer Flucht durch die eisigen Katakomben von Paris treffen Valérie und Henri auf die schlaue Chantal, die „diebische Elster“ der Pariser Straßen. Ausgestattet mit einer mechanischen Blechratte kennt das Straßenmädchen jeden Geheimgang der Stadt. Um an Informationen über Valéries verschwundenen Vater zu gelangen, infiltriert das neu formierte Trio den glamourösen Maskenball des Marquis de Vaublanc. Doch der prunkvolle Salon entpuppt sich als tödliche Falle: Der finstere Graf von Saint-Germain hat Valérie absichtlich angelockt, um ihr das goldene Zahnrad zu entreißen.
Auf der Flucht vor dem unbarmherzigen Jäger Chevalier Mercier stoßen die drei im geheimen Dachkabinett des Marquis auf ein schockierendes Geheimnis: Ein lebensgroßes, täuschend echtes mechanisches Konstrukt des Thronfolgers von Frankreich! Valéries Vater hat diese leblose Wachsmaschine gebaut, die Arbeit jedoch abgebrochen, als er den fatalen Plan der Loge durchschaute. Das goldene Zahnrad ist der einzige Riegel, der dieses künstliche Monster im Schlaf hält. In letzter Sekunde entkommt das Trio mit einem Lastenaufzug in die Tiefe, während Merciers Kugeln über ihre Köpfe hinwegpfeifen…
Eine Serie mit einer Staffel und sieben Episoden zu je drei Kapiteln.
La Mécanicienne des Ombres - Die Mechanikerin der Schatten
Épisode 3: Die Katakomben der Freiheit
Chapitre 1: Die Jagd im Schlamm
Das Kreischen der eisernen Seilwinde gellte Valérie noch in den Ohren, als die hölzerne Plattform des Lastenaufzugs mit einem dumpfen, knochenschüttelnden Aufprall im Innenhof des Marquis de Vaublanc aufschlug. Der Hof war ein Hexenkessel aus Panik und dichtem, beißendem Qualm. Chantal hatte mit ihrem Küchenfeuer ganze Arbeit geleistet: Wohlhabende Gäste in rußgeschwärzten Festkleidern schrien durcheinander, Kutscher versuchten verzweifelt, ihre scheuenden Pferde im Zaum zu halten, und dazwischen rannten kopflose Dienstboten mit Wassereimern umher.
„Nicht stehenbleiben!“, rief Henri gegen den Lärm an. Er packte Valérie am Handgelenk und zog sie von der Plattform, Sekunden bevor ein brennender Holzbalken vom Dach herabstürzte und genau dort einschlug, wo sie eben noch gestanden hatten. Funken stoben wie wütende Glühwürmchen in den Nachthimmel.
Chantal sprang mit der Leichtigkeit einer Katze hinterher, ihre Umhängetasche fest an die Seite gepresst. „Hier rüber! Die Ställe!“, rief sie und deutete auf eine Reihe von hölzernen Toren am hinteren Ende des Hofes. „Der Hauptausgang ist dicht, Mercier hat dort seine Männer postiert. Aber die Loge rechnet nicht mit dem Mistkarren-Ausgang!“
Bevor sie die Ställe erreichen konnten, teilte sich die dichte Rauchwand vor ihnen.
Zwei Gestalten traten ihnen in den Weg. Sie trugen keine Dienerlivree und keine adligen Gewänder. Es waren Männer in den schweren, dunklen Mänteln der Sentinelles. Und im flackernden Schein des Brandes glänzten ihre Gesichter kalt und starr – die weißen Porzellanmasken mit dem ewig lächelnden, bösartigen Ausdruck. Einer von ihnen hielt eine schwere Eisenstange, der andere zog ein langes, breites Jagdmesser.
„Das Mädchen gehört dem Grafen“, sagte der Maskierte mit dem Messer. Seine Stimme besaß dieselbe unheimliche, flache Monotonie wie die der Männer in Valéries Werkstatt.
Henri zögerte keine Sekunde. Er stieß Valérie nach hinten, trat einen Schritt vor und zog das kurze Handwerkermesser unter seiner Weste hervor. „Nicht heute, du Porzellantopf“, knurrte er.
