Grün und bergig: Exkursion auf Kefalonia
Meer, Stein und Himmel vereint

Im Norden Kefalonias, nur eine kurze Überfahrt von Ithaka entfernt, hat Fiskardo als einziges Dorf der Insel das Erdbeben von 1953 nahezu unbeschadet überstanden – seine venezianischen Steinhäuser säumen bis heute die geschützte Bucht mit ihrem kleinen Hafen für Segelboote. Zwischen historischen Fassaden und Kiesstränden am kristallklaren Wasser entfaltet sich hier jene mediterrane Leichtigkeit, die authentisches Inselleben mit sommerlicher Eleganz verbindet.
 | Foto: Daniel J. Basler
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  • Im Norden Kefalonias, nur eine kurze Überfahrt von Ithaka entfernt, hat Fiskardo als einziges Dorf der Insel das Erdbeben von 1953 nahezu unbeschadet überstanden – seine venezianischen Steinhäuser säumen bis heute die geschützte Bucht mit ihrem kleinen Hafen für Segelboote. Zwischen historischen Fassaden und Kiesstränden am kristallklaren Wasser entfaltet sich hier jene mediterrane Leichtigkeit, die authentisches Inselleben mit sommerlicher Eleganz verbindet.
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Zwischen vertikalen Klippen, schattigen Olivenhainen und verborgenen Buchten offenbart Kefalonia eine subtile Dramatik, in der Landschaft, Wetter und menschliche Spuren ein stimmiges Geflecht bilden. Selbst das kleinste Detail — ein Windhauch, ein Lächeln eines Fischers, ein Tropfen salzigen Wassers — trägt die Inselgeschichte in sich, und man verlässt das größte Eiland der Ionischen Inseln nicht, ohne dass sie in einem nachhallt.

Es gibt Inseln, die man betritt wie eine Bühne – sie empfangen einen mit großer Geste, mit Postkarten-Panorama und sofortiger Verzauberung. Und dann gibt es Inseln wie Kefalonia, die man betritt wie einen verborgenen Garten, dessen Schönheit sich erst erschließt, wenn man innehält, wenn man wartet, wenn man bereit ist mit Ehrfurcht hinzuschauen. Sie beginnt nicht am Hafen, nicht am Strand, nicht im Hotelzimmer. Sie beginnt im Übergang – in jenem flüchtigen, fast magischen Moment, in dem die Fähre die schmale Meerenge zwischen Ithaka und Kefalonia durchschneidet und die Luft sich verwandelt: plötzlich dichter, würziger, durchdrungen von Salz und Pinien-Duft, von jenem unbestimmbaren Aroma, das man erst später als „Insel-Seele„ erkennt – als jene Mischung aus Erde, Wind und Meer, die sich in die Erinnerung einbrennt wie ein Wasserzeichen.

Links bleibt Ithaka zurück, karg, streng, fast asketisch – Odysseus' Heimat, die sich wie ein mythischer Schatten gegen den Horizont stemmt. Rechts wächst Kefalonia heran wie ein grüner, weit ausgreifender Organismus. Eine Insel, die sich nicht anbiedert, sondern behauptet. Eine Insel, die Zeit verlangt – und Tiefe zurückgibt. Mit 781 Quadratkilometern ist sie die größte der Ionischen Inseln, ein kleiner Kontinent im Saphirblau des Ionischen Meeres, wo das Licht nicht brennt wie in den Kykladen, sondern schimmert – wie flüssiges Silber, das über die tiefgrünen Flanken gegossen wurde.
Ich bin vier Tage hier, im Spätsommer, zwischen Kalkstein und Meer. Vier Tage, die sich anfühlen wie ein langsames Aufblättern eines Buches, dessen Seiten nach Meer und Erde riechen. Vier Tage zwischen vertikalen Klippen und sanften Weinbergen, zwischen der Melancholie der Geschichte und der unbändigen Lebenslust der Insel-Bewohner.

