Respekt vor den historischen Schichten / Forschungsarbeiten gehen weiter
Untersuchungen im Karlsruher Botanischen Garten

Botanischer Garten in Karlsruhe, Victoria-Regia-Haus, 1895
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  • Botanischer Garten in Karlsruhe, Victoria-Regia-Haus, 1895
  • Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIc 601
  • hochgeladen von Jo Wagner

Karlsruhe. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Sanierung der historischen Glashäuser des Botanischen Gartens im letzten Frühjahr sind die Forschungsarbeiten weitergegangen: Inzwischen haben die Fachleute der Staatlichen Schlösser und Gärten den Standort des sogenannten „Victoria-Regia-Hauses“ in einer archäologischen Grabung im Botanischen Garten nachgewiesen. Gestalt und Bauvolumen dieses einstigen Teiles der Glasbauten sollen künftig durch eine Sitzmauer und Pflanzungen erkennbar gemacht werden.

Grabung
Auf Plänen und alten Fotos ist das runde Gewächshaus zu sehen, dessen Innenraum ganz von einem großen ebenfalls runden Wasserbecken eingenommen wurde. Hier gediehen die großen tropischen Seerosen aus Südamerika. Sie sind berühmt für ihre riesigen kreisrunden Blätter, die, mit einem markanten Rand wie ein Kuchenblech, flach auf dem Wasser liegen und so groß und stabil sind, dass sie das Gewicht eines Kindes tragen. Das tropische Gewächshaus war nach den Zerstörungen des letzten Krieges nicht mehr wiederaufgebaut worden.

Abstimmung mit der Denkmalpflege
Bei der archäologischen Untersuchung zeigten sich nun viele Details des verlorenen Baus. Beispielsweise war fast durchgehend die Fundamentmauer für das Glashaus erhalten. Nur an einer Seite, waren alle Mauerreste zerstört: die Auswirkung einer Bombe, die im letzten Krieg hier eingeschlagen hatte. Es galt nun, darüber zu entscheiden, wie das neue Detailwissen umgesetzt werden kann. In Gesprächen mit dem Landesamt für Denkmalpflege wurde der Umgang mit dem archäologischen Befund geklärt – und auch, wie die Erkenntnisse in der Neugestaltung der Flächen vor den Schaugewächshäusern zu erkennen sein sollen.

Spuren der Geschichte
„Das ist auch ein Respekt vor den historischen Schichten, die den Schlossgarten und den Botanischen Garten charakterisieren“, erklärt Hartmut Troll. Nach der Kriegszerstörung entschied man sich für den Wiederaufbau und die Reparatur der drei Gewächshäuser des Halbrunds, wie man sie heute kennt: Kalthaus, Tropenhaus und Palmenhaus. Das Haus für die tropischen Seerosen wurde nicht wiederaufgebaut. Für die Bundesgartenschau 1967 erhielten die Außenanlagen eine weitgehend neue Gestaltung – der Ästhetik der Gartenarchitektur der Nachkriegszeit verpflichtet. Diese zeitliche Weiterentwicklung soll respektiert werden und auch künftig deutlich sichtbar sein – so war die Entscheidung, die die Staatlichen Schlösser und Gärten in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege trafen.

Gärtnerisch den Raum andeuten
Wie wird der Grabungsbefund weiter umgesetzt? Der einstige Standort des Gewächshauses soll sichtbar gemacht werden. Künftig wird das Bauvolumen des verlorenen Seerosenhauses durch Pflanzungen angedeutet. Es soll in der räumlichen Gestalt erlebbar sein. Dazu gehört etwa eine Sitzmauer im Halbrund. Die Anlage und auch die Pflanzungen sollen aber modern sein: Im Außengelände geht es auch darum, die verschiedenen Zeitschichten in ihrer eigenen Qualität zu zeigen. Gebaut oder gar rekonstruiert wird nicht: „In der Abstimmung mit der Denkmalpflege war es klar, dass sich die Entscheidungen und Wege der Nachkriegszeit im heutigen Zustand des Botanischen Gartens widerspiegeln soll“, erklärt Hartmut Troll.

Bis ins Detail durchdacht und mit Fachkollegen diskutiert ist das, was im Botanischen Garten geschieht. In den Gewächshäusern ist wieder ein Zustand zu sehen, wie er sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts präsentierte. „Der Karlsruher botanische Garten zeigt eine rare Zwischenposition: Er steht für den Übergang zwischen dem noch ganz privaten fürstlichen Privatgarten mit Stellagen, auf denen Einzeltöpfe wie von einem Pflanzenliebhaber und -sammler präsentiert wurden, und den Schauhäusern, die klimatische oder kontinentale Lebensräume in pädagogischer Absicht zeigen.“ Hartmut Troll vergleicht das, was im Botanischen Garten in Karlsruhe zu sehen ist, mit anderen Gartenbauwerken aus der gleichen Phase des 19. Jahrhunderts. Er nennt etwa das Palmenhaus von Schloss Pillnitz und das Gewächshaus, das der berühmte Schöpfer des Schwetzinger Schlossgartens und des Englischen Gartens in München gebaut hat, Friedrich Ludwig Sckell. Beide Gewächshäuser wurden in den vergangenen Jahren saniert – und in beiden wurde die historische Situation nicht aufgegriffen. „Karlsruhe bietet mit der historischen Anlage in den Gewächshäusern etwas ziemlich Einzigartiges unter den historischen Gärten“ fasst der Gartenspezialist zusammen.

Der überlegte und sorgfältige Umgang mit der überlieferten Bausubstanz und ihre vorsichtige Ergänzung findet Anerkennung: Was in den letzten Jahren in den Glashäusern des Botanischen Gartens gebaut wurde, hat bereits eine Auszeichnung für „Beispielhaftes Bauen“ von der Architektenkammer erhalten. Und die Besucher nehmen die Glasarchitektur und die Pflanzungen des Botanischen Gartens freudig in Besitz: Mehr als je zuvor wurden seit der Wiedereröffnung der Glashäuser im Frühjahr 2018 gezählt. (ssg)

Infos: www.botanischer-garten-karlsruhe.de

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Botanischer Garten in Karlsruhe

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