Spuren jüdischen Lebens in Obermoschel
Rundgang anläßlich Gurs-Gedenken

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Obermoschel. "Sie haben uns heute allen ein besonderes Geschenk heute gemacht", lobte am Ende des Rundgangs Rubrecht Beuther vor dem jüdischen Mahnmal den in Obermoschel geborenen und aufgewachsenen Professor Dr. habil. Dr. phil. Rainer Schlundt, der als profunder Kenner die Spuren jüdischen Lebens in der kleinsten pfälzischen Stadt kundig und hochinteresant für die rund 30 Gäste, darunter auch Stadtbürgermeister Ralf Beisiegel und VG-Bürgermeister Michael Cullmann, aufzeigte. Die Führung war Teil der Veranstaltungsreihe anläßlich des Gurs-Gedenkens und wurde statt zentral in in verschiedene Orte verlegt. Sie soll zum einen zum Nachdenken über die Geschichte anregen, aber auch aufzeigen, was die Bürger heute dazu beitragen können, daß der Unmenschlichkeit Einhalt geboten wird und so aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen, so Beuter.

In Obermoschel existierte bis zu ihrer Vernichtung in der Nazizeit eine jüdische Kultusgemeinde, deren Wurzeln bis in das Mittel- alter zurückreichen. Den höchsten Bevölkerungsanteil erreichte die jüdische Gemeinde 1890, als die mit 86 Personen 6,3 Prozent der Bevölkerung stellte. In das Jahr der Stadtrechteverleihung 1349 fällt auch die erste Erwähnung von Juden. Heute leben ehem. jüdische Bürger von Obermoschel und ihre Nachfahren über alle Welt verstreut, von den USA über Kanada, Brasilien, Kolumbien, Frankreich bis nach Belgien. Gelegentlich wird die Heimat ihrer Vorfahren besucht.

Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus begann der Rundgang. Hier seien in der Reichspogromnacht 1938 Möbel und Gegenstände aus der geschändeten Synagoge verbrannt worden. Jüdische Mitbürger seien am 2o. Oktober 1940 vom Marktplatz aus in Vieh- waggons nach Koblenz und von dort dann in die Lager nach Gurs, einige auch nach Ausschwitz, verbracht worden, so Schlundt. Nur wenige hätten überlebt. Dies seien zwei negative Höhepunkte dieser Zeit für dem zentralen Platz in Obermoschel gewesen.