Eine Stadt erfindet sich neu
Argostoli wirkt auf den ersten Blick wie eine mediterrane Kleinstadt, die sich ihrer Schönheit nicht bewusst ist. Doch unter der Oberfläche liegt eine Geschichte, die man spürt, ohne dass sie laut wird. Das Erdbeben vom 12. August 1953 – mit einer Magnitude von etwa 7,1 bis 7,2 eines der verheerendsten Beben des 20. Jahrhunderts im Mittelmeerraum – zerstörte nahezu die gesamte Infrastruktur der Insel. In den Hauptorten Argostoli und Lixouri wurden rund 90 Prozent der Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Häuser stürzten ein, Dörfer verschwanden über Nacht, über 450 Menschen verloren ihr Leben, Tausende ihre Heimat. Argostoli wurde neu gebaut, nüchtern, funktional – und doch mit einer stillen Eleganz, die erst auf den zweiten Blick sichtbar wird.
Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch tief über den Bergen hängt und die Stadt in einem honigfarbenen Licht badet, gehe ich über die Drapano-Brücke, die sich wie ein ruhiger, fast meditativer Strich über die Lagune von Koutavos zieht. Die steinerne Bogenbrücke, bereits 1813 unter britischer Herrschaft errichtet und eine der wenigen Strukturen, die das Beben überstanden, ist mehr als nur ein architektonisches Relikt – sie ist ein Symbol der Kontinuität. Fischer stehen an der Mole oder werkeln in ihren kleinen Booten, ihre wettergegerbten Hände erzählen Geschichten, die auch ohne ihre Worte einen mit leiser Würde erreichen. Unter mir gleiten Caretta caretta-Schildkröten durch das seichte, kristallklare Wasser, als hätten sie alle Zeit der Welt. Diese unechten Karettschildkröten sind die eigentlichen Archivare der Zeit hier, stumme Zeugen einer Langsamkeit, die dem modernen Menschen weitgehend fremd geworden ist.

Ein alter Fischer, dessen Haut die Farbe von sonnengegerbtem Leder hat und dessen Augen in einem Netz feiner Lachfalten liegen, nickt mir zu. „Kaliméra, fíle", sagt er mit dieser weichen, kehligen Stimme, die typisch ist für die Ionier. „Guter Tag für Schildkröten. Und für Menschen, die schauen können." Er lacht, ein warmes, herzliches Lachen, das die Luft weicher macht. Wir kommen ins Gespräch. Sein Name ist Dimitris, er fischt seit 53 Jahren in diesen Gewässern. „Die Brücke hat alles gesehen", sagt er und klopft auf das Boots-Geländer. „Das Erdbeben, die Armut danach, den Wiederaufbau. Sie steht noch. Wie wir."
Ich gehe zurück über den großen zentralen Platz, die Plateia Valianou, und mache noch einen Abstecher zur nahen, langgezogenen Uferpromenade mit ihren Palmen und Oleanderbüschen, vorbei an Cafés, in denen die ersten Gäste ihren griechischen Kaffee trinken – stark, schwarz, mit einer Ernsthaftigkeit serviert, die man sonst nur aus Ritualen kennt. Die Kellner bewegen sich mit einer Mischung aus Gelassenheit und Präzision, die typisch für die Ionischen Inseln ist: ein Rhythmus, der nicht träge ist, sondern bewusst. In einem der Kafeneío, dem modern-gemütlichen Lokal Ristretto, setze ich mich zu den Einheimischen. Die Luft ist erfüllt vom Duft frisch gerösteten Kaffees und den in Griechenland typischen Tyropita, den käsegefüllten Teigtaschen, die hier noch nach alten Familien-Rezepten zubereitet werden.

Argostoli ist keine Stadt, die mit antiken Monumenten aufwarten kann. Es ist ein Gemeinwesen des Zusammenhalts. Eine Kommune, die gelernt hat, dass Schönheit nicht im Alten liegt, sondern im Weitergehen. Die Kefaloniten nennen diese Haltung Tréla– ein lebenszugewandter Eigensinn, der Katastrophen überlebt hat und sich in einem Lächeln zeigt, das immer ein bisschen größer ist, als man erwartet. Es ist diese charakteristische ionische Mentalität, entspannter als auf dem Festland, offener als auf den Kykladen, tief verwurzelt in einer Insel-Lage, die nicht Isolation bedeutet, sondern Selbstgewissheit.
Gegen Mittag besuche ich die ausladende Odós Lithóstrotou, die Hauptstraße zum Bummeln und Einkaufen, gesäumt von Geschäften, Cafés und Souvenir-Stores und dem einen oder anderen lokalen Stand. Gemüsehändler preisen hier ihre Waren an: pralle Tomaten aus Livathos, Auberginen so glänzend wie Lack, Zitronen groß wie Kinderfäuste. Eine alte Frau in Schwarz verkauft Wildkräuter, klassische Zutaten der heimischen Küche und Volksmedizin: Diktamos, Oregano, Thymian, Malotira. „Für alles", sagt sie lächelnd und tippt sich an die Stirn, „für den Magen, für den Kopf, für das Herz, für die Seele."

