Mit Luft und Liebe
Neustadt: Hospiz und Palliativzentrum

Ute Keller liebt ihre Tätigkeit als Hospiz- und Palliativpflegekraft in Neustadt. „Man sieht das Leben mit anderen Augen – als hätte ich ein Fernglas scharf gestellt“, sagt sie.  | Foto: Joachim Gies Fotografie
  • Ute Keller liebt ihre Tätigkeit als Hospiz- und Palliativpflegekraft in Neustadt. „Man sieht das Leben mit anderen Augen – als hätte ich ein Fernglas scharf gestellt“, sagt sie.
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Neustadt. Als Hospiz- und Palliativpflegekraft begleitet Ute Keller Sterbende und deren Angehörige; lindert Schmerzen und Sorgen. Ein Beruf, der sie an ihre Grenzen bringt. Und der ihre Einstellung zum Leben positiv verändert hat.

Von Sonja Hausmanns

Besuch beim Ambulanten Hospiz- und Palliativzentrum (AHPZ) in Neustadt an der Weinstraße. Schon auf dem Weg dorthin drängen sich Gedanken an den Tod auf: Es geht vorbei am Hubschrauberlandeplatz des nahegelegenen Marienhaus-Klinikums Hetzelstift, wo gerade eine Maschine auf ihren nächsten – hoffentlich lebensrettenden – Einsatz wartet. Anschließend führt die Strecke am Friedhof vorbei, bevor sich nach ein paar Schritten durch einen kleinen Park die Tür zum Hospiz öffnet. Es ist ruhig hier, denn die eigentliche Arbeit findet woanders statt, in den Wohnungen und Häusern der Sterbenden. Im Umkreis von 100 Kilometern betreut das Team derzeit etwa 150 Palliativ- und Hospizpatienten.

Ziel: Im Sterben die Symptome zu lindern

Worin der Unterschied liegt: Ziel der Palliativmedizin ist es,  im Sterben die Symptome zu lindern – etwa Schmerzen und Erbrechen oder Angst und Unruhe. Sind Patienten hingegen beschwerdefrei, geht es in der Hospizarbeit um eine Begleitung des Sterbenden. Die Übergänge sind fließend; der Zustand eines Patienten kann sich im Laufe des Sterbeprozesses mehrfach ändern. Umso besser, dass im AHPZ Palliativversorgung und Hospiz nicht wie sonst üblich getrennt sind, sondern aus einer Hand kommen.

Letzter Liebesdienst

Eine, die Sterbenden die Hand reicht, ist Ute Keller. Mit ihren quirligen Augen und dem froschgrünen Schal, der locker um ihre Schultern liegt, wirkt sie wie jemand, der zupacken kann. Gleichzeitig vermittelt ihr weicher pfälzischer Zungenschlag auf Anhieb Vertrauen. „Zuhause sterben dürfen: Für mich ist das der letzte große Liebesdienst, den Menschen ihren Angehörigen erweisen können. Und wir tun alles, um das zu ermöglichen“, beschreibt die Hospiz- und Palliativschwester ihre Aufgabe. Die Geschichten der Patientinnen und Patienten, die Keller betreut, sind sehr unterschiedlich: Da ist der 95-jährige demente Herr ebenso wie die junge Frau, die unheilbar an Krebs erkrankt ist.
„Am Anfang braucht es Detektivarbeit, um herauszufinden, was der Einzelne benötigt“, erzählt Keller. Denn vor ihren Nächsten würden Patienten oft nicht zugeben, wie stark ihre Beschwerden wirklich sind. Familienangehörige wiederum tun sich schwer damit auszusprechen, dass einer ihrer Lieben sterben wird. „Ich lausche erst einmal und versuche auch das zu hören, was nicht gesagt wird. Wenn ich es schaffe, dass beide Parteien in Kontakt kommen und offen miteinander sind, habe ich schon viel erreicht“, betont die 59-Jährige. Neben dieser „Seelenarbeit“ steht die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten im Vordergrund. Im Rahmen der spezialisierte ambulanten Palliativversorgung (SAPV) verabreicht Keller etwa Scherzmittel, hilft bei Luftnot, behandelt Wunden oder sorgt bei Bedarf dafür, dass ein Patient künstlich ernährt wird. Etwa zwölf Menschen begleitet sie kontinuierlich; wie oft die Pflegerin vor Ort ist, hängt von deren individuellen Bedürfnissen ab. Manche wollen sie zweimal am Tag sehen, andere ziehen sich zurück – weil Kellers Besuche sie an den eigenen Tod erinnern. „Ich verstehe, dass sie nicht dauernd ans Sterben denken wollen. Man darf das auch verdrängen. Das ist gut für die Psyche.“

