Der Hemshof: Siedlungwachstum um BASF, Wiederaufbau, soziale Verwerfungen
- Das Relikt ist der Seiteneingang aufs Viadukt, das man über eine Treppe erreichte.
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Hemshof. Durch die Jahrtausende hat der Hemshof einen raschen Wandel vollzogen. Stadtführer Gerhard Brandt erzählt auf der Tour durch den Stadtteil von der Rolle der BASF bei der Quartiersentwicklung, den Kriegsreparaturen und von der sozialen Entwicklung des Viertels.
„Hemshof leitet sich vom Namen ‚Heim des Hemo ab, das erstmals 770 in Urkunden auftaucht. Hemo und weitere Gutsbesitzer siedelten auf Erhebungen im Sumpfgebiet Oberrheingraben“, erzählt Tourguide Brandt. Im Frühmittelalter war das Stadtgebiet, auf dem Ludwigshafen heute steht, noch nicht aufgeschüttet. Wie viele Höfe und Orte wurde der Gutshof und das Quartier später eingemeindet. „Hätte der Bayernkönig Ludwig Ludwigshafen 1842 nicht die Stadtrechte verliehen, würde die Stadt heute Oggersheim heißen. Oggersheim war durch den Regierungssitze der Wittelsbacher schon immer Kleinstadt."
Die Infrastruktur mit Trennwirkung vom Zentrum entstand bereits 1853 mit der Fertigstellung der ersten Eisenbahnstraße. Sie band den Winterhafen und damit die Rheinschifffahrt an das Kohlenbergwerk Bexbach an. Das Viadukt über die 8 Gleise verband den Hemshof mit der Innenstadt. Es verlief dort, wo heute Hartmannstraße und Maxstraße auf einer Linie liegen. „Das Viadukt hatte optisch weniger Distanz geschaffen als später die Hochstraße. Es war zudem weniger hässlich gewesen“, stellt Brandt fest. „Die tiefer gelegten Straßen ums Viadukt wirken jedoch bei Regen wie eine Geländesenke, ein Schwimmbecken. Man entschied sich für den Abriss des Viadukts.“
Gelehrtes Bauen: Neugotik, Neubarock, Neoklassizismus
Der erste Hauptbahnhof Ludwigshafens entstand auf Höhe der Rathauscenter-Ruine im neoklassizistischen Stil. Er wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und im Stil der 50er Jahre Architektur rekonstruiert. Viel Altbestand aus der Zeit des Historismus hielt den Bombardierungen stand, darunter auch das Stadthaus Nord.
Mit der Ansiedlung von BASF entstand die BASF-Kolonie mit Kasernen und Häusern für Arbeiter sowie weiteren Arbeiter- Wohnsiedlungen um die Fabrik. Für Beamte, Handwerker, Kaufleute wuchsen Wohnquartiere in Prinzregentenstraße und Nebenstraßen.
Im Hemshof stehen viele denkmalgeschützte Gebäude. „Die Prinzregentenstraße war repräsentative Straße mit Geschäften und Gastronomie, genauso wie die Ludwigstraße“, sagt Brandt. Relikte klassizistisch anmutender Architektur sind die Reste der Stelzen des Viadukts. „Der Historismus griff Elemente aus Klassizismus, Renaissance, Barock auf und kombinierte sie spielerisch in einer Fassade, als Melange aus allen Baustilen. Man spricht von Neoklassik, Neorenaissance, Neobarock“, sagt Brandt.
- Der Anteil an verbautem Sandstein und Granit relativ zum Klinker verrät etwas darüber, wie wohlhabend der Bauherr war.
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Der Anteil von Granit und Sandstein im Verhältnis zum Klinker lasse den Schluss zu, wie wohlhabend der Bauherr war. „Ziegel war das günstigste Baumaterial, weil menschliche Arbeit kaum etwas kostete. Naturstein wie Sandstein und Granit war viel teurer. Bis heute haben sie die relativen Kosten umgekehrt. Menschliche Arbeit hat sich verteuert, man nutzt Beton und vermeidet sie auf dem Bau. Je wohlhabender der Investor und Bauherr war, meist Privatleute, desto mehr Naturstein ist an der Fassade eingesetzt“, so Brandt.