Am Abend sitze ich an der Hafenpromenade. Die Lichter spiegeln sich im Wasser, Kinder fahren Fahrrad, ältere Männer spielen Tavli, das traditionelle Backgammon-Spiel, mit einer Konzentration, als ginge es um Weltherrschaft, und die Luft riecht nach Meer, Zitrone und einem Hauch von Pinienharz. Ich spüre: Diese Insel hat Kraft. Und sie teilt sie großzügig.

Orte, deren Namen wie Gedichte klingen
Kefalonia ist groß. Überraschend groß. Eine Insel, die sich nicht in einem Tag erschließt, sondern in Bewegungen, in Schichten, in Begegnungen. Ich miete einen Wagen, unerlässlich hier, wo die Entfernungen täuschen und die schönsten Orte zwischen den Markierungen der Landkarte liegen – und fahre Richtung Süden, vorbei an endlosen Olivenhainen, deren silbrige Blätter im Wind zittern wie Tausende kleine Spiegel. Die Landschaft wirkt wie ein Mosaik aus Grün, Gold und Blau, gegliedert durch niedrige Steinmauern, die seit Jahrhunderten die Terrassen halten.
Die Straße führt durch Dörfer, deren Namen wie kleine Gedichte klingen: Svoronata, Metaxata, Pessada. In Metaxata mache ich Halt, denn hier hielt sich einst der Brite Lord Byron für ein paar Wintermonate im Jahr 1823 auf, bevor er nach Messolongi aufbrach, um für die griechische Unabhängigkeit zu kämpfen. Eine schlichte Gedenktafel erinnert an den exzentrischen Dichter, der die ionische Leichtigkeit mit britischer Melancholie zu verbinden verstand.

Der Avithos Beach empfängt mich wie eine sorgfältig komponierte Landschaftsoper: Der Sand ist fein und warm, das Wasser funkelt klar wie flüssiges Licht, und hinter mir ragen die Hügel auf, die im Sommer nach Thymian und Salbei duften. Der Strand ist lang und ein bevorzugter Platz für die Eierablage der Wasser-Schildkröten, geschützt durch sanfte Hügel, die wie Wächter den kleinen Buchten-Einschnitt umschließen. Familien baden, Paare lesen unter Sonnenschirmen, und irgendwo brät jemand frischen Fisch, dessen Duft sich mit der salzigen Luft zu einem Parfum mischt, das man nicht kaufen kann.
Ein junger Kellner aus einer der nahegelegenen Tavernen bringt mir ungefragt ein Glas kaltes Wasser. Diese Gaststätten am Avithos Beach sind eigenständige, bodenständige Betriebe, tief verwurzelt in der lokalen Tradition. „Avithos ist unser Wohnzimmer", sagt er mit diesem selbstverständlichen Stolz. „Hierher kommen wir, wenn wir uns erinnern wollen, warum wir hier leben." Er zeigt auf das Meer, dessen Türkis in unzähligen Nuancen spielt. „Das ist unser Lehrer. Es lehrt uns Geduld. Und Respekt.“

Erdgeschichte, die ihre geologischen Seiten zeigt
Kefalonia ist eine Insel des Kalksteins, eine geologische Anomalie, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten fasziniert. Der Boden ist hell, porös, voller Höhlen, Schlünde und unterirdischer Wasserläufe. Die berühmten Katavothres bei Argostoli – zwei große Schlucklöcher, in die das Meerwasser mit gewaltiger Kraft hineinstrudelt – sind das sichtbarste Zeichen dieses geologischen Phänomens. Jahrhundertelang war es ein Rätsel, wohin das Wasser verschwindet. Erst 1963 bewiesen österreichische Geologen mit Farbstoff-Experimenten, dass das Wasser die gesamte Insel unterquert und auf der anderen Seite, bei Sami und der Melissani-Höhle, wieder auftaucht – ein unterirdischer Fluss, der die Insel durchpulst wie eine verborgene Ader.

