LU, das neue Bilbao? OB Blettners Vision für City West und den Strukturwandel

Einst hässlichste Stadt Spaniens, heute Tourismusmagnet. In Bilbao gelang ein erstaunlicher Strukturwandel. | Foto: cbruzos/stock.adobe.com
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Ludwigshafen. Der Bilbao-Effekt steht für Aufwertung und Imagewandel durch Entwicklung von Industriestädten zu Kulturmetropolen. In vielen Städten wie Rotterdam, Düsseldorf, Herford und natürlich in Bilbao selbst gelang er schon. Auch in LU kann er eintreten, daran glaubt OB Blettner fest.

Von Julia Glöckner

Bilbao galt lange als hässlichste Stadt Spaniens. Ende der 1980er steckte das einstige spanische Zentrum der Stahlindustrie, bedingt durch die Stahlkrise, in einer tiefen Depression mit hohen Arbeitslosenzahlen. Dort fing der erfolgreiche Strukturwandel damit an, dass die Politik entschied, das große Guggenheim Museum für Kunst in die Stadt zu holen. Schon bald darauf stiegen die Gästezahlen in Bilbao. Bilbao setzte neben dem Neubau des Kunstmuseums am Meer auf die Aufwertung schon bestehender Museen, darunter das beliebte Schifffahrtsmuseum.

Der neue OB sieht viele Ähnlichkeiten zwischen Bilbao und Ludwigshafen. Die Ausgangsbedingungen seien also günstig, um eine ähnliche Entwicklung anzustoßen.

Lebendige Festivalkultur und steigende Gästezahlen

Schon heute steigen und profitieren die Gästezahlen in den Hotels laut Lukom vom belebten Weinstraßen- und Pfalztourismus, vom Film-, Straßentheaterfestival, dem Technoevent im Bliesbad, dem Kultursommer und Inselsommer sowie von den zahlreichen Kulturstätten und weiteren Events.

Es ist also durchaus denkbar, dass der Kultursektor wächst und in der öffentlichen Diskussion an Bekanntheit und Aufwertung gewinnt. Kultureinrichtungen und Events sind Tourismusstudien zufolge die tragenden Säulen einer Stadt, um Tagestouristen anzuziehen. Veranstaltungen von Baukulturführungen bis zu Festivals gilt Umfragen zufolge als wichtigster Attraktivitätsfaktor bei Städtetrips.

Anstoß von Aufwärtstrends

Der Bilbao-Effekt strahlt in Städten, die damit Erfolg hatten, über die gesamte Wertschöpfungskette aus: Gewinner waren auch Einzelhandel, Gastronomie, Freizeit- und Beherbergungsbetriebe. Die Beschäftigung profitierte. Die zusätzlichen Steuereinnahmen für Tourismuskommunen kamen auch dem Stadtsäckel zugute.

Die Fertigstellung des Stadtmuseums in der Rhenushalle am Luitpoldbecken ist 2027 geplant, wo sich Stadtgeschichte lebendig erzählen lässt. Der Bauantrag wurde kürzlich bewilligt. Auch eine bedeutende, einzigartige Geschichte einer Stadt ist laut Umfragen für 50 Prozent Tagestouristen ausschlaggebend für einen Städtetrip dorthin. Ludwigshafen zeichnet sich durch seine Industrie-, Wirtschafts- und Arbeitergeschichte aus.

Kunst an der neuen Hochtrasse, die den armen Süden mit der City durch die Metro verbindet. Auch die bleibende Hochstraße Süd soll kunstvoll gestaltet werden.  | Foto: Julia Glöckner
  • Kunst an der neuen Hochtrasse, die den armen Süden mit der City durch die Metro verbindet. Auch die bleibende Hochstraße Süd soll kunstvoll gestaltet werden.
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Eintritt von städtebaulichen Folgetrends

Charakteristisch am Bilbao-Effekt ist, dass mit dem Architekturjuwel Guggenheim Museum städtebauliche Folgewirkungen eintraten. „Die Haupttourismusachse in Bilbao ist 40 Hektar groß, das neue Quartier City West umfasst 39 Hektar, das nur als Fun-Fact“, sagt Blettner im Podcast der Stadt. Und doch gibt es eine Parallele: Die Entwicklung des repräsentativen Quartiers um die neue Kohl-Allee soll ausstrahlen auf große Teile der Innenstadt, die Umsätze des Einzelhandels sollen dort wieder steigen – im Idealfall könnte dies den Leerstand neu beleben. In jedem Fall wird die City besser frequentiert sein.

