Medizin im Krieg – Helfen, wo das System versagt
Deutsche Ärzte leisten Ukrainern an vorderster Front Hilfe.
- Die drei Gründer von EUFOMEDA beim Hilfseinsatz vor Ort: Versorgung der Geburtsklinik in Luzk, Westukraine. Stefan Holm, Max-Andreas Horst, Dr. Matthias Werner, ukrainischer Dolmetscher (v.l.n.r).
- Foto: EUFOMEDA
- hochgeladen von Vitalii Matarykin
Medizinische Not im Schatten der Front
In den frontnahen Regionen der Ukraine ist medizinische Versorgung längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Krankenhäuser werden beschädigt oder müssen in Kellern weiterarbeiten, weil sie gezielt angegriffen werden. Ärztinnen und Ärzte fehlen, Medikamente sind knapp, Geräte veraltet oder zerstört. Viele Menschen leiden an chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes, ohne regelmäßige Behandlung oder Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten. Manche können sich nur einzelne Tabletten leisten – mehr lässt ihr Alltag im Krieg nicht zu.
Während ganze Ortschaften ohne einen einzigen Arzt auskommen müssen, wächst die Zahl der Bedürftigen weiter. Der Krieg hat das Gesundheitssystem hart getroffen – dort, wo Menschen leben, kämpfen und versuchen zu überleben. Genau hier setzt freiwilliges Engagement aus Deutschland an: Eine Gruppe von Helfern und Medizinern macht sich auf den Weg, um das zu tun, was sonst niemand mehr leisten kann – medizinische Hilfe dorthin bringen, wo sie am dringendsten gebraucht wird.
Der Einsatz von EUFOMEDA
EUFOMEDA, eine gemeinnützige Organisation aus Deutschland, hat sich zur Aufgabe gemacht, medizinische Nothilfe in Kriegs- und Krisengebiete zu bringen. Der Fokus liegt derzeit auf der Ukraine. Das Team besteht aus Ärzten, Sanitätern, Fahrern, Dolmetschern und Unterstützern, die nicht aus Routine handeln, sondern aus Überzeugung.
Die Umsetzung des Projekts folgt einem klaren Prinzip: Mobilität. Da viele Orte keine funktionierende Gesundheitsinfrastruktur mehr besitzen, richtet EUFOMEDA mobile Hausarztpraxen ein – direkt in befreiten Dörfern, Gemeindezentren, Kellern oder improvisierten Räumen. Über Kilometer hinweg transportiert das Team Medikamente, Hilfsgüter und medizinische Geräte. Insgesamt konnten bereits weit über zwei tausend Menschen direkt medizinisch versorgt und zahlreiche Kliniken mit Material unterstützt werden.
Die Einsätze selbst verlaufen unter extremen Bedingungen. Fahrzeuge müssen unter Bäumen versteckt werden, um nicht aufgeklärt zu werden. Drohnen und Artillerie bestimmen den Tagesrhythmus, weshalb häufig nur bei Tageslicht gearbeitet werden kann. Begleitsoldaten warnen, Routen müssen täglich angepasst werden, und selbst einfache Wege bergen Risiken wie Minenfelder.
In den provisorischen Behandlungsräumen untersucht der deutsche Arzt Patientinnen und Patienten, misst Blutdruck, verschreibt Medikamente und gibt vor allem das zurück, was im Krieg am seltensten ist: Zeit und Aufmerksamkeit. Für viele ist es der erste Arztkontakt seit Jahren. Neben der direkten Versorgung übergibt EUFOMEDA auch Hilfsgüter an lokale Krankenhäuser – von Verbandsmaterial und Medikamenten bis hin zu medizinischen Geräten. Damit entsteht nicht nur kurzfristige Hilfe, sondern auch eine Unterstützung der bestehenden Strukturen vor Ort.
Zukunftsplaene und eine offene Frage
EUFOMEDA hat sich vorgenommen, regelmäßig in die Ukraine zurückzukehren und mehrere Hilfstouren pro Jahr zu organisieren. Doch die Realität zeigt, dass Spendenbereitschaft sinkt und die Einsätze zunehmend schwerer zu finanzieren sind. Gleichzeitig wächst der Bedarf: Mehr zerstörte Infrastruktur, mehr Verletzte, mehr Menschen, die ohne medizinische Betreuung bleiben. Um weiter helfen zu können, braucht die Organisation Unterstützung – finanziell, materiell und menschlich. Dringend benötigt Hilfsorganisation aus Freiburg einen neuen Transporter.
Der Einsatz von EUFOMEDA wirft jedoch nicht nur die Frage nach Hilfe für die Ukraine auf, sondern auch eine grundsätzliche: Wie gut ist ein europäisches Gesundheitssystem auf eine vergleichbare Extremsituation vorbereitet? Was würde geschehen, wenn Krankenhäuser in Deutschland plötzlich gezielt angegriffen würden, wenn Personal unter Beschuss arbeiten müsste oder wenn Versorgungsketten zusammenbrechen?
Die Erfahrung aus der Ukraine zeigt: Medizinische Versorgung im Krieg ist nicht nur eine Frage von Technik und Ressourcen, sondern von Mut, Organisation und Menschlichkeit. Und sie stellt uns vor eine dringende Überlegung: Ist das deutsche Gesundheitssystem auf solche Herausforderungen vorbereitet – oder verlassen wir uns darauf, dass der Krieg stets weit entfernt bleibt?
Autor:Vitalii Matarykin aus Karlsruhe |
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