Die Erde hier arbeitet. Sie bewegt sich. Ja, sie spricht – in Äonen, die wir nur erahnen. Und die Menschen leben mit ihr, nicht gegen sie. Diese Durchlässigkeit des Bodens ist auch der Grund, warum Kefalonia trotz heißer Sommer so grün bleibt: Das Wasser sucht sich seinen Weg, speichert sich im Karst, nährt die Vegetation von unten.
Weiter nordwestlich wird die Küste rauer, dramatischer. Steilküsten, die sich wie aufgerissene Seiten eines Buches ins Meer stürzen. Kleine Buchten, die man nur findet, wenn man sie sucht. Fteri Beach erreiche ich nach einer Bootsfahrt von Zola aus, einem verschlafenen Fischerdorf an der Westküste. Der junge Bootsführer, Stavros, navigiert sicher um die Felsen, während er mir die Namen der Buchten zuruft: Emblisi, Gialos, Agios Spyridon. „Fteri ist die schönste", sagt er. „Aber auch die einsamste."
Als wir um die letzte Felsnase biegen, stockt mir der Atem. Der Kies ist so hell, dass er fast leuchtet, der Strand über 500 Meter lang und völlig unberührt. Das Wasser ist so klar, dass die Grenze zwischen Meer und Himmel verschwimmt. Keine Liegestühle, keine Strandbars, keine Infrastruktur – nur das Echo der Brandung und der Schrei einer Möwe, die über den Klippen kreist. Ich bin allein. Es ist einer dieser Orte, an denen man unwillkürlich leiser wird, an denen das Staunen zur Andacht wird.
Im Norden dann Assos: ein Dorf, das aussieht, als hätte es jemand gemalt und dann vergessen, das Landschafts-Gemälde wieder wegzunehmen. Pastellfarbene Häuser – rosa, ocker, cremefarben – schmiegen sich an einen natürlichen Amphitheater-Hang. Ein kleiner Hafen, in dem bunte Fischerboote schaukeln. Bougainvilleas, die sich wie ein purpurner Fluss über Mauern ergießen. Darüber, auf einer schmalen Landzunge, die wie ein Finger ins Meer ragt, thront die venezianische Festung aus dem 16. Jahrhundert, ein stiller Beobachter über allem.

Ich steige hinauf, der Weg ist steil und von wildem Oregano gesäumt, dessen Duft in der warmen Luft hängt. Oben, zwischen den verfallenen Gebäude-Relikten weht ein Wind, der nach Ferne riecht – nach Meer, nach Zedern und nach ungezählten Geschichten. Von hier sehe ich die Bucht in ihrer ganzen, beinahe vollkommene Symmetrie, die Sonne glitzert auf dem Wasser wie verstreute Edelsteine.
Langsam gehe ich zurück, vorbei an knorrigen Olivenbäumen und Mauern, die von purpurnen Blüten wie ein lebendiger Teppich bedeckt sind, hinunter auf den kleinen Dorfplatz. Hier sitzt ein alter Mann mit Strohhut auf einer Bank. Vor ihm stehen Gläser mit Honig aus eigener Produktion, goldgelb und duftend nach Thymian und wilden Blüten.
„Assos ist klein“, sagt er und seine Stimme trägt die leise, schwingende Melodie der alten griechischen Dichter. Er klopft sich auf die Brust. „Aber unser Herz ist groß. Hier schlägt es langsam. Und gut. Wir haben keine Eile. Wohin sollten wir gehen?“ Ich lächle und spüre, wie die Zeit hier anders tickt, wie der Ort jeden Atemzug weich und reich macht.

Auf dem Rücken eines wuchtigen Bergmassivs
Der Aenos ist kein Berg. Er ist ein Charakter. Ein stiller Riese, der die Insel zusammenhält, ihr Rückgrat, ihre Seele.
Mit seinen 1628 Metern ist er der höchste Punkt der Ionischen Inseln. Seine Hänge sind bedeckt von der endemischen kefalonischen Tanne (Abies cephalonica), die es nur hier und in wenigen Regionen Griechenlands gibt – ein botanisches Relikt aus einer Zeit, als ganz Griechenland noch von dichten Nadelwäldern bedeckt war. Die Venezianer nannten den Berg „Monte Nero", schwarzer Berg, wegen der dunklen, fast schwarzgrünen Nadeln der Tannen, die selbst im Hochsommer ihre tiefe Farbe behalten.
Ich breche früh auf, als die Sonne noch hinter den Gipeln hängt und die Luft kühl und klar ist. Die Serpentinenstraße windet sich steil hinauf, durch Olivenhaine zuerst, dann durch Laubwald, schließlich in die Zone der Tannen. Bei etwa 1000 Metern Höhe endet die Straße an einem kleinen Parkplatz nahe der Kapelle Agioi Pantes. Von hier führen markierte Wanderwege weiter hinauf.

