Migrantische Läden: Zukunft der Citys und Chance für Stadtentwicklung
- Celik im Stadtteilzentrum Hemshof. Die Auswahl an der Frischobst- und Gemüsetheke ist größer als im Discounter. Hier kaufen auch junge Einheimische ein.
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Ludwigshafen. In den vergangenen 40 Jahren haben sich in allen deutschen Großstädten migrantische Meilen etabliert. Arab Town nennen die Berliner ihre Sonnenallee heute, die einst wegen der vielen Menschen aus dem Libanon mit Augenzwinkern Gaza Steifen genannt wurde. Auch in den Top A-Lagen in den Citys ziehen zunehmend migrantische Läden ein. Das kann sich positiv auf Wirtschaft, Belebung und Beschäftigung auswirken.
Rund ums Thema „Migrantische Ökonomien“ hat sich seit den späten 80ern allmählich ein Forschungsstrang etabliert. Wissenschaftler erforschen, wie das Unternehmertum von Menschen mit Migrationshintergrund gezielt in Wert gesetzt werden kann, um Aufwärtstrends in Städten anzustoßen. Firmen, die von Migranten in der ersten bis dritten Generation geführt werden, bringen Städten nicht nur Steuereinnahmen. In Deutschland machen sie jährlich 50 Milliarden Euro Umsatz. Außerdem schaffen sie 2 Millionen Arbeitsplätze und zeigen hohe Bereitschaft, junge Menschen auszubilden.
Migrantische Meilen in City und Hemshof
Die Forschung zeigt: Migrantische Läden in der City gehören auch in Ludwigshafen meist Branchen an, die Einheimische aufgrund von geringer Rentabilität bereits verlassen haben. Viele Kioske, Reinigungen, Schneidereien, Textilhandel, Lebensmittelläden, Möbelgeschäfte, Reisebüros, die Migranten gründen, halten sich jedoch.
Einzelhandel in den Zentren Ludwigshafens ist wie überall herausfordernd. Der Onlinehandel boomt, mobiles Arbeiten nimmt zu, viele Besucher kommen erst abends in die City, um das Gastroangebot wahrzunehmen oder das belebte Flussufer aufzusuchen. Große Textil- und Handelsketten sind seit 2010 in die Rheingalerie eingezogen. Mit der Folge, dass der kleinteilige einheimische Einzelhandel in der Bismarckstraße aufgab.
In Leerstände in deutschen Innenstädten ziehen zunehmend türkische, asiatische, italienische und arabische Läden ein. Die Nachfragepotenziale sind da. Im Unterschied zu Produkten auf einheimischen Märkten bekommt man ausländische Waren vor Ort im Laden einfacher und schneller als im Internet. Manche ausländische Güter sind überhaupt nicht im Internet zu beziehen oder müssen durch den Zoll, was lange dauern kann. Vor allem ausländische Lebensmittel sind stark gefragt. Manche migrantisch geführten Lebensmittelländen und Lokale im Hemshof und in der City sind zur kleinen Goldgrube geworden. Die Betreiber haben ihre Ladenzeilen saniert, was noch mehr Kunden anzieht. „Migrantische Ökonomien folgen der eigenen Community, beziehungsweise den Kundenbedürfnissen im Quartier“, erklärt Anna Königstein, Referentin für Handel, Stadtmarketing und Tourismus der IHK-Tischrunde Ludwigshafen. Kundennähe und die günstige Ware steigern die Nachfrage.
- Gepflegter Imbiss direkt unter einem gut frequentierten Fitnessstudio. Die mittlere Bismarckstraße ist stark besucht, fast zu jeder Tageszeit.