Lange gutes Miteinander und gegenseitige Unterstützung und Hilfe
Schlundt zeigte bei dem Rundgang auch auf, dass es eigentlich ein gutes und normales Miteinander mit jüdischen Mitbürgern gegeben habe, bevor die unselige Zeit über die Stadt hereinbrach. Neben normalen jüdischen Mitbürgern waren einige auch ge- schäftlich tätig. Direkt am Marktplatz betrieb der Jude Joseph Maier eine Eisenhandlung mit kombiniertem Schuhwaren-, Kolonial-
und Spezereiwarengeschäft. Später befand sich in diesem Räumen die Firma Elektro-May. Als der Inhaber Karl. May als Wehr-
machtssoldat in Tulle in franzöische Kriegsgefangenschaft im zweiten Weltkrieg geriet, schickte ihm die frühere Nachbarin Frau Lorig ein Päckchen mit Brot. In einem beigefügten Brief schrieb sie wörtlich: "Obwohl die Deutschen meinen Sohn und meinen Mann umgebracht haben, schicke ich Dir dieses Päckchen". Wie die Frau an die Adresse kam, ist bis heute nicht geklärt. Ein ebenso gutes Zeichen mitmenschlichen Zusammenlebens war der Einbruch von Räuberhauptmann "Schinderhannes" - der zwischen 1797 und 1802 die Region unsicher machte und es vor allem auf jüdische Händler und Juden selbst abgesehen hatte- bei dem Obermoscheler Eisenhändler Joel Elias.
Auf  seine Hilferufe erschienen nicht wenige Moscheler, teils bewaffnet und teils unbewaffnet und vertrieben den Räuberhaupt- mann samt seinem Gefolge vor die Stadttore. Auch das sei ein Nachweis, so Schlundt, dass die Moscheler schon bereit waren, jüdischen Nachbarn beizustehen. Dazu gehört sicherlich auch, dass der Briefträger Klein trotz Verbot von höherer Stelle, Briefe an Juden zuzustellen, dies dann über seine Tochter vornehmen ließ.
Eintrübung in Nazi-Zeit
Nach der Machtergreifung Hitlers und in der Nazi-Zeit trübte sich dieses Verhältnis immer mehr ein. Viele jüdische Famiilien wan-  derten dann aus und verließen die Stadt. Die die dablieben,  wurden in die menschenverachtenden Lager deportiert.  In der Wil-
helmstraße -Unnergass- war dann der Eingang zum Polnischen Hof, der früher Danziger Hof hieß, nächster Halt der Runde. Im Gebäude Nummer 30 wohnte der Viehhändler Strauß, der im Volksmund nur als "Ochsen-Strauß" bekannt war. Hier handelte es sich um einen armen Viehhändler, so Schlundt aber auch wohl situierte habe es gegeben. Ein Enkel von ihm aus Dallas besuchte in den 9oer Jahren den Ort seiner Vorfahren. Nicht mit hundertprozentiger Sicherheit könne gesagt werden, ob sich hier auch das jüdische Ritualbad, die Mikwe befand, Nach einem Klassifikationsplan von 1845 müsste sich das Bad im Anwesen Nr. 22 in der Wilhelmstraße befunden habe.
"Ochsen-Strauß" und "Uhren-Strauß"
Amüsant war sicherlich der Vortrag von Schlundt, dass es neben dem "Ochsen-Strauß" auch einen "Uhren-Strauß" (Wilhelm Strauß, Landsbergstraße 5 ) wie auch einen "Gaul- (Pferde-)Strauß" (Leopold Strauß) gab, letzterer lebte im Haus Nr. 22 in der Wilhelmstraße, dem es mit sechs Kindern wirtschaftlich schlecht ging. Daneben hatten weitere jüdische Mitbürger Geschäfte in der Stadt wie Issak Schneider, Joseph Rheinstein, Josef Maier, Siegfried, Moritz und Friedrich Brück, Speier & Matthes oder Fer- dinand Loeb, die Viehhandel, Kolonialwaren, Bekleidung oder auch Wein und andere landwirtschaftliche Produkte und Güter handelten. Auch ein Metzger Carl Lipold war in der Stadt (heutige Richard-Müller-Straße) tätig und sie alle belebten damit das wirtschaftliche Leben nicht nur in Obermoschel, sondern in der gesamten Region.

Schuck'sches Haus
Schlundt konnte auch viel Wissenswertes und Historisches zu dem "Schuckschen Haus" in der Wilhelmstraße, das aus dem Jahr 1583/1584 stammt und im ersten Stockwerk im Fachwerk bemerkenswerte holzgeschnitze Fratzen und Gesichter, die wohl mit dem Bergbau der Stadt zusammenhängen, erzählen.

"Weinbrück"
Auf dem Gelände der heutigen Sparkasse und dahinter war der Weinhändler Friedrich Brück mit seiner Wein-, Brantwein-und Zi- garrenhandlung tätig, später war hier das Weingut/der Weinhandel HC. Lemke. Im heutigen Restaurant/Cafe Weinbrück (Wein- brück war 1934 die erste Telegramm-Name von Friedrich Brück) ist über der Eingangstür das alte Sandsteinportal mit den Inita- lien "FB 1876" überarbeitet zu sehen. Ein Hingucker besonderer Art ist der der Gastraum: Es ist der 1876 errichtete große  Sand-stein-Gewölbekeller.

"Hinnerumweg" -Landsbergstraße
Im "Hinnerumweg" (Landsbergstraße) ging es dann zum Anwesen Landsbergstraße 5. Dort war die Familie von "Uhren-Strauß" zu Hause. Die Frau wurde mit der Tochter (fünf Jahre) ins Lager Ausschwitz deportiert, wusste Schlundt zu berichten. Die Tochter überlebte das Martyrium und kam später nach Obermoschel zurück und litt lebenlang an den Folgen des grausamen Lageraufent- haltes.