Ich wandere durch den Nationalpark, gegründet 1962 als erster Nationalpark Griechenlands, ein Refugium von 2862 Hektar, das die imposanten Schwarzkiefern bewahrt und zugleich von einer vielgestaltigen, widerstandsfähigen Florageprägt ist – endemische Kräuter wie Aphyllanthes monspeliensis, kleine Wildblumen, die den hellen Kalkboden durchbrechen, und zähe Sträucher, die sich unbeirrt in der Sonne behaupten. Das Massiv lebt in jeder Pflanze, die hier wurzelt, und in der kargen Schönheit des fast weißen Bodens, der nur dem Starkgewachsenen Halt gibt – genau diese unnachgiebige Strenge macht den Ort so beeindruckend.
Eine Rangerin, Elena Zoumpouli, die ich am Wegesrand treffe, erzählt mir von der Bedeutung dieses Berges. „Der Aenos ist unser Wächter", sagt sie, während sie mit ihrem Stock auf die Flanken zeigt, die sich wie grüne Wellen hinabziehen. „Ohne ihn gäbe es die Robola nicht, unsere autochthone weiße Rebsorte, die nirgendwo sonst auf der Welt so wächst wie hier. Die kühlen Fallwinde nachts, die Hitze tagsüber, die kalkhaltigen Böden in den Hochlagen – das alles kommt von hier oben. Die Robola braucht diese Extreme, diese Höhe, diesen Stein. Nur so bekommt sie ihre Mineralität, ihre Frische, ihre Seele."

Wir sprechen über die Wildpferde, die seit 80 Jahren in diesen Höhenlagen bis zu tieferen Zonen umherstreifen. „Sie sind scheu", sagt Elena. „Aber wenn man Glück hat, früh am Morgen, sieht man sie. Mittlerweile gehören sie hierher, obwohl sie ursprünglich nicht von hier kommen. Vermutlich wurden sie nach Ende des letzten Krieges von Soldaten zurückgelassen“, spekuliert sie über deren Herkunft.
Der Aufstieg ist mühsam, aber nicht übermäßig anspruchsvoll. Nach etwa zwei Stunden stehe ich auf dem Gipfel Megas Soros. Von oben sehe ich die Insel in ihrer ganzen Weite: die Buchten, die Strände, die Dörfer, die Weinberge. Im Westen das endlose Blau des Ionischen Meeres, im Osten die Silhouetten von Ithaka und den Festlandsbergen. Alles wirkt verbunden. Alles so, als würde das Massiv über allem stehen, ja, wenn nicht gar thronen.
Hier oben, wo laut Legende einst der Tempel des Zeus Ainesios stand, ist die Luft so dünn und rein, dass die Gedanken eine Klarheit finden, die im Trubel des Alltags oft verloren geht. Es ist ein Ort für Suchende. Für Menschen, die mehr wollen als nur einen Stempel im Reisepass.

Wein aus Stein, Wind und Lebensart 
Der letzte Tag führt mich nach Svoronata, in den sanften Südwesten der Insel, wo die Hügel wellig werden und die Landschaft eine fast toskanische Anmutung bekommt. Zwischen Olivenhainen und Zypressenreihen liegt das malerisch gelegene Anwesen der Sarris Winery – ein Ort, der nicht nur Wein produziert, sondern eine Philosophie lebt.
Panos Sarris, der Besitzer, empfängt mich persönlich am Tor. Er ist ein Mann mit wachen Augen, kräftigen Händen und einer Wärme, die sofort Vertrauen schafft. Ein Mann, der spricht wie jemand, der die Insel nicht nur kennt, sondern liebt – mit der leidenschaftlichen Zuneigung eines Winzers für seinen Boden und der Ehrfurcht eines Bewahrers für das Erbe seiner Vorfahren. Doch Panos ist kein klassischer Winzer. Er kam über die Gastronomie zum Wein, war Sommelier, bevor er sich dem Weinbau verschrieb. Das merkt man: Seine Sprache ist die eines Erzählers, nicht eines Technikers.
„Kefalonia ist streng", sagt er, während wir einen kurzen Blick in die Kellerei direkt unter der Verkostungsterrasse werfen, die trotz moderner Ausstattung noch die Handschrift einer Familie trägt. „Sie verlangt viel. Aber wenn man sie respektiert, wenn man ihr zuhört, gibt sie mehr zurück, als man erwarten kann."

