EINE FANTASIEGESCHICHTE, DIE IN FRANKREICH SPIELT
Die Mechanikerin der Schatten (Episode 2)
- Foto: Hinweis: Das Titelbild wurde mit einer KI (Perplexity AI) erstellt und ist nicht aus einem urheberrechtlich geschützten Werk abgeleitet. Es zeigt ein frei nutzbares Bild passend zu meiner Geschichte.
- hochgeladen von Michael (Gecko) Mahler
Lesezeit zirka 27 Minuten
Was bisher geschah
Paris, 1785. Die geniale junge Automatenbauerin Valérie Laurent kämpft in ihrer kleinen Dachwerkstatt ums nackte Überleben, seit ihr Vater Jean-Luc vor zwei Jahren spurlos verschwand. Doch mitten in einer stürmischen Nacht erhält sie ein anonymes Paket: Eine Kiste mit einem kryptischen Brief ihres Vaters und einem geheimnisvollen, asymmetrischen Zahnrad aus massivem Gold. Doch die Vergangenheit holt sie rasant ein: Unheimliche Häscher einer Geheimgesellschaft – die sogenannten Sentinelles, die starre Porzellanmasken tragen – stürmen im Fackelschein ihre Werkstatt.
In letzter Sekunde flieht Valérie über die nassen Schieferdächer zum alten, versiegelten Labor ihres Vaters im Königlichen Observatorium. Dort erweckt sie mit dem goldenen Zahnrad das mechanische Meisterwerk ihres Vaters zum Leben: den „Eisernen Schreiber“. Bevor die Maschine blockiert, bringt die eiserne Hand einen einzigen Namen aufs Papier: Henri Moreau. Genau in diesem Moment tritt ein junger Uhrmachergeselle aus den Schatten des Labors – es ist Henri. Er war der geheime Schüler ihres Vaters und warnt sie vor der Loge des Grafen von Saint-Germain, die Jagd auf sie macht. Als die Porzellanmasken das Labor stürmen, entkommen Valérie und Henri durch eine geheime Falltür in die finsteren Katakomben von Paris…
La Mécanicienne des Ombres - Die Mechanikerin der Schatten
Épisode 2: Der Salon der Illusionen
Chapitre 1: Die Augen der Gasse
Die Kälte in den Katakomben von Paris kroch wie feuchte Finger durch den Stoff von Valéries Kleidern. Der Gestank von stehendem Wasser, Moder und jahrhundertealtem Kalkstein war so dicht, dass sie nur flach zu atmen wagte. Hinter ihnen, weit oben am Ende der steinernen Wendeltreppe, waren die dumpfen Schläge der Porzellangarde gegen die Laborfenster verstummt. Doch die Stille hier unten war keineswegs beruhigend; sie lauerte.
Henri ging wenige Schritte vor ihr. Er hielt eine kleine, messingbeschlagene Blendlaterne in der Hand, deren schmaler Lichtstrahl die nassen, von Schimmel überzogenen Wände des unterirdischen Tunnels absuchte.
„Nur noch ein Stück“, flüsterte Henri, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme hallte gedämpft von den niedrigen Deckenbögen wider. „Die Loge kennt viele Geheimgänge, aber diese alten Steinbrüche hier unten sind selbst für die Garde des Königs ein Labyrinth. Wenn man nicht weiß, welcher Kreidepfeil an den Wänden der richtige ist, verläuft man sich und verhungert im Dunkeln.“
Valérie presste ihren Lederbeutel enger an sich. Das leise, metallische Klappern der reparierten Nachtigall des Marquis im Inneren beruhigte sie seltsamerweise. Es erinnerte sie daran, dass es da draußen noch eine rationale Welt aus Logik und Mechanik gab, selbst wenn sie gerade durch das Reich der Toten floh. „Woher wusste mein Vater von dir, Henri?“, fragte sie, um das unheimliche Tropfen des Wassers in der Ferne zu übertönen. „Er hat mir nie erzählt, dass er einen Lehrling hat.“
Henri hielt kurz inne und ließ den Lichtstrahl über eine Weggabelung wandern, ehe er sich für den linken, schmaleren Tunnel entschied. „Er durfte nicht. Die Uhrmachergilde bewacht ihre Privilegien eifersüchtig. Ein Meister, der ohne Erlaubnis der Gilde einen Jungen aus den ärmeren Vierteln unterrichtet, verliert seine Lizenz. Aber dein Vater… Jean-Luc scherte sich nicht um die Regeln der dicken Meister in ihren Seidenwesten. Er sah meine Skizzen in der Werkstatt meines Onkels und sagte, ich hätte ‚den Sinn für das Gleichgewicht der Kräfte‘. Er hat mich ein Jahr lang im Geheimen unterrichtet. Bis zu der Nacht, als er verschwand.“
„Und er hat dir nie gesagt, was er für den Grafen von Saint-Germain baut?“, bohrte Valérie weiter nach.