Erste Entstehung sozialer Brennpunkte
In der Prinzregentenstraße sowie in den Nebenstraßen lebten neben Handwerkern und Kaufleuten auch Angehörige des Großbürgertums sowie BASF-Beamte. Waren die Bauherren im Handel oder Handwerk tätig, wurde die erste Etage bewohnt; im Erdgeschoss befanden sich Werkstatt und Geschäftsräume, und die vierte und fünfte Etage wurden zur Stabilisierung der Einnahmen vermietet. Die BASF-Werkskolonie mit Mietkasernen und verschachtelten, verslumten Hinterhofgebäuden, die nicht ausreichend belüftet, beheizt und belichtet waren, entstand rund um das BASF-Werk. Dieses Areal des Hemshofs war schon um 1900 ein sozialer Brennpunkt.
„Die Straßenbahn, die vom Bahnhof in einer S-Kurve kam, führte durch die Prinzregentenstraße. Autos gab es nicht. An die Fortsetzung der Prachtstraße, die frühere Bismarckstraße erinnern heute nur noch Postkarten. BASF und die Infrastruktur wie etwa der Hafen waren wichtige Angriffsziele. „Auch auf Wohngebäude fielen Stabbrandbomben, die diese in Brand setzen sollten. Dachstühle und Zwischendecken stürzten ein, während die Fassaden standhielten. Daher sieht man heute vielerorts Aufbauten und Gauben auf den Dächern, die modern wirken und nicht zu den historistischen Fassaden passen“, sagt Brandt.
Die Straßenbahn kam vom Bahnhof in einer S-Kurve um die Ecke und wurde durch die Prinzregentenstraße geführt. An die Bismarckstraße und ihre Architektur, die eine Weiterführung der Prachtstraße war, erinnern heute nur noch alte Postkarten.
Nazi-Ideologie und ihre Folgen
Vor dem Prinzregententheater, einer Bühne für Kleinkunst und Freilichtaufführungen, bringen Stolpersteine aus dem Tritt. „Dort finden sich Namen aus der deutsch-jüdischen Bevölkerung von Personen, die noch fliehen konnten, aber auch von solchen, die ins Arbeitslager Gurs und später in KZs untergebracht wurden. Die meisten Juden aus Ludwigshafen kamen nach Auschwitz, die Deportation nach Gurs und später nach Polen verlief unter brutalsten Bedingungen. 2343 Menschen aus Ludwigshafen starben während der Kriegsjahre, 49 kamen zurück“, so Brandt.
Die Ideologie, die heute der Verfassung widerspricht, zeigte sich auch an der Verordnung, dass Kriegsgefangene und Gefängnisinsassen während der Luftangriffe nicht in den Bunker durften. „Das änderte sich nach 44 schlagartig, weil seit 43 kein Nachschub mehr aus den nicht mehr besetzten Nationen kam. BASF teilte mit, dass die Häftlinge ihnen schneller sterben als sie sie ausbilden können. Danach durften Zwangsarbeiter in den Bunker kommen“, erzählt Brandt.
Industriearchitektur, Wohnungsnot bis in die 70er
Mit dem Trafohäuschen auf dem Gräfenauplatz, das als öffentliche Toilette diente, findet sich in Ludwigshafen seltene Industriearchitektur. Der Industrialismus dauerte nicht lange, entsprechend wenige Gebäude gibt es in der Region. Hintergrund war die Gründung des Deutschen Werkbunds, der mehr Ästhetik in schnellwachsende Industriestädte Deutschlands bringen wollte, die sich auch an Industriegebäuden finden sollten, etwa durch große Fensterfronten. Dies galt unter anderem dem Marketing für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Arbeitshallen sollten lichtdurchflutet sein und den Arbeitsalltag der Arbeiter erleichtern.
Die BASF baute um 1900 erste Schlafhäuser um den Gräfenausplatz, in denen Arbeiter der Tages- und Nachtschicht als Wochenendheimfahrer aus der Pfalz sich Betten teilten. Durch die Wohnungsnot war Untermiete selbst in Kasernen nicht selten; bis zu fünf Arbeiter teilten sich ein Zimmer. Erst mit der SPD-Wohnungsbaupolitik, die sich durch das maschinelle Vorfertigen von Bauteilen wirtschaftlicher und schneller vollzog, und mit den wachsenden Gartenstädten wurde das Recht auf eine geräumige Wohnung umgesetzt. Das dauerte aufgrund der flächenhaften Zerstörung von Wohnraum bis in die 1970er-Jahre.
„Wer heute mit offenen Augen durch den Hemshof läuft und kann vieles entdecken, was heraussticht, etwa die typisch historistischen Eingangstüren, und ihn in seiner ganzen Schönheit sehen“, so Brandt.jg
Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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