Pläne ändern sich

Ute Keller kam über Umwege zur Hospiz- und Palliativpflege. Sie ist 1963 geboren, damals gibt es für junge Frauen kaum berufliche Wahlmöglichkeiten und Keller weiß, was sie nicht will: Bank oder Büro. „Blieben nur Krankenschwester oder Hebamme.“ Die junge Pfälzerin entscheidet sich für ersteres. Später bildet sie sich als Heilpraktikerin und Homöopathin weiter, strebt eine Selbstständigkeit an – legt diese Pläne jedoch beiseite, als sie Mutter wird. Als ihre drei Kinder im Schulalter sind, beginnt Keller ehrenamtlich in einem Hospiz zu arbeiten und erkennt, dass ihr der Umgang mit Sterbenden, trotz aller Schwere, großen Spaß macht. Sie absolviert eine Weiterbildung in Palliativpflege und arbeitet seit ihrem beruflichen Wiedereinstieg in diesem Bereich; zunächst in Frankfurt, Speyer und Landau und nun seit drei Jahren bei Marienhaus in Neustadt. „Es ist ein toller Beruf, den ich immer mehr zu schätzen und zu lieben gelernt habe“, sagt Keller und lobt die guten Bedingungen: „Ich kenne Teams, die deutlich profitorientierter arbeiten müssen. Wir hingegen arbeiten menschenorientiert.“ So bleibt ihr auch die Zeit, sich intensiv um die Angehörigen zu kümmern. Ideal sei es natürlich, wenn in den Familien die Last auf mehreren Schultern verteilt wird. „Aber oft ist es halt der Ehepartner, der sich allein kümmert“, erzählt Keller. „Viele sind am Anfang unsicher, ob sie das schaffen. Aber gerade die Unsicheren – Männer wie Frauen – sind es, die später über sich hinauswachsen.“

Atmen!

„Den Tod in die Tasche stecken“, so nennt es Ute Keller, wenn sie wie heute Bereitschaftsdienst hat. Klingelt dann ihr Handy, ist ein Sterbender oder ein Angehöriger am Apparat, der Hilfe braucht. Vor allem wenn sie nachts losmuss, ist es Keller wichtig, dass sie die Patienten bereits persönlich kennengelernt hat. Doch wenn sie wie jetzt gerade aus dem Urlaub kommt, gelingt das nicht immer. Trotzdem bleibt sie gelassen und versucht am Telefon erst einmal zu beruhigen und möglichst klare Anweisungen zu geben. „Während der Fahrt rufe ich dann meistens noch einmal an und wenn ich ankomme, hat sich die Situation oft schon entspannt.“ Doch selbst, wenn Angehörige in Panik geraten oder Patienten einen Zusammenbruch erleiden, bewahrt Keller Ruhe. „Ich atme. Ich atme ein und atme aus. Ich bin da. Ich gucke, was ich tun kann. Manchmal geht es auch einfach nur ums Aushalten. Der Tod ist halt eine brachiale Gewalt. Das kann man nicht schönreden.“ Trotzdem – oder gerade deshalb – hält Ute Keller nichts von Sterbehilfe: „Alles hat seinen Weg. Und den vorgegebenen Weg nicht zu gehen, finde ich falsch.“
Keller versucht, die Familien so gut wie möglich auf den Tod vorzubereiten – zieht sich jedoch zurück, wenn es soweit ist. „Dann müssen die Angehörigen ans Bett. Ich bin da nicht wichtig.“ Und doch bleibt sie auch nach dem Tod an der Seite der Familien und hilft auf Wunsch bei der Trauerbewältigung, individuell oder in Gruppen. Wichtig ist ihr zu vermitteln, dass alles sein darf – Traurigkeit ebenso wie Depression. „Niemand muss weitermachen wir zuvor oder positiv denken“, betont sie. Es gehe darum, den Weg zu finden, der zu einem passt. Da sei jeder sein eigener Experte.