Der erste Sentinelle holte mit der Eisenstange zu, doch Henri war schneller. Er duckte sich unter dem wuchtigen Hieb hinweg, nutzte den Schwung des Gegners aus und rammte ihm die Schulter in die Magengrube. Der Maskierte taumelte rückwärts gegen eine brennende Regentonne. Im selben Moment warf sich der zweite Angreifer mit dem Jagdmesser auf Henri.
„Chantal, jetzt!“, schrie Valérie, die die Gefahr erkannte.
Chantal griff blitzschnell in ihre Tasche, zog eine kleine, runde Metallkugel heraus – eine von Jean-Luc Laurents modifizierten Rauchbomben für Straßenjungen – und schmetterte sie dem Angreifer direkt vor die Füße. Ein greller, weißer Blitz flammte auf, gefolgt von einer Wolke aus beißendem Schwefelrauch. Der Sentinelle schrie auf, hielt sich die Augen und fuchtelte blind mit dem Messer in der Luft herum.
„Lauft!“, gellte Chantals Stimme durch den Nebel.
Das Trio stürmte an den hustenden Wachen vorbei in die Dunkelheit der Ställe. Es roch nach feuchtem Stroh, Pferdeschweiß und altem Leder. Chantal steuerte zielsicher auf eine kleine, morsche Holztür an der Rückwand zu, die mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert war. Sie trat nicht nach dem Schloss; sie wusste genau, dass das Holz drumherum völlig verfault war. Mit einem kräftigen Stoß ihrer Stiefelsohle brach sie die gesamte Verankerung aus der Wand.
Sie stolperten hinaus in eine schmale, pechschwarze Sackgasse, die hinter dem Anwesen des Marquis lag. Der Boden bestand aus tiefem, schlammigem Pflaster, das den Gestank der nahen Themse – nein, der Seine – in sich trug. Der Regen hatte das Pariser Pflaster in eine Rutschbahn verwandelt.
„Wo sind wir?“, keuchte Valérie, während sie versuchte, im Laufen nicht den Halt zu verlieren. Ihre feinen Schuhe waren längst vom Schlamm durchtränkt, und das schwere Goldrad in ihrer Schürze schlug bei jedem Schritt unbarmherzig gegen ihr Bein.
„Rue de la Mortellerie“, rief Chantal zurück, die wie ein Schatten durch die Dunkelheit glitt. „Das Arbeiterviertel. Hier verliert uns die Garde, wenn wir es bis zu den Brücken schaffen. Aber Mercier wird die Gassen abriegeln lassen, sobald er merkt, dass wir aus dem Hof raus sind.“
Als hätten ihre Worte den Jäger herbeigerufen, ertönte hinter ihnen vom Dach des Marquis-Anwesens ein durchdringender Pfiff. Es war das Signal von Chevalier Mercier. Kurz darauf sahen sie auf den Hauptstraßen links und rechts von ihnen die unruhigen Lichtpunkte von Fackeln auftauchen. Die Loge spannte ihr Netz aus. Die Sentinelles schwärmten aus, und ihre Fackeln warfen lange, blutrote Streifen auf die nassen Häuserwände.
„Sie schneiden uns den Weg zum Fluss ab“, stellte Henri fest, der immer wieder den Blick nach hinten warf. Seine Leinenbluse war an der Schulter zerrissen, und sein Gesicht war rußverschmiert. „Wir schaffen es nicht zu den Brücken, Valérie. Die jagen uns wie die Ratten.“
„Dann müssen wir eben dorthin, wo die Ratten zu Hause sind“, sagte Valérie fest. Sie blieb abrupt vor einem eisernen, runden Gitter im Boden stehen, das direkt in den Straßenablauf führte. Es war der Zugang zu einem der großen, unterirdischen Abwasserkanäle, die Paris wie ein unsichtbares Adernetz durchzogen. „Chantal, hast du das Werkzeug für dieses Gitter?“
Chantal grinste trotz der Todesangst, die ihnen allen im Nacken saß. „Ich dachte schon, du fragst nie.“ Sie zog einen kurzen, flachen Brecheisen-Hebel aus ihrer Jacke, reichte Henri das eine Ende, und gemeinsam stemmten die beiden den schweren, verrosteten Eisenrost nach oben. Ein Schwall von warmer, faulig riechender Luft schlug ihnen entgegen.
„Ladies zuerst“, sagte Henri mit einem grimmigen Lächeln, während das Rufen der Wachen am Anfang der Sackgasse immer lauter wurde.
