Anekdoten über eine skurrile Verwechslung
Wie Zufälle Geschichte(n) schreiben können
- Das geheimnisumwobene Opel-Prüffeld in Dudenhofen
- Foto: Collage-cke: Ausschnitte aus „Opel Jugendkalender ´77“, Fotos: auto-medienportal / Opel; Repro cke
- hochgeladen von Clemens Keller
(Dudenhofen/Dudenhofen) Kürzlich interessierte sich ein Mann aus dem nördlich von Hanau gelegenen Erlensee für eine in den 1970er Jahren angesagte Diskothek namens „Intermezzo“ in Dudenhofen. Er googelte, fand die Seite „Verein für Heimatgeschichte und -Kultur Dudenhofen e.V.“ und richtete seine Fragen nach dort und bekam daraufhin die Antwort, dass seine Anfrage im falschen Dudenhofen angekommen sei; das „Intermezzo“ war früher eigentlich in Dudenhofen im Kreis Offenbach: „Aber“, so die Antwort des Pfälzer Heimatvereins, „Sie befinden sich in bester Gesellschaft, was diese Verwechslung betrifft: Schon 1963/64 kam es nämlich schon einmal dazu – mit weitreichenden (millionenschweren) Folgen. Damals wurde das Opel-Testzentrum, dank des Spürsinns / Scharfsinns des damaligen Bürgermeisters, nicht bei uns in der Pfalz, sondern eben im hessischen Rodgau errichtet.“
Nur wenige Wochen nach jener aufklärenden Anfrage ergab es sich nun, dass sich im Januar 2026 der „Verein für Heimatgeschichte und -Kultur Dudenhofen e.V.“ anlässlich seines Besuchs der traditionellen Holzversteigerung im Rodgau mit dem dortigen Heimatverein traf. Dieser trägt – wiederum fast zum Verwechseln ähnlich - den Namen „Heimat, Geschichte und Kultur in Dudenhofen e.V.“. Das Treffen bot insofern eine wunderbare Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und erinnernden Austausch über das, was beide Orte auf durchaus kuriose Weise verbindet: eine über sechzig Jahre währende, inzwischen beinahe schon legendäre Verwechslungsgeschichte.
Aus einem reichen Schatz an Erinnerungen, alten Fotografien, Zeitungsausschnitten, Plänen und Dokumenten aus dem eindrucksvoll archivarisch aufbereiteten Album des Zeitzeugen Heinz Carl entstand – ergänzt durch die Erzählungen der Anwesenden und bereits gesammelter Quellen des Autors – ein lebendiges Bild gemeinsamer Vergangenheit. Die Begegnung bildete die ideale Grundlage, um der Geschichte beider Gemeinden und ihrer besonderen Verbundenheit und Beziehung zu Opel nachzuspüren.
Der folgenreiche Fehler im Sommer 1963
Laut den einschlägigen Wetterportalen war es wohl ein mäßig warmer, leicht wechselhafter Sommertag am 9. Juli 1963, als in der Poststelle der Gemeindeverwaltung von Dudenhofen ein dicker Umschlag eintraf, der das Schicksal des kleinen Ortes bei Offenbach für die nächsten Jahrzehnte prägen sollte. Der 22-jährige Heinz Carl, ein junger Verwaltungsmitarbeiter, war an diesem Tag als Urlaubsvertretung zuständig für die Bearbeitung des Posteingangs und was er beim Öffnen des Kuverts las, ließ ihn aufhorchen: Ein renommiertes Maklerbüro aus Bonn, die „Gütervermittlung Lehmann“, suchte nach einem Grundstück zur Errichtung eines Autoprüffeldes – der Kaufinteressent (ein „internationaler Automobilhersteller“) war da namentlich noch nicht genannt. Das Pikante daran: Der Brief war an den „Bürgermeister zu Dudenhofen“ adressiert und eigentlich für Dudenhofen bei Speyer in der Pfalz bestimmt, landete aber durch eine Verwechslung der Postleitzahl im südhessischen Dudenhofen bei Rodgau.
Solche Verwechslungen waren an für sich nichts Neues: Regelmäßig landeten – auch auf Grund des erst ein Jahr zuvor in Kraft getretenen vierstelligen Postleitzahlensystems - Briefe für Dudenhofen in der Pfalz oder Dutenhofen bei Wetzlar irrtümlich öfter mal in Rodgau. Doch der junge Heinz Carl erkannte sofort die Tragweite dieses Schreibens. „Chef, da ist eine Sache, die ist auch für uns interessant", waren seine denkwürdigen Worte, mit denen er Bürgermeister Ludwig Kratz (im dortigen Volksmund schlicht als LK-IX bekannt) auf diese einmalige Chance aufmerksam machte.
