Auch LU und MA erwarten heißes Thessaloniki-Klima: Nachbarstädte sind nicht heißeste Städte
- Das externe Klimaanpassungsbüro riet der Stadt zu einer weniger dichten Nachpflanzung des Baumbestands im neuen grünen Herz der Stadt, dem Friedenspark. Parks sollen Frischluftwinde aus Westen durchwehen lassen, wenn auf längere Sicht dort der Altbestand durch Abriss aufgelockert wird.
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Ludwigshafen. Klimaforscher des KIT Karlsruhe prognostizieren, dass deutsche Städte in 20 bis 30 Jahren ein Stadtklima wie das heutige Thessaloniki haben werden – sofern das derzeit angestrebte 2,0-Grad-Ziel erreicht wird. Kommunen hoffen deshalb auf zusätzliche finanzielle Hilfe des Bundes für die Klimaanpassung.
Von Julia Glöckner
Die drei Rekord-Hitzewellen von Juni bis August mit Temperaturen zwischen 35 und 41,7 Grad zeigten deutlich: Viele deutsche Städte sind auf extreme Hitze nicht ausreichend vorbereitet. Ursache sind vor allem versiegelte Flächen und dichte Bebauung, die Wärme speichern und nachts kaum noch abgeben.
Hitzewellen: LU und MA bislang nicht unter Top 10
Der Hitzebelastungsindex der Deutschen Umwelthilfe, der Mannheim und Ludwigshafen als besonders belastete Städte auswies, lieferte allerdings kein exaktes Ranking. Experten kritisierten unter anderem die Größe der Rasterzellen sowie fehlende Faktoren im Modell, etwa umliegende Wälder, urbane Waldgärten oder die jeweilige Stadtgröße. In Metropolen wie Frankfurt und Stuttgart wurde es deutlich heißer, während mittelgroße Städte mit angrenzenden Waldflächen spürbar kühler blieben.
Im Rückblick zeigte sich dennoch: Versiegelung und dichte Bebauung stehen in engem Zusammenhang mit Überhitzung und hat die stärksten Effekte. Viele der von der Umwelthilfe hoch eingestuften Städte gehörten während der drei Hitzewellen tatsächlich zu den 40 am stärksten betroffenen Städten – obwohl in anderen wenigen Städten teilweise noch höhere Temperaturen von bis zu 1,7 Grad gemessen wurden. Zudem sind die offiziellen Messpunkte in Innenstädten nicht immer die heißesten Orte einer Stadt. In Industriegebieten wie dem BASF-Gelände oder entlang großer Industrieachsen werden häufig noch höhere Temperaturen erreicht.
Forscher erwarten Klima wie in Thessaloniki
Thessaloniki war in den vergangenen Jahren immer häufiger von extremer Hitze betroffen. Im Sommer werden dort regelmäßig Temperaturen von über 35 Grad erreicht, bei Hitzewellen auch mehr als 40 Grad, vereinzelt sogar bis zu 45 Grad. Genetisch sind viele Menschen in unseren Breiten noch nicht so gut angepasst wie die Griechen. Experten gehen inzwischen davon aus, dass Städte deutlich mehr Anpassungsmaßnahmen benötigen als noch vor zehn bis 15 Jahren angenommen wurde, als extreme Hitzejahre noch nicht zur Regel gehörten. Besonders betont werden Entsiegelung und Begrünung sowie Freiluftschneisen, über die kühle Winde stehende erwärmte Luft in Bewegung bringt.
Städte brauchen Milliarden für Klimaanpassung
Ämter für Stadtplanung und Klimaanpassung weisen seit Jahren darauf hin, dass deutlich mehr Mittel für Entsiegelung und Begrünung benötigt werden. Fassaden- und Dachbegrünungen, Parks, entsiegelte Flächen und zusätzliche Bäume gelten als zentrale Maßnahmen für ein erträglicheres Stadtklima.
Auch Kommunalpolitiker sehen dringenden Handlungsbedarf. Der Deutsche Städtetag forderte vergangene Woche finanzielle Unterstützung durch den Bund. Die Milliardeninvestitionen für den klimaresilienten Umbau könnten von vielen Kommunen nicht allein getragen werden, da gleichzeitig die Sozialausgaben für vom Bund übertragene Aufgaben steigen. Selbst Städte wie Karlsruhe mit starker Wirtschaftskraft und angesiedelten Unternehmen, die ihre Steuern im Inland zahlen, sprechen inzwischen von Pleite, Sparmaßnahmen und fehlenden Mitteln für das Pflanzen von Bäumen.
