Geschichte bewahren: Karlsruher OB bekam Unterschriftenliste überreicht
Abriss des alten Torwächterhauses in Durlach bewegt die Gemüter

OB und Robin Cordier bei der Unterschriften-Übergabe
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Durlach. Es ist ein Aufreger-Thema in der Region: Der geplante Abriss des alten Torwächterhauses in Durlach. Damit wird - so die Meinung vieler - wieder ein Teil der Geschichte geopfert! Nicht von der Hand zu weisen ist der Hinweis von Historikern, dass mit dem geplanten Neubau der gewachsenen Struktur der historischen Altstadt Durlachs sprichwörtlich wieder ein Zahn gezogen wird - in diesem Fall das Torwächterhaus in der Ochsentorstraße 32 - ein Gebäude mit historischer Bedeutung für Durlach.

Viele Bürger schütteln den Kopf ob der städtischen Entscheidung
Dass der geplante Abriss die Bürger bewegt, lässt sich schon daran erkennen, dass innerhalb kürzester Zeit über 3.300 Unterschriften gesammelt wurden. Die Unterschriften von Menschen, die sich per Petition für das Häuschen am historischen Stadteingang Durlachs eingesetzt hatten, wurden von Robin Cordier, Sprecher des Regionalverbands Nordbaden von "Stadtbild Deutschland", und Günther Malisius, Vorsitzender des "Historischen Vereins Durlach", zusammen mit weiteren Mitstreitern kurz vor Weihnachten Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup symbolisch überreicht. Zwar sei juristisch alles einwandfrei gelaufen, betonen Cordier und Malisius, aber ein klein wenig war noch die Hoffnung zu spüren, dass es vielleicht neue kreative Ideen und eventuell eine Vermittlung geben könnte.

Karlsruher Rathaus bleibt hart in der Sache
Dem war aber nicht so:  "Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz für Durlach. Ich habe großes Verständnis für Bürger, die solche Gebäude als ein Stück Heimat bewahren wollen“, versicherte OB Mentrup bei der Übergabe im Karlsruher Rathaus - aber der Wunsch nach Erhalt kollidiere mit dem Rechtsanspruch des Eigentümers, sein Grundstück entsprechend der rechtlichen Vorgaben nutzen zu können.

Die Frage der historisch interessierten Bürger ist aber durchaus gerechtfertigt, wieso das Gebäude - immerhin im Ensemble der Durlacher Altstadt am nördlichen Ausgang - überhaupt durch einen größeren Neubau ersetzt werden kann. Immerhin wird vom Amt erklärt, dass das vor rund 200 Jahren erstmals erbaute und danach mehrfach veränderte Gebäude zwar erhaltenswert sei, aber es besitze keine Denkmaleigenschaft. Eine durchaus zu hinterfragende Erklärung.

Bezogen auf die Ochsentorstraße 32 sei, so das Karlsruher Rathaus, der Eigentümer somit jetzt frei in seiner Entscheidung und habe einen Rechtsanspruch auf eine Baugenehmigung unter Einhaltung bestimmter Auflagen. "Sie haben rechtlich wirklich alles Menschenmögliche unternommen", bestätigte und würdigte OB Mentrup die Aktivitäten der Initiative, "und damit das Verständnis für den Erhalt stadtbildprägender historischer Gebäude insbesondere in Durlach erheblich verstärkt!"
Doch dem dann zerstörten stadtbildprägenden historischen Ensemble hilft das nicht mehr. Sicher dürfte sein, dass nun gerade im Durlacher Ortschaftsrat das Thema weiter kochen wird - ob Gestaltungssatzung, Erhaltungssatzung, Bebauungsplan oder das Recht des Eigentümers...

Wird Geschichte für den Kommerz geopfert?
Doch was nutzt es Geschichte, wenn ein Investor - in diesem Fall das „Zentrum für individuelle Erziehungshilfen“ (Zefie) - wirtschaftliche Aspekte offensichtlich über die Bewahrung des historischen Erbes einer Stadt stellt? Immerhin scheint eine Wand des Gebäudes sogar aus der Zeit vor dem "Großen Brand in Durlach" (1689) zu stammen, so der "Historische Verein Durlach".

Einen Kommentar gab es von "Zefie" bislang leider nicht in der Sache, lediglich in anderer Sache hat sich das Unternehmen geäußert: Es hat "den Vorsitzenden des historischen Vereins Günther Malisius wegen übler Nachrede verklagt", schreibt "Stadtbild Deutschland" auf seiner Facebook-Seite.

Reichen die Vorgaben aus?
Nicht wenige fragen sich in und um Durlach, wie es denn sein könne, dass die Denkmalschutzbehörde dieses Gebäude als “erhaltenswert” innerhalb der Gesamtanlage bezeichne, aber ein Abriss und die Errichtung eines wesentlich größeren Neubaus möglich sei? Auch wenn es für den Neubau gewisse Vorgaben bezüglich der Kubatur gebe, wie der Oberbürgermeister betonte. Allerdings bezeichnet der Begriff "Kubatur" nur das Volumen eines Bauwerks - hat aber keinen Einfluss auf Gestaltung oder Materialwahl! Denn insgesamt erstrecke sich der dann - so der Plan, der im Ortschaftsrat Durlach gezeigt wurde - auch höhere Bau über das Nachbargrundstück. Im Ortschaftsrat hieß es dazu, neben rund 150 Quadratmeter Büro- und Verwaltungsräume für "Zefie" solle eine Wohngruppe für unbegleitete Jugendliche im Obergeschoss entstehen.

Gibt's doch noch eine Möglichkeit?
Der "Knatsch" zwischen Durlacher Ortschaftsrat, Denkmalamt und Stadtverwaltung ist durch die bisherigen Abläufe quasi vorgezeichnet. Ortschaftsrat und Stadtrat Jürgen Wenzel (Freie Wähler) bringt noch eine weitere Möglichkeit ins Spiel: "Der Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan ‚Altstadt Durlach‘ von 2012 sollte mit einer Erhaltungssatzung für die historische Bausubstanz endlich umgesetzt werden.“ Da dieser jedoch noch nicht umgesetzt sei, bestehe nach dem Baugesetzbuch die Möglichkeit, Baugesuche zurückzuhalten. Die Freien Wähler im Durlacher Ortschaftsrat fordern daher die Verwaltung auf, davon Gebrauch zu machen. (ht)

Infos: www.stadtbild-deutschland.org - www.historischer-verein-durlach.de

OB und Robin Cordier bei der Unterschriften-Übergabe
Günther Malisius (li.) und Ullrich Müller vom Historischen Verein Durlach möchten sich mit dem geplanten Abriss des Hauses von 1800 (im Hintergrund) an der Stadtmauer nicht abfinden.
Autor:

Jo Wagner

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