Valérie zögerte nicht. Sie packte ihren Lederbeutel mit den Notizen ihres Vaters und der Nachtigall, setzte die Füße auf die glitschigen eisernen Sprossen, die in die Tiefe führten, und kletterte hinab. Über ihr folgte Chantal, die das schwere Eisengitter mit einem lauten Knall wieder über ihnen zufallen ließ und den Bolzen von innen verkeilte. Als letztes rutschte Henri die Sprossen hinunter.
Sie standen knietief in einer langsam fließenden, dunklen Brühe. Die einzige Lichtquelle war das schwache Mondlicht, das durch die Ritzen des Gitters über ihren Köpfen fiel und schmale, silberne Streifen auf die schlammigen Wände des Kanals zeichnete.
„Willkommen in meinem Palast“, flüsterte Chantal und zündete ein kleines, trockenes Schwefelholz an, um ihre Öllampe wieder zum Leben zu erwecken. Der winzige Schein enthüllte endlose, gemauerte Gewölbe, die sich im fahlen Licht in der Unendlichkeit verloren. „Hier unten findet uns keine Porzellanmaske der Welt. Aber wir müssen uns bewegen. Das Wasser steigt, wenn es da draußen wieder anfängt zu regnen.“
Valérie blickte auf ihre Schürze. Sie zog das goldene Zahnrad heraus. Im fahlen Schein der Öllampe wirkte das edle Metall seltsam deplatziert inmitten des Schmutzes der Pariser Unterwelt. „Wir haben das Geheimnis der Loge gesehen“, sagte sie leise zu Henri. „Das Konstrukt des Prinzen. Wenn wir Saint-Germain nicht aufhalten, setzen sie eine Maschine auf den Thron. Und mein Vater… mein Vater wird als der Mann in die Geschichte eingehen, der der Tyrannei die Krone aufgesetzt hat.“
„Wir werden seinen Namen reinwaschen, Valérie“, sagte Henri und legte seine große, schwielige Hand auf ihre Schulter. Seine Stimme war ruhig, aber von einer unerschütterlichen Entschlossenheit getragen. „Aber zuerst müssen wir herausfinden, wo sie ihn gefangen halten. Und ich glaube, die Notizen, die du aus dem Kabinett mitgenommen hast, enthalten den Schlüssel dazu.“
Chapitre 2: Das Logbuch der Schatten
Chantal führte sie tiefer in das unterirdische Labyrinth, vorbei an Abzweigungen, die tiefer in den Bauch der Stadt schnitten, bis sie schließlich vor einer massiven, halbrunden Holztür haltgemacht hatten. Es war ein alter, längst vergessener Wartungsraum der städtischen Kanalbauer.
Im Inneren war es überraschend trocken. Chantal hatte sich hier eine Art Zufluchtsort eingerichtet: Ein paar aus Stroh geflochtene Matten lagen in der Ecke, eine alte Holzkiste diente als Tisch, und an den Wänden hingen seltsame Beutestücke von ihren Raubzügen durch die Reichenviertel.
„Macht es euch bequem, eure Hoheiten“, sagte Chantal und stellte die Öllampe auf die Kiste. Sie setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden und zog ihre mechanische Blechratte aus der Tasche, um die Feder mit einem kleinen Schlüssel liebevoll nachzuziehen. Klick-klick-klick. „Hier findet uns so schnell keine Seele. Erzählt mir lieber, was ihr aus dem Kabinett des Marquis mitgehen lassen habt.“
Valérie atmete tief ein. Ihre Arme schmerzten, und ihre Kleider waren mit Schlamm besudelt, doch das Fieber der Entdeckung ließ sie die Müdigkeit vergessen. Sie öffnete ihren Lederbeutel und breitete die hastig zusammengerafften Notizblätter ihres Vaters auf der Holzkiste aus.
Das Papier war an den Rändern leicht angekohlt und roch nach dem Weihrauch, den der Marquis in seinem Salon verbrannt hatte. Henri trat näher heran und hielt die Öllampe tiefer, sodass der gelbliche Lichtkegel die filigranen Zeichnungen und die engen Zeilen ihres Vaters erhellte.