Judenfriedhof
Über die Landsbergstraße und Kanalstraße wurde dann der an der Feldstraße gelegene Judenfriedhof besucht. Bestehend seit 1819 wird im Urkataster 1844 erwähnt, dass der cica 17 Decimale große /rund 58o Quadratmeter große Begräbnisplatz "Am Scheeb" bereits seit urdenklicher Zeit Eigentum der Judengenossenschaft sei. Heute sind noch rund 3o Grabsteine ersichtlich, der Friedhof gibt ein sehr gepflegtes Bild von sich. Die letzte Beerdigung fand auf besonderen Wunsch einer Frau vor rund 2o Jahren hier statt. Jeder Grabstein sei mittlerweile in einem Verzeichnis erfasst und mit Bildern versehen worden, damit auch dieses Stück Geschichte von Juden in Obermoschel fü die Nachwelt dauerhaft erhalten bleibt, so Schlundt.

Über Judenpfad zur Synagoge
Ein Obermoscheler Teilnehmer wusste zu berichten, dass der fußläufige Verbindungsweg von der Baumgartenstraße in die  Entengasse/Ringmauergasse als "Judenpfad" bezeichnet wird, weil er die kürzeste Verbindung zwischen Judenfriedhof und Sy- nagoge ist. Dort angekommen, informierte Rainer Schlundt über ein Kernstück jüdischer Geschichte, die Synagoge, die im Jahre 1841 an der Ecke der Straße Matzenberg/Synagogenstraße  ( Matze ist das ungesäuerte Brot, das Juden während des Pessach esssen)neu errichtet wurde.

Synagogen konnten erst errichtet werden, wenn sich mindestens zehn religionsmündige Männer (Minjan) zur Abhaltung des Gottesdienstes in einer Gemeinde zusammenfanden. Nur unter großen Opfern war für die jüdische Gemeinde ein Neubau mög- lich. Die Fassade war durch Lisenen und Rundbogenfries gegliedert. Über eine Treppe und ein Rundbogenportal mit hebräischer Inschrift "Dies ist das Tor des Herrn, die Gerechten selbst werden in dasselbe eintreten" ( Psalm 118,2o). wurde die Synagoge erschlossen. Im Obergeschoß befand sich der eigentliche Beetsaal, in dem auch die Thorarollen aufbewahrt wurden. 35 Männerplätze gab es, auf der Frauenempore waren 20 Plätze vorhanden. Die Decke war mit einem Sternenhimmel ausgemalt. Im Erdgeschoß befand sich die Wohnung des Vorbeters und des Lehrers, ebenso war ein Lehrsaal der jüdischen Schule unterge-
bracht. Es gab auch eine Synagogenordnung mit 24 Artikeln, die regelten welche Bräuche existierten und was nicht erlaubt ist. In der Reichspogromnacht wurde die Syanagoge geschändet und im Innern demoliert, aber nicht in Brand gesetzt, da wohl Angst bestand, dass das Feuer auf die in der engen Gasse vorhandenen Nachbargebäude übergreift. Die in der Nazi-Zeit enteignete Synagoge wurde Anfang der 40er Jahre für die Unterbringung französicher Kriegsgefangener verwendet und 1952 an die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz zurückgegeben. Zwanzig Jahre später wurde die ehemalige Synagoge in der Mathildenstraße 1 (auf Antrag von Rainer Schlundt erhielt diese Straße durch Stadtratsbeschluß von 1989 wieder den Namen Synagogenstraße) an den Metzgermeister Karl-Heinz Remdt aus Obermoschel verkauft, der das Gebäude zu Mietwohnungen umfunktionierte.

Jüdisches Mahnmal auf dem "Hewwel" an Protestantischer Kirche
Das Eingangsportal mit der hebräischen Inschrift der Synagoge wurde 2oo6 als Bestandteil des jüdischen Mahnmals an der Evangelischen Kirche mitverwendet. Am 1o. November 2oo6 wurde nach zuvor intensiven Diskussionen dieses würdige Mahnmal an die verfolgten und ermordeten jüdischen Mitbürger/innen errichtet. Schlundt verlas hier zum einen das in Bockenheim preisgekrönte Gedicht "Judenhaissje" des Rehorner Mundartdichters Norbert Schneider sowie in Gedenken die Namen der mindestens elf Obermoschel Mitbürger, die in den Lagern verstarben. Eine Tafel mit diesen Namen sei das Einzige, das am Mahnmal noch fehle und ergänzt werden müsse, so Rainer Schlundt (am).

Autor:

Arno Mohr aus Alsenz-Obermoschel

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