Weinen dürfen

Die ständige Konfrontation mit dem Tod hinterlässt Spuren. Zwar bleibt Keller immer handlungsfähig, aber manchmal, wenn sie nach einem besonders schweren Hausbesuch im Auto sitzt, brechen die Tränen aus ihr heraus. Trotzdem ist die dankbar für diese Erfahrungen: Man sieht das Leben mit anderen Augen – als hätte ich ein Fernglas scharf gestellt. Da ist vieles andere wurscht egal“, sagt sie im Pfälzer Dialekt. Viele der Menschen, die sie begleitet hat, bleiben ihr noch Jahre im Gedächtnis. „Ich verspüre Hochachtung für das, was Angehörige geleistet haben oder bin einfach dankbar, wenn ich einen besonderen Menschen kennenlernen durfte.“ Die Gottesdienste, die das Hospiz zum Gedenken feiert, meidet sie dennoch. Weil dort die Namen aller Verstorbenen vorgelesen werden: Etwa 150 Menschen sind es in einem Halbjahr. Eine Essenz des Sterbens, die Ute Keller kaum aushält. Ohnehin bezeichnet sie sich nicht als religiös – aber als sehr gläubig. „Ich vertraue auf ein Leben nach dem Tod. Ich weiß nicht, wie es aussieht, aber es gibt ein danach.“ Deshalb ist es ihr so wichtig, dass ein Mensch gut stirbt. Damit es gut weitergehen kann.

Ehrenamt

Ehrenamtler sind eine feste Größe in der Hospizarbeit. Sie begleiten Sterbende und unterstützen deren Angehörige. Eine Aufgabe, für die es intensive Vorbereitung braucht. Daher bietet das Ambulante Hospiz- und Palliativzentrum Grund- und Aufbauseminare für Interessierte an. Ausführliche Informationen zu Inhalten und Ablauf finden Sie hier:
https://www.hospiz-neustadt.de/hospizseminare

Hospiz in Zahlen

Seit 1996 hat sich die Zahl der Hospiz- und Palliativdienste verdreifacht.
Es gibt 1.500 ambulante Hospizdienste.
Hinzu kommen 250 stationäre Hospize für Erwachsene und 18 für Kinder und Jugendliche.
In deutschen Krankenhäusern bestehen 340 Palliativstationen.
22 Tage beträgt die durchschnittliche Verweildauer in stationären Hospizen.
33.500 Menschen pro Jahr werden in stationären Hospizen für Erwachsene versorgt.
120.000 Menschen unterstützen die Versorgung Sterbender ehrenamtlich, bürgerschaftlich oder hauptamtlich.
14.000 Mediziner haben bis 2020 die Zusatzausbildung zur Palliativmedizin absolviert.
Deutschland belegt bei der Palliativversorgung im Europavergleich Platz 15 von 49 Ländern.
[Angaben beziehen sich auf Deutschland und sind gerundet. Quellen: Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e. V. / European Association for Palliative Care]

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Autor:

Markus Pacher aus Neustadt/Weinstraße

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