„Nein“, gestand Henri, und Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit. „Er wurde in den letzten Wochen vor seinem Verschwinden immer paranoider. Er sprach von Apparaten, die wie Menschen agieren, und von Menschen, die wie seelenlose Apparate reagieren. Er sagte, er habe eine Büchse der Pandora geöffnet. Als er nicht mehr auftauchte, wusste ich, dass die Loge ihn geholt hat. Seitdem suche ich nach einem Hinweis. Und heute Nacht hat sein Eiserner Schreiber meinen Namen geschrieben. Er wusste, dass wir uns hier unten treffen würden.“
Bevor Valérie antworten konnte, erlosch das Licht der Laterne. Henri hatte den Schieber mit einem harten Ruck geschlossen. Bruchteile von Sekunden später packte er Valérie am Arm und zog sie brutal in eine dunkle Nische in der Felswand.
„Kein Wort“, hauchte er ihr direkt ins Ohr.
Valérie wollte protestieren, doch dann hörte sie es auch. Von irgendwoher vor ihnen, aus der absoluten, pechschwarzen Dunkelheit des Tunnels, kam ein Geräusch. Es war kein Stiefeltritt. Es war ein extrem schnelles, rhythmisches Scharren, wie von Krallen auf Stein. Und dazu ein metallisches, hohes Klicken, das in unnatürlich hoher Geschwindigkeit repetierte. Klick-klick-klick-klick.
Es kam näher. Das Geräusch bewegte sich an den Wänden entlang, sprang scheinbar vom Boden an die Decke. Es klang wie eine riesige, eiserne Spinne oder ein Schwarm mechanischer Insekten.
Valérie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Sie griff in ihre Schürzentasche nach dem goldenen Zahnrad, als könnte es ihr Schutz bieten. Das Klicken war nun direkt vor ihrer Nische. Ein winziger, rötlicher Funke blitzte im Dunkeln auf – wie das Auge einer Kreatur.
Plötzlich ertönte eine gellende, scharfe Pfeife.
Ein grelles Licht flammte auf, nicht von Henris Laterne, sondern von einer Fackel, die direkt vor ihnen entzündet wurde. Valérie blinzelte schmerzhaft gegen die plötzliche Helligkeit.
Vor ihnen im Tunnel stand kein Monster und keine Porzellangarde. Es war ein junges Mädchen, kaum älter als fünfzehn Jahre. Sie trug eine viel zu große, zerschlissene Männerjacke, deren Ärmel kunstvoll umgeschlagen waren, und eine enge, schmutzige Hose, die in ausgelatschten Lederstiefeln steckte. Ihre Haare waren ein wildes, aschblondes Nest, und ihr Gesicht war mit Ruß und Straßenstaub verschmiert. In der rechten Hand hielt sie eine brennende Fackel. In der linken Hand hielt sie eine kleine, hölzerne Box, die mit einer Schnur an ihrem Handgelenk befestigt war.
Auf dem Boden vor dem Mädchen saß ein seltsames Etwas. Es war eine mechanische Ratte, kunstvoll aus Alteleisen und Blech zusammengelötet. Ihre Beine bestanden aus feinen Uhrfedern, die im Licht der Fackel zitterten. Die kleinen Augen waren zwei geschliffene, rote Glasperlen. Das Tierchen gab genau das metallische Klicken von sich, das Valérie so erschreckt hatte.
