Radsport
Rückblicke in die Radsportgeschichte
- Die Bremszüge sind weg - das Rennrad demoliert
- Foto: Biliam
- hochgeladen von Rudi Birkmeyer
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Drei Bremszüge und ein Kelly
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Meine Erinnerungen hier im Wochenblatt an das Radsportgeschehen der 60er- und frühen 70er-Jahre werden, wie man mir sagt, gerne gelesen. Umso mehr freut es mich, eine weitere Anekdote aus der Radsportgeschichte erzählen zu dürfen.
Es war angerichtet.
1970 richtete der RSV Landau-Mörlheim die Deutsche Jugendmeisterschaft auf der vertrauten Trainingsrunde über die Drei Buchen aus. Lokalmatador Rudi Birkmeyer galt nach einer starken Saison als Mitfavorit – trotz seiner notorischen Nachlässigkeit beim Material.
Als BeBo Bock auf dem Weg zum Start kurz Rudis Rad prüfte, stellte er fest, dass die Bremsklötze praktisch nicht mehr existierten. Rudis Kommentar dazu war legendär:
„Ich will ja gewinnen und nicht bremsen!“
Zu Beginn des Rennens schien noch die Sonne. Doch über Nußdorf öffnete der Himmel plötzlich alle Schleusen – genau in dem Moment, als das Feld in die Abfahrt zur ersten Zieldurchfahrt raste. Birkmeyer fuhr vorne, wollte vor der Haarnadel bremsen, konnte es aber nicht, versuchte trotzdem die Kurve zu erzwingen und prallte mit voller Wucht gegen ein Hoftor.
Er kam mit einer Gehirnerschütterung ins Landauer Klinikum. Deutscher Meister wurde am Ende ein anderer Rudi – Rudi Michalsky aus Büttgen. Die Pfälzer hätten lieber ihren eigenen gefeiert, der zu diesem Zeitpunkt allerdings noch im Krankenhaus behandelt wurde.
Fünf Jahre später schlug das Brems-Schicksal erneut zu.
Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 1975: Wieder einmal waren meine Bremsgummis völlig abgefahren. Unser Monteur wechselte zwar die Bremsklötze an meinem Rad, versäumte es jedoch, auch die bereits angegriffenen Bremszüge zu erneuern.
Am Tag darauf, in der vorletzten Etappe, rissen mir in einer Abfahrt bei rund 70 km/h plötzlich beide Bremszüge. Die neuen Beläge packten kräftig zu – das hielten die alten Bowdenzüge nicht aus. Und das Ganze passierte mitten im Fahrerfeld. Eigentlich ein ideales Szenario für eine Katastrophe.
Stattdessen rollte ich Klaus-Peter Thaler ins Hinterrad, machte einen sauberen Abflug über die Leitplanke und landete – gut gepolstert – in einer Brombeerhecke. Ergebnis: Schlüsselbeinbruch, aber immerhin kein Totalschaden.
Am Abend nach der Behandlung im Krankenhaus traf ich Peter beim Empfang der Tour. Er musterte mich kurz und sagte trocken:
„Warum hast du dich nicht bei mir abgestützt? Ich hätte dich ausgebremst!“
So sind sie eben, die Weltmeister im Cross.
Die dritte Bremse ließ nicht lange auf sich warten.
Beim 4-Etappenrennen 1976 „Grand Prix Félix Melchior“ in Luxemburg riss mir auf der letzten Etappe, nur wenige Kilometer vor dem Ziel, erneut ein Bremszug. Gebranntes Kind scheut das Feuer – also fuhr ich vorsichtig, hielt mich aus dem Finale heraus und ließ das Feld ziehen.
Fast geschlossen passierte das Peloton die Flamme Rouge, doch auf den letzten Metern riss es auseinander. Der zweite Teil – meiner – kassierte rund 30 Sekunden Rückstand. Die Folge: Meinen achten Platz musste ich an einen gewissen Sean Kelly abgeben. Ganze zwei Sekunden war er schneller.
Zur Einordnung: Sean Kelly führte später die Weltrangliste über mehr als fünf Jahre – länger als jeder andere Rennfahrer. Ich verlor meinen Platz also nicht an irgendwen, sondern an einen der Größten. Und tröste mich bis heute damit, dass der beste deutsche Nationalfahrer in diesem Rennen über sechs Minuten Rückstand auf mich hatte.
Drei gerissene Bremszüge, ein Schlüsselbeinbruch und ein späterer Weltranglistenerster – rückblickend kann man sagen: Ich habe viel gelernt.
Vor allem eines: Bremsen sind im Radsport nicht alles – aber manchmal doch ganz praktisch. 😄🚴♂️
Autor:Rudi Birkmeyer aus Offenbach |
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