Das venezianische Erbe ist hier noch spürbar. Die Republik Venedig herrschte über 350 Jahre auf Kefalonia, von 1500 bis 1797, und mit ihr kam nicht nur die Architektur – die Festungen, die Kirchen, die Paläste –, sondern auch eine Kultur des Weinbaus, deren Spuren bis heute fortwirken. Die Venezianer erkannten früh das Potenzial der Robola, förderten den systematischen Anbau, lehrten die Inselbewohner Techniken der Kellerwirtschaft. „Was wir heute trinken", sagt Panos mit einem Lächeln, „ist auch ein Erbe der Serenissima. Sie haben uns gelehrt, dass Wein mehr ist als ein Getränk. Er ist Ausdruck einer Landschaft. Einer Lebensart."
Im kühlen Keller verkosten wir den Panochori, sein Herzstück – ein reinsortiger Robola aus der gleichnamigen Lage. Panos schenkt ein, hält das Glas gegen das Licht. Der Wein schimmert in einem strohgelben Ton: „Vino di Sasso", sagt er leise. „Wein des Steins." Schon in der Nase entfaltet sich etwas Unnachgiebiges, Klares: Feuerstein, Limettenschale, ein Hauch von weißem Pfirsich. Am Gaumen ist er knochentrocken, fast sensorisch salzig, mit einer Struktur, die an einen komplexen Chablis erinnert. Die Mineralität ist nicht aufgesetzt, sie ist das Fundament. Die wurzelechten Reben, ungrafted, seit 1960 in den kalkhaltigen Schotter gepflanzt, ziehen ihre Kraft aus der Tiefe – aus einem Boden, der nichts verschenkt.
„Meine Philosophie ist einfach", sagt Panos, während wir oben auf der offenen Terrasse mit dem Meer in Sichtweite sitzen. „So wenig wie möglich eingreifen. Die Natur arbeiten lassen." Seine Weine vergären spontan, mit wilden, weineigenen Hefen. Keine Filtration, keine Schönung, nur eine minimale Schwefelzugabe vor der Füllung. Die Erträge sind winzig – oft nur 300 bis 400 Kilogramm pro Hektar. Jede Traube wird von Hand gelesen. „Wir bewirtschaften nicht nur Reben", sagt er mit einer Überzeugung, die keine Ironie duldet. „Wir bewahren Kultur. Das Erbe, die Schätze der Natur. Wir dürfen sie nicht verbrauchen. Wir müssen sie erhalten."

Wir verkosten auch den Vostilidi, eine fast vergessene, autochthone Rebsorte, die Panos mit besonderer Hingabe pflegt. Der Wein schimmert goldgelb im Glas. In der Nase entfalten sich reife Zitrusfrüchte, begleitet von Honignoten und einer feinen würzigen Tiefe. „Vostilidi ist das Schmuckstück des August", erklärt Panos, „daher auch der Name – Avgoustolidi. Ein Wein, der Sonne und Zeit eingefangen hat."
Am Abend sitze ich in einem der Restaurants am Avithos Beach. Das Meer liegt vor mir wie ein weiches Blau ohne Wellen. Auf meinem Teller: eine frische Meerbrase (Tsipoura), am Morgen gefangen, gegrillt mit nichts als Olivenöl, Zitrone und Meersalz. Dazu Aliada, die traditionelle gebundene Knoblauch-Kartoffel-Creme, fein und kraftvoll zugleich. Die Weine begleiten das Essen wie ein Gespräch. Sie erzählen von Stein, Wind, Arbeit, Geduld. Und vom Strand rauscht es leise hoch, wie ein altes Lied, das nie endet.
Wir sprechen lange, über Kefalonia, über Weinbau, über die Zukunft der Insel. „Der Tourismus ist wichtig", sagt Panos. „Aber er darf uns nicht verändern. Wir müssen die Balance finden. Zwischen Öffnung und Bewahrung. Zwischen Fortschritt und Tradition."