„Das war zu einfach, Moreau“, sagte das Mädchen und grinste. Ihre Zähne wirkten im rußigen Gesicht strahlend weiß. Sie stieß die mechanische Ratte mit der Stiefelspitze an, woraufhin das kleine Ding mit einem lauten Schnurren in die Holzkiste flitzte, die das Mädchen auf den Boden stellte. „Ihr trampelt hier unten herum wie eine Herde königlicher Kürassiere. Jede Ratte im Viertel hat euch schon vor zehn Minuten gehört.“
Henri stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ Valéries Arm los. Er schob den Regler seiner Laterne wieder auf. „Chantal. Himmelherrgott, musst du mich jedes Mal zu Tode erschrecken?“ Er wandte sich an Valérie, die noch immer fassungslos auf die Holzkiste starrte. „Valérie, das ist Chantal. Die diebische Elster der Rue du Temple. Wenn es einen Geheimgang, ein gestohlenes Portemonnaie oder ein Geheimnis in dieser Stadt gibt, weiß sie davon.“
Chantal musterte Valérie mit messerscharfen, neugierigen Augen. Ihr Blick blieb an Valéries feinen Händen und der ledernen Arbeitsschürze hängen. „Das ist sie also? Die Tochter des alten Meisters? Sieht gar nicht so aus, als könnte sie ein Uhrwerk von einer Bratpfanne unterscheiden.“
„Ich kann dir die Steuerungssegmente deiner kleinen Blechratte so modifizieren, dass sie im Kreis läuft, bis die Feder bricht, kleine Elster“, entgegnete Valérie kühl, während sie sich den Staub von der Schürze klopfte.
Chantals Grinsen wurde breiter. „Oh, sie hat Krallen. Gut. Die werdet ihr brauchen. Die Porzellangesichter drehen oben jeden Stein um. Sie haben deine Werkstatt komplett auf den Kopf gestellt, Laurent. Wenn ich nicht rechtzeitig ein paar deiner Notizbücher aus dem Fenster geworfen hätte, hätten sie jetzt alles.“ Chantal klopfte auf ihre prall gefüllte Umhängetasche.
Valérie spürte eine Welle der Dankbarkeit, hielt sich aber zurück. „Warum hilfst du uns, Chantal? Was ist dein Preis?“
„Kein Preis. Ein Deal“, sagte das Straßenmädchen und löschte die Fackel an der feuchten Tunnelwand, sodass nur noch das Licht von Henris Laterne blieb. „Der alte Laurent hat mir die Ratte gebaut, damit ich in den engen Belüftungsschächten der reichen Häuser spionieren kann. Er war nett zu mir. Und ich hasse die Loge. Die Männer von Saint-Germain haben zwei meiner Freunde von der Straße verschwinden lassen, weil sie angeblich zu viel gesehen haben. Ich will, dass diese Bastarde brennen. Und dafür braucht ihr mich.“
„Sie hat recht“, warf Henri ein. „Ohne Chantal kommen wir nicht durch die Stadt, ohne sofort verhaftet zu werden. Was ist die Lage da draußen, Chantal?“
„Schlecht für euch, gut für eine Infiltration“, sagte Chantal und bedeutete den beiden mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. Sie bewegte sich völlig lautlos durch den Tunnel, als wäre sie ein Teil der Schatten selbst. „Der halbe Adel von Paris trifft sich heute Abend im Salon des Marquis de Vaublanc. Großes Fest. Maskenball. Sogar ein paar von den hohen Tieren der Loge wurden gesehen. Wenn ihr Informationen über den Verbleib deines Vaters sucht, Laurent, dann dort. Und das Beste ist: Du hast genau die Eintrittskarte in deiner Tasche, die uns Einlass gewährt.“
Valérie fasste an ihren Transportbeutel. „Die Nachtigall des Marquis.“
„Exakt“, flüsterte Chantal über die Schulter, während vor ihnen ein schwacher Lichtschein vom Ende des Tunnels herabfiel. „Der Marquis wartet sehnsüchtig auf sein Spielzeug. Wir verkleiden dich als die Assistentin des berühmten Mechanikers, der den Vogel repariert hat. Und Henri und ich… wir sorgen dafür, dass du im Salon nicht allein bist. Aber beeilt euch. Die Kutschen rollen bereits vor.“
Chapitre 2: Das Parkett der Täuschung
Der Glanz des Salons von Marquis de Vaublanc war so blendend, dass er die Augen schmerzte, besonders nach den stundenlangen Fußmärschen durch die Finsternis der Katakomben. Kristallene Kronleuchter hingen an der hoch aufragenden, mit goldenen Stuckarbeiten verzierten Decke. Sie trugen hunderte von brennenden Wachskerzen, die ihr warmes, zitterndes Licht auf das spiegelglatte Parkett warfen. Damen in ausladenden Kleidern aus Seide und Samt, deren Reifröcke bei jeder Bewegung leise raschelten, flanierten an der Seite von Herren in maßgeschneiderten Gehrocken vorbei. Doch das Auffälligste waren die Masken: Jeder Gast trug eine kunstvolle Verkleidung – goldene Löwenköpfe, geschmückte Vögel, silberne Harlekine. Es war ein Meer aus falschen Gesichtern, das Valérie unwillkürlich an die starren Porzellanmasken aus ihrer Werkstatt erinnerte.
