LU sucht Lösungen gegen nächtlichen Lärm in Ausgehmeile: Anwohner verärgert
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Ludwigshafen. Nächtliche Picknickrunden und tobende Kinder in der Prinzregentenstraße sorgen seit Jahren für Ärger unter Anwohnern. Trotz wiederholter Einsätze des Kommunalen Vollzugsdienstes (KVD) ist die Stadt dem Lärmproblem bislang nicht Herr geworden.
Von Julia Glöckner
Es sind keine Nachtschwärmer, die aus den Kneipen der Ausgehstraße kommen und für Lärm, Dreck oder Randale sorgen. Stattdessen treffen sich nachts Bewohner aus der Nachbarschaft mit ihren Kindern. Mütter sitzen gemeinsam auf den Außenanlagen der Prinzregentenstraße, auch viele Männer verbringen dort in Gruppen den Abend und unterhalten sich. Dennoch liegt der Lärmpegel nach Angaben der Anwohner regelmäßig über dem Zumutbaren. Ruhe kehrt – je nach Wochentag – oft erst zwischen 1 und 3 Uhr ein.
„Die Kinder spielen Fangen und kreischen dabei aus voller Kehle, die Mütter ermahnen sie, manchmal wird Musik angemacht“, erzählt Anwohner Oliver A. Die Anwohner wünschen sich, dass die Nachtruhe konsequenter durchgesetzt wird. Schließlich gelte auch in der Ausgehstraße ein Recht auf Nachtruhe. Gäste dürfen nach 22 Uhr nur noch innerhalb der Kneipen und Restaurants feiern, die Außengastronomie muss schließen.
Die Reste der mitgebrachten Picknicks finden Gastronomen am nächsten Morgen häufig in ihren Mülltonnen, die eigentlich ausschließlich für Papier vorgesehen sind. Die städtische Straßenreinigung, die regelmäßig in der Fußgängerzone unterwegs ist, wie überall in deutschen Städten, entsorgt anschließend Essensreste und mitgebrachte Flaschen.
Stadt suchte nach Lösungen
Die Stadt versuchte zunächst, der Entwicklung mit Kontrollen im öffentlichen Raum entgegenzuwirken und schickte wiederholt den KVD vorbei. Die zuständigen Ämter zeigten Verständnis, konkrete Verbesserungen seien bislang jedoch ausgeblieben und es würde zu wenig getan, trotz Beschwerden. Das bestätigt auch ein Gastronom. Auch Restaurant- und Kneipenbetreiber fühlen sich durch die nächtlichen Treffen gestört.
Seit Jahren melden Nachbarn die Lärmbelastung bei den städtischen Stellen. Lärmprotokolle liegen dem Umweltamt bereits vor, da es sich um ein wiederkehrendes Problem handelt. Seit Ende Juni liegt die Zuständigkeit deshalb nicht mehr allein beim KVD. Ordnungsamt und Umweltamt arbeiten nach Vorlage entsprechender Lärmprotokolle gemeinsam an einer Lösung. Polizei und KVD können bei Beschwerden der Anwohner weiterhin kurzfristig verständigt werden.
„Man will sich von städtischer Seite nun erneut ein Bild vor Ort machen, versprach man uns, zusammen mit dem Umweltamt“, berichtet Oliver A. aus zweiter Hand. Nach Angaben der Stadt sei das Problem bislang nicht in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig sei der KVD stark ausgelastet und müsse zahlreiche Einsätze bewältigen, auch im Bereich Kriminalitätsbekämpfung.
„Der Lärm nagt an der Gesundheit und man seht sich nach Regentagen, an denen es nachts keine Versammlungen gibt. Antwort vom Amt erhalten wir derzeit keine mehr“, sagt Oliver A. „Ich halte eine gute Durchmischung des Straßenzugs für wichtig, damit sich das Quartier um die Prachtstraße nicht ghettoisiert, wenn es Mieterwechsel wegen des Lärms gibt“, sagt Oliver A. „Sonst ist es möglich, die Tür zu öffnen für radikalere Meinungen oder die AfD und den Fingerzeig aufs Quartier. Noch gibt es die Chance, dem Lärm entgegenzuwirken.“ Für ein gutes und respektvolles Zusammenleben gebe es schließlich Regeln und Vorschriften. Auch die Vorgaben für die Außengastronomie würden nicht immer eingehalten.