Nicht nur die attraktive Neubebauung der Kohl-Allee wird für Aufwertung sorgen. Die Nähe zum neu angelegten Friedenspark, der belebten Gastronomie auf der Kohl-Allee, dem Fluss oder die geplante Begrünung könnten zudem Besitzer des Bestands veranlassen zu sanieren.  Das Stadtbild von Kulturstädten setzt sich aus dem Zusammenspiel von auffälligen Gebäuden unterschiedlicher Bauzeit zusammen, davon gibt es in LU zwischen City und Süd genügend. Etwa für den Besitzer des ungepflegten Ankerhofs und des Bestands in der Ludwigs- und Bismarckstraße könnte die Belebung ein Anreiz sein zu investieren. Die höhere Frequenz verspricht bessere Gewinnmargen für Gastronomen, was für Eigentümer Grund genug sein könnte zu sanieren. Wie Nachkriegsmoderne sich aufwerten lässt, machen Städte wie Rotterdam und Bilbao vor. Steigende Immobilienpreise oder gar Bodenpreise und damit verbundene Gentrifizierung sind durch Mietpreisbremsen in der bereits bebauten Innenstadt in Ludwigshafen nahezu ausgeschlossen.

Großer Bonus ist Flusslage

Flächen am Fluss, die mit der City West zunehmen und entwickelt werden, gelten für Investoren besonders attraktiv. „Bilbao hat die Lage am Meer, Ludwigshafen am Fluss“, sagt Blettner. Hinzu kommt die Lage direkt neben einem urbanen Waldgarten. Welche enormen Entwicklungen Städte am Fluss durchleben können, zeigte sich in den vergangen 30 Jahren auch in Rotterdam, Kopenhagen und Düsseldorf. In Rotterdam traten durch Aufwertung und steigende Bodenpreise Dominoeffekte ein, die immer mehr Stararchitekten und Investoren anlockten, um spektakuläre Brücken und Bauwerke zu errichten. Die Entwicklung sogenannter „Urban Waterfronts“ anstelle ehemaliger Industriehäfen, mit Freizeitnutzungen, Gastromeilen, Hotels, Architektur, Promenaden, Flussmeilen, Museen und angenehmem Mikroklima verspricht bei Investoren hohe Wertsteigerungen und Renditen. Wasser gilt als „weiches“ Stadtgestaltungselement und Identitätsstifter.

Kultur und Theater gehören nun zum Dezernat des Oberbürgermeisters und sind nicht mehr Aufgabe des Bildungsdezernenten. Denn Kulturmanagement, auf das Städte seit den 80ern zunehmend setzen, betrifft Fragen der Betriebswirtschaftslehre (BWL), der Finanzierung, des Kulturmarketings und Besucherentwicklung. Dafür hat der Professor für BWL Klaus Blettner große Expertise.

Im Kleinen oder Großen ahmten viele Städte den Bilbao-Effekt bereits nach, den Strukturwandel vom Industriestandort zum Touristenmagneten. „Man kann das zwar alles nicht Eins zu Eins übertragen“, sagt Blettner. „Bilbao war immer finanziell besser aufgestellt.“ Das architektonisch bedeutsame Guggenheim Museum konnte die Stadt selbst finanzieren. „Dennoch sollte es eine Gemeinschaftsanstrengung vom Bund, dem Land und den Menschen in der Stadt sein, den Strukturwandel gemeinsam zu schaffen. Das Guggenheim Museum ist nur die Kirche auf der Sahne.“ Aufwärtstrends gelingen auch ohne Flaggmuseum am Rhein. Bilbao ist für Blettner eine Vision geworden. Der CDU-Verband hat ihm deshalb ein Foto der spanischen Stadt geschenkt, das in seinem Büro hängt. jg

Die weiträumigen Wasserlagen zogen viele Investoren an, die mit bekannten Architekten zusammenarbeiteten. Die gesamte Innenstadt und das Kop van Zuid sind Touristenmagnete. Die Kehrseite ist Gentrifizierung. Ärmere Haushalte wurden in die Nachbarviertel verdrängt.  | Foto: Julia Glöckner
  • Die weiträumigen Wasserlagen zogen viele Investoren an, die mit bekannten Architekten zusammenarbeiteten. Die gesamte Innenstadt und das Kop van Zuid sind Touristenmagnete. Die Kehrseite ist Gentrifizierung. Ärmere Haushalte wurden in die Nachbarviertel verdrängt.
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Vor allem die Innenstadt Rotterdams profitierte. 2 Kilometer weiter am Zuidplein zeigt sich Elend und Verfall. Zuid ist zum Ghetto geworden.  | Foto: Julia Glöckner
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Julia Glöckner aus Ludwigshafen

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