Valérie passte nicht in diese Welt, und das wusste sie. Chantal hatte ihr in einem sicheren Versteck im Untergrund ein einfaches, aber sauberes Kleid besorgt, das sie als Gehilfin eines Handwerkers auswies. Ihre Haare waren streng nach hinten gebunden, um die dunklen Locken zu bändigen, und in ihren Händen hielt sie die polierte Holzkiste, in der die mechanische Nachtigall ruhte.
Sie stand am Rand des großen Ballsaals, den Rücken an eine marmorne Säule gepresst. Ihr Blick wanderte unruhig durch die Menge. Wo waren Henri und Chantal? Die beiden hatten sich durch die Dienerschaftseingänge im Souterrain eingeschmuggelt. Henri trug die Livree eines Champagner-Kellers, während Chantal – flink und unscheinbar wie immer – irgendwo im Hintergrund zwischen den schweren Vorhängen und den Tischreihen abgetaucht war.
„Ah, da ist sie ja! Die Retterin meiner Abendunterhaltung!“
Eine laute, dünne Stimme riss Valérie aus ihren Gedanken. Der Marquis de Vaublanc trat aus der Menge hervor. Er war ein älterer Mann mit einem stark gepuderten Gesicht, einer weißen Perücke, die leicht schief auf seinem Kopf saß, und einer seidenen Augenmaske, die mit echten Pfauenfedern besetzt war. Seine Finger waren mit schweren Ringen übersät, und er roch so intensiv nach Rosenwasser, dass Valérie am liebsten einen Schritt zurückgetreten wäre.
„Monseigneur“, sagte Valérie und deutete einen tiefen, kontrollierten Hofknicks an, genau so, wie Henri es ihr auf dem Weg eingeschärft hatte. „Ich bringe das Meisterwerk zurück. Die Nachtigall singt wieder, als wäre sie nie verstummt.“
„Hervorragend, einfach köstlich!“, gackerte der Marquis und klatschte in die Hände. Einige der umstehenden Adligen wandten sich neugierig um. „Die Herren von der offiziellen Uhrmachergilde wollten mir einreden, das Federwerk sei irreparabel beschädigt. Unfähige Narren! Zeig es mir, Mädchen. Wenn es funktioniert, wartet ein stattlicher Beutel voller Louis d’or auf dich. Wenn nicht… nun, mein Verwalter versteht keinen Spaß mit Scharlatanen.“
Valérie öffnete den Deckel der Holzkiste mit einer ruhigen, präzisen Bewegung. Sie spürte die Blicke der Adligen auf ihren Fingern. Sie nahm den vergoldeten Vogel heraus, stellte ihn auf einen kleinen Beistelltisch aus Intarsienholz und zog den kleinen, goldenen Schlüssel aus ihrer Tasche. Während sie das Uhrwerk aufzog, glitten ihre Augen unauffällig über die Masken der umstehenden Gäste.
Da war er. Am anderen Ende des Saals, nahe den großen Flügeltüren, die zum privaten Trakt des Hauses führten, stand eine Gestalt, die sich nicht an dem lauten Lachen der anderen beteiligte. Der Mann trug einen schlichten, aber unbezahlbaren Mantel aus schwarzem Samt. Seine Maske war anders als die der anderen: Sie war aus poliertem Onyx, vollkommen glatt und spiegelte das Kerzenlicht der Kronleuchter wider wie dunkles Wasser. Um seinen Hals trug er eine schwere Kette, an deren Ende ein Symbol hing – ein Zahnrad, das von einer Schlange umschlungen wurde.
Der Graf von Saint-Germain. Der Meister der Loge.
Valérie spürte, wie ihre Hand auf dem Aufziehschlüssel zitterte. Sie zwang sich, den letzten Atemzug zu nehmen und den Schlüssel ganz herumzudrehen. Klick.
Sie trat einen Schritt zurück. Die mechanische Nachtigall erwachte zum Leben. Sie neigte den Kopf, schlug mit den vergoldeten Flügeln und stieß ein Trillern aus, das so rein, so makellos schön war, dass das laute Stimmengewirr im Saal augenblicklich erstarb. Die Töne schwebten durch den Raum, hielten die Balance zwischen Natur und künstlicher Perfektion. Die Adligen hielten den Atem an, fasziniert von der Illusion des Lebens.