Redaktion war vor Ort
In der Nacht auf Sonntag gab es weniger Versammlungen als noch vor vier Wochen, als der Anwohner Oliver A. Fotos aus dem öffentlichen Raum schickte, die große Menschengruppen und Decken auf der Straße zeigte, die für die Kinder ausgebreitet waren. Die Redaktion suchte den Ort um 22.30 Uhr auf, als für gewöhnlich noch nicht viel los ist. „Ich arbeite auf Montage jeden Tag, samstags und sonntags bin ich mal hier, um mich zu erholen“, erzählt einer der Ruhestörer der Redaktion, die sich vor Ort selbst ein Bild machte.
Ortsvorsteher Osman Gürsoy, der sich in der Vergangenheit immer wieder gegen wildes Parken eingesetzt hat, erklärt: „Eine lebendige Nachbarschaft auf Plätzen und Straßen ist ein Gewinn für unseren Stadtteil und stärkt das Miteinander. Gleichzeitig gilt aber auch: Die Nachtruhe muss selbstverständlich eingehalten werden. Rücksichtnahme ist dabei keine Einbahnstraße, sondern ein Geben und Nehmen. Wer den öffentlichen Raum nutzt, trägt auch Verantwortung gegenüber Anwohner*innen. Die Beschwerden müssen ernst genommen werden. Wenn es zu erheblichen Ruhestörungen kommt, sollten diese dem Kommunalen Vollzugsdienst (KVD) gemeldet werden. Präsenz ist hier das A und O. Regelmäßige Kontrollen und sichtbare Präsenz des KVD können dazu beitragen, Konflikte früh zu entschärfen und das Sicherheitsgefühl zu stärken. Es geht nicht darum, Menschen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Vielmehr müssen wir einen vernünftigen Ausgleich schaffen zwischen einem lebendigen Stadtteil und dem berechtigten Anspruch auf Ruhe in den Nachtstunden.“
Auch andere Städten kämpften bereits gegen überhand nehmenden Lärm in Ausgehstraßen. Das Problem ist oft nicht schnell zu bewältigen, es gibt aber meist auf lange Sicht eine Lösung. jg
Zwischen Nachtruhe und lebendiger Stadtkultur: Lösungen anderer Städte
Konflikte gibt es vielerorts in Ausgehstraßen und auf Tourismusmeilen. Viele italienische Städte greifen seit Jahren hart durch, weil die Besucherströme für Chaos sorgen und Siesta sowie Nachtruhe stören. Auf Capri wird für das Tragen lauter Schuhe ein Bußgeld fällig. In Rom darf nach 22 Uhr kein Alkohol mehr mitgebracht werden. 2025 gab es Berichte über Bußgelder für Eltern von Kindern im früher als besonders bambini-freundlich geltenden Italien, die zur falschen Zeit auf einem Platz auf Murano spielten. In Wien kam es nach der Öffnung verkehrsberuhigter Straßen als öffentliche Wohnzimmer für die Gastronomie vereinzelt zu Ruhestörungen. Die Stadt bekam das Problem durch Hinweisschilder in den Griff, die zur gegenseitigen Rücksichtnahme auffordern. Auch im nicht weit entfernten Heidelberg schwelte jahrelang ein Konflikt zwischen Anwohnern und Stadtrat einerseits sowie Gastronomen andererseits. Die Stadt suchte nach verschiedenen Lösungen: Der Oberbürgermeister setzte auf konsequente, verstärkte Kontrollen der Außengastronomie und potenzieller Ruhestörer durch KVD und Polizei. Außerdem richtete die Stadt den Gesprächskreis „Pro Altstadt“ ein, der unter anderem das Studentenwohnheim und alle weiteren Beteiligten mit an einen Tisch brachte. Der Konflikt endete schließlich mit einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts, das neue Schließzeiten festlegte. Seither schließen Kneipen werktags um 24 Uhr sowie samstags und sonntags um 2.30 Uhr. Bereits 2018 wurde in Heidelberg darüber diskutiert, ob Ruhezeiten das nächtliche, pulsierende Leben beeinträchtigen, das ebenfalls Teil einer lebendigen Stadtkultur ist. Das Verwaltungsgericht entschied zugunsten der Nachtruhe. Mannheim setzt dagegen auf den Dialog mit und zwischen Bewohnern und Gastronomie. Die meisten Städte haben die Lärmproblematik bislang gar nicht auf der Agenda, weil größere Konflikte trotz der Verlagerung des öffentlichen Lebens nach draußen ausgeblieben sind. Auch in der Mannheimer Innenstadt oder auf der Parkinsel gilt während der Festivals: Ohrstöpsel nutzen und Fenster schließen. Allerdings dauern die Feste dort nur wenige Wochen. In der Partymeile Prinzregentenstraße herrscht dagegen derzeit nahezu dauerhaft ein erhöhter Lärmpegel.
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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