Horror und Grusel Kurzgeschichten
Seelenfrost - Die Ausgeburt
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- hochgeladen von Michael (Gecko) Mahler
Teaser:
Eine vertraute Sonntagswanderung im Schwarzwald wird für einen Familienvater zum Todesurteil. Im dunklen Dickicht lauert eine widerliche dämonische Bestie, die nicht nur auf sein Fleisch, sondern auch auf seine Seele lauert. Diese tief unter die Haut gehende Horrorkurzgeschichte bricht mit jeder Idylle.
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Horror und Grusel Kurzgeschichten
Seelenfrost Staffel 2 Episode 3
Seelenfrost – Die Ausgeburt
Kapitel 1: Der tote Wald
Das Ticken der Wanduhr in der Küche war das einzige Geräusch, das Walters Aufbruch begleitete. Es war Punkt sechs Uhr an diesem Sonntagmorgen. Leise, um Renate und die Kinder nicht zu wecken, zog er die Schnürsenkel seiner Wanderschuhe fest, strich sich über den Drei-Tage-Bart und drückte die Haustür lautlos ins Schloss.
Draußen empfing ihn die vertraute, eiskalte Morgenluft des Schwarzwalds. Ihr Haus lag am äußersten Rand des Dorfes; kaum fünfzig Meter trennten seinen gepflegten Rasen von der tiefgrünen, schier endlosen Wand aus Tannen. Die sonntägliche Morgenwanderung war Walters Heiligtum. Sechs Stunden nur er, der Rhythmus seiner Schritte und die unberührte Natur, bevor er pünktlich zum Mittagessen wieder bei seiner Familie sein würde. Ein perfektes Leben.
Als Walter die ersten Schritte auf dem unbefestigten Waldweg machte, schmeckte die Luft sauber. Ein dünner Nebelschleier lag wie Watte zwischen den Baumstämmen. Das Knirschen des Kiesels unter seinen Sohlen beruhigte ihn. Es war seine Routine. Er kannte diese Pfade seit Jahren, jeden Ast, jede Biegung.
Nach knapp zwei Stunden – er hatte die Zivilisation längst hinter sich gelassen und befand sich tief im Herzen des Forsts – passierte es.
Es gab keinen lauten Knall, kein plötzliches Geräusch. Es war das Gegenteil. Die Natur schaltete sich ab. Schlagartig. Das leise Zwitschern der Meisen, das ferne Klopfen eines Spechts, selbst das sanfte Rauschen des Windes in den Baumwipfeln – alles war von einer Sekunde auf die andere tot. Eine unnatürliche, bleierne Stille legte sich über das Dickicht, so dicht, dass Walter das dumpfe Pochen seines eigenen Blutes in den Ohren hören konnte.
Walter blieb stehen. Er atmelte tief ein – und schluckte augenblicklich einen heftigen Würgereiz hinunter.
Die frische Waldluft war verschwunden. Stattdessen drang ein beißender, fast klebriger Gestank in seine Nase. Es roch nach verwestem Fleisch, nach dem feuchten, ungewaschenen Fell eines kranken Tieres und einer stechenden Note von verbranntem Schwefel. Der Geruch war so intensiv, dass ihm die Tränen in die Augen schossen.
„Was zum...“, murmelte er und zog den Kragen seiner Jacke über Mund und Nase. Ein totes Reh? Ein verendetes Wildschwein? Aber das erklärte nicht diese lähmende Ruhe. Kein einziger Fleischfliege war zu hören.
Er wollte gerade umkehren – das erste Mal in all den Jahren, getrieben von einem urtümlichen Fluchtinstinkt –, als sich das Licht veränderte.
Es war kurz nach acht, die Morgensonne hätte das Blätterdach eigentlich in goldenes Licht tauchen müssen. Doch der Himmel über den Tannen schien zu verblassen, als würde die Farbe aus der Welt gesaugt. Von den Rändern seines Sichtfeldes her kroch eine unnatürliche, tintenblaue Dunkelheit zwischen den Stämmen hervor. Die Schatten der Bäume wurden lang, verzerrten sich und schienen sich entgegen dem Stand der Sonne zu bewegen. Die Kälte, die nun aufzog, war nicht die Frische des Morgens; es war eine eisige, grabsähnliche Kälte, die ihm sofort durch die Kleidung drang und seine Muskeln zittern ließ.
Walter drehte sich im Kreis. Der Weg, den er eben noch gekommen war, existierte nicht mehr. Wo eben noch eine klare Schneise war, standen nun dicht an dicht die schwarzen, knorrigen Stämme der Tannen, als hätten sie sich hinter seinem Rücken verschworen. Er war gefangen. Im dichten, unnatürlichen Finsteren des Waldes.
Und dann hörte er es.
Ein schweres, schleifendes Geräusch im Unterholz. Etwas unfassbar Massives bewegte sich durch das dichte Gestrüpp, keine zehn Meter von ihm entfernt. Das Brechen von dicken Ästen klang wie Knochenknacken. Walter erstarrte zur Salzsäule. Seine Augen weiteten sich, als er in die absolute Schwärze starrte, die ihn nun umgab. Zwei matte, rötlich glühende Punkte flammten im Gebüsch auf. Sie fixierten ihn, und aus der Dunkelheit schälte sich eine Silhouette, die jeden menschlichen Verstand sprengte...