„Ein Wunder!“, rief eine Dame hinter ihrem Fächer.
„Genial“, murmelte der Marquis, und seine Augen glänzten vor gieriger Freude. Er griff in seine Tasche und zog einen schweren, prall gefüllten Lederbeutel heraus, den er Valérie lieblos in die Hand drückte. „Du hast dir dein Geld verdient, Mädchen. Geh in die Küche, lass dir vom Küchenchef ein Glas Wein geben. Du hast meinen Abend gerettet.“
Valérie nahm den Beutel entgegen, doch ihr Blick war bereits wieder auf den Grafen von Saint-Germain gerichtet. Der Mann im schwarzen Mantel hatte sich umgedreht. Durch die Sehschlitze seiner Onyxmaske fixierte er nicht den Vogel. Er fixierte sie. Er hob leicht sein Glas, als würde er ihr zuprosten, und wandte sich dann ab. Er ging durch die schweren Flügeltüren, gefolgt von zwei Männern, die trotz ihrer eleganten Kleidung die breiten Schultern und den unbarmherzigen Gang von Soldaten hatten.
Das war ihre Chance.
Valérie drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die applaudierende Menge. Am Rand des Saals kreuzte sich ihr Weg scheinbar zufällig mit dem eines Dieners, der ein silbernes Tablett mit Champagnergläsern trug. Es war Henri.
„Er geht in den privaten Trakt“, flüsterte Valérie, während sie so tat, als würde sie ein Glas vom Tablett nehmen. „Er weiß, wer ich bin, Henri. Er hat mich angesehen.“
„Dann haben wir keine Zeit mehr“, erwiderte Henri mit leiser, dringlicher Stimme. Er stellte das Tablett auf einem Tisch ab. „Chantal hat bereits die Wache am Korridor abgelenkt. Sie hat angeblich eine Ratte in der Speisekammer gefunden und die halbe Dienerschaft in Aufruhr versetzt. Der Weg zum Arbeitszimmer des Marquis ist für ein paar Minuten frei. Wenn Saint-Germain dort drin ist, dürfen sie uns nicht erwischen.“
Sie huschten im Schatten der großen Samtvorhänge vorbei, hinein in den schwach beleuchteten Korridor hinter den Flügeltüren. Das Lachen und die Musik des Ballsaals wurden mit jedem Schritt dumpfer, ersetzten durch das unheimliche Ticken unzähliger Wanduhren, die die Gänge des Marquis säumten. Vaublanc war besessen von der Zeit, doch Valérie hatte das Gefühl, dass ihre eigene Zeit gerade unaufhaltsam ablief.
Sie erreichten eine schwere Eichentür am Ende des Ganges. Die Tür war angelehnt, ein schmaler Streifen gelben Lichts drang aus dem Inneren des Raumes.
Valérie und Henri drückten sich flach gegen die Wand neben dem Rahmen. Aus dem Zimmer drang das Geräusch von tiefen, rauen Stimmen.
„…der Steuerungs-Zylinder muss bis zum Ende des Monats einsatzbereit sein, Saint-Germain“, sagte die Stimme des Marquis de Vaublanc. Sie klang nicht mehr dünn und albern wie im Ballsaal, sondern kalt, geschäftsmäßig und voller Autorität. „Die Unruhen in den Straßen von Paris nehmen zu. Das Volk hungert. Wenn wir den Thronfolger nicht rechtzeitig durch das Konstrukt ersetzen, wird die Revolution uns alle fressen.“
„Das Konstrukt ist bereit, Marquis“, antwortete die Stimme des Grafen von Saint-Germain. Sie war ruhig, melodisch und strömte eine eisige Gelassenheit aus. „Was uns fehlt, ist die finale Logikschleife. Der alte Laurent war stur. Er hat den Code in ein einzelnes Bauteil gegossen und es versteckt, bevor meine Sentinelles ihn brechen konnten.“
„Und wo ist dieses Bauteil?“, forderte Vaublanc zu wissen.
„Es ist auf dem Weg zu uns“, sagte Saint-Germain leise, und Valérie meinte, das Knarren von Leder zu hören, als er sich in einem Sessel zurücklehnte. „Seine Tochter hat es. Sie ist klug, genau wie ihr Vater. Sie hat die Nachtigall heute Abend nicht nur wegen des Geldes repariert. Sie sucht nach ihm. Und sie hat das goldene Rad direkt in mein Haus getragen. Mercier!“
„Monseigneur?“, antwortete die tiefe, grollende Stimme des Jägers, den Valérie bereits aus den Erzählungen kannte.