„Das ist kein normales Tagebuch“, flüsterte Valérie, während ihre Finger über die Skizzen glitten. „Das sind Berechnungen. Er hat versucht, die Logikschleife des Konstrukts mit astronomischen Tabellen zu synchronisieren. Sieh mal hier, Henri.“
Sie deutete auf eine detaillierte Zeichnung, die das Innere des künstlichen Dauphins zeigte. Wo bei einem Menschen das Herz schlug, hatte ihr Vater ein winziges, extrem komplexes Planetengetriebe skizziert. Doch anstatt der Planetenbahnen waren die Zähne der Räder so angeordnet, dass sie bestimmte Textpassagen codierten.
„Er hat dem Ding das Sprechen beigebracht“, sagte Henri voller Staunen. „Eine Maschine, die nicht nur Worte nachplappert, sondern auf Fragen antworten kann. Ein künstlicher König, der auf Knopfdruck der Loge genau die Gesetze verkündet, die Saint-Germain diktiert.“
„Aber er hat es nicht vollendet“, entgegnete Valérie und blätterte zum nächsten Dokument. Ihre Augen flogen über die handschriftlichen Notizen. „Hier schreibt er: ‚Der Graf verlangt das Unmögliche. Er will, dass die Maschine den Eid in Reims spricht. Doch das Metall weigert sich, die Lüge zu tragen. Ich habe das Hauptrad ausgebaut und die Zahnsegmente asymmetrisch verschoben. Ohne das Rad bleibt der falsche Prinz eine leblose Hülle aus Wachs und Messing.‘“
Sie zog das goldene Zahnrad aus ihrer Schürzentasche und legte es mitten auf die Papiere. Es passte genau auf den kreisförmigen Abdruck, den die Tinte auf einem der Blätter hinterlassen hatte. „Das ist es. Das ist das Rad. Solange wir es haben, kann das Konstrukt niemals den Thron besteigen.“
„Aber dein Vater ist immer noch in ihren Händen“, gab Henri zu bedenken. Seine Stimme war schwer vor Sorge. „Wenn Saint-Germain merkt, dass er den Code nicht ohne ihn rekonstruieren kann, werden sie ihn foltern, Valérie. Wir müssen wissen, wo sie ihn versteckt halten.“
Valérie nickte stumm. Sie suchte weiter, bis sie auf der Rückseite des letzten Blattes eine Reihe von scheinbar wirren Notizen fand. Es waren keine technischen Zeichnungen mehr, sondern hastig hingeworfene Wörter und Symbole:
„Der Turm, wo die Sterne weinen. Drei Stockwerke unter der Erde, wo das Licht der Sonne niemals hinreicht. Die Wachen schlafen nicht, sie atmen nicht. Die Fackel am Gefangenenhaus brennt nur für die Toten.“
„Gefangenenhaus…“, murmelte Valérie. Sie erinnerte sich an die Worte, die sie im Fieber ihrer Arbeit gesprochen hatte. „Ein Gefängnis. Aber welches? Die Bastille? Das Châtelet?“
Chantal blickte von ihrer Blechratte auf. Ihre Augen verengten sich im Schein der Lampe. „Nein. Keines von beiden. Die Bastille wird von den Soldaten des Königs bewacht, da kommt die Loge nicht so einfach rein und raus. Aber es gibt ein anderes Gefangenenhaus. Ein privates.“
„Was meinst du?“, fragte Henri und wandte sich dem Straßenmädchen zu.