Dabei geht es auch um Lebensqualität: Öffentliche Räume sollen trotz Hitze nutzbar bleiben, Feste weiterhin stattfinden können und vulnerable Gruppen tagsüber wie abends kühlere Aufenthaltsorte finden.
Zwar liegen Konzepte von Stadtplanern und Klimaanpassungsämtern seit Jahren vor. Doch Fördermittel aus Programmen wie „Sozialer Zusammenhalt“, „Lebendige Zentren“ oder „Nachhaltige Erneuerung“ von Bund und Ländern sowie aus Landesprogrammen wie KIPKI sind begrenzt oder nur jährlich abrufbar. Der Deutsche Städtetag kritisierte deshalb bereits Ende Juni, dass der Umbau hin zu klimaresilienten Städten zu langsam vorankomme.
Tropennächte werden zum Gesundheitsrisiko
Besonders belastend sind Tropennächte, die vor allem in Städten auftreten. Aufgeheizter Beton strahlt nachts Wärme ab, sodass die Luft nur langsam abkühlt. In vielen Dachgeschosswohnungen oder schlecht isolierten Apartments sinken die Temperaturen während Hitzewellen tagelang nicht unter 25 bis 27 Grad.
Der Körper gerät dadurch unter Dauerstress: Das Herz arbeitet schneller, um die Körpertemperatur zu regulieren, und viele Menschen finden keinen erholsamen Schlaf mehr. Besonders ältere und vorerkrankte Menschen starben seit Juni an den Folgen der Hitze, aber auch Bauarbeiter und Sportler waren betroffen. Das Robert Koch-Institut zählte bislang rund 9000 Hitzetote.
Klimaanlagen gelten dagegen nicht als nachhaltige Lösung. Sie leiten Wärme nach außen und heizen damit die Umgebung zusätzlich auf. Bei großflächigem Einsatz verschlechtert sich das Mikroklima in Städten weiter. Dennoch sollen Kitas, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser in den kommenden Jahren verstärkt mit Klimageräten ausgestattet werden.
Warum Stadtwälder allein nicht beste Lösung sind
Klimaanpassung gilt als Jahrhundertaufgabe, für die Städte Jahrzehnte benötigen werden. Kühlend wirken neben Stadtgrün vor allem Luftschneisen, die frische Luft aus dem Umland oder von kühleren Flächen in dicht bebaute Quartiere leiten. Dafür braucht es aufgelockerte Bebauung. In Heidelberg wird deshalb bereits über den Abriss einzelner Gebäude in Altstadtblöcken nachgedacht, deren Erhalt wegen schlechter Bausubstanz kaum noch sinnvoll erscheint. So sollen zusätzliche Frischluftschneisen entstehen.
Auch Stadtwälder wie die Parkinsel oder Flächen im Ebertpark gelten langfristig nicht als Ideallösung. Zwar verdunsten Bäume an heißen Tagen große Mengen Wasser und spenden Schatten, doch unter dichten Baumkronen kann sich Hitze rückstauen, die nachts nicht ausreichend entweicht. Als besser gelten urbane Waldgärten, in denen zwischen den Bäumen Luft zirkulieren kann. Auch bestimmte Baumarten helfen dabei: Der Schnurbaum etwa lässt Wind vergleichsweise gut durch seine Krone strömen. Er bietet Schatten, aber lässt auch Licht durch, so dass darunter nichts mehr wachsen kann. Durch weniger dicht nachgepflanzten Baumbestand können frische Brisen aus dem Umland wehen. Bodendecker und Sträucher schützen Böden zusätzlich vor Austrocknung und verdunsten Wasser. Urbane Wälder wie auf der Parkinsel können allerdings am Rheinufer die beste Lösung sein. An Flussufern herrschen hohe Grundwasserpegel, die den riesigen nordamerikanischen Platanen erlauben, große Mengen an Wasser zu verdunsten. Planer, Klimamanager, Landschaftsarchitekten, Bauingenieure sowie Mitarbeiter von Grünflächenämtern müssen gemeinsam abwägen, welche Lösung vor Ort passt.
Studien zeigen zwar, dass die Pfälzer eine bessere körperliche und verhaltensbezogene klimatische Anpassung zeigen als Menschen an anderen Orten Deutschlands, weil Hitzewellen hier schon immer stärker ausfallen. Doch ohne deutlich höhere Investitionen in klimaresiliente Stadtplanung könnten Hitzewellen, Tropennächte und gesundheitliche Belastungen in deutschen Städten schon in wenigen Jahrzehnten zum neuen Sommeralltag werden. jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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