Der Chef wurde daraufhin aktiv: Er leitet das Originalschreiben pflichtbewusst nach Dudenhofen bei Speyer, ruft aber blitzschnell auch beim Absender in Bonn an und stellt damit seinen äußerst diplomatischen Spürsinn unter Beweis: Er sagt, dass der Brief an die falsche Adresse gelangt sei, aber andererseits doch an die richtige. „Denn wir betonten“, so ist es zudem im Archiv der dortigen Gemeindeverwaltung dokumentiert, „auch wir hätten Interesse und ein entsprechendes Grundstück“. Zwei Tage nach diesem Telefonat stehen zwei Vertreter der Firma Lehmann im Arbeitszimmer des Bürgermeisters, sehen sich Karten an und berichten von Schwierigkeiten bei Verhandlungen mit der Gemeinde Dudenhofen (bei Speyer).
Der mysteriöse Auftraggeber der Planungen wird hingegen erst durch Schreiben vom 3.8.1963 offiziell benannt: „Mit der Bitte um größte Vertraulichkeit wende ich mich heute mit der höflichen Anfrage an Sie, ob Sie evtl. bereit sind, ein ca. 50 – 60 ha großes Areal aus Ihrem Gemeindewald … an die Fa. Adam Opel AG., Rüsselsheim zu verkaufen“, steht nun dort auf dem Lehmannschen-Briefbogen. Die Bonner Makler hatten aber offenbar immer noch nicht den Durchblick. Denn sie schrieben an den Bürgermeister in 6051 Dudenhofen, dass ein Kaufinteresse an der „nördlichen Gemarkungsgrenze zwischen den Gemarkungen Böhl, Schifferstadt und Speyer“ bestehe…
Durch diese „Offenbarung“ wird nun auch erstmals vollumfänglich klar, dass das im Herbst 1951 mit großem Aufwand, direkt am Opel-Werksgelände in Rüsselsheim errichtete Prüffeld, offenbar den gestiegenen Anforderungen nicht, oder nur noch begrenzt erfüllen konnte und sich Opel auf der Suche nach einem geeignetem „Ersatz-/Waldgelände“ befand.
Die Anlage sollte nach amerikanischem Vorbild des GM-Konzerns in Detroit gestaltet werden: Mindestens 5 Kilometer Länge (in gerader Richtung) und einer Tiefe zwischen 100 und 600 m sollte das gesuchte Areal sein. Die voraussichtliche Belegschaft wurde auf 50-80 Spezialkräfte geschätzt, mit der Option, dass in Zukunft auch noch „weitere Betriebszweige zum Prüffeld verlegt und evtl. auch Produktionsstätten errichtet“ werden.
Die Vertreter aus Dudenhofen bei Offenbach blieben hartnäckig. Sie trugen der Firma in Bonn den Sachverhalt erneut vor, wiesen noch einmal auf die bestehende Verwechslung hin und betonten zugleich, dass man das Projekt weiterhin realisieren könne und ihre Bewerbung selbstverständlich weiterhin Bestand habe. In der Rückschau scheint indes nachvollziehbar, dass durch die Formulierung im Maklerschreiben, dass das künftige Prüffeld „als Zweigbetrieb von Rüsselheim betrieben werden soll, sodass Gewerbesteuern nach den Lohnsummenanteilen des Gesamtbetriebes anfallen werden“ , Bürgermeister Kratz (s)eine Chance auf neue Steuereinnahmen rasch erkannt hat. Denn warum sonst hätte er ein Gelände zum Kauf angepriesen – obwohl dieses eigentlich gar nicht zum Verkauf stand ...
Kurzum: Dudenhofen im Rodgau erhielt den Zuschlag. Opel plante nun aber statt der ursprünglichen geraden Teststrecke einen Rundkurs und die hessische Gemeinde muss innerhalb kürzester Zeit rund 170 Grundstücke von etwa 200 Eigentümern erwerben; Wahrlich eine in der heutigen Zeit undenkbare Herkulesaufgabe, die aber schon knapp ein Jahr (!) später zum Erfolg führte, denn schon am 15.10.1964 kann dort der Kaufvertrag über 2,6 Quadratkilometer (260 Hektar) zum Kaufpreis von 5.834.299,60 Mark unterzeichnet werden. Am 3.11.1964 erfolgte dann der erste Spatenstich & Grundsteinlegung und bereits am 1.4.1966 – also just vor 60 Jahren - die Eröffnung des seinerzeit größten und modernsten Prüffeldes Europas, 33 km eingebetteter Straßen, einer nunmehr kreisförmigen Schnellfahrbahn, 5 km lang und einem Durchmesser von 1,6 km.