„Das Bicêtre“, sagte Chantal leise, und zum ersten Mal schwang ein echter Ton von Furcht in ihrer Stimme mit. „Es liegt vor den Toren der Stadt. Offiziell ist es ein Spital für Geisteskranke und ein Gefängnis für die Ärmsten der Armen. Niemand kümmert sich darum, wer dort hineingeht oder wer dort stirbt. Aber die Diebe auf der Straße erzählen sich unheimliche Geschichten über den Nordflügel. Sie sagen, dort drüben gäbe es einen Trakt, den niemand betreten darf. Und die Wachen dort… sie tragen auch nachts Mäntel mit tiefen Kapuzen. Und sie machen kein einziges Geräusch beim Gehen.“
„Die Sentinelles“, kombinierte Valérie messerscharf. Ihre Fingernägel bohrten sich in das Holz der Kiste. „Die Porzellangesichter. Mein Vater ist im Bicêtre. Sie halten ihn dort gefangen, um ihn zu zwingen, ein neues Zahnrad zu bauen.“
„Das ist ein Selbstmordkommando“, sagte Henri und strich sich durch das struppige Haar. „Das Bicêtre ist eine Festung. Mauern aus dickem Stein, bewacht von den grausamsten Wärtern Frankreichs und jetzt auch noch von den mechanischen Monstern der Loge. Wir kommen da nicht einfach so rein.“
„Man kommt nie einfach so rein, Moreau“, feixte Chantal, und ihre alte Frechheit kehrte zurück. „Aber man kann sich hineinbringen lassen. Jede Nacht holt der Karren des Totengräbers die Leichen aus dem Bicêtre ab, um sie in den Massengräbern zu verscharren. Und derselbe Karren bringt tagsüber die Vorräte – und die neuen Gefangenen.“
Valérie blickte auf das goldene Zahnrad. Ein Plan begann in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen, so präzise wie die Konstruktion einer Uhr. „Wir werden uns nicht hineinschmuggeln“, sagte sie mit einer Kälte in der Stimme, die sie selbst überraschte. „Wir werden Saint-Germain genau das geben, was er will. Einen Köder, dem er nicht widerstehen kann.“
Chapitre 3: Die Pforten der Hölle
Der Plan war so waghalsig wie ein Uhrwerk, dessen Federn bis zum Zerspringen gespannt waren. Doch Valérie wusste, dass Logik die einzige Waffe war, die ihnen gegen die Übermacht der Loge blieb.
„Sie suchen nach mir und dem Rad“, sagte sie, während sie das schwere Goldstück im fahlen Schein der Öllampe wendete. „Wenn ich mich fangen lasse, bringen sie mich direkt zu meinem Vater in den Nordflügel des Bicêtre. Saint-Germain wird mich nicht töten, solange er den Code nicht hat.“
„Das ist Wahnsinn, Valérie!“, fuhr Henri dazwischen. Er schlug mit der flachen Hand auf die Holzkiste, dass die Papiere erzitterten. „Mercier ist ein Schlächter. Wenn er dich in die Finger kriegt, bricht er dich, noch bevor du deinen Vater überhaupt zu Gesicht bekommst. Ich lasse nicht zu, dass du dich an diese Monster auslieferst!“
„Er wird mich nicht brechen, Henri“, entgegnete Valérie mit einer ruhigen, fast unheimlichen Festigkeit. „Weil er das echte Rad gar nicht bekommt.“
Chantal legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. „Ein falsches Rad? Laurent, das sind die besten Uhrmacher und Mechaniker der Loge. Glaubst du ernsthaft, die merken den Unterschied zwischen echtem Gold und billigem Messing nicht?“
„Das Gewicht, die Dichte, der Klang beim Aufprall – Messing würde sie sofort verraten“, erklärte Valérie und ein schmales, grimmiges Lächeln trat auf ihre Züge. „Aber wir nehmen kein Messing. Wir nehmen die mechanische Nachtigall des Marquis.“
Sie griff nach dem Beutel und holte den vergoldeten Vogel heraus. Das Meisterwerk bestand aus einer extrem seltenen, schweren Gold-Kupfer-Legierung, um die feinen Resonanzttöne des Gesangs zu erzeugen. „Das Material hat exakt dieselbe Dichte wie das Zahnrad meines Vaters. Henri, du hast deine Handwerkzeuge aus der Werkstatt deines Onkels im Rucksack. Wir haben genau drei Stunden bis zum Morgengrauen. Du wirst mir helfen, den Korpus des Vogels einzuschmelzen und das Rad zu kopieren. Die asymmetrischen Zähne feilen wir fast identisch nach – bis auf eine einzige, winzige Abweichung.“
Henri sah sie lange an. In seinen Augen spiegelte sich der Widerstreit zwischen nackter Angst um sie und dem Respekt vor ihrer Genialität. Schließlich stieß er den Atem aus und nickte langsam. „Eine Sackgasse im Code. Wenn sie das falsche Rad in das Konstrukt einsetzen, blockiert die gesamte Mechanik und zerstört das Getriebe von innen heraus.“
„Exakt“, sagte Valérie. „Und während sie versuchen, den Schaden zu reparieren, sind wir längst im Inneren des Bicêtre.“
Die folgenden Stunden wurden zu einer schweißtreibenden Jagd gegen die Zeit. Im hinteren Teil des Wartungsraums improvisierten sie eine Schmelzschale über Chantals Kohlebecken. Mit einem kleinen Handblasebalg trieb Henri die Hitze an, bis das Gold des Marquis-Vogels zu einer glühenden, zähflüssigen Masse zerrann. Valérie nutzte den Abdruck des echten Rades im feuchten Ton der Kanalwand als Gussform.