„Riegeln Sie das Haus ab. Niemand verlässt den Salon. Bringen Sie mir das Mädchen. Unverletzt, wenn es möglich ist. Ihr Verstand wird uns noch nützlich sein.“
Valérie sah Henri an. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Hand wanderte instinktiv zu einem kleinen Messer, das er unter seiner Weste verborgen hatte. Sie waren in eine Falle gelaufen. Saint-Germain hatte sie nicht nur erwartet – er hatte sie angelockt.
Chapitre 3: Das Geheimnis des Marquis
Das Blut schoss Valérie in den Ohren zusammen wie das wilde Rasen eines übersprungenen Federwerks. „Sie hat das goldene Rad direkt in mein Haus getragen.“ Die Worte des Grafen hallten in ihrem Kopf wider. Es war kein Zufall gewesen. Das anonyme Paket, der plötzliche Überfall, der vermeintlich kaputte Vogel des Marquis – alles war Teil einer perfekt berechneten Maschinerie, die sie genau hierherführen sollte.
Henri packte sie fest an der Schulter und wollte sie zurück in den Gang ziehen, doch Valérie rührte sich nicht. Ein furchtbarer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn ihr Vater für diese Männer gearbeitet hatte, wenn er ein „Konstrukt“ gebaut hatte, das den Thronfolger ersetzen sollte… was befand sich dann noch in diesem Haus?
Aus dem Arbeitszimmer ertönte das Geräusch von schweren Stiefeln. Chevalier Mercier setzte sich in Bewegung.
„Weg hier“, zischte Henri mit erstickter Stimme. „Sofort!“
In diesem Moment erloschen im Korridor hinter ihnen mit einem Schlag die Lichter. Die Wandlüster wurden von einer unsichtbaren Hand ausgeblasen. Aus dem Ballsaal am anderen Ende des Ganges drang das gellende Kreischen von Damen, gefolgt von einem dumpfen Poltern und dem Klirren von hunderten Champagnergläsern.
„Feuer!“, schrie eine Stimme im Saal. „Es brennt im Souterrain!“
„Chantal“, flüsterte Valérie. Das Straßenmädchen hatte das Signal gegeben. Der Rauch, den sie in der Küche verursacht hatte, trieb nun in dichten, grauen Schwaden durch die Gänge und sorgte für das perfekte Chaos.
Die Tür des Arbeitszimmers flog auf. Chevalier Mercier trat in den verdunkelten Flur, eine geladene Pistole im Anschlag, seine Züge im flackernden Schein der verbliebenen Kerzen aus dem Raum hinter ihm wie aus Stein gemeißelt. Durch die Rauchschwaden sah er die beiden Gestalten nicht sofort.
„Hier entlang!“, rief eine leise Stimme von oben.
Valérie blickte auf. Eine kleine hölzerne Luke im Gebälk der Decke war geöffnet worden. Chantals verschmitztes Gesicht blickte durch den Spalt hinab. Sie hatte eine Strickleiter heruntergelassen, die aus dicken Packfäden und mechanischen Kabeln zusammengeknotet war.
Henri reagierte zuerst. Er packte Valérie an der Taille und hob sie mit einer kräftigen Bewegung nach oben, sodass sie die Sprossen greifen konnte. Mit der Agilität, die sie auf den Dächern der Rue de l'Arbalète gelernt hatte, zog sie sich in den Hohlraum zwischen Decke und Dachstuhl hinauf. Henri folgte ihr direkt, die Stiefelabsätze fest in den Strick gepresst.
„Halt!“, dröhnte Merciers Stimme von unten. Ein ohrenbetäubender Knall erschütterte den Korridor. Eine Kugel durchschlug die hölzerne Deckenverkleidung nur einen Handbreit von Henris Fuß entfernt und wirbelte Holzsplitter auf.
Chantal zog die Strickleiter mit einem schnellen Ruck nach oben und schlug die Klappe zu. Sie schob einen schweren Eisenbolzen vor. „Das hält den Kerl für genau zwei Minuten auf“, keuchte das Mädchen. Sie hielt eine kleine, ölige Taschenlampe in der Hand, deren Lichtkegel den engen, staubigen Dachboden erhellte. „Der ganze Salon ist in Panik. Die Adligen trampeln sich gegenseitig nieder. Aber Mercier hat seine Wachen an allen Toren postiert. Wir kommen nicht mehr durch die Vordertür raus.“
„Wohin dann?“, fragte Valérie, während sie sich den Staub aus dem Gesicht wischte. Das goldene Zahnrad in ihrer Schürze drückte schwer gegen ihre Rippen.
