Nibelungen-Festspiele Worms
DIE HUNNENKÖNIGIN
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DIE HUNNENKÖNIGIN – WENN DER FRIEDEN NUR NOCH EINE ERINNERUNG IST
Mit „Die Hunnenkönigin“ erzählen die Nibelungen-Festspiele in Worms in diesem Jahr Kriemhilds Geschichte als bewegendes Drama über Krieg, Macht und den Preis der Vergeltung.
Der Abend beginnt nicht auf der Bühne.
Er beginnt bereits zwischen den alten Bäumen des Heylshofparks. Menschen sitzen noch bei einem Glas Wein zusammen, leise Gespräche mischen sich mit den letzten Klängen der Musik im Park. Über allem erhebt sich der Wormser Dom – majestätisch, zeitlos und wohl eine der eindrucksvollsten Theaterkulissen Deutschlands.
Langsam füllen sich die Reihen. Man spürt dieses besondere Kribbeln, wenn man weiß, dass in wenigen Augenblicken etwas Großartiges beginnen wird.
Und genau dieses Gefühl der Vorfreude sollte sich bestätigen.
Den Nibelungen-Festspielen 2026 ist mit „Die Hunnenkönigin“ eine Inszenierung gelungen, die den bekannten Stoff nicht einfach neu erzählt. Sie rückt Kriemhild in den Mittelpunkt und zeigt sie nicht nur als Rächerin, sondern als Frau, Mutter und Königin – mit all ihren Zweifeln, Ängsten und Widersprüchen.
Maria Drăguș liefert dabei eine schauspielerische Leistung ab, die tief unter die Haut geht. Sie trägt diesen Abend mit einer Intensität, die beeindruckt. Ihre Kriemhild ist verletzlich, verzweifelt, mutig und entschlossen zugleich. Man leidet mit ihr, versteht ihre Ängste und erlebt, wie Schmerz einen Menschen verändern kann.
Jeanette Hain als Königmitter Ute überzeugt mit große Präsenz und emotionale Tiefe. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne gestaltet sie ihre Rolle ebenso glaubwürdig wie berührend. Gerade in den ruhigeren Szenen zeigt sich ihre enorme schauspielerische Stärke. Sie gehört damit zu den prägenden Persönlichkeiten des Ensembles.
Nicht minder beeindruckend ist Aram Tafreshian als Hunnenkönig Etzel. Mit ruhiger Präsenz und großer Ausdruckskraft verleiht er seiner Figur eine beeindruckende Tiefe. Besonders seine Gedanken über Krieg und Frieden gehören zu den eindrucksvollsten Momenten des gesamten Abends.
„Die Leute glauben, Frieden sei die Abwesenheit von Krieg. Aber das stimmt nicht. Frieden ist die Erinnerung an Krieg. Sobald sie verblasst, beginnt der Kreislauf von Neuem.“
Ein Satz, der angesichts der Krisen unserer Zeit bedrückend aktuell wirkt.
Überhaupt gelingt es der Inszenierung immer wieder, Brücken in die Gegenwart zu schlagen. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie moderne Themen ganz selbstverständlich in die Geschichte einfließen.
So wird Kriemhilds Wochenbettdepression sensibel erzählt. Sie kann ihr Kind zunächst nicht so annehmen, wie sie es sich selbst wünscht – ein Thema, über das noch heute viel zu selten gesprochen wird.
Ebenso aktuell wirkt die Rolle der Frau. Kriemhild lehnt Krieg und Gewalt entschieden ab. Doch immer wieder wird sie darauf reduziert, zu gehorchen und ihre Meinung den Männern zu überlassen. Gerade diese Szenen machen deutlich, wie zeitlos viele Konflikte bis heute geblieben sind.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto auswegloser wird ihre Situation. Dass Kriemhild am Ende sogar ihren eigenen Sohn tötet – als letzter Akt ihrer ausweglosen Verzweiflung, um ihn dem Kreislauf der Gewalt zu entziehen –, gehört zu den erschütterndsten Momenten der Aufführung. Eine Szene, die das Publikum spürbar bewegt.
Doch nicht nur schauspielerisch, sondern auch in ihrer visuellen Umsetzung begeistert „Die Hunnenkönigin“ auf höchstem Niveau.
Im Mittelpunkt steht eine runde, bewegliche Bühnenplattform. Erstmals wurden bei den Nibelungen-Festspielen zudem Seitenbühnen mit Zuschauerplätzen eingerichtet. Ein Teil des Publikums sitzt dadurch unmittelbar am Bühnengeschehen und wird noch stärker in die Inszenierung einbezogen. Auf der Bühne erscheint in den Zwischensequenzen immer wieder eine Miniaturburg, die den Lauf der Zeit sichtbar macht. Die Bilder verändern sich ständig, die Jahreszeiten ziehen vorbei – unterstützt von eindrucksvollen Videoprojektionen und einer präzise eingesetzten Lichtregie.
Besonders der symbolische Schneefall bleibt in Erinnerung. Von beiden Seiten fällt dichter Schnee auf Bühne und Publikum und macht den Wechsel der Jahreszeiten beinahe greifbar. Für einen Moment verschwimmen Bühne und Zuschauerraum miteinander – ein wunderschöner Effekt.
Überhaupt steckt die Inszenierung voller kreativer Ideen, ohne jemals überladen zu wirken. Die Videoprojektionen mit ihren Nahaufnahmen holen selbst feinste Emotionen auf die große Bühne. Die Kostüme unterstreichen eindrucksvoll den Charakter jeder Figur und fügen sich perfekt in das stimmige Gesamtbild ein.
Eine ganz besondere Rolle spielt auch die Musik.
Alice Merton und Alexander Wolfe haben weit mehr geschaffen als eine Begleitung zwischen den Szenen. Ihre Musik trägt den gesamten Abend. Mal leise und zerbrechlich, dann wieder kraftvoll und mitreißend verleiht sie vielen Szenen eine zusätzliche emotionale Tiefe.
Musik, Schauspiel, Bühnenbild und Licht verschmelzen zu einer Einheit, wie man sie nur selten erlebt.
Als sich nach rund drei Stunden das Ensemble zum Schlussapplaus versammelt, hält es kaum noch jemanden auf den Sitzen. Das Publikum erhebt sich nahezu geschlossen. Minutenlange Standing Ovations, begeisterte Bravorufe und nicht enden wollender Applaus zeigen eindrucksvoll, wie sehr diese Inszenierung die Menschen berührt hat.
Mit der anschließenden musikalischen Zugabe setzt das Ensemble dem Abend schließlich die Krone auf. Noch einmal feiern die Zuschauer Schauspieler und Musiker mit großer Begeisterung. Die Atmosphäre ist mitreißend, emotional und voller Dankbarkeit.
Als die letzten Töne verklungen sind und sich der Domplatz langsam leert, bleibt weit mehr zurück als die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Theaterabend. „Die Hunnenkönigin“ erzählt von Krieg, Macht und Vergeltung – vor allem aber davon, wie zerbrechlich Frieden ist und welchen Preis Menschen zahlen, wenn Hass und Rache die Oberhand gewinnen. Die Nibelungen-Festspiele 2026 zeigen eindrucksvoll, dass großes Theater weit mehr sein kann als Unterhaltung.
Es stellt Fragen, bewegt, erschüttert und wirkt noch lange über den letzten Applaus hinaus nach.
© M.S
Autor:Martina Stepper aus Frankenthal |
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