Als das Metall abgekühlt war, saß Valérie mit einer feinen Uhrmacherfeile unter der Öllampe. Jeder Strich musste sitzen. Der Staub des Goldes glitzerte auf ihren schlammigen Fingern wie Sternenstaub. Das echte Zahnrad schob sie tief in das geheime Innenfutter ihrer Lederstiefel, direkt unter die Sohle. An ihre Schürze steckte sie das glänzende Plagiat.
Als die ersten fahlen, grauen Lichtstrahlen des Morgens durch die eisigen Straßenrohre fielen, war das Werk vollbracht.
„Chantal, wie steht die Verbindung zum Totengräber?“, fragte Henri, der sich den Ruß von der Stirn wischte.
„Der alte Jacques ist für eine Flasche billigen Branntwein zu allem bereit“, sagte das Mädchen und verstaute ihre Blechratte in der Tasche. „Er liefert heute Morgen die Wäsche und die Lebensmittel für die Insassen im Bicêtre. Der Karren steht an der Porte Saint-Jacques. Ich habe uns drei Plätze besorgt – zwei in den leeren Weinfässern auf dem Wagen und dich, Laurent… dich liefern wir als ‚aufgegriffene Landstreicherin‘ direkt an der Pforte ab.“
Der Weg aus den Katakomben führte sie an die Peripherie von Paris. Als sie die Festung des Bicêtre erreichten, gefror Valérie fast das Blut in den Adern. Das Gebäude war ein gigantischer, düsterer Klotz aus grauem, vom Alter geschwärzten Stein. Die Fenster waren winzig und mit schweren Eisenstäben vergittert. Aus dem Inneren drang das ferne, unheimliche Heulen der Geisteskranken und das Rasseln von Ketten.
Der Karren des Totengräbers hielt vor den massiven Holztoren. Zwei Wachen in den dunklen Mänteln der Garde traten vor. Ihre Gesichter blieben tief unter den Kapuzen verborgen.
„Eine Vagabundin“, rief der betrunkene Jacques von seinem Bock und deutete auf Valérie, die mit auf den Rücken gebundenen Händen auf dem Heu des Wagens saß. Ihre Kleider waren zerrissen, ihr Gesicht bewusst mit Dreck verschmiert. „Die Stadtwache hat sie an den Brücken aufgelesen. Sie hatte das hier bei sich.“
Jacques hielt das gefälschte goldene Zahnrad in die Höhe.
Der vorderste Gardist bewegte sich mit einer unnatürlichen, gleitenden Schnelligkeit. Eine Hand, die in einem grauen Lederhandschuh steckte, griff nach dem Rad. Er hielt es ganz nah vor das Dunkel seiner Kapuze. Dann gab er ein kurzes, mechanisches Klicken von sich.
Das Tor des Bicêtre öffnete sich mit einem schweren, mahlenden Ächzen.
„Bringt sie in den Nordflügel“, sagte eine flache, monotone Stimme unter der Kapuze hervor.
Zwei Wachen packten Valérie grob an den Oberarmen und zerrten sie vom Wagen. Beim Aufprall auf den harten Steinboden suchten ihre Augen instinktiv nach den großen Weinfässern auf dem Karren. Sie sah, wie sich der hölzerne Deckel eines der Fässer um einen Millimeter hob. Henris dunkle Augen blitzten kurz durch den Spalt. Sie waren drin.
Als sich die schweren Tore des Bicêtre hinter Valérie schlossen und sie in die feuchte Dunkelheit des Korridors gezerrt wurde, blickte sie auf die Wände. Über den Türen brannten Pechfackeln, die einen rötlichen, unruhigen Schein warfen – genau wie in der Nacht in ihrer Werkstatt.
Die Fackeln brannten nur für die Toten. Und das Spiel gegen die Schatten hatte gerade erst begonnen.
Ende Episode 3
• Episode 4 erscheint am 20.07.2026
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Autor:Michael (Gecko) Mahler aus Wörth am Rhein |
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