Als ich am nächsten Morgen Kefalonia verlasse, bleibt kein Fernweh, sondern Einverständnis. Die Fähre legt ab, das Wasser wird dunkler, die Insel wird kleiner. Doch der Nachhall wird größer.
Kefalonia erklärt sich nicht. Sie hallt lange in einem nach. Und genau darin liegt ihre Größe. Eine Insel, die weiß, wer sie ist. Eine Insel, die sich ihre Würde bewahrt hat – durch ihre Landschaft, durch ihre Geschichte, durch Menschen wie Panos Sarris, die das Erbe ihrer Väter mit moderner Weitsicht in die Zukunft tragen.
Ich nehme den Geschmack von Stein mit. Den Duft der Tannen. Die Stimmen. Die lächelnden Menschen. Und Panos' Worte: „Wir sind nur Gäste dieser Landschaft. Unsere Aufgabe ist es, sie zu bewahren." Ein ungewöhnliches Eiland, das sich nicht erschließt, sondern offenbart. Man verlässt es nicht. Man trägt es in sich mit.

Text / Fotos: Daniel J. Basler

Ausführliche Reise-Informationen finden sich unter: www.discovergreece.com/ionian-islands/kefalonia, www.visitgreece.gr/islands/ionian-islands/, www.visitgreece.gr/islands/ionian-islands/kefalonia/, www.ionianislands.gr/en/, www.aenosnationalpark.gr/en/ und www.kefaloniageopark.gr/De

Weingüter und Weinproben
Sarris Winery: Lage bei Svoronata, südwestliches Kefalonia, ca. 8 km vom Flughafen entfernt
Besonderheit: Minimal-Interventions-Weinbau, wurzelechte alte Reben, familiengeführt
Rebsorten: Robola (weiß), Vostilidi (weiß), Mavrodaphne (rot)
Gastronomie: Panos Sarris betreibt am Avithos Beach das pittoreske Restaurant „Avithos Review" mit authentischer kefalonischer Küche und Meerblick – eine ideale Ergänzung zur Weinverkostung.
Website: www.sarriswinery.com

Petrakopoulos Winery: Lage bei Thiramonas/Livathos, südliches Kefalonia
Profil: Konsequenter Qualitätsweinbau mit Fokus auf autochthone Rebsorten, eines der prägenden privaten Boutique‑Weingüter auf Kefalonia
Website: www.petrakopouloswines.gr

Wanderung auf den Berg Aenos (Nationalpark)
Route: Agioi Pantes – Megas Soros (Gipfel), Ausgangspunkt Parkplatz bei der Kapelle Agioi Pantes (ca. 1000 m ü. M.), Dauer ca. 3–4 Stunden gesamt, Schwierigkeit: Mittel.
Besonderheiten: Dichte Bestände der kefalonischen Tanne, mögliche Sichtung von Wildpferden, Panoramablick auf Ithaka und Peloponnes
Alternative Route: Kissos – Petasi – Megas Soros (Rundweg, ca. 8,6 km, 4,5 Stunden)

Geheimtipps & Sehenswürdigkeiten
Fteri Beach (Westküste): Nur per Boot von Zola aus oder über eine anspruchsvolle Wanderung erreichbar. Strahlend weißer Kiesstrand, keine Infrastruktur.
Assos (Nordküste): Malerisches Dorf in Amphitheater-Lage mit venezianischer Festung (16. Jh.), ideal zum Sonnenuntergang
Kourouklata (Zentral-Kefalonia): „Balkon von Kefalonia" mit spektakulärem Blick auf den Golf von Argostoli.
Melissani-Höhle (bei Sami): Unterirdischer, blauschimmernder See. Bootsfahrt am besten mittags zwischen 12 und 13 Uhr.
Myrtos Beach (Nordwestküste): Ikonischer Strand mit weißem Kies, umgeben von hohen Klippen
Fiskardo (Nordspitze): Das einzige Dorf, das das Erdbeben 1953 fast unbeschadet überstand, venezianische Architektur aus dem 18. Jahrhundert

Praktische Hinweise
Mobilität: Mietwagen unbedingt empfohlen (Insel ist groß, öffentlicher Verkehr begrenzt)
Beste Reisezeit: Mai–Juni und September–Oktober.
Spezialitäten: Kreatopita (Fleischpastete), Aliada (Knoblauch-Kartoffel-Creme), Mandolato (Nougat mit Mandeln) und Mandoles (karamellisierte Mandeln) aus Argostoli

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Autor:

Daniel Basler aus Karlsruhe

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