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Große Entwicklungspotenziale in Großstädten
In Metropolen wie Berlin hat sich bereits ein Wandel von der Nische zum Markt vollzogen. Migrantische Läden sind dort nicht länger auf ihre Heimat-Community spezialisiert. In Vierteln wie Moabit oder Kreuzberg schätzen vor allem Junge die langen Öffnungszeiten. Auch ältere, wenig mobile Menschen gehören zum Kundenstamm. Das Stadtbild profitiert, wo die Kundschaft damit wächst und Ladenpächter ins Erscheinungsbild reinvestieren können. Vor allem Städte, die durch Respekt, Toleranz und Offenheit geprägt sind, können die Potenziale daher besonders gut nutzen. Studien zeigen, dass vor allem Innenstädte wie Mannheim mit gemischtem Angebot an einheimischen und migrantischen Läden stadtökonomisch stark profitieren und der verbleibende einheimische Handel dort eine gute Nachfrage hat. Der ethnische Handel konzentriert sich dort allerdings stark auf die östliche Kurpfalzstraße, die migrantische Gastronomie ist in Planken, Fressgasse und Kurpfalzstraße stark vertreten.
Die meisten der vier- oder fünfgeschossigen Altbauten im Hemshof sind sanierungsbedürftig. Das Bild in der City ist dagegen durchmischt: Manche Stadthäuser aus den Nachkriegsjahrzehnten in der Bismarckstraße profitierten von der Ausschreibung als Sanierungsgebiet, andere sind Neubauten, für die Bestand gewichen ist. An einigen hat sich allerdings seit den späten 80ern nichts verändert. So variieren auch die Mieten in der City stark. „Ein Grund, warum migrantische Läden oft in B-Lagen wie im Hemshof einziehen, könnten hier neben Kundennähe zum Beispiel günstige Mieten sein. Die Gründungen erfolgen oft mit geringem Startkapital. Migranten sehen den Leerstand als Einstiegschance. In sanierungsbedürftigen B-Lagen wie im Hemshof herrscht oft weniger Konkurrenzdruck, während manche Citylagen hohe Anforderungen stellen“, erklärt Anna Königstein.
Vor allem schützen migrantische Läden die Städte vor gefürchtetem Leerstand und sichern die Nahversorgung. „Migrantische Betriebe können zur Belebung des öffentlichen Raums beitragen – insbesondere in Bereichen mit strukturellem Leerstand oder Unterversorgung. Voraussetzungen dafür sind, dass man sie in Verwaltungs- und Rechtsfragen begleitet und sie innerhalb eines Netzwerks Beratung und Unterstützung erhalten. Außerdem müssen sie in Innenstadt-, Stadtteilkonzepte und Einzelhandelskonzepte eingebunden werden sowie in Stadtteil-Events.“, so Königstein. Beratungsangebote gibt es vonseiten der Lukom, des Migrationsbeirats, von Migrantenvereinen sowie von BASF.
Großstädten wie Mannheim, Köln oder Marseille gelingt es zudem, aus den migrantischen Meilen Erlebniszonen zu machen. Es schlummern noch viele Potenziale, etwa auch für die Belebung von Nachbarschaften oder für die Stabilisierung benachteiligter Quartiere. Denn die Läden sind auch Anlaufstelle und Treffpunkte. Deutsche Städte versuchen die Potenziale zunehmend für die Stadtentwicklung zu nutzen. jg
Migrantische Meilen
Menschen mit Migrationshintergrund prägen Städte als Bewohner, Arbeitnehmer, Immobilienbesitzer, Investoren. Als gestaltender Teil der Gesellschaft nimmt ihr Anteil Demografie bedingt zu. Die Wochenblatt-Serie „Migrantische Meilen“ fragt Forscher, Handelsverbände und Wirtschaftsverwaltungen, wie ihr Beitrag für die Stadtgesellschaft heute gezielt in Wert gesetzt wird und welche Potenziale für die Stadtentwicklung sie bergen.
- Laden mit gemischtem Warenangebot für Dinge des alltäglichen Bedarfs, Elektroware, Küchengeräte und Einrichtung hält sich seit Jahren gut auf der Bismarckstraße.
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Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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