Wie intensiv sich der Gemeinderat des pfälzischen Dudenhofens damals mit der Anfrage beschäftigte, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Einschlägige Protokolle und Sitzungsunterlagen wurden bislang weder gesichtet noch ausgewertet – sie warten noch auf eine detaillierte Analyse. Ein Blick in die Presseberichte von 1965 vermittelt jedoch ein recht deutliches Bild: Offensichtlich ging es den Pfälzern bei ihrer ablehnenden Haltung nicht allein ums Geld. In der Zeitung war zu lesen, dass „außerdem Grundstücke zur Errichtung von 5000 Wohnungen benötigt werden“ – ein Vorhaben, dem zufolge der gesamte Dudenhofener Wald hätte geopfert werden müssen.
Mitunter ist bis heute (noch) nicht eindeutig geklärt, wie es im Spargeldorf mit seinen damals rund 3.600 Einwohnern, zu der wundersamen „Vermehrung“ auf die plötzlich kommunizierte Opel-Forderung nach 5.000 (!) Wohnungen kommen konnte. Ein Bedarf in dieser Größenordnung bzw. in diesem gewaltigen Ausmaß wurde den Verantwortlichen im Rodgau´schen Dudenhofen jedenfalls nicht herangetragen.
Wohnquartier „Betzenberg“ in der Vorderpfalz?
Schnell schießen da Gerüchte ins Kraut, das pfälzische Areal habe womöglich als Verhandlungspotential mit – oder sogar anstelle der späteren Opel-Ansiedlung in Kaiserslautern gedient. Konspirative Gespräche sind nicht auszuschließen, denn exakt für diesem Zeitraum sind auch etliche geheimnisumwitternde Verhandlungen in der Westpfalz belegt, rund 70 an der Zahl, das wohl entscheidende am 13.10.1964 im Kurhaus Johanniskreuz, besiegelt durch den Ansiedlungsvertrag vom 22.12.1964.
Sicher ist: Mit Produktionsbeginn in Kaiserslautern am 3.6.1966 entstanden rund 2.400 Arbeitsplätze, zugleich erhielt die dortige Wohnungswirtschaft einen kräftigen Impuls. Viele heutige Wohngebiete und Infrastruktureinrichtungen insbesondere rund um den Betzenberg gäbe es ohne Opel wohl nicht.
Der Verlauf der Ereignisse zeigt jedenfalls auf, wie zügig und zielgerichtet damals entschieden wurde. Das vorderpfälzische Dudenhofen blieb jedoch, was es war: Spargelmetropole – zur Opel-Metropole wurde es nie.
Legenden und Nachklänge
Dennoch hielt sich in der Pfalz über Jahrzehnte die Legende vom großen Irrtum – einer Geschichte, die mit einem sagenumwobenen Scheck über angeblich 5.834.299,60 Mark, exakt der Summe des Kaufpreises für das hessische Geländeareal, ihr vorläufiges Ende fand. Ein Opel-Scheck in dieser Höhe, so heißt es, soll schließlich auch noch versehentlich im „falschen“ Dudenhofen gelandet sein. Tatsächlich waren es aber wohl zwei Opel-Schecks mit einer deutlich niedrigeren Gesamtsumme: Einer über 2,5 Millionen Mark bzw. ein weiterer über 47.000 Mark, „in Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen“, so die damalige Presseberichterstattung. Bürgermeister Bettag ließ sie – seine Stimmungslage dabei ist nicht überliefert – zurückgehen. Historisch belegt bleibt jedenfalls: Es gingen zunächst „Millionen ins falsche Dudenhofen“ und dem richtigen Empfänger bescherte der Opel-Geldsegen später schließlich verschärfte lokale Konflikte, als es dort um die Eingemeindung zur neuen Großgemeinde Rodgau ging.