Kapitel 2: Die Ausgeburt
Was da aus dem sterbenden Licht auf den Pfad trat, war kein Tier. Es war eine Beleidigung für die Schöpfung.
Es hatte die grobe Statur eines Keilers, doch es war riesig, so hoch wie ein ausgewachsener Mann und von einer unnatürlichen, massiven Breite. Seine Haut war ein Albtraum aus kahlen, lederartigen Flecken, übersät mit eiternden Geschwüren und tiefen, verkrusteten Rissen, aus denen eine zähe, pechschwarze Flüssigkeit sickerte. Wo der schwarze Schleim auf den Waldboden tropfte, zischte die Erde und das Moos verfaulte in Sekunden.
Das Gesicht der Kreatur war das Schlimmste. Die Hauer waren nicht weiß, sondern gelb, gesplittert und asymmetrisch – einer bohrte sich fast durch die eigene, deformierte Oberlippe des Monsters. Seine Augen besaßen keine Pupillen; es waren zwei glühende, rot-schwarze Schlunde, in denen ein uralter, sadistischer Verstand brannte.
Walter wollte schreien, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Seine Knie zitterten so heftig, dass er mühsam das Gleichgewicht halten musste. Der Gestank nach Schwefel und Verwesung war nun so dicht, dass er kaum atmen konnte.
Die Bestie senkte den massiven Schädel. Ein tiefes, rasselndes Grollen vibratierte im Boden, doch als sich das Maul öffnete, drang kein tierisches Grunzen heraus.
„Walter...“, flüsterte es.
Die Stimme war das absolute Grauen. Es war keine einzelne Stimme. Es klang, als würden drei Menschen gleichzeitig aus der Kehle des Monsters sprechen: Das gequälte Weinen eines kleinen Kindes, das heisere, rasselnde Atmen eines Sterbenden und das tiefe, dämonische Dröhnen einer Kreatur aus der tiefsten Hölle.
„Du bist heute... weit gelaufen, Walter“, zischte das Stimmengewirr, während geifernder, schwarzer Speichel von den Hauern tropfte. „Aber du bist direkt in meine Arme gelaufen.“
„Was... was bist du?“, brachte Walter mit erstickter Stimme hervor. Tränen der puren Todesangst liefen ihm über die Wangen. Er dachte an Renate. Er dachte an die Kinder. Er durfte hier nicht sterben.
Das Monster bleckte die gesplitterten Zähne zu einem grauenvollen, fast menschlichen Grinsen. „Ich bin der Hunger dieses Waldes. Und ich kenne den Weg zu deinem Haus. Renate wartet schon, nicht wahr? Die Kinder auch...“
Das Wissen des Dämons brach Walters Psyche endgültig. Mit einem gellenden Aufschrei des Entsetzens wandte er sich um und rannte los. Er scherte sich nicht mehr um Pfade oder Äste. Er stürmte blindlings in das dichte Unterholz, gepeitscht von den nadeligen Zweigen der Tannen, die ihm das Gesicht blutig rissen.
Doch der Wald war gegen ihn. Die Bäume schienen sich im fahlen, unnatürlichen Licht zu verschieben, bildeten unüberwindbare Mauern aus Holz und Dornen. Und hinter ihm... hinter ihm war das schwere, donnernde Stampfen von Hufen. Das Monster musste nicht rennen. Es schritt langsam durch das Dickicht, zertrümmerte mühelos dicke Stämme und trieb Walter vor sich her wie ein gehetztes Stück Vieh.
Walter stolperte über eine freiliegende Wurzel. Er stürzte schwer, schlug mit dem Gesicht auf den harten, gefrorenen Waldboden und hörte das hässliche Knacken seiner eigenen Nase. Als er sich winselnd auf den Rücken drehte, stand die Bestie bereits über ihm. Sie ragte wie ein schwarzer Berg in den unnatürlichen Nachthimmel.
„Es ist Zeit, Walter“, flüsterten die Stimmen in perfekter, grausamer Harmonie.
Der dämonische Keiler hob einen massiven, vorderen Huf, der in einer gespaltenen, rasiermesserscharfen Klaue endete. Walter hob schützend die Hände, schloss die Augen und stieß einen letzten, markerschütternden Schrei aus, der ungehört in der unendlichen Stille des Schwarzwalds verhallte.
Dann stürzte sich die Bestie mit brutaler Urgewalt herab. Die Hauer bohrten sich tief in Walters Oberkörper, Fleisch riss, Knochen splitterten unter dem immensen Druck, und das gierige Schmatzen des Dämons erfüllte die Dunkelheit, während Walters Lebenslicht erlosch.
Einige Kilometer weiter nördlich, am Rande des Dorfes, goss seine Frau Kaffee ein und blickte auf die Uhr. Sie lächelte, weil er wie jeden Sonntag bald zur Tür hereinkommen würde.
Ende
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Autor:Michael (Gecko) Mahler aus Wörth am Rhein |
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