„Vaublanc hat ein privates Kabinett direkt unter dem Dach“, sagte Chantal und schlich geduckt zwischen den staubigen Dachbalken voran. „Dort lagert er seine wertvollsten Schätze. Es gibt einen Lastenaufzug, der für die schweren Kisten gebaut wurde. Er führt direkt in den Innenhof zu den Stallungen. Wenn wir den erwischen, können wir mit einer der Kutschen entkommen.“
Sie folgten Chantal durch ein Labyrinth aus Balken, alten Möbeln und Spinnweben, bis sie eine kleine, mit Eisenbeschlägen verstärkte Tür erreichten. Chantal fummelte an ihrer Tasche, zog eine feine Drahtschlinge heraus und wollte sich gerade am Schloss zu schaffen machen, als Valérie sie sanft beiseite schob.
„Lass mich“, sagte Valérie fest. „Das ist ein Schloss aus der Werkstatt von Robert-Houdins Vorgängern. Wenn du den falschen Stift triffst, bricht eine Nadel im Zylinder ab und wir sitzen fest.“
Sie zog eine schmale Haarnadel aus ihrem Zopf und führte sie mit feinfühligen Fingern in das Schlüsselloch ein. Sie schloss die Augen, lauschte auf das vertraute, innere Klicken der Mechanik. Ein Stift… zwei Stifte… beim dritten spürte sie einen Widerstand. Sie drehte die Nadel mit einer winzigen, präzisen Drehung aus dem Handgelenk nach links.
Klack. Die schwere Tür schwang lautlos auf.
Was sich dahinter auftat, ließ den drei Flüchtigen den Atem stocken. Es war kein gewöhnliches Lagerzimmer. Es war ein medizinisches und mechanisches Laboratorium. An den Wänden hingen anatomische Zeichnungen von menschlichen Körpern – Muskelstränge, Nervenbahnen und Skelette, die mit unendlicher Genauigkeit gezeichnet waren. Doch direkt daneben hingen Konstruktionsskizzen, die diese biologischen Strukturen in Zahnräder, Hebel und Kupferdrähte übersetzten.
In der Mitte des Raumes, auf einem schweren Operationstisch aus Metall, lag ein Gestalt.
Valérie trat wie hypnotisiert näher. Es war ein lebensgroßer Automat. Doch im Gegensatz zum „Eisernen Schreiber“ ihres Vaters bestand diese Maschine nicht aus sichtbarem Messing und Stahl. Der Körper war mit einer wachsartigen, täuschend echten Kunsthaut überzogen. Das Gesicht war das eines jungen Mannes – feine Züge, sanfte Lippen, geschlossene Augenlider mit echten Wimpern. Es war das exakte Ebenbild des Dauphins, des königlichen Thronfolgers von Frankreich.
Die Brust der Kreatur war weit geöffnet. Im Inneren befand sich ein Hohlraum, so komplex wie das Innere einer astronomischen Uhr, besetzt mit tausenden von silbernen Rädchen. Doch in der Mitte dieses Uhrwerks klaffte eine Lücke. Eine quadratische Achse stach hervor, die auf ein ganz bestimmtes Gegenstück wartete.
„Das Konstrukt…“, flüsterte Henri mit horrorerfüllter Stimme. Er trat an den Tisch und berührte die künstliche Hand des Automaten. Sie war kalt, starr, aber die Fingerglieder waren so perfekt gearbeitet, dass sie sich fast organisch anfühlten. „Saint-Germain hat nicht gelogen. Sie wollen den Prinzen ersetzen. Eine Maschine auf dem Thron von Frankreich, die vollkommen von der Loge kontrolliert wird.“
„Und mein Vater hat das gebaut“, sagte Valérie leise. Ein tiefer, brennender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus. Der Mann, den sie bewundert hatte, der ihr die Schönheit der Logik beigebracht hatte, war der Schöpfer eines monströsen Betrugs.