Auch von Lastwagen ist häufig die Rede, die in den Folgejahren irrtümlich in der Pfalz landeten, obwohl ihre Fracht im Rodgau dringend benötigt wurde. Solche Anekdoten mögen teils Erinnerungsfragmente, teils auf Tatsachen beruhende Deutungen sein – genährt von der Aufbruchsstimmung jener Jahre, die sich wohl auch in der Expansion des örtlichen Autohauses Kappner in der Speyerer Straße 23 zeigte, das damals als einer der führenden Vertragshändler der Adam Opel AG in der Vorderpfalz galt.
Kurios mutet in diesem Kontext auch ein Werbegeschenk von Opel-Kappner an: Der „Opel Jugendkalender ’77“. Auf den Seiten 6 bis 29 widmet er sich ausführlich dem „Opel-Prüffeld Dudenhofen“. Für den damals elfjährigen Autor dieses Berichtes galt das dort bezeichnete, angeblich tief im Wald gelegene und hinter hohen Zäunen von der Außenwelt abgeschirmte Gelände, in der kindlichen Vorstellung als fast mystisches Terrain voller Geheimnisse - mit einer Betonschnellfahrbahn, dem „Berg des Leidens“, der „Klimakammer“, einer mit Wasser berieselten „Schleuderplatte“ und einer „Höckerbahn“ - das irgendwo hinter der Ganerb als verborgene Welt hochinteressanter technischer Autoexperimenten liegen müsste.
Und – in der Rückschau betrachtet - steckte da doch wieder etwas Wahres darin: Schon das Schreiben der Bonner Güter Vermittlung Lehmann vom 3.8.1963 nannte nämlich drei von fünf möglichen Trassenführungen als äußerst „aussichtsreich“ - entlang des „Bruchgrabens“ an den Gemeindewaldungen Iggelheim, Böhl und Dudenhofen gelegen. Und dieser „Bruchgraben“ liegt nun mal nordwestlich der Ganerb-Gemarkung.
Begegnung nach Jahrzehnten
Persönliche Begegnungen zwischen den hessischen und pfälzischen Namensvettern sind keineswegs neu: Bereits im Juni 1984, anlässlich des damaligen Spargelfestes, wurden erste offizielle Kontakte geknüpft – und dabei zahlreiche Gemeinsamkeiten entdeckt. „Das erste Zusammentreffen von Dudenhöfer Vertretern auf Verwaltungsebene verlief allemal feuchtfröhlich. Der Erfolg des Besuchs übertraf alle Erwartungen“, berichtete die Rodgauer Presse seinerzeit. Zudem nutzte man den damaligen Festbesuch, um sich ausführlich über Vereinsleben, Freizeitgewohnheiten, Bevölkerungsstruktur, Gemeindepartnerschaften, kommunalpolitische Konstellationen und nicht zuletzt über die optimalen Böden für den Spargelanbau auszutauschen und dabei zahlreiche Parallelen in der Entwicklung beider Gemeinden herauszuarbeiten. Und so war man sich auch schnell einig, die neu entstandenen Beziehungen zu vertiefen, und vereinbarte bald mehrere Gegenbesuche. Im Laufe der Zeit versiegte der unmittelbare Austausch jedoch wieder.
Der vorletzte Besuch ist um das Jahr 2005 dokumentiert, als der Walbauverein Ganerb gemeinsam mit dem MGV „Cäcilia“ Dudenhofen seinen Vereinsausflug zur traditionellen „Historischen Holzversteigerung“ nach Rodgau-Dudenhofen unternahm. Diese Veranstaltung war dort vom Gesangverein „Germania 1895“ anlässlich seines 100-jährigen Bestehens im Jahr 1995 ins Leben gerufen worden. Mit dem erneuten Besuch des Heimatvereins konnte nun das Freundschaftsband zwischen den Orten quasi wiederbelebt werden.
Im Jahr 2027 feiern die „Durrehouwener“, wie sich die Rodgauer selbst nennen, ihr 750-jähriges Dorfjubiläum – sicherlich wieder eine schöne Gelegenheit, sich über weitere Verwechslungsgeschichten auszutauschen oder gar neue Kapitel zu schreiben. Ob dabei auch eine Besichtigung des legendären Opel-Prüffeldes auf dem Programm stehen wird, ist derzeit ungewiss: Der bisherige Betreiber Segula stellte den Testbetrieb im Oktober 2025 ein, nachdem sich keine Investoren fanden. Das von Segula lediglich angemietete Testcenter in Dudenhofen ging damit an den Eigentümer Opel zurück, der nun über die künftige Nutzung und den weiteren Betrieb entscheidet.
Autor:Clemens Keller aus Römerberg-Dudenhofen |
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