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„Orchester des Wandels“ und die Einsamkeit
- "Orchester des Wandels" und stehende Ovationen
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Ludwigshafen. Die Melanchthonkirche am Lutherplatz, die auch „Die Verborgene“ genannt wird, ist eine ursprüngliche Notkirche und als solche besuchte vielleicht der ein oder andere am 26. Juni bei Temperaturen über 39 Grad Celsius die Location in der Hoffnung, etwas kühle Gefilde zu betreten. Viele Fächer waren in Betrieb. Es ist eine schöne Kirche mit bunten Fenstern, einer zeltartigen Konstruktion und dunklem Holz, die gerne für Veranstaltungen genutzt wird. Am heutigen Abend war die Kirche überraschenderweise relativ voll. Zu diesem besonderen Gottesdienst wurden Beatles-Songs vom „Orchester des Wandels“, einem Streichquintett aus der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, gespielt. Die Initiative „Orchester des Wandels“ ist ein bundesweites Netzwerk von Musikern aus über 40 deutschen Berufsorchestern, die klassische Musik mit Klima-, Natur- und Artenschutz verbindet. Die Staatsphilharmonie hat sich im April 2021 dem Verein „Orchester des Wandels e.V.“ angeschlossen. An den Streichinstrumenten performten heute Kira Kohlmann, Daniel Kroh, Stella Sykora-Nawri, Giulia Trevisano und David Domínguez Vargas.
Die Moderation für die einstündige Veranstaltung übernahmen der protestantische Dekan Dr. Paul Metzger und Vera Klaunzer (Mitarbeiterin im gemeindepädagogischen Dienst). Auf besonderen Wunsch von Herrn Dr. Metzger sollte sich heute auch das Vocal-Ensemble Bezirkskantor mit dem weltbekannten Beatles-Song „Eleanor Rigby“ am Gottesdienst beteiligen. Unter der Leitung von Bezirkskantor Tobias Martin mit Klavierbegleitung durch Johannes Kraft sang der 14-köpfige Projektchor unter anderem die Textzeile „Look at the lonely people“ mit Blick auf einsame Menschen. So war es ein ganz besonderer Gottesdienst mit einem Streicherkonzert vom Feinsten. „In my life“, „Penny Lane“, „Eleanor Rigby“ „She’s leaving home“ wurden immer zwischen den Gebeten, Lesungen und Predigten gespielt. „Tun Sie sich keinen Zwang an, nach den Stücken zu klatschen“, meinte der Dekan sich ans Publikum wendend.
Punkt 19 Uhr kamen die drei Musikerinnen und zwei Musiker aus der Sonne mit dem ersten Beatles-Song „Here comes the sun“. Die Begrüßung erfolgte durch den sympathischen Dr. Paul Metzger, der sich mit der Frage beschäftigte „Wohin gehöre ich?“ Das Lied der Klage wurde zum Popsong, in dem Paul McCartney vom einsamen Pfarrer Father McKenzie sang, der in der Einsamkeit über einem Psalm brütete. Das sollte das Thema des Gottesdienstes in der Aktionswoche gegen die Einsamkeit sein. Die Moderation war kurzweilig gestaltet und aufgelockert durch gegenwärtige Situationen und „Konzert trifft Gottesdienst: „Eleanor Rigby – Beatles on Strings“ wurde ein voller Erfolg.
Beispiele der Einsamkeit wurden vorgestellt und verschiedene Accessoires auf den Altar gestellt, immer passend zur Lesung. Im Kalender stehen nur noch wenige Termine. Traurig, wenn Menschen wochenlang tot in ihrer Wohnung liegen und keiner bemerkt es. Verschiedene Psalmen wurden immer wieder zitiert. Ein junger Mann arbeitet viel, will Karriere machen, dabei bleibt nicht viel Zeit für Freundschaften. Während Freunde von früher bereits verheiratet sind und Familie haben ist er noch alleine. Jeder träumt von etwas anderem. „All die einsamen Menschen – wo kommen die alle her und wo gehören sie hin?“ Dann gibt es wiederum Prominente, die umlagert werden und keinen Ort mehr finden, an den sie sich zurückziehen können. Wer kennt noch den Begriff „Am Laden liegen“? Fenster auf, rausschauen und ein Gespräch mit irgendwelchen Passanten beginnen. Wenn der Laden aber wieder geschlossen wurde war man wieder allein. Wir haben 1000 Freunde auf Facebook und sind doch allein und warten auf den nächsten Klick. „All die einsamen Menschen, wo kommen sie eigentlich her? All die einsamen Menschen, wo gehören sie eigentlich hin?“ Dr. Paul Metzger hatte einen Albtraum, dass niemand in die Kirche käme und der Traum wird momentan fast wahr bei der momentanen Hitzewelle, wo nur drei bis sieben Gottesdienstbesucher kommen. Er erzählte vom Socken sortieren und dass er früher nur schwarze Socken getragen hatte und das Sortieren schwer viel. Seine Frau meinte zu ihm dann augenzwinkernd, er solle sich doch einmal „Happy socks“ kaufen. Aber es gibt immer wieder einsame Socken. Ein anderes Beispiel war eine einsame Beerdigung, die er als Pfarrer durchführte. Dieser einsame Mensch hatte wohlweislich bereits alles zu Lebzeiten für seine Beerdigung aufgesetzt. Man ist bestürzt und bedrückt und schaut zum Himmel. Nach dem Gebet und den Segensworten wurden von Dr. Paul Metzger als kleines Dankeschön Rosen an die MusikerInnen und Vera Klaunzer verteilt mit der Bemerkung „Wenn Sie zuhause sind, wird die Rose eine Trockenblume sein“, woraufhin das Publikum herzhaft lachen musste.
Zum Thema „Projektchor“ habe man sich gedacht, dieses Projekt auch in Zukunft fortzuführen, vielleicht einmal in einem Gottesdienst, wo komplett gesungen wird. „Was halten Sie von der Idee?“ wollte er vom Publikum wissen. Frenetischer Applaus als Zustimmung folgte. Da bekam dann auch der Dirigent Tobias Martin eine Rose überreicht. Nach der Verbeugung durfte das „Orchester des Wandels“ jedoch nicht gehen, denn laute Zugaberufe halten durch die Kirche. „All you need is love“ gab es als „Nachschlag“, die das Publikum als Botschaft mit nach Hause nehmen sollte. Dieses sang begeistert mit und bedankte sich seinerseits mit stehenden Ovationen für dieses einstündige Event. (mel)
Autor:Brigitte Melder aus Böhl-Iggelheim |
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