Von der Schule ins Quartier: Gemeinde startet innovatives Nahwärmeprojekt

Bohrung für die kalte Nahwärme | Foto: Pint Bau
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Böhl-Iggelheim. Die Gemeinde Böhl-Iggelheim treibt den Ausbau einer klimafreundlichen Wärmeversorgung voran: Am Standort der Jakob-Heinrich-Lützel-Grundschule in Iggelheim entsteht ein kaltes Nahwärmenetz. Das Projekt soll zunächst kommunale Gebäude versorgen und perspektivisch auf das umliegende Quartier ausgeweitet werden. Ziel ist eine nachhaltige, wirtschaftliche und erweiterbare Wärmeinfrastruktur.

Ausgangslage: Klimaziele erfordern neues Konzept

Der Schulkomplex wird derzeit noch über zwei zentrale Gaskessel beheizt. Vor dem Hintergrund der kommunalen Klimaziele suchte die Gemeinde nach einem dauerhaft tragfähigen und klimafreundlichen Versorgungskonzept für den gesamten Standort.

Zunächst war der Einsatz einer Wasser-Wasser-Wärmepumpe vorgesehen. Aufgrund der erforderlichen Wasserentnahmemengen sowie unterschiedlicher fachlicher Einschätzungen zwischen Planungsbüro, Verwaltung und der Struktur- und Genehmigungsdirektion wurde dieses Vorhaben jedoch nicht weiterverfolgt. Auch eine Versorgung über Luft-Wasser-Wärmepumpen wurde geprüft.

Vorprüfung bringt Entscheidungssicherheit

Den entscheidenden Impuls brachte schließlich die Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz im Rahmen eines Beratungsgesprächs im Kommunalen Klimapakt. Die Gemeinde beauftragte daraufhin das Kompetenzzentrum Nahwärme der Agentur mit einer „Vorprüfung Nahwärme“. Dieses Instrument dient der technischen und wirtschaftlichen Ersteinschätzung kommunaler Wärmenetzprojekte.

Geprüft werden unter anderem geeignete lokale Wärmequellen, eine sinnvolle Netzstruktur sowie realistische Rahmenbedingungen für einen wirtschaftlichen Betrieb. Das Ergebnis: Ein kommunales Netz mit Erdsonden auf dem Schulgelände ist technisch machbar und wirtschaftlich tragfähig. Empfohlen wurde ein kaltes Nahwärmenetz, das zunächst die kommunalen Liegenschaften versorgt und perspektivisch als Keimzelle für eine Quartierslösung dienen kann.

Auf dieser Grundlage traf der Gemeinderat eine Grundsatzentscheidung für eine nachhaltige und erweiterbare Wärmeinfrastruktur.

So funktioniert das kalte Nahwärmenetz

Geplant ist eine kalte Nahwärmelösung auf Basis von Sole-Wasser-Wärmepumpen. Über Erdsonden wird Umweltenergie mit einer Temperatur von etwa 10 Grad Celsius aus dem Untergrund gewonnen und über ein kaltes Netz an die angeschlossenen Gebäude verteilt. Dort heben Wärmepumpen die Temperatur auf das erforderliche Niveau für Heizung und Warmwasser an.

In den Sommermonaten kann das System zudem zur Kühlung genutzt werden.

Umsetzung läuft: Versorgung ab Winter 2026/27 geplant

Im ersten Schritt werden der Altbau, der Neubau, die Sporthalle, das evangelische Gemeindezentrum sowie die ehemalige Hausmeisterwohnung an das System angeschlossen. Ende November 2025 wurden zunächst zwei Probebohrungen auf dem Schulgelände durchgeführt. Nach positiver Auswertung sind weitere 26 Erdsondenbohrungen vorgesehen.

Die konkrete Umsetzungsplanung läuft bereits. Die Schule soll zum Winter 2026/27 über die kalte Nahwärme versorgt werden.

Klimaschutz und regionale Wertschöpfung

Nach Angaben der Gemeinde können mit der neuen Infrastruktur jährlich rund 55 Tonnen CO₂-Emissionen eingespart werden. Zudem erhöht das System die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und internationalen Lieferketten.

Bürgermeister Peter Christ erklärt: „Ich bin froh, dass wir an der Jakob-Heinrich-Lützel-Grundschule auf kalte Nahwärme setzen. Damit schützen wir das Klima nachhaltig und schaffen eine moderne und zukunftssichere Wärmeversorgung.“

In Planung und Umsetzung sind unter anderem die Transferstelle Energie in Bingen, die GRT Gebäudetechnik Rheinstrasse in Ingelheim sowie die Pintbau GmbH aus der Eifel eingebunden. Damit werde auch die regionale Wertschöpfung gestärkt.

Perspektive: Erweiterung ins Quartier

Perspektivisch soll auch das umliegende Quartier von der neuen Infrastruktur profitieren. In einem zweiten Schritt sollen weitere Gebäude angebunden werden. Um die Interessenslage zu ermitteln, hat die Gemeinde Fragebögen an Anwohner und Unternehmen versendet.

Paul Ngahan, Leiter des Kompetenzzentrums Nahwärme der Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz, betont: „Was hier in Böhl-Iggelheim entsteht, ist mehr als ein technisches Projekt. Es ist ein starkes Signal für Rheinland-Pfalz: Kommunen können ihre Wärmewende selbst in die Hand nehmen – strukturiert, wirtschaftlich und gemeinsam mit den Bürgern. Wenn sich im Quartier eine breite Beteiligung zeigt, starten wir die nächste Phase der Vorprüfung Nahwärme. Dann prüfen wir nicht nur die technische Machbarkeit, sondern entwickeln gemeinsam mit Gemeinde und Bürgerschaft tragfähige Finanzierungs- und Betreibermodelle.“

Projekt mit Modellcharakter

Mit dem Projekt an der Jakob-Heinrich-Lützel-Grundschule positioniert sich Böhl-Iggelheim als Kommune, die ihre Wärmeversorgung strategisch, wirtschaftlich und nachhaltig weiterentwickelt. Das kalte Nahwärmenetz gilt als Projekt mit Modellcharakter für andere Städte und Gemeinden.

Autor:

Eva Bender aus Neustadt/Weinstraße

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