„Nein“, sagte Chantal und deutete auf eine Reihe von Notizblättern, die auf einem Beistelltisch lagen. Die Schrift war unverkennbar die von Jean-Luc Laurent. „Sieh mal hier, Laurent. Er hat die Arbeit abgebrochen. Hier steht es: ‚Dieses Ding hat keine Seele. Es ist eine Blasphemie gegen die Natur. Ich werde den Code sperren und das Schlüsselstück verbergen. Mögen die Schatten mich holen, aber diese Maschine wird niemals regieren.‘“
Valérie atmete zitternd aus. Ihr Vater war kein Verräter gewesen. Er hatte seinen Fehler erkannt und sich den mächtigsten Männern Frankreichs entgegengestellt. Das goldene Zahnrad in ihrer Tasche war nicht nur ein Schlüssel – es war der Riegel, der dieses Monster im Schlaf hielt.
Plötzlich erzitterte die schwere Eichentür hinter ihnen. Ein heftiger Schlag traf das Holz.
„Aufmachen! Im Namen der Loge!“, dröhnte die Stimme von Chevalier Mercier von draußen.
„Sie sind am Aufzug!“, rief Henri, der an das andere Ende des Raumes geeilt war. Dort befand sich ein hölzernes Plateau, das an dicken Hanfseilen hing – der Lastenaufzug. „Chantal, hilf mir mit der Kurbel!“
Die Tür hinter ihnen begann zu splittern. Mercier und seine Männer schlugen mit einer schweren Axt gegen das Holz. Ein erster Riss öffnete sich, und im flackernden Schein der Fackeln von draußen sah Valérie das weiße, lächelnde Porzellangesicht eines Sentinelle, das durch den Spalt blickte.
„Valérie, komm!“, schrie Henri.
Valérie griff nach den Notizblättern ihres Vaters, stopfte sie in ihren Beutel und sprang auf das hölzerne Plateau des Aufzugs, genau in dem Moment, als Henri und Chantal die schwere Bremse der Seilwinde lösten.
Mit einem lauten Kreischen der eisernen Zahnräder sackte der Aufzug in die Tiefe des Schachtes ab. Über ihnen brach die Tür des Kabinetts komplett zusammen. Mercier trat an den Rand des Schachtes, seine Augen fixierten die flüchtenden Gestalten im Abgrund. Er hob die Pistole und drückte ab. Die Kugel pfiff durch die Dunkelheit, traf das Holz des Aufzugs direkt zwischen Chantals Füßen, doch die Seile hielten.
Der Aufzug stürzte tiefer und tiefer in die Dunkelheit, dem raucherfüllten Innenhof des Marquis entgegen.
Ende Episode 2
Episode 3 erscheint am 13.07.2026
Hinweis zum Mitnehmen und Reinhören:
Dir hat diese Geschichte gefallen? Mehr abwechslungsreiche Erzählungen von Autor Michael (Gecko) Mahler aus Velbert findest du direkt hier auf meinem Profil!
Als Autor biete ich dir meine Geschichten in zwei verschiedenen Formaten an:
Strukturierte Seriengeschichten: Jede Staffel umfasst genau 7 Episoden – entweder als fortlaufende, packende Saga oder mit in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten pro Folge.
Eigenständige Einzelwerke: Längere, komplett in sich abgeschlossene Geschichten zum tiefen Eintauchen.
Stöbere gerne durch meine verschiedenen Genres:
• Spannende Kriminalromane & Thriller
• Gefühlvolle Romanzen, Liebesgeschichten & Jugendliebe
• Atmosphärische Horror- & Grusel-Storys
• Packende Science-Fiction-Sagas & Kurzgeschichten
• Liebevolle Kindergeschichten
• Lustige & fantasievolle Erzählungen
Für alle, die Geschichten lieber als Audio genießen:
Viele meiner Werke stehen für dich als kostenloser MP3-Download bereit. Die natürlichen KI-Stimmen bieten das perfekte Hörbuch-Erlebnis für unterwegs oder gemütliche Abende.
Besuch mich auch auf meinem zweiten Autoren-Profil, um keine Episode zu verpassen:
Meine Geschichten auf https://www.myheimat.de
© Michael Mahler, Velbert. Dieses Werk ist ein Privatprojekt zum kostenlosen Lesen und Hören. Bitte nur für den privaten Gebrauch nutzen und nicht auf anderen Plattformen hochladen.
Ihr dürft diese Geschichte jedoch sehr gerne auf euren eigenen Homepages, Blogs oder Social-Media-Kanälen verlinken!
Autor:Michael (Gecko) Mahler aus Wörth am Rhein |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.