Weinbrenners Einfluss aufs Stadtbild: "Markus Sternlieb verstand ihn"
- Ludwigskirche Langensteinbach (Architekt war Weinbrenner)/Straßenbahndepot Ludwigshafen, Verwaltungsgebäude
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Ludwigshafen. Autorin Julia Glöckner wuchs in Ittersbach im Nordschwarzwald auf, 20 km von Karlsruhe entfernt. Sie war sehr überrascht, den Langensteinbacher Kirchturm auf Markus Sternliebs Straßenbahndepot in Ludwigshafen zu finden. Wie kam er dort hin?
Von Julia Glöckner
Wer in Ittersbach lebt, besucht ständig den Nachbarort Langensteinbach, wo die Kirche steht, dort sind Einkaufszentren, Gastronomie, weiterführende Schulen, VHS. „Die Konstellation von Turm und Walmdach am Verwaltungsgebäude des alten Bahndepots erinnert stark an die Langensteinbacher Kirche Friedrich Weinbrenners“, erklärt der ehemalige Stadtarchivleiter Stefan Mörz. „Weinbrenners Bauten waren Sternlieb sicher bekannt.“
„Weinbrenner war Staatsarchitekt des schnell wachsenden Badens. Städte wie Baden-Baden, Schwetzingen, Karlsruhe und Lörrach tragen bis heute seine Handschrift“, sagt Dr. Ulrich Schumann, Präsident der Weinbrenner-Gesellschaft. Der Stararchitekt starb 1826. Von 1850 bis vor den Ersten Weltkrieg kam der Historismus in der Architektur auf. Architekten griffen Stilelemente aus Renaissance, Barock und Klassik auf, setzten sie an Gebäuden mit weniger Ornamenten um und kombinierten sie neu. Bekannt unter dem Namen Neobarock oder Neoklassik. Sternlieb hatte sein Vordiplom in München bei Friedrich von Thiersch gemacht, der auch die Weinbrenner-Schule lehrte. Historismus ist eine gelehrte oder gelernte Bauweise. Elemente wirken wie kopiert und neu zusammengesetzt. "Das Stadthaus Nord ähnelt in erstaunlicher Weise dem Zeughaus Karlsruhe. Da hat jemand Weinbrenner verstanden“, sagt Schumann.
- Das Zeughaus Karlsruhe, geplant von Jeremias Müller wurde von Friedrich Arnold (Weinbrenner-Schüler) 1823 mit dem typischen Dachreiter versehen, der als Uhrenturm diente.
- Foto: https://stadtlexikon.karlsruhe.de; Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 1301
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- Stadthaus Nord (Architekt Markus Sternlieb)
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- Karlsruher Rathaus (Architekt Friedrich Weinbrenner); gegliedert ist das Stadthaus wie das Rathaus
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Sternlieb blieb nicht lange Historist. Nur seine ersten Bauwerke – Ebertpark (Neobarock), Stadthaus (Neoklassik), Straßenbahndepot (Neobarock kombiniert mit Jugendstil) sowie das Erholungsheim Trifels, eine Kita und kleinere Bauten – sind historistisch geprägt. Dass er das gesamte Hauptstudium ab 1902 in Darmstadt bei Friedrich Pützer absolvierte, war gut überlegt. Sternlieb interessierte sich für die Moderne, das Neue Bauen, Bauhaus sowie die Reformarchitektur. Nach dem Krieg wandte er sich nach und nach diesen Stilformen und Strömungen zu – zunächst mit der Westendsiedlung, dem Roten und Grünen Hof. Auch den Expressionismus griff er bis etwa 1925 auf. Klassizistische Säulen, wie Weinbrenner sie gerne aufgriff, finden sich auch an modernen Gebäude Sternliebs, etwa dem städtischen Krankenhaus.
Sternlieb wollte mit seinen historistischen Bauten mehr Ästhetik in die Industriestadt bringen und das Stadtbild aufwerten. Die überschüssigen Finanzhaushalte der schnell wachsenden Chemiestadt um 1900 erlaubten es. Das waren auch die Pläne von OB Krafft, er hatte mit Sternlieb einen begabten Architekten gefunden. Die Sozialdemokraten und Teile der Stadtbevölkerung kritisierten Sternliebs Historismus sowie den schlossartigen, repräsentativen Bau des Stadthauses zunächst. Man hatte sich die neue Sozial- und Armenverwaltung „bescheidener vorgestellt“ und weniger teuer gewünscht, schreibt Stadtarchivar Mörz. Kritiker bemängelten, dass Ludwigshafen niemals eine Luxusstadt werden würde.
Schlichte, klare Bauformen ohne Schnörkel setzten sich mit der Moderne allmählich nach dem Krieg international durch, auch in Ludwigshafen, wo Sternlieb Westend- und